Während die einen die Wehrpflicht als die schlimmste Form der Geschlechterdiskriminierung von Männern bezeichnen und andere sie im Gegenteil für alle zur Pflicht machen wollen, gehen manche Frauen völlig freiwillig zum Militär. Warum sollte sich eine junge Frau, die eine Vielzahl anderer Möglichkeiten hätte, einen 30-Kilo-Rucksack auf den Rücken schnallen und im Wald schlafen? Oder ist das alles vielleicht gar nicht so extrem? Sprechen wir mit diesen Frauen über Hürden, Karriereperspektiven und Mythen… und finden es heraus.
Seit nunmehr 13 Jahren ermöglicht Estland Frauen, freiwillig den Grundwehrdienst zu leisten und unter denselben Bedingungen wie Männer eine militärische Laufbahn aufzubauen. Und obwohl es an Informationen nicht mangelt und Medien Jahr für Jahr neue Beiträge dazu veröffentlichen, ergreifen nur wenige diese Chance. 2013 traten gerade einmal 15 junge Frauen den Dienst an; 2021 berichtete The Baltic Times bereits von einer Rekordzahl von 60 Rekrutinnen. Obwohl Frauen heute in allen Einheiten vertreten sind und es gelegentlich heißt, Frauen in den Verteidigungsstreitkräften seien keine Seltenheit mehr, dienen dort insgesamt nur rund 300 Frauen. Das entspricht etwa acht Prozent des Personals.* * *
Mädels, wohin nach dem Schulabschluss? Direkt in den Job einsteigen, studieren oder ein Gap Year einlegen?
Wie wäre es stattdessen mit dem Grundwehrdienst?
Alina hat genau das getan — sie meldete sich direkt nach dem Gymnasium. Schon als Kind interessierte sie sich für Sport, fürs Wandern und eben auch für die Armee. Ihr Vater, der selbst lange beim Militär war, hatte ihr die Liebe zu Bewegung und Natur mitgegeben. Als Alina beschloss, ihren Wehrdienst zu leisten, war ihr Umfeld demnach kaum überrascht. Alle nahmen die Entscheidung positiv auf und unterstützten sie.
Heute ist sie Sergeant Alina Bobkova, Ausbilderin im Kalev-Infanteriebataillon der 1. Infanteriebrigade.
Anfangs, so gibt Alina zu, war es hart:
„Die ersten zwei Monate sind am schwersten. Man muss sich an den neuen Tagesablauf gewöhnen, früh aufstehen, Sport treiben, mit völlig neuen Leuten klarkommen. Aber dann wird es leichter, man findet neue Freunde. Man gewöhnt sich schnell an alles, selbst an die körperliche Belastung. Und diese besagte schwere Ausrüstung zu tragen, war letztlich gar nicht so schlimm. Beim ersten Mal ist es schwer, aber danach gewöhnt sich der Körper einfach daran."
Alina erzählt, dass sie aus dieser Erfahrung viel mitgenommen hat. Natürlich ist sie stärker geworden und hat ihre Fitness generell verbessert. Vor allem aber hat sie gelernt, Struktur zu halten und Dinge pünktlich zu erledigen. Fähigkeiten, die sich auch im zivilen Leben bestens nutzen lassen.
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Etwa die Hälfte der Frauen, die den Grundwehrdienst absolvieren, bleibt danach beruflich bei den estnischen Verteidigungsstreitkräften (Eesti Kaitsevägi).
Eine von ihnen ist Jekaterina. Nach dem Studium fragte sie sich, wie es weitergehen soll. Ein Bürojob schien ihr wenig verlockend; sie suchte Abwechslung und echte Herausforderungen. „Vielleicht wäre ja eine Karriere als Berufssoldatin das Richtige?“, dachte sie sich. Genau so kam es. Ihren Wehrdienst leistete sie 2016/17 ab, danach durchlief sie verschiedene Einheiten und Aufgabenbereiche. Heute, fast zehn Jahre später, ist Leutnantin Jekaterina Schawkun Sprecherin des Generalstabs der estnischen Verteidigungsstreitkräfte.
Wie in jeder anderen Branche muss man sich auch hier mit den Eigenheiten des Berufs arrangieren. Jekaterina betont, dass diese Karrierewahl zwangsläufig alle Lebensbereiche beeinflusst. Der Rückhalt aus dem näheren Umfeld ist daher unverzichtbar, das Wichtigste sei jedoch gute Planung. Wer als Frau in der Infanterie dient, verbringt viel Zeit im Gelände und muss sich entsprechend um die eigene Hygiene kümmern. Als Sanitäterin stehen Nachtschichten an. Dann müsse im Voraus geklärt sein, wer in dieser Zeit auf das Kind aufpasst. Nachtdienste kennen auch viele andere Fachbereiche, und der Soldat*innenberuf gleicht im Grunde einem 24/7-Job: Selbst wenn man zu Hause auf dem Sofa entspannt, müsse man erreichbar bleiben.
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Beide Frauen stehen weiterhin im Dienst und sprechen über ihre Erfahrungen mit professioneller Zurückhaltung.
Alina blickt durchweg positiv auf ihre Zeit bei der Armee: Wer Interesse hat, solle es einfach ausprobieren, sagt sie! Übrigens kann man in genau jenen harten ersten Monaten jederzeit problemlos aussteigen: Rekrutinnen haben 90 Tage Bedenkzeit, um zu prüfen, ob dieser Weg der richtige für sie ist. Danach muss der Dienst bis zum Ende geleistet werden.
Jekaterina rät, die Entscheidung nüchterner anzugehen. Man solle sich genau überlegen, warum man das will, ob man bereit ist, mit Schwierigkeiten umzugehen, ständig von Menschen umgeben zu sein und den eigenen Lebensstil umzukrempeln. Sie erinnert sich an eine junge Frau, die gemeinsam mit ihr den Wehrdienst antrat: hochmotiviert, fest entschlossen. Sie warf nach gerade einmal zwei Tagen das Handtuch.
Wenn die Entscheidung aber gefallen ist, empfiehlt sie, sich gründlich vorzubereiten. Nur so könne man den maximalen Nutzen aus der Dienstzeit ziehen und, man höre und staune, sogar Freude daran haben!
Das gelte übrigens auch für Männer. Ihnen rät Jekaterina, sich den freiwilligen Eintritt durch den Kopf gehen zu lassen, anstatt zu warten, bis sie mit 27 eingezogen werden, wenn Familie, Hypothek und Job längst den Alltag bestimmen. [In Estland unterliegen alle männlichen Staatsbürger im Alter von 18 bis 60 Jahren der Wehrpflicht. Die Einberufung zum Grundwehrdienst erfolgt im Allgemeinen bis zum 27. Lebensjahr. Anm. d. Red.]
Wie man sich laut Jekaterina vorbereitet:
- vor allem die richtige mentale Einstimmung finden;
- im Vorfeld recherchieren, was die Armee einem bieten kann und was man selbst erreichen möchte (es gibt unterschiedliche Fachrichtungen und Einheiten, jede mit eigenem Kompetenz- und Entwicklungsprofil);
- die eigene Fitness aufpolieren (Laufen und Liegestütze zahlen sich definitiv aus; generell gilt: mehr Bewegung, öfter spazieren gehen);
- das Estnische auffrischen.
Zwar wird sich die gesprochene Sprache während des Dienstes unweigerlich festigen, alle sprechen mit der Zeit sicherer. Schließlich ist man permanent in einer Gruppe, in der man kommunizieren und Aufgaben zwangsläufig gemeinsam lösen muss. Dennoch ist völlig ohne Estnischkenntnisse aufzuschlagen eine denkbar schlechte Idee.
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Obwohl Frauen in der estnischen Armee ganz offensichtlich in der Minderheit sind, betonen beide Soldatinnen, dass sie sich nie als etwas Besonderes oder als Außenseiterinnen gefühlt hätten. Der einzige Bereich, in dem bei den Verteidigungsstreitkräften zwischen Männern und Frauen unterschieden wird, sind laut Jekaterina die körperlichen Leistungsnormen. Die Anforderungen für Frauen liegen etwas niedriger: Um etwa beim 3,2-Kilometer-Lauf die vollen 100 Punkte zu erreichen, muss ein Mann im Alter von 17 bis 21 Jahren unter 13 Minuten bleiben. Eine gleichaltrige Frau hat dafür 15 Minuten und 30 Sekunden Zeit.
Diese Normen sind, genauso wie die Gehälter der Militärangehörigen, öffentlich einsehbar. Die estnischen Verteidigungsstreitkräfte kommunizieren extrem offen mit den Medien und machen sämtliche Informationen über Dienst und Karrierewege transparent und zugänglich.
Eine militärische Laufbahn erweist sich für Frauen demnach als durchaus attraktiv. Wie der öffentliche Sektor insgesamt bietet dieser Weg eine Planungssicherheit, die in der Privatwirtschaft schmerzlich fehlt. Keine Stelle wird hier aufgrund von Budgetkürzungen oder Branchenkrisen abgebaut, es gibt keine Kündigungen von heute auf morgen, und das Gehalt kommt nie zu spät. Hinzu kommt völlige Transparenz: Alle Gehaltsdaten liegen offen, und eine Soldatin weiß zu 100 Prozent, dass sie genauso viel verdient wie ihr männlicher Kollege. Wie oft kennen wir in der freien Wirtschaft schon das Gehalt unserer Kolleginnen, Kollegen oder Vorgesetzten? Auch das Sozialpaket ist überdurchschnittlich: zusätzliche Altersvorsorge, Krankenversicherung inklusive Zahnbehandlung, regelmäßige Gesundheitschecks und Zuschüsse für Brillen. Sogar ein persönlicher Fitnesstrainer ist inklusive! Haben Militärangehörige Probleme, eine Leistungsnorm zu erfüllen, etwa beim Antritt des Wehrdienstes oder nach der Rückkehr aus dem Mutterschutz, steht ihnen ein Sportausbilder mit einem individuellen Trainingsplan zur Seite, um die nötige Fitness zu erreichen.
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Als ich anfing, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, fiel mir auf: Frauen in der Armee werden immer noch als eine Art Extremsportlerinnen wahrgenommen, und der Mythos, der Wehrdienst sei für sie schier unerträglich, hält sich hartnäckig in der breiten Öffentlichkeit. Doch woher kommen diese Vorurteile, wenn doch eigentlich alles über genau diesen Dienst längst bekannt ist?
Werfen wir für ein Beispiel kurz einen Blick zurück in die zivile Welt. Während Frauen bei Ultramarathons (also Läufen jenseits der klassischen 42,2 Kilometer: 50, 160, 320 Kilometer und mehr) den Männern regelmäßig die ersten Plätze streitig machen, hat Estlands einziger reiner Frauenlauf, der Maijooks, seine Distanz in den letzten 30 Jahren nie über 7 Kilometer hinaus verlängert. 2026 kam zwar endlich ein Halbmarathon mit 21 Kilometern hinzu — die vollen 42 Kilometer sucht man jedoch bis heute vergebens. Und das, obwohl die Teilnehmerinnenzahl im Jahr 2025 die Marke von 16.500 überschritt und die schiere Menge der Läuferinnen kaum noch auf die vorgesehenen Bahnen passte.
Wenn uns permanent suggeriert wird, Frauen könnten nicht weiter als 7 Kilometer am Stück laufen, dann wirkt der Militärdienst trotz aller Medienkampagnen natürlich wie ein wahnwitziges Extrem. Dabei ist das, wie wir aus den Interviews gelernt haben, ganz und gar nicht der Fall.
Wenn eine Frau von Kindesbeinen an ständig und von allen Seiten eingetrichtert bekommt, dass sie etwas nicht könne — keine langen Strecken laufen, keine schweren Dinge tragen, dies oder jenes nicht erlernen —, wie soll sie da nicht irgendwann selbst daran glauben?
In ihrer Masterarbeit aus dem Jahr 2023 untersuchte Cristina Clemente die Motivation von Frauen, sich am Zivilschutz zu beteiligen — am Beispiel der Naiskodukaitse [der Frauenorganisation des Estnischen Verteidigungsbundes Kaitseliit - Anm. d. Red.]. Ihr Fazit: Obwohl die Fähigkeit von Frauen, eine aktive Rolle in der nationalen Verteidigung und Sicherheit zu spielen, auf offizieller Ebene anerkannt ist, wirken Geschlechterrollen und Stereotype in der Gesellschaft offenbar weiterhin hemmend. Spezifische Förderprogramme für mehr Gleichberechtigung sind somit auch immer noch unverzichtbar.
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„Wer von vornherein denkt, sie packt das nicht“, sagt Alina über die harten Momente im Dienst, „wird auch scheitern.“
Eine Devise, die wir uns getrost auch für den zivilen Alltag merken sollten.
Dieser Artikel erschien zuerst in der estnischen Zeitschrift Narvamus, einer unserer Medienpartner für PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
März 2026