Gegen Rassismen an Schulen Für eine Bildung ohne Diskriminierung

Für eine Bildung ohne Diskriminierung Foto: Taylor Wilcox via unsplash | CC0 1.0

Unzählige Menschen erlebten und erleben während ihrer Schulzeit Diskriminierung und Ausgrenzung. In Hamburg haben Betroffene Lösungsvorschläge entwickelt und Forderungen an die Politik formuliert. Unterstützt werden sie vom Forschungsteam des EU-Projekts CHIEF.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Forschungsprojektes CHIEF (Cultural Heritage and Identities of Europe’s Future) für das Wissenschaftler*innen aus neun Ländern die Weltanschauungen, kulturellen Kompetenzen und Aktivitäten von Jugendlichen untersuchen.
Die Ermordung von George Floyd durch einen weißen Polizisten in Minneapolis, USA, im Frühjahr 2020 hat die Welt verändert. Überall gingen Menschen auf die Straßen, um sich mit der Black Lives Matter Bewegung zu solidarisieren und gegen Rassismus in gesellschaftlichen Institutionen zu demonstrieren, auch in Deutschland. Das Thema Rassismus, das hierzulande lange Zeit ein Tabu war, wurde nun in den Mainstream-Medien thematisiert, wobei viele Menschen, die Diskriminierung tagtäglich erleben, endlich Gehör gefunden haben.

Was sind Rassismen?

Dass Menschen rassifiziert, das heißt nach ihrem Aussehen und Namen beurteilt, zu Fremden gemacht und abgewertet werden, ist kein neues Phänomen. Seit Jahrhunderten strukturiert diese Ideologie unsere Gesellschaft und bestimmt über Macht, Teilhabe und Lebenschancen jedes Einzelnen. Rassistische Diskriminierung in Deutschland wendet sich zum Beispiel gegen Schwarze Menschen und Menschen of Color, Jüd*innen und Muslim*innen, Sinti*zze und Rom*nja, und andere rassifizierte Menschen, deshalb sprechen wir hier von Rassismen in plural.

Forschungsstudien zeigen, dass bereits Kindergartenkinder rassistisches Denken und Handeln reproduzieren. Sie lernen es aus Kinderbüchern, Spielen und Liedern, aber auch durch die alltäglichen Beobachtungen, dass Menschen je nach zugesprochener Zugehörigkeit unterschiedlich behandelt werden. Aus vielen Forschungsarbeiten und Zeugenberichten wissen wir aber, dass die Schule der Ort ist, wo Rassismen das Leben junger Menschen entscheidend prägen.

Wie Rassismen an Schulen wirken

Einerseits begegnen viele Lehrkräfte rassifizierten Schüler:innen mit Vorurteilen, weshalb diese bei gleicher Leistung schlechtere Noten bekommen, ihnen weniger zugemutet wird, sie übermäßig oft bestraft werden. Andererseits beherrscht rassistisches Wissen die Lerninhalte, indem das Weißsein sowohl als Norm, als auch als überlegen dargestellt wird. Während also rassifizierte Kinder und Jugendliche in unterschiedlicher Art und Weise verletzt, unterbewertet, beleidigt und erniedrigt werden, wird das bereits erworbene rassistische Wissen bei weißen Kindern und Jugendlichen in der Schule erweitert und verfestigt. Durch die allgemeine Schulpflicht gibt es kein Entkommen, Rassismen gehören zum Aufwachsen praktisch dazu. Das betrifft allerdings auch andere Diskriminierungsformen, wie Sexismus, Ableismus, Heteronormativität, Klassismus und so weiter.

Von Worten zu Taten

Es ist gut und wichtig, dass diese Themen endlich in der breiten Öffentlichkeit besprechbar geworden sind. Allerdings reicht es nicht, nur über Rassismen und andere Diskriminierungsformen an Schulen zu sprechen, wenn daraus anschließend keine Konsequenzen gezogen werden. Darum hat sich unser Forschungsteam an der HAW Hamburg im Rahmen des EU-Projekts CHIEF vorgenommen, konkrete Forderungen an die Hamburger Politik zu erarbeiten, die strukturelle Veränderungen definieren, um das System Schule diskriminierungssensibler zu gestalten.

Doch wer weiß am besten, woran es in den Schulen mangelt, wenn nicht junge Menschen mit eigenen Diskriminierungserfahrungen? Darum haben wir die jungen Schwarzen Bildungsreferent*innen Sheba Wiafe und Farina Finke damit beauftragt, einen Workshop mit jungen Schwarzen Künstler*innen von dem dekolonialen Projekt Immer.Wieder.WiderStand zu konzipieren und durchzuführen, dessen Ziel es sein sollte, Vorschläge in diese Richtung zu erarbeiten. (Das Künstler*innenprojekt Immer.Wieder.WiderStand wurde unter anderem auch vom Goethe-Institut unterstützt).

Von Persönlichen zum Politischen

Im Workshop wurde den Teilnehmenden zunächst einmal Raum gegeben, über eigene rassistische Erfahrungen in der Schule zu reflektieren. Sie thematisierten die fehlende oder versäumte Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte und das Fortbestehen rassistischer Strukturen im Bildungskontext. Sie erzählten über konkrete Erlebnisse von negativen Zuschreibungen, Exotisierungen, Verletzungen und Abwertungen, davon, nicht ernst genommen zu werden und so weiter.

„Diese Gespräche über eigene Erfahrungen und konkrete Beispiele ließen die Teilnehmer*innen auch über Situationen nachdenken, über die sie nie nachgedacht oder gesprochen hatten. Oft glaubten die jungen Menschen, dass nur sie diese individuellen Erfahrungen machten. Durch den Austausch stellten sie fest, dass sich die Erlebnisse ähneln, dass es sich häufig um kollektive Erfahrungen rassifizierter Schüler*innen im System Schule handelt“, berichtet Sheba Wiafe über den Workshop.

Das Reflektieren dieser sehr persönlichen Erlebnisse in der Gruppe führte dazu, dass im zweiten Teil des Workshops systematische Defizite in der Institution Schule identifiziert werden konnten. „Als Ergebnis dieses Denkprozesses konnten dann konkrete Forderungen an Bildungseinrichtungen und Politik gemeinsam diskutiert und formuliert werden“, fügt Farina Finke hinzu und zeigt uns die „frischen“ Ergebnisse dieser produktiven kollektiven Arbeit: zwei mit Filzstiften in unterschiedlichen Handschriften dicht beschriebene Poster, mit Pfeilen versehen; auf dem einen systematische Defizite der Schule, auf dem anderen Forderungen an die Bildungspolitik.
 

Drei wesentliche Forderungen


1. Vielfältigere Bildungsinhalte

Sowohl für Schüler*innen als auch für (zukünftige) Lehrer*innen sollte es verpflichtende Bildungsformate geben, die sich mit kritischem Weißsein, Privilegien und Machtstrukturen befassten. Außerdem sollte in der Schule über Kolonialismus und seine Auswirkungen auf die Gegenwart gelehrt werden. Auch Schwarze (deutsche) Geschichte sollte ein Bestandteil des Curriculums sein. Perspektivische Pluralität sollte eingeführt werden anstelle von eurozentrischen Sichtweisen.

2. Melden und Sanktionieren rassistischen Handelns

Es muss Möglichkeiten geben, sich an unabhängigen Stellen, die mit Expert*innen besetzt sind, über rassistische Vorfälle zu beschweren. Diese Stellen sollten auch über Befugnisse verfügen, rassistisches Handeln zu sanktionieren. Und diejenigen, die ihre Schüler*innen wiederholt diskriminieren, sollten überhaupt nicht als Lehrkräfte arbeiten dürfen.

(Wiederholt haben die Betroffenen die Erfahrung gemacht, dass ihre Beschwerden nicht ernst genommen werden, was eine weitere Verletzung bedeutet. Da sie sich nur innerhalb der Schule beschweren konnten, haben einige auch negative Konsequenzen davongetragen, weil Lehrkräfte nicht gern gegeneinander arbeiten, sondern eher zusammenhalten.)

3. Empowerment

Rassismen werden trotz aller Maßnahmen nicht von heute auf morgen verschwinden. Deshalb ist es notwendig, betroffene Schüler*innen zu empowern, sie in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. Nur so lassen sich die Schulzeit unbeschadet überstehen und die psychischen Schäden durch erlebte Diskriminierung abwenden.

Die Politik ist am Zug

Das Forschungsteam griff diese Forderungen auf, weitete diese auf weitere Rassismen und Diskriminierungsformen aus, strukturierte sie und fasste sie zu einem Policy Brief zusammen, der im Frühjahr 2021 anlässlich der Internationalen Wochen gegen Rassismus auf zahlreichen Kanälen veröffentlicht wurde.

Gefordert wurde eine Antidiskriminierungskommission für Schulen, die für Bildungsinhalte zuständig sein sollte, eine unabhängige Beschwerdestelle, die mit Befugnissen ausgestatten werden sollte und unabhängige Kontaktpersonen an jeder Schule, um die Umsetzung der Maßnahmen zu gewährleisten. Der Policy Brief wurde an Politiker*innen, Bildungsbehörden, Communities, Medien, Schulen und zivilgesellschaftliche Organisationen verteilt, auf Instagram, Twitter und über Podcasts beworben. Die Verantwortlichen für die Hamburger Bildungspolitik können nichtbehaupten, nichts davon gehört zu haben. Sie sind nun am Zug.

Die Rückmeldungen und Nachfragen zeigen, dass bei einigen jüngeren Hamburger Politiker*innen durchaus ein Interesse besteht, sich mit diesem Themenkomplex konkret und ernsthaft zu befassen. Wie erwartet war die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Initiativen und Akteur*innen, die sich für Bildungsgerechtigkeit einsetzen, auch deutlich zu spüren. Enttäuschend und gleichzeitig bezeichnend ist die Tatsache, dass aus dem Hamburger Bildungsministerium jegliche Reaktion ausgeblieben ist.
 

Das Projekt CHIEF (Cultural Heritage and Identities of Europe’s Future) erforscht die Weltanschauungen, kulturellen Kompetenzen und Aktivitäten von Jugendlichen. Besondere Aufmerksamkeit widmen die Forschenden dabei den Rollen, die verschiedene Bildungsumgebungen wie Schule, Familie, NGOs und Interessensvertretungen sowie die informelle Gesellschaft von Gleichaltrigen und Freunden bei der Gestaltung des Weltbildes und der kulturellen Kompetenzen spielen. Die am Projekt beteiligten Forscherinnen und Forscher interessieren sich insbesondere dafür, wie die Themen kulturelle Vielfalt, Inklusion, kulturelles Erbe oder Europa in diesen Lernumgebungen an Jugendliche vermittelt werden. An dem Forschungskonsortium sind Wissenschaftler von Universitäten und Forschungsinstituten aus Großbritannien, Spanien, Deutschland, Kroatien, der Slowakei, Lettland, der Türkei, Georgien und Indien beteiligt.

Mehr unter: chiefprojecteu.com

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