Demokratiefähigkeit Auf die Beziehung zur Geschichte kommt es an

Auf die Beziehung zur Geschichte kommt es an Foto: Hadija Saidi via unsplash | CC0 1.0

Demokratie kann man lernen, sie muss jedoch auch in der Praxis erprobt und erlebt werden. Aber welches Geschichtswissen und welche jugendkulturellen Praktiken sind geeignet um demokratische Strukturen zu bewahren? Das EU-Forschungsprojekt CHIEF hat sich unter anderem um die Beantwortung dieser Frage bemüht.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Forschungsprojektes CHIEF (Cultural Heritage and Identities of Europe’s Future) für das Wissenschaftler*innen aus neun Ländern die Weltanschauungen, kulturellen Kompetenzen und Aktivitäten von Jugendlichen untersuchen.

Überall in Europa lernen Jugendliche in der Schule, in Vereinen, Jugendgruppen, über das Internet und in ihren Familien verschiedene historische Fakten und Zusammenhänge. In offiziellen Bildungsplänen wird auf bestimmte Aspekte der Geschichte besonders viel Wert gelegt, weil diese die Demokratiefähigkeit junger Menschen fördern sollen. Doch Demokratiefähigkeit ist nicht nur etwas, was Jugendliche in der Theorie erlernen. Sie erproben und erleben sie auch in der Praxis, indem sie sich in Vereinen organisieren, für verschiedene Themen politisch engagieren und ihr Wissen und ihre Perspektiven auf das Leben miteinander teilen.

Einige gehen freitags auf die Straße, um für ihre Zukunft und insbesondere den Klimaschutz zu demonstrieren, andere engagieren sich in den Jugendorganisationen verschiedener politischer Parteien und nehmen aktiv an Verhandlungen in verschiedenen Parlamenten teil, wieder andere informieren sich von Zuhause aus am PC, indem sie Youtube-Videos oder Blogs verfolgen und manchmal auch in den Kommentarspalten an Diskussionen teilnehmen.

Je nachdem in welchem Umfeld sich die Jugendlichen bewegen, welche Internetseiten sie besuchen, in welchem Verein oder welcher Partei sie Mitglied sind und was Ihnen in Schule und Familie vermittelt wird, können die Themen, die sie beschäftigen, sehr unterschiedlich sein. Jedem der politischen Themen, die Jugendliche bewegen, wiederum liegen unterschiedliche Aspekte geschichtlichen Wissens zugrunde. Dabei bleibt jedoch erst einmal offen, welches Geschichtswissen oder welche jugendkulturellen Praktiken denn nun tatsächlich geeignet sind, demokratische Strukturen zu bewahren und was genau denn eigentlich das Fundament demokratischer Bildung sein sollte.

Einige Hinweise zur Beantwortung dieser Fragen wurden vom EU-Forschungsprojekt CHIEF gefunden. Die Forscher*innen haben unter anderem an zwei verschiedenen Jugendkonferenzen teilgenommen und die Diskussionen und Reaktionen der Jugendlichen, ihren Umgang miteinander und mit den eingeladenen Expert*innen beobachtet. Die eine Konferenz war von einer Umweltschutzgruppe organisiert worden, die andere von einer Gruppe, die sich mit Europapolitik beschäftigt. In diesem Text nennen wir sie „Umweltgruppe“ und „Europagruppe“. Natürlich kann ein so komplexes Thema wie das Fundament demokratischer Bildung nicht umfassend und abschließend durch die Beobachtung von zwei Jugendgruppen geklärt werden, aber dieses Vorgehen kann dennoch ganz entscheidende Hinweise geben, welche Unterschiede einer näheren Betrachtung lohnen, insbesondere wenn die Gruppen im Prinzip sehr ähnlich sind, sich jedoch in einem bestimmten Punkt markant unterscheiden.

Gemeinsame privilegierte Herkunft – Unterschiedliches Demokratieverständnis

Die beiden beobachteten Jugendkonferenzen sind nur ein sehr kleiner Ausschnitt der möglichen Aktivitäten, mit denen sich Jugendliche beschäftigen. Insgesamt gibt es fast unzählige Möglichkeiten für die verschiedensten Interessen und Fähigkeiten. Auch das Engagement im Sportverein, in Musik- oder Theatergruppen, für die freiwillige Feuerwehr oder die Pfadfinder könnten mehr oder weniger als demokratische Bildung verstanden werden.

Die beiden Konferenzen, um die es in diesem Artikel geht, sind Beispiele von Jugendorganisationen, die sich ganz explizit mit politischen Themen befassen. Allerdings tun sie das – trotz gewisser Ähnlichkeiten – in sehr unterschiedlicher Weise. Sowohl thematisch als auch organisatorisch. Die Konferenz der Umweltgruppe befasste sich mit globaler Klimagerechtigkeit und hatte Expert*innen aus Uganda, Liberia und den Philippinen eingeladen. Die Europagruppe befasste sich mit internationalen Beziehungen zwischen Europa und Afrika und hatte deutsche und südafrikanische Expert*innen eingeladen.

Beide Konferenzen dauerten ein Wochenende und waren von Jugendlichen für Jugendliche organisiert worden, was nicht nur bestimmte Kenntnisse und Vernetzung, sondern auch ein besonders starkes Interesse an den politischen Themen voraussetzt. Nicht alle Jugendlichen interessieren sich direkt für politische Diskussionen, daher ist es nicht besonders verwunderlich, dass die Jugendlichen in beiden Gruppen Gemeinsamkeiten aufwiesen: Die meisten von ihnen kamen aus eher privilegierten Haushalten und waren zwischen 18 und 25 Jahren alt, fast alle studierten an Hochschulen oder strebten gerade das Abitur an. Jugendliche aus Arbeitermilieus oder aus „rassifizierten Communities“ waren kaum anwesend. Das soll nicht bedeuten, dass sich diese Jugendlichen nicht für Politik interessieren, aber gerade das für die Organisation und die Durchführung solcher Konferenzen notwendige Wissen und die Netzwerkressourcen könnten mit den Privilegien zusammenhängen.

Diese Gemeinsamkeiten machen die beobachteten Unterschiede besonders interessant, weil sie darauf hinweisen, dass das Demokratieverständnis von Jugendlichen nicht direkt oder nicht ausschließlich mit dem formalen Bildungsstand oder dem sozioökonomischen Status zusammenhängt. Denn auch bei Jugendlichen, die sich in dieser Hinsicht sehr stark ähneln, sind deutliche Unterschiede zu erkennen, wie sie ihre eigene Verantwortung innerhalb der globalen Machtverhältnisse einschätzen.

Wer übernimmt welche Verantwortung für die Herstellung globaler Gerechtigkeit?

Obwohl in beiden Gruppen eine sehr offene Diskussionskultur herrschte, die Jugendlichen sehr respektvoll miteinander umgingen, sich gegenseitig zuhörten, gab es einen maßgeblichen Unterschied, der für das Funktionieren von Demokratie bedeutsam erscheint. Bei den Jugendlichen der Europagruppe bezog sich die Unterstützungsbereitschaft und der gegenseitige Respekt vorrangig auf die Mitglieder der Gruppe.

Gegenüber den eingeladenen Expert*innen und insbesondere gegenüber Menschen die als „die Anderen“ verstanden wurden, also im Kontext der Konferenz „Menschen in Afrika“, veränderte sich die Beziehungsebene. Sofort wurde eine persönliche Distanz spürbar. Gegenüber den Expert*innen ging diese mit einer formalen Höflichkeit einher, die die Personen zwar in ihrer jeweiligen Funktion respektierte aber die individuelle Persönlichkeit vollständig ausblendete. Gegenüber „den Menschen in Afrika“ wurde in den Diskussionen regelrecht Überheblichkeit spürbar. Sie wurden vor allem als hilfsbedürftige Masse verstanden, der nur wenig Kompetenz in der verantwortlichen Gestaltung internationaler Beziehungen zugestanden wird.

Die Jugendlichen der Umweltgruppe waren anders. Sie verstanden die eingeladenen Expert*innen als Vertreter*innen der gleichen Interessen auf Augenhöhe, die eigene wertvolle Erfahrungen aus anderen Regionen der Welt mitbringen. Auch in den Diskussionen und Workshops wurde die Bevölkerung anderer Regionen nie hilfsbedürftig oder inkompetent dargestellt. Es wurde eindeutig das Verständnis deutlich, dass die Jugendlichen die weltweit ungleiche Verteilung von Ressourcen als Folge auch der eigenen Geschichte verstehen. Dass also die Herstellung von Gerechtigkeit auch ihre persönliche Aufgabe ist, und dass sie dafür auch anfangen müssen, ihre eigenen Privilegien und deren Folgen für andere zu hinterfragen.

Gleiches Geschichtswissen – Unterschiedliche Erinnerungskultur

Besonders interessant ist an dieser Beobachtung, dass die Jugendlichen für Ihre Argumente auf das gleiche Geschichtswissen zurückgriffen. In beiden Gruppen war ein überdurchschnittlich breites Wissen über den deutschen und den europäischen Kolonialismus vorhanden und beide Gruppen waren sich auch darin einig, dass Geschichtswissen wichtig für ihr Kulturverständnis und damit auch für die Demokratie ist. Jedoch war der persönliche Bezug zu diesem Wissen sehr unterschiedlich und auch die Einschätzung darüber, welchen Stellenwert der Kolonialismus für ihre Kultur hat.

Während die Jugendlichen der Europagruppe sich selbst als nicht betroffen empfanden und den Kolonialismus nicht als ihr Erbe, sondern als ein Problem Afrikas verstanden, haben die Jugendlichen der Umweltgruppe koloniale Strukturen inklusive der darin begründeten Ungerechtigkeiten auch als ihr eigenes kulturelles Erbe verstanden. Daraus folgt dann, dass sie auch für ihr eigenes Leben Lehren aus dieser Geschichte ziehen. Der Unterschied liegt also nicht so sehr im Faktenwissen als in der Art und Weise des Erinnerns. Woher diese Unterschiede der Jugendlichen genau kommen, kann nicht durch die reine Beobachtung festgestellt werden, aber den Unterschied zu markieren, kann dennoch einen Hinweis geben, was beim Lernen über Geschichte wichtig ist.

Eine mögliche Schlussfolgerung aus diesen beobachteten Unterschieden könnte zu einer bestimmten Fokussierung des Geschichtsunterrichts, sowohl in der Schule also auch außerhalb, führen. Die reine Vermittlung von Faktenwissen scheint nicht ausreichend, um Verantwortlichkeit für Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zur eigenen Agenda zu machen. Je enger junge Menschen ihr eigenes Leben jedoch mit der gelernten Geschichte verknüpft sehen und je nachvollziehbarer die Verbindung zu globalen Machtstrukturen für sie ist, umso eher scheinen sie in der Lage zu sein, sich selbst in der Verantwortung für die Zukunft zu sehen und entsprechend dieser Verantwortung zu handeln.
 
Das Projekt CHIEF (Cultural Heritage and Identities of Europe’s Future) erforscht die Weltanschauungen, kulturellen Kompetenzen und Aktivitäten von Jugendlichen. Besondere Aufmerksamkeit widmen die Forschenden dabei den Rollen, die verschiedene Bildungsumgebungen wie Schule, Familie, NGOs und Interessensvertretungen sowie die informelle Gesellschaft von Gleichaltrigen und Freunden bei der Gestaltung des Weltbildes und der kulturellen Kompetenzen spielen. Die am Projekt beteiligten Forscherinnen und Forscher interessieren sich insbesondere dafür, wie die Themen kulturelle Vielfalt, Inklusion, kulturelles Erbe oder Europa in diesen Lernumgebungen an Jugendliche vermittelt werden. An dem Forschungskonsortium sind Wissenschaftler von Universitäten und Forschungsinstituten aus Großbritannien, Spanien, Deutschland, Kroatien, der Slowakei, Lettland, der Türkei, Georgien und Indien beteiligt.

Mehr unter: chiefprojecteu.com

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