Die ukrainischen Medien stehen derzeit vor einer schweren Bewährungsprobe. Traditionelle Redaktionen versuchen, zwischen leeren Budgets und der Konkurrenz durch Telegram zu überleben, während künstliche Intelligenz die Spielregeln neu schreibt. Sind Algorithmen eine Bedrohung für persönliche Perspektiven? Und wie wird die Medienlandschaft nach dem Krieg aussehen? Über diese Prozesse sprach JÁDU-Autor Yevhenii Nazarenko mit Natalia Steblina – Professorin am Lehrstuhl für Journalismus und Sozialkommunikation der Nationalen Wassyl-Stus-Universität Donezk.
Dieses Gespräch fand in einer Pause zwischen zwei Vorlesungen statt. Gerade hatten wir darüber diskutiert, wie die Verteidigung der praktischen Ausbildung der Masterstudierenden im Fach Journalismus durchgeführt werden soll – online oder als Präsenzunterricht. Innerhalb weniger Minuten verlagerte sich der Fokus auf eine wesentlich umfassendere Frage: Was wird von unserem Beruf überhaupt übrigbleiben, wenn immer mehr Arbeit von Algorithmen erledigt wird?Welche Schlüsselprozesse prägen derzeit das Gesicht der ukrainischen Medien? Wo liegt hier unser ganz eigener, lokaler Kontext, und wo sind es Echos globaler Trends?
Zu den Schlüsselprozessen gehören zweifellos die Folgen der groß angelegten Invasion, denn alles, worüber wir jetzt im Zusammenhang mit den Problemen in den ukrainischen Medien sprechen werden, wird genau dadurch verursacht. Das ist der Rückgang des Werbemarktes, die Kürzung der Finanzmittel. Dazu gehören auch die Beschüsse, denen Redaktionen ausgesetzt sind.Das Gleiche gilt für Telegram. Wir sind uns bewusst, dass seine Beliebtheit auf den weltweiten Trend zur Digitalisierung der Medien zurückzuführen ist. In der Ukraine ist Telegram jedoch gerade wegen des groß angelegten Einmarsches extrem populär geworden, und daher ist die derzeitige massive Konkurrenz zwischen den traditionellen Medien und Telegram unser lokaler Kontext.
Ich habe Erfahrung im Unterrichten an einer deutschen Hochschule [an der Europa-Universität Viadrina – Anm. d. Red.]. Und als ich den Studierenden dort die Aufgabe stellte, eine Nachricht zu finden, öffneten sie genau die Website der Publikation, während bei uns eine bestimmte Gruppe von Studierenden in erster Linie Telegram geöffnet hätte.
Natalia Steblina. | Foto: © privat
Was die globalen Trends anbetrifft, so werden diese im jährlichen Digital News Report von Reutershervorragend dokumentiert. Das Wichtigste ist, dass Nachrichten zunehmend über soziale Netzwerke konsumiert werden, anstatt direkt über die Webseiten der Nachrichtenmedien.
Dies trifft auch auf die Ukraine zu – und ist ein besorgniserregender Trend. Wer eine Nachrichten-Website ansteuert, tut dies mit dem gezielten Fokus auf Information. In den sozialen Netzwerken hingegen werden Nachrichten im ständigen Wechsel mit Unterhaltungsinhalten konsumiert: Katzenvideos, Verkehrsunfälle, private Geburtstagsbeiträge. Um dort überhaupt wahrgenommen zu werden, sind Journalisten gezwungen, den Anteil seriöser Berichterstattung zugunsten von Seichtem zu reduzieren. Letztlich beeinträchtigt dies das Ausmaß, in dem die breite Öffentlichkeit überhaupt einen Überblick über das Weltgeschehen hat.
Zwei weitere globale Trends sind der zunehmende Konsum von Videoinhalten und der Rückgang des Interesses an Nachrichten insgesamt – rund ein Drittel der Menschen weltweit interessiert sich überhaupt nicht mehr dafür. In der Ukraine liegt dieser Anteil zwar niedriger, da der Krieg uns dazu zwingt, das Geschehen ununterbrochen zu verfolgen, doch eine Informationsmüdigkeit ist auch hier spürbar. Schließlich lässt sich ein weltweiter Vertrauensverlust gegenüber den Medien als Institution beobachten – ein alarmierendes Signal für die Demokratie.
Angesichts dieser Zahlen rückt die Realität in Kleinstädten geradezu zwangsläufig in den Blick. Für Redaktionen lokaler Zeitungen treffen globale Trends auf eine äußerst pragmatische Wirklichkeit: Personalmangel, knappe Budgets und die ständige Versuchung, sich auf die bloße Übernahme von Pressemitteilungen zu beschränken.
Wo verläuft unter solchen Bedingungen die Grenze zwischen einer erzwungenen Ressourcenoptimierung und einem tatsächlichen Qualitätsverlust bei den Inhalten?
Meiner Meinung nach hängen diese Dinge miteinander zusammen. Es gibt ein bemerkenswertes Buch von Nick Davis mit dem Titel Flat Earth News, in dem er recht unverblümt sagt: Die finanziellen Mittel in den Redaktionen schrumpfen zusehends, und das wirkt sich auf die Qualität aus. Denn von welcher Qualität kann überhaupt die Rede sein, wenn in einem regionalen Medium ohne jegliche Finanzierung eine einzige Person den gesamten Betrieb stemmen muss?Stellen wir uns eine Website vor, die ganz offen einen Disclaimer anbringt: ‚Alle unsere Texte wurden von KI generiert.‘ Ich glaube, eine solche Website würde sehr schnell an Lesern verlieren.“
Das ist übrigens genau mein Spezialgebiet, da ich selbst im Lokaljournalismus tätig bin. Ich schreibe für ein Publikum von über 200.000 Menschen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine eigenständige Redaktion, sondern um ein hyperlokales Netzwerk.
Genau das ist das Ziel, auf das man hinarbeiten muss. Man arbeitet zwar scheinbar auf sich allein gestellt, doch im Hintergrund stehen Dutzende von Gleichgesinnten aus anderen Kleinstädten, mit denen man im ständigen Austausch steht und gemeinsam Inhalte produziert. Die Rettung für kleine — insbesondere hyperlokale und regionale — Redaktionen, die am härtesten um ihr Überleben kämpfen, könnte daher in Zusammenschlüssen liegen, um gemeinsam hochwertigen Content zu liefern.Gerade angesichts des Personal- und Ressourcenmangels greifen Redaktionen immer häufiger auf Technologien zurück. KI verspricht genau das, woran es modernen Medien am meisten fehlt: Schnelligkeit und die Möglichkeit, mit geringem Aufwand mehr zu leisten. Doch damit stellt sich eine weitere Frage: Wird die Optimierung nicht nach und nach den Journalismus selbst ersetzen?
Wenn Texte zunehmend von Algorithmen generiert oder geglättet werden – was verlieren die Lesenden dabei und bemerken sie diese Sterilität überhaupt?
KI kann eine Standardnachricht verfassen, einen Text übersetzen oder ein Interview transkribieren. Deutlich schwieriger ist es jedoch, sie dazu zu bringen, das zu erkennen, was nicht im Transkript oder in der Pressemitteilung steht. Genau in diesem Unterschied wird auch künftig der Wert des von Menschen gemachten Journalismus liegen.Der Leser, der ausschließlich generierte Texte konsumiert, verliert zweifellos die unmittelbare Erfahrung, die Auseinandersetzung mit kreativen Inhalten und die einzigartige Expertise des Autors. Aber bemerkt er das? Ohne soziologische Untersuchungen lässt sich das schwer sagen.
Ich würde gerne glauben, dass er es bemerkt. Derzeit wird künstliche Intelligenz recht kritisch betrachtet. Die Menschen wollen nach wie vor lieber Texte von echten Autoren lesen. Stellen wir uns eine Website vor, die ganz offen einen Disclaimer anbringt: „Alle unsere Texte wurden von KI generiert.“ Ich glaube, eine solche Website würde sehr schnell an Lesern verlieren.
Wie kann ein Journalist unter solchen Bedingungen seine eigene Identität als Autor bewahren, und wird es auf dem Markt für schnelle Nachrichten weiterhin eine Nachfrage danach geben?
Ein Journalist wird es niemals schaffen, künstliche Intelligenz in puncto Geschwindigkeit zu übertreffen. Deshalb gilt es, die eigenen Wettbewerbsvorteile zu erkennen. Eine Maschine kann einzigartiges Nischenwissen nicht ersetzen. Wenn sich jemand beispielsweise tiefgreifend mit regionalem Fußball auskennt, dem kaum jemand Beachtung schenkt, wird er immer die Nase vorn haben.Die wichtigste Waffe sind eine einzigartige Sichtweise und Kreativität. Diese muss am intensivsten trainiert werden. Leider fällt dies den Studierenden, die jetzt in den Beruf einsteigen, schwer. Sie überlassen die Recherche den Algorithmen, ohne die Fähigkeit zu schulen, mit großen Datenmengen umzugehen, Hypothesen zu belegen oder beim Schreiben eigene Formulierungen zu finden.
Mit welchen Beobachtungen und Herausforderungen sehen sich junge Medienschaffende zu Beginn ihrer Karriere konfrontiert: Hilft ihnen KI dabei, schneller in den Beruf einzusteigen, oder schafft sie im Gegenteil die Illusion von Kompetenz?
Sie hilft zweifellos dabei, schneller voranzukommen. Wenn man die Texte der Studierenden von vor fünf Jahren mit denen von heute vergleicht – das ist einfach ein himmelweiter Unterschied. Früher lieferten sie Texte mit einer Fülle stilistischer und orthografischer Fehler ab. Heute sind die Texte makellos, weil die Studierenden sie durch die KI laufen lassen.Ich gehöre zu der Generation, die es noch geschafft hat, wissenschaftliche Arbeiten ohne KI zu verfassen. Doch ich bin mir ziemlich sicher: Als Erstsemester würde ich mich heute genauso gerne an Algorithmen wenden, um mir helfen zu lassen.
Genau darin liegt die Falle. So wie ein Sportler täglich trainiert, um seine Muskeln in Form zu halten, muss auch ein Medienexperte sein Gehirn ständig fordern. Ein Journalist muss in der Lage sein, unter unübersichtlichen Bedingungen zu arbeiten, live auf Sendung zu sprechen und spontan pointierte Fragen zu stellen. Indem junge Menschen alles an Algorithmen delegieren, verlieren sie diesen journalistischen Biss. Ich würde empfehlen, zunächst selbst zu recherchieren und den Text eigenständig zu verfassen und erst im Anschluss zu prüfen, wie KI ihn verbessern kann. KI sollte ein Assistent sein, keine Krücke.
Die Ausbildung von Journalistikstudierenden hat sich mit dem Aufkommen der KI verändert. Foto von der nach Winnyzja verlegten Universität Donezk, an der Steblina lehrt. | Foto: © privat
Erfahrene Medienschaffende sehen die Situation jedoch anders. Nach Beobachtungen der Expertin herrscht unter den Profis eher Neugier: Für sie ist der Algorithmus keine Bedrohung, sondern eine lang ersehnte Chance, lästige Routine abzustreifen und endlich Zeit für echte Kreativität zu gewinnen.
Doch die Vereinfachung der Routinearbeit wirkt sich auf die Fähigkeit aus, mit Primärquellen zu arbeiten, Fakten zu überprüfen und vor Ort kritische Fragen zu stellen. Wie soll man damit umgehen?
Der richtige Einsatz von Algorithmen spart tatsächlich Zeit. Aber auch KI muss kontrolliert werden! Sie kann Links zu Primärquellen liefern, die sich als falsch oder sogar frei erfunden herausstellen.Hier kommt es zu einer Begriffsverwirrung: Die Menschen beginnen, den generierten Inhalten übermäßig zu vertrauen und sind zu bequem, selbst zur Originalquelle zu gehen. Routineaufgaben kann eine Maschine übernehmen, doch Faktenprüfung, Verifizierung und die Fähigkeit, kritische Fragen zu stellen, muss jeder Journalist, insbesondere Anfänger, ausschließlich selbst trainieren.
Die unersetzliche Rolle des Menschen in den Medien liegt in spannenden Reportagen, tiefgehenden Interviews, einfühlsamer Kommunikation, pointierter Publizistik und der Analyse komplexer Probleme.“
Wenn Algorithmen die grundlegende Analyse, Übersetzungen und den Newsfeed übernehmen, wo bleibt dann noch der unverzichtbare Platz des Menschen in den Medien?
Ich würde nicht sagen, dass Algorithmen den gesamten Newsfeed übernehmen werden. Eine Pressemitteilung umschreiben – ja, damit kommt KI bereits zurecht. Aber gute Nachrichten entstehen nicht durchs Umschreiben, sondern durch die Augen und Ohren des Journalisten.Ich würde mir wünschen, dass Algorithmen die technische Arbeit übernehmen, während echte Reporter vor Ort recherchieren und ein Gespür dafür entwickeln, was die Menschen wirklich bewegt. Selbst bei Übersetzungen ist KI nicht perfekt – sie erfasst nicht immer die feinen Nuancen, in denen oft das Wesentliche steckt. Deshalb liegt die unersetzliche Rolle des Menschen in den Medien in spannenden Reportagen, tiefgehenden Interviews, einfühlsamer Kommunikation, pointierter Publizistik und der Analyse komplexer Probleme.
Welche Fähigkeiten werden für ukrainische Journalist*innen in den nächsten zwei bis drei Jahren entscheidend sein, um gefragt zu bleiben?
Ich glaube nicht, dass sich die Grundlagen in zwei Jahren prinzipiell ändern werden. Erstens braucht man fundiertes Fachwissen in seinem Themengebiet. Zweitens die Fähigkeit, nicht offensichtliche Themen anzusprechen. Drittens das Verständnis für das eigene Publikum.Sprachen bleiben weiterhin sehr wichtig. Da sich die Ukraine in Richtung EU bewegt, brauchen wir nicht nur Englisch, sondern auch die Sprachen unserer Nachbarländer, um gegenseitiges Verständnis zu fördern. Und die wichtigste Fähigkeit, die kein Algorithmus nachahmen kann, ist die journalistische Ethik. Die Fähigkeit, professionell zu handeln, der Gesellschaft keinen Schaden zuzufügen und Quellen zu schützen.
Wie sehen Sie das wahrscheinlichste Szenario für die Entwicklung des ukrainischen Journalismus in naher Zukunft: eine stärkere Polarisierung zwischen billigen, generierten Inhalten und hochwertigen Nischenmedien oder die Entstehung völlig neuer Formate?
Die Formate werden unterschiedlich sein, aber eines kann ich mit Sicherheit sagen: Wenn der Krieg endet, wird Telegram seine außerordentliche Popularität verlieren. Sein derzeitiges Wachstum beruht auf dem Bedarf an Eilmeldungen über Beschüsse und Stromausfälle. Sobald diese nachlassen, wird der sogenannte „Telegram-Journalismus“ an Bedeutung verlieren.Das Publikum wird zu Videoformaten und sozialen Netzwerken abwandern. Wenn sich der Trend zum Konsum von Inhalten aus sozialen Netzwerken fortsetzt, erwartet uns eine noch stärkere Polarisierung, Informationsblasen, eine Blütezeit billiger, generierter Inhalte und Falschmeldungen.
Doch der ukrainische Journalismus hat eine vielversprechende Zukunft, denn unsere Fachleute haben ihre einzigartige Widerstandsfähigkeit unter Beweis gestellt. Qualitativ hochwertige Nischenmedien und landesweite Giganten werden weiterhin bestehen bleiben. Ohne sie würden die heutigen Telegram-Kanäle schlichtweg verschwinden, denn der Großteil ihrer Inhalte besteht aus Übernahmen und Nachdrucken eben aus diesen Medien. Ich würde mir wünschen, dass soziale Netzwerke stärker reguliert und zivilisierter werden und dass sich die traditionellen Medien, gestützt auf Qualität, Standards und Ethik, weiter stärken.
Die Pause ist vorbei, ich muss wieder an die Arbeit. Auf meinem Handy erscheint eine Benachrichtigung von einem der Telegram-Kanäle: gelbe Gefahrenstufe ausgelöst durch einen russischen Luftangriff. Aber das wird mich nicht davon abhalten, mich hinzusetzen und den nächsten Bericht für eine lokale Zeitung zu schreiben.
Oktober 2026