Unabhängiger Journalismus in Georgien  „Wir helfen einander wieder auf die Beine und machen weiter“

Demonstration in Tbilisi im August 2025, organisiert von Sinatle. Das Netzwerk Sinatle vereint 22 unabhängige georgische Medien in ihrem Kampf gegen Repressionen, die unter anderem ihre finanzielle Basis austrocknen.
Demonstration in Tbilisi im August 2025, organisiert von Sinatle. Das Netzwerk Sinatle vereint 22 unabhängige georgische Medien in ihrem Kampf gegen Repressionen, die unter anderem ihre finanzielle Basis austrocknen. Foto: © Tako Robakidze

Unabhängiger Journalismus in Georgien ist zu einem Überlebenskampf geworden. Reporter*innen werden auf der Straße angegriffen, unabhängige Medien finanziell ausgetrocknet und politisch unter Druck gesetzt. Die Investigativjournalistin Teo Kavtaradze hat deshalb Sinatle Media mitgegründet: ein Netzwerk, das 22 Redaktionen stützen soll. Weil es dafür nicht nur journalistische, sondern auch betriebswirtschaftliche und kommunikative Kompetenz braucht, bat sie ihre Schwester Keti um Hilfe, die sonst als Managerin in der Energieindustrie arbeitet. Ein Gespräch über Solidarität und die Frage, wie Journalismus unter autoritären Bedingungen bestehen kann.

Was ist Sinatle Media?

Teo: Wir sind ein Solidaritäts- und Nachhaltigkeitsnetzwerk für 22 unabhängige georgische Online-Medien. Unsere Grundwerte sind Unparteilichkeit, Unabhängigkeit, professionelle Ethik und der Dienst an der Öffentlichkeit. Wir haben das Netzwerk im August 2025 gegründet, um den unabhängigen Journalismus zu verteidigen, nachdem der Georgische Traum immer repressivere Gesetze eingeführt hatte.

Pressefreiheit in Georgien

Die Partei Georgischer Traum (Kartuli Otsneba – KO) regiert in Georgien bereits seit 2012. Vor allem seit der manipulierten Parlamentswahl im Oktober 2024, die der Georgische Traum der Wahlkommission zufolge mit absoluter Mehrheit gewonnen haben soll, sehen sich unabhängige Medien im Land immer drastischeren Repressionen ausgesetzt – durch Einschüchterung und Gewalt, aber auch durch gesetzliche Maßnahmen. Auf der Rangliste der Pressefreiheit 2025 von Reporter ohne Grenzen (RSF) ist Georgien auf Platz 114 von 180 abgestürzt.

Sinatle ist also direkt aus dieser akuten Bedrohungslage heraus entstanden?

Teo: Ja. Seit Mai 2025 dürfen unabhängige Medien in Georgien keine ausländischen Fördergelder mehr annehmen. Dabei war das unsere wichtigste Einnahmequelle. Am Anfang haben wir eine Crowdfunding-Kampagne mit dem Titel The Lights Must Stay On gestartet. Aber sehr schnell wurde klar, dass kurzfristige Nothilfe allein nicht ausreichen würde. Wir brauchten eine dauerhaftere, tragfähige Struktur. Sinatle soll unabhängigen Medien in Georgien Rückenwind geben.
 
Die Schwestern Teo und Keti Kavtaradze hatten die Idee zur Gründung des Netzwerks Sinatle. Es vereint 22 Medien und soll unabhängigen Journalismus in Georgien gegen stetig wachsenden politischen Druck verteidigen.

Die Schwestern Teo und Keti Kavtaradze hatten die Idee zur Gründung des Netzwerks Sinatle. Es vereint 22 Medien und soll unabhängigen Journalismus in Georgien gegen stetig wachsenden politischen Druck verteidigen. | Foto: © Tako Robakidze

Was hat sich für die Medien konkret verändert, seit die Regierung im November 2024 einen deutlich autoritären, russlandfreundlichen Kurs eingeschlagen hat?

Teo: Die gute Nachricht ist: Bislang wurde kein unabhängiges Medium aus unserem Netzwerk geschlossen, keines ins Exil gedrängt. Allein das ist schon ein Erfolg. Es zeigt, wie widerstandsfähig die unabhängigen Medien in Georgien sind. Zugleich arbeiten viele Redaktionen inzwischen im Überlebensmodus. Sie waren schon immer klein, aber der Druck ist in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich größer geworden. Im Sinatle-Netzwerk gibt es Medien, die nur noch aus einer Person bestehen. Selbst die größeren Redaktionen haben oft nicht mehr als 15 oder 20 Mitarbeitende. 

Ich selbst arbeite im Moment kaum noch als Investigativjournalist, sondern arbeite nur an administrativen Aufgaben für Sinatle und mein Medium, Studio Monitori. Studio Monitori hat dafür schlicht nicht mehr genug Personal. Wir haben Reporter verloren, weil Menschen von etwas leben müssen und unter diesen Bedingungen nicht weitermachen können.

Was bedeutet das für deinen Arbeitsalltag?

Teo: Statt zu recherchieren, versuche ich vor allem, das Medium überhaupt am Leben zu halten und den ganzen bürokratischen Aufwand zu meistern. So geht es vielen von uns. Es gibt weiterhin unzählige Geschichten, die recherchiert werden müssen – aber in diesem repressiven Umfeld müssen wir ständig entscheiden, was wir überhaupt noch leisten können.

Und der Druck ist nicht nur finanzieller oder organisatorischer Natur. Die Regierung und regierungsnahe Medien versuchen auch, uns gezielt zu diskreditieren. Im Dezember haben sie zum Beispiel eine große Kampagne gegen uns gefahren und Sinatle zusammen mit anderen unabhängigen Medien beschuldigt, heimlich 17 Millionen US-Dollar aus dem Ausland erhalten zu haben.

Keti: Du sprichst also gerade mit Millionärinnen! [lacht]

Teo: Die Realität sieht anders aus. Reporter werden bei der Arbeit eingeschüchtert, teils auch verprügelt, der Druck ist finanziell, juristisch und psychologisch zugleich. Außerdem versuchen die Behörden uns vom internationalen Medienumfeld abzuschneiden. Immer mehr Tätigkeiten werden kriminalisiert – etwa Preisgelder aus dem Ausland anzunehmen oder als Fixer für ausländische Medien zu arbeiten.

Das klingt nach einem Zustand permanenter Bedrohung.

Keti: Ja. Die meisten Journalisten sprechen nicht offen darüber, wie unmöglich dieses Umfeld geworden ist – nicht nur zum Arbeiten, sondern auch zum Überleben. Sie leben unter ständiger rechtlicher Bedrohung. Sogar die Sprache, die sie verwenden, wird kriminalisiert. Schon wenn man den Ministerpräsidenten als „Ministerpräsidenten des Georgischen Traums“ bezeichnet [weil man die gefälschten Wahlen von 2024 nicht anerkennt, Anm. d. Red], kann das schwerwiegende rechtliche Folgen haben. Dafür drohen bis zu drei Jahre Gefängnis. Jedes unserer Medien macht das jeden Tag, unter der ständigen Gefahr einer Inhaftierung. 

Deshalb ist das Thema mentale Gesundheit von zentraler Bedeutung. Die Journalisten im Sinatle-Netzwerk sind mutig und widerstandsfähig, doch die Angst ist immer präsent. Im privaten Gespräch sagen uns manche, dass sie, wenn sie morgens zur Arbeit gehen, nicht wissen, ob sie am Ende des Tages wieder sicher zurückkehren. Sie fühlen sich bei der Arbeit draußen nicht sicher – weder auf dem Rustaveli-Boulevard, wo seit dem 24. November 2024 jeden Tag Menschen vor dem Parlament protestieren, noch vor Gericht. Das hier ist nicht nur eine finanzielle Krise.
 

Wenn das unmittelbare Ziel das Überleben ist – was kann Sinatle dann konkret leisten?

Keti: Schutz steht an erster Stelle. Ein Beispiel hierfür ist die rechtliche Unterstützung. Nach der massiven Schmutzkampagne, von der Teo gesprochen hat, haben wir gemeinsam mit einem Anwalt eine Beschwerde vorbereitet. Wir haben den Fall zwar verloren, wie zu erwarten war, aber wir haben trotzdem zusammen Berufung eingelegt.

Außerdem bereiten wir unsere Unterstützer-Community auch auf den Fall vor, dass das Regime den Druck auf unabhängige Medien noch einmal erhöht. Dann müssen die Menschen bereit sein, den Journalisten und Medien auf der Straße beizustehen und sie öffentlich zu verteidigen.

Sinatle schützt also nicht nur, sondern versucht auch, tragfähige Strukturen aufzubauen. Wie sieht das aus?

Keti: Wir verstehen uns als ausgelagerte Business-Development-Plattform für all unsere Medienkanäle, weil sich das alleine sonst niemand leisten kann. Unsere wichtigste Ressource ist ein Kommunikationsteam, das Veranstaltungen, Crowdfunding-Kampagnen und andere Aktivitäten plant und umsetzt. Außerdem arbeiten wir mit einem Finanzberater und einem Anwalt zusammen. Es handelt sich natürlich nicht um ein Vollzeit-Team. Sie arbeiten alle ehrenamtlich. Wir auch.

Das Ziel ist es also, langfristig stärker und nachhaltiger zu werden. Crowdfunding bleibt deshalb unsere zentrale Aufgabe. Aber wir haben schnell gemerkt, dass wir mehr brauchen als nur Geld, nämlich Infrastruktur und eine gemeinsame Marke.

Wer sind denn eure Spender*innen? 

Keti: Wir versuchen, Mittel aus verschiedenen Quellen in Georgien zu sammeln, vor allem von georgischen Bürgern, die inzwischen unsere wichtigste Stütze sind. Wir haben auch versucht, mit Unternehmen zusammenzuarbeiten, bislang allerdings ohne Erfolg. Viele Firmen sagen uns, sie wollten nicht mit uns zusammenarbeiten, da wir offen aussprechen, dass das Regime unabhängige Medien angreift und wir uns gemeinsam dagegenstellen.

In Georgien war die Gesellschaft es bisher nicht gewohnt, für Medien zu bezahlen. Wie geht ihr damit um?

Keti: Genau deshalb mussten wir kreativ werden. Neben unseren Online-Kampagnen organisieren wir auch analoge Fundraising-Veranstaltungen. Im Dezember haben wir zum Beispiel eine große Auktion veranstaltet, bei der georgische Künstler, Fotografen, Maler und Bildhauer ihre Werke gespendet haben, die dann zugunsten von Sinatle verkauft wurden. Außerdem haben wir einen eintägigen Flohmarkt veranstaltet, bei dem die Leute ihre Kleidung, Bücher und andere Gegenstände verkauften und den Erlös an uns spendeten. Allein diese beiden Veranstaltungen brachten fast 100.000 Lari [rund 32.000 Euro] ein – ein Riesenerfolg für uns. Gleichzeitig führen wir weiterhin Online-Kampagnen durch und bauen einen Kreis monatlicher Spender auf.
 
Nachtansicht von Tbilisi mit dem erleuchteten Fernsehturm

Nachtansicht von Tbilisi mit dem erleuchteten Fernsehturm | Foto: © Tako Robakidze

Und wie sieht deine Arbeit als Managerin im Alltag ganz konkret aus?

Keti: Ich bleibe sehr eng mit den Medien in Kontakt, versuche, ihre alltäglichen Bedürfnisse zu verstehen und sie beim Management zu unterstützen. Oft sind die Leiter dieser Medien selbst Redakteure oder Journalisten – und in dieser Krise können sie schlicht nicht alles gleichzeitig leisten.

Dann springt Sinatle ein. Wir setzen uns mit ihnen zusammen, schauen auf die dringendsten Probleme und suchen nach praktischen Lösungen. In manchen regionalen Medien gibt es zum Beispiel noch ein Büro, aber nur noch zwei Mitarbeitende. Dann helfe ich ihnen zu entscheiden, ob sie ein kleineres Büro brauchen – oder vielleicht gar keines mehr –, damit mehr Geld dafür übrig bleibt, wenigstens noch einen Journalisten zu halten. Ein großer Teil unserer Arbeit ist im Grunde Krisenmanagement.

Welche Rolle spielt dabei die Solidarität unter den Medien?

Keti: Sie ist sehr real und oft sehr konkret. Wenn wir die Spenden nach einem festgelegten Schlüssel im Netzwerk verteilen, ist die erste Reaktion nicht: „Können wir mehr bekommen?“, sondern: „Braucht es vielleicht gerade jemand anderes dringender? Können wir jemand anderem helfen?“ Das passiert ständig.

Und das gilt nicht nur für Geld. Erst vor zwei Tagen habe ich im Netzwerk erzählt, dass sich eine kleine Regionalredaktion bei mir gemeldet hat, weil sie keine richtige Videokamera besitzt. Zwei Tage später hat sich ein anderes Medium gemeldet und gesagt, es habe noch eine übrig. Am Montag wird diese Kamera also von Jawachetien nach Charagauli geschickt – von einer Regionalredaktion zur anderen. Vor Sinatle hatten viele dieser Medien gar keinen direkten Kontakt zueinander. Jetzt haben sie ihn.

Wie wichtig sind euch diese persönlichen Verbindungen?

Keti: Wir versuchen ganz bewusst auch, Räume zu schaffen, in denen Journalisten gemeinsam durchatmen können. Dazu organisieren wir informelle Auszeiten in sicheren Umgebungen. Viele sagen uns, dass diese Treffen die einzigen Orte sind, an denen sie wirklich kurz innehalten können, da im Alltag weder Zeit noch Raum dafür bleibt. Auch das ist heute Teil der Unterstützung des unabhängigen Journalismus.

Teo, was erhoffst du dir von Sinatle in Zukunft für deine journalistische Arbeit?

Teo: Im Moment sind wir noch im Überlebensmodus. Aber ich hoffe, dass wir das unabhängige Medien-Ökosystem in Georgien bewahren können. Zumindest müssen die noch bestehenden Redaktionen weiter berichten und der Öffentlichkeit unabhängige Informationen liefern können. Das ist besonders in den Regionen wichtig, denn wenn wir dort Journalisten verlieren, entstehen ganze Nachrichtenwüsten.

Ich hoffe also nicht nur, dass Sinatle den Medien beim Überleben hilft, sondern auch, dass es ihnen ermöglicht, weiter zu berichten – in den Regionen genauso wie in Tbilisi. Persönlich hoffe ich außerdem, dass wir irgendwann wieder die Ressourcen haben werden, um uns ganz auf Journalismus konzentrieren zu können, während Sinatle die ganze organisatorische Last professionell übernimmt.

Unabhängiger Journalismus steht heute weltweit unter Druck. Wie blickst du als georgische Journalistin darauf?

Teo: Was in Georgien passiert, ist Teil einer viel größeren Medienkrise, auch wenn die Situationen nicht eins zu eins vergleichbar sind. Wenn ich sehe, was anderswo geschieht – selbst bei Institutionen wie der Washington Post –, wird deutlich, dass Journalismus fast überall unter Druck steht. Deshalb frustriert mich diese ständige Forderung nach einem „nachhaltigen Geschäftsmodell“ so sehr. Journalismus ist nicht einfach nur ein Produkt. Er ist ein öffentliches Gut – und er braucht Unterstützung.

Der erste Funke der Inspiration kam für mich, als ich Publix in Berlin besuchte. Zu sehen, wie Medienorganisationen sich Räumlichkeiten, Infrastruktur und Kosten teilen, hat mir Mut gemacht. In einer Krise wie dieser müssen wir zusammenarbeiten. Sonst werden wir verlieren – und politische Regime, Oligarchen und andere mächtige Interessen werden gewinnen, auch im Westen.

Was können andere von georgischen Journalist*innen lernen?

Teo: Kollegen aus dem Ausland sagen uns oft, dass sie von der Widerstandsfähigkeit georgischer Journalisten inspiriert sind. Seit dem sogenannten „russischen Gesetz“ vor zwei Jahren stehen wir unter Beschuss, und doch sind wir immer noch da, arbeiten weiter und halten weiterhin zusammen.

Natürlich gibt es Momente der Erschöpfung. Manchmal ist es ein mentaler Krieg. Aber innerhalb von Sinatle ermutigen sich die Leute gegenseitig, helfen einander wieder auf die Beine und machen weiter. Das ist es, was mir Hoffnung gibt.
 

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