Die Todeszone im Osten der Ukraine wird immer größer. Doch es gibt Männer, die sie regelmäßig betreten, um ihr Land vor den russischen Aggressoren zu verteidigen.
Vor uns verladen Soldaten Rucksäcke in ein mit einem Überrollkäfig verstärktes Geländefahrzeug und rauchen ihre letzten Zigaretten zu Ende. Es ist noch dunkel, Licht kommt nur von ihren Stirnlampen. Einer von ihnen, der auf den Spitznamen Mirtschyk hört, lächelt uns zu und zeigt auf seine Uhr. Ja, wir wissen, dass wir spät dran sind. In Frontnähe funktioniert das GPS nämlich nicht, denn so erschweren es die ukrainischen Verteidiger den Russen, ihre Raketen zu lenken. Und deshalb haben wir im verdunkelten Slowjansk die Ausfallstraße nicht gefunden und uns dann in Kramatorsk nochmals verfahren, als wir die schmale Gasse zu dem Haus gesucht haben, das Mirčik und die anderen Männer gemietet haben. Wir waren zwar schon ein paar Mal dort, aber noch nie im Dunkeln.
Die ukrainische Verteidigungslinie bei Kostjantyniwka | Foto: © Jana Čavojská
Tod vom Himmel
Heute müssen wir noch vor Sonnenaufgang los. Mit dem Auto geht es nur bis zu einem bestimmten Punkt. Die letzten sechs Kilometer bis zur Stellung der Drohnen-Operatoren der Asow-Brigade legen wir zu Fuß zurück. Fußgänger*innen fallen weniger auf als ein Auto, und wenn viele Drohnen in der Luft sind, ist es wichtig, unauffällig zu sein.Das Auto setzt uns ab und braust schnell davon. Im Dämmerlicht lernen wir unsere Begleiter Bracket und Admin kennen. Im Gegensatz zu uns haben sie Sturmgewehre, robustere ballistische Schutzausrüstung und Admin zusätzlich noch den Drohnendetektor Chuyka. Das Kommando hat Bracket. Wir sollen einen Abstand von fünf bis zehn Metern einhalten, möglichst unter Bäumen bleiben und rufen, sobald wir eine Drohne sehen oder hören. „Wenn jemand ‚Drohne‘ ruft, rennen wir unter die Bäume, jeder für sich, mit Abstand zueinander“, erklärt uns Bracket noch. Er geht als Erster und beobachtet die Umgebung. Aber wir müssen auch auf den Weg achten. Denn sogenannte Schduny – Drohnen mit ultradünnem Glasfaserkabel, die der Detektor nicht erfasst – können bis zu drei Tage auf dem Boden liegen und erst dann angreifen, wenn jemand vorbeikommt.
Admin geht durch die verlassene Landschaft in der Todeszone und beobachtet auf dem Detektor Chuyka, ob eine russische Drohne auftaucht. | Foto: © Jana Čavojská
Bracket hat ein Teil einer russischen Drohne gefunden. | Foto: © Jana Čavojská
Rechts von uns liegt ein verlassenes Dorf. Zerbombte Häuser. Auf der Straße ein verrostetes Autowrack.
Admin kommt in der Todeszone an einem Fahrzeug vorbei, das von einer russischen Drohne zerstört wurde. | Foto: © Jana Čavojská
Admin. Er hat sich freiwillig zur Armee gemeldet. | Foto: © Jana Čavojská
In Deckung
„Drohne“, warnt uns plötzlich Bracket. Wir rennen unter die Bäume. Es ist noch zeitig im Frühling und sie haben noch keine Blätter. Ich sehe und höre die Drohne nicht, habe aber das Gefühl, dass sie mich von oben sicher erkennen wird, weil ich in der Eile kein gutes Versteck finden konnte. Alle Bäume ringsum wirken auf mich belaubter, alle Büsche dichter als die, unter denen ich stehe. Mein Herz rast. Wie schon bei früheren Fahrten in die Todeszone frage ich mich kurz, ob es mir das wert ist. Ob eine Reportage es wert ist, sein Leben dafür zu verlieren… Gott, bitte, lieber will ich mein Leben als ein Bein verlieren, denn das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ich beobachte, was Bracket und Admin tun, ob Anspannung aus ihren Gesichtern herauszulesen ist. Nach ein paar endlos langen Minuten sind sie sich einig, dass die Drohne weg ist und wir weitergehen können.
Wenn wir über uns eine Drohne hören oder Admin auf dem Monitor des Detektors Chuyka ein Video von einer entdeckt, versuchen wir, uns in der Vegetation zu verstecken. | Foto: © Jana Čavojská
Bracket | Foto: © Jana Čavojská
Nach sechs Kilometern Fußmarsch erreichen wir die relative Sicherheit des Bunkers. | Foto: © Jana Čavojská
„Komm gleich mal fliegen!“, ruft Kodak Admin zu. Er reicht ihm die Fernsteuerung einer FPV-Drohne, die gerade in der Luft ist. Kodak kenne ich bereits. Wir waren schon zusammen in ähnlichen Bunkern in der Todeszone. Er ist 23 Jahre alt, sein Studium hat er im Schützengraben fertig gemacht. Nach einer Woche unter der Erde verlässt er die Stellung und kann sieben Tage im Hinterland bleiben. Das heißt, im frontnahen Kramatorsk, wobei man kaum davon sprechen kann, dass er da in Sicherheit ist. Und immer noch vorausgesetzt, er übersteht den Rückweg dorthin, in die relative Zivilisation.
Champagner und Mandarinen
Den nächsten Tag und die nächste Nacht verbringen wir zusammen mit Bracket und Admin in dem engen Raum. Es ist immer noch der luxuriöseste Bunker, in dem ich hier bisher gewesen bin. Nicht nur die übliche Grube im Boden, aus der man irgendwo unter die Bäume rennen muss, um seine Notdurft zu verrichten. Das hier ist ein wichtiger Teil der Verteidigungslinie mit Räumen, Gängen und sogar einer ausgehobenen Latrine hinter dem Haupteingang nach oben, aber trotzdem immer noch ein Schützengraben. „Unter diesen Bedingungen hier kannst du locker auch einen Monat überleben“, stimmt Bracket zu. Offensichtlich ist das eine beliebte Stellung. Wie kommt es, dass die Russen sie noch nicht entdeckt haben? „Sie wissen sicher, dass hier unten irgendetwas ist, aber offenbar haben sie noch nicht herausgefunden, dass wir das nutzen“, meint Bracket.Ein paar Stunden später erzählen sie mir auch, wie hier russische KAB-Bomben (lenkbare Fliegerbomben) eingeschlagen sind. Einer der unterirdischen Räume wurde zerstört, von dem, in dem wir uns befinden, ist nur ein Teil eingestürzt. Das Loch ist mit Plastikplanen an der Decke und den Wänden abgedeckt. Zugleich soll es im Notfall als Fluchtweg dienen. Positiv ist, dass der Bunker auch diese zerstörerische Kraft überstanden hat.
An der Front spielt sich das gesamte Leben der Soldaten auf engstem Raum in einem unterirdischen Bunker ab – und dieser ist der größte, in dem ich mich in der Todeszone aufgehalten habe. | Foto: © Jana Čavojská
Lauschen, ob es summt
Ansonsten wiederholen sich dieselben Tätigkeiten immer wieder. Von der Aufklärung bekommen sie ein Ziel, das zerstört werden muss. Admin bereitet eine FPV-Drohne vor und befestigt daran die passende Munition. Das kann konventionelle Munition sein oder auch welche, die von der Asow-Brigade eigens im Labor hergestellt wurde, damit sie möglichst leicht und effektiv ist. So „schicken“ sie den Russen Sprengstoff, zum Beispiel in Kaffeedosen.
Admin befestigt einen Sprengsatz an einer FPV-Drohne. Solche Sprengsätze stellen die Drohnenpiloten selbst her. Anfangs waren sie dazu durch Munitionsmangel gezwungen, später auch durch die Notwendigkeit, sie an den Drohnenkrieg anzupassen – die Sprengladungen sind leichter als herkömmliche Munition. | Foto: © Jana Čavojská
Admin muss vor jedem Start die Drohne mit der Munition hinaus in die Umgebung des Bunkers bringen. | Foto: © Jana Čavojská
Bei jedem Ausflug an die Erdoberfläche riskiert er, entdeckt zu werden. | Foto: © Jana Čavojská
Schnelles Entladen der Vorräte aus einem mit einem Käfig versehenen Fahrzeug. | Foto: © Jana Čavojská
Der Käfig bietet zumindest einen grundlegenden Schutz vor einer angreifenden Drohne. | Foto: © Jana Čavojská
Nur eine Phase
Bracket fliegt über das Ziel und lenkt die FPV-Drohne dann hinein. Kurz vor dem Einschlag verzerrt sich das Bild auf dem Monitor. „Treffer“, meldet er über die gesicherte Internet-Kommunikationsleitung an den Stab. Er nimmt die Brille ab und zieht an seiner E-Zigarette. Manchmal ist das Ziel ein Fahrzeug, manchmal ein Mensch, manchmal ein Bunker, eine Antenne, Ausrüstung. Über die Getöteten spricht man hier nicht als Getötete. Sie reden von Zielen, minus eins, eliminieren, zerstören, zweihundert. „Ich habe mir das nicht ausgesucht“, sagt Bracket und sieht mich ernst an, als das Gespräch auf das Töten kommt. „Sie sind in mein Land gekommen, um zu morden und zu zerstören.“ Bracket hat vorher studiert. Bei der Asow-Brigade hat er sich freiwillig gemeldet, er ist noch nicht in dem Alter, das von der Mobilisierung betroffen ist. Wie jeder einzelne Soldat dieser Brigade, den ich getroffen habe, sagen auch Bracket und Admin, dass sie sich für Asow entschieden haben, weil sich die Brigade um ihre Leute kümmert. Die Einheit für unbemannte Systeme erinnert mich oft an ein Technologie-Startup. Gleichzeitig haben sie strenge Sicherheitsprotokolle ausgearbeitet und versuchen, ihre Soldaten im Rahmen des Möglichen so gut es geht zu schützen und ihnen den größtmöglichen Komfort zu bieten.Auch wenn man in Erdlöchern an der Front natürlich kaum von Sicherheit und Komfort sprechen kann.
Der Drohnenpilot arbeitet die ganze Zeit unter der Erde. | Foto: © Jana Čavojská
Brackets Mutter glaubt, dass ihr Sohn in irgendeinem Hinterzimmer Drohnen zusammenbaut. Der junge Mann möchte ihr keine Sorgen bereiten. | Foto: © Jana Čavojská
Rauchen ist tödlich
„Auf den Zigarettenschachteln steht doch, dass Rauchen tödlich ist“, stellt lakonisch jemand vom Stab über den Lautsprecher fest, als Bracket den Treffer meldet. Auf dem Monitor hatten wir zuvor gesehen, wie ein russischer Soldat getroffen wurde, der aus dem Bunker kam und sich eine Zigarette anzündete. Noch eine Weile wird darüber diskutiert, warum er nicht einmal versucht hat, mit dem Sturmgewehr, das er über der Schulter trug, die Drohne abzuschießen.Seit Elon Musk Starlink in Russland abschalten ließ, sind die russischen Soldaten an der Front gezwungen, sich über Funkgeräte zu verständigen. Die Ukrainer hören ihre Kommunikation ab. Bracket wird zu einem Wald gelenkt, in dem irgendwo ein russischer Bunker versteckt ist. In der Brille sieht er Kanister mit Diesel. Er überlegt kurz, ob das ein ausreichend lohnendes Ziel ist. Dann steuert er die Drohne auf die Kanister zu. „Ich habe dahinter noch ein Motorrad gesehen“, sagt er, während wir schon auf den verrauschten Monitor schauen.
Kurz darauf hören wir die abgefangene Kommunikation der Russen: „Die Drecksäcke, sie haben mir die Kanister in die Luft geblasen. Aber ich war schlau. Ich hab nicht alle an einem Ort gelagert, die restlichen liegen zwanzig Meter weiter links unter den Bäumen“, meldet der Feind über Funk. Sofort fliegt die nächste Drohne dorthin.
Die nächste zielt auf den Bunker, aus dem zuvor der getroffene Raucher herausgekommen war. Sie trifft den Eingang, doch die Ladung explodiert aus irgendeinem Grund nicht. Die Russen melden, sie könnten nicht arbeiten, weil vor dem Ausgang eine nicht explodierte Drohne liegt. „Dann geht ihr wenigstens nicht mehr rauchen“, kommentiert das ein Ukrainer vom Stab. Admin lacht. „Wir kümmern uns um eure Gesundheit.“
Botschaften
Doch auch in diesen Situationen geht es um Leben und Tod. Und auf ukrainische Städte und Menschen fallen weiterhin russische Bomben. Vor allem nach russischen Angriffen auf zivile Ziele schreiben die Soldaten eine Botschaft auf die Munition: für die Ermordeten in Krywyj Rih, für Kommandant Sowa, für den Kindergarten in Charkiw … In der Nacht denke ich kurz darüber nach, dass die Russen, sollte unsere Stellung „verbrannt“ sein (also verraten), jederzeit KAB-Bomben hierher lenken könnten. An einer anderen Stellung passiert genau das kurz darauf. Sie liegt nicht im Wald, sondern im Keller eines Hauses in einem der verlassenen, zerstörten frontnahen Dörfer. Eine Bombe schlägt in ein Wirtschaftsgebäude im Hof ein. „Den Männern geht es gut, sie sind nur benommen, haben vermutlich eine Gehirnerschütterung“, beruhigt eine Stimme vom Stab alle. Sie bekommen den Befehl, schnell alles einzupacken, was übriggeblieben ist, und zu Fuß zur nächsten Stellung zu rennen. Dort sollen sie bis zum Morgen ausharren und weitere Befehle abwarten. In der normalen Welt würde jemanden mit einer Gehirnerschütterung vom Krankenwagen abtransportiert werden.Zum Glück blieb unsere Stellung unentdeckt. Auch wenn es nachts ganz in der Nähe heftig krachte. Gegen Morgen, noch im Dämmerlicht, verlassen wir den Bunker, um uns auf den Rückweg in die frontnahe „Zivilisation“ zu machen. Ein kleines Stück vom Eingang entfernt blinkt eine nicht explodierte russische Molnija-Angriffsdrohne zu uns herüber.
Ein Soldat, dessen Ablösung bevorsteht, packt seine Sachen. Da sich viele russische Drohnen in der Luft befinden, ist der Weg zur und von der Stellung riskant. Deshalb bleiben die Soldaten so lange wie möglich in ihren Stellungen. | Foto: © Jana Čavojská
Früh am Morgen brechen wir mit den Soldaten auf, die abgelöst werden sollen. | Foto: © Jana Čavojská
Fahrt von der Stellung in einem Auto mit Gitterkäfig | Foto: © Jana Čavojská
Ein Soldat vor dem Aufbruch zu seiner Stellung | Foto: © Jana Čavojská
Der Termin beim Direktor
Wir bestellen Kaffee in einem Café, das seine Vorräte schon fast ausverkauft hat und in dem gerade ein Angestellter die Lichterdekoration von den Wänden abnimmt. Der Krieg ist Kramatorsk bereits zu nahegekommen. Viele Betriebe, Geschäfte und Cafés machen dicht. Es ist zu riskant.„War schon mal besser“, antwortet Buď auf die Frage, wie es ihm geht. Er ist in Zivil gekommen – Soldaten laufen in den frontnahen Städten nicht mehr in Uniform herum, um nicht die Aufmerksamkeit von Drohnenpiloten auf sich zu ziehen.
Buď ist erst vor ein paar Stunden aus der Westukraine zurückgekommen und fast die ganze Nacht durchgefahren. Er wirkt erschöpft. Ich warte gespannt, was er zur Lage an der Front sagt. Asow hält einen wichtigen Abschnitt bei Pokrowsk und Kostjantyniwka. „Ein Mitschüler meines Sohnes ist gestolpert und hat sich den Arm gebrochen. Dessen Vater behauptet aber, mein Sohn hätte ihn geschubst. Meine Frau und ich mussten deswegen zu einem Termin beim Direktor“, erzählt er mir den Grund seiner Sorgen. Was da in einer vierten Klasse einer Grundschule irgendwo im Westen des Landes vor sich geht, wirkt im Vergleich zur dystopischen Realität der Todeszone im zerstörten Donbas geradezu absurd. Doch Buď weiß: Er und seine Leute können an der Front nur kämpfen ohne verrückt zu werden, wenn sie den Kontakt zur Realität zu Hause nicht verlieren. „Es ist eine große Belastung, den Stress auf dem Hin- und Rückweg zu den Stellungen zu erleben, Mitkämpfer zu sehen, die verwundet wurden oder Amputationen erlitten haben, zu wissen, dass man aus einer Stellung vielleicht nicht lebend zurückkommt. Niemand kann fünf Jahre am Stück im Krieg bleiben. Jeder unserer Soldaten verbringt mindestens drei Tage im Monat zu Hause bei der Familie. Mit Ehefrau, Freundin, Kindern, Mutter, trifft Freunde, erholt sich psychisch. Danach fällt ihm der Weg zurück zur Stellung leichter.“
Buď ist Soldat mit Leib und Seele und will auch nach Ende dieses Krieges beim Militär bleiben. Genau wie Bracket hat auch er sich das nicht ausgesucht. Aber hier ist jetzt sein Platz. Trotzdem hat er nie aufgehört, Vater zu sein. Und er hat nicht gezögert, von der Front im Donbas in eine Kleinstadt in der Westukraine zu fahren – wegen eines Termins beim Direktor.
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
September 2026