Eigentlich schreibe ich alle die hier folgenden Worte, Sätze und Gedankenfetzen in ein kleines Buch, das mich auf fast all meinen Recherchen begleitet. Hier bei JÁDU entscheide ich mich dafür, kleine Einblicke zu geben – in meinen Alltag in einem Land im Krieg.
Sie tippt ihm dreimal auf die Nase und sagt: „Du wirst es schaffen. Du wirst es ganz sicher überleben.“
5. Oktober 2025 – Charkiw, Ostukraine: Packen für den Weg zum Feldkrankenhaus an der Front. | Foto: © Sitara Celina Rajh
Mein Kollege Merlin vor der Abfahrt | Foto: © Sitara Celina Rajh
Zerstörte Tankstelle – Oblast Cherson, 2024 | Foto: © Sitara Celina Rajh
Feldkrankenhaus, Ostukraine: Als wir ankommen, liegt auf dem Operationstisch schon ein Soldat – schwer verletzt, nicht mehr ansprechbar. Oktober 2025 | Foto: © Sitara Celina Rajh
In der Unterkunft der Soldaten | Foto: © Sitara Celina Rajh
Aber in diesen Tagen gab es nichts, was den Schmerz lindern würde. Ich wusste, der Schmerz ist viel größer für all jene, die mit Antoni gut befreundet waren. Ich hatte Freunde angerufen, ich war mit Kollegen in Kontakt. Irgendwie fühlte ich mich bemitleidenswert, und das wollte ich nicht sein. Dennoch konnte ich nicht davon ablassen, immer wieder die Fotos anzuschauen, die Reporter ohne Grenzen von Antoni gepostet hatten. Dann brach ich doch manchmal in Tränen aus.
Ich denke, es war das erste Mal, dass ich realisierte, dass es auch jeden meiner engen Freunde hätte treffen können.
Das Einzige, was hilft, nicht zu verzweifeln, hier in der kalten Wohnung mit wenig Strom und den ständigen Luftangriffen, sind die Freunde und Kollegen.
Charkiw – Meine Kollegin Margaux malt auf mein Auto. | Foto: © Sitara Celina Rajh
Meine Kollegin Emma in unserer eiskalten Wohnung in Charkiw | Foto: © Sitara Celina Rajh
Da ist Margaux. Die roten Locken sind kaum zu übersehen. Zu Überhören ist sie auch nicht. Manchmal schaue ich sie an und finde pure Freude. Ihre Lebenslust ist so einzigartig. Wenn Margaux im Raum ist, ist es immer lustig, und sie entlockt einem noch den letzten Funken Energie.
Da ist Merlin. Mit ihm arbeite ich am engsten zusammen. Bisher. Merlin hat eine Ruhe, die andere zur Verzweiflung bringen würde, aber er ist schlau wie kaum jemand, den ich kenne. Manchmal macht er mich wütend, aber meistens sind wir ein brillantes Team: Während die Straßen brennen, fahre ich das Auto und er navigiert.
Und während ich da sitze, mit den Händen am Lenkrad, denke ich darüber nach, wie es sich anfühlen würde, irgendwann einen Anruf zu bekommen und zu hören, dass einer dieser Menschen tot ist?
Gemeinsames Arbeiten am Küchentisch | Foto: © Sitara Celina Rajh
Im Treppenhaus unseres Hauses in Charkiw | Foto: © Sitara Celina Rajh
Ich mit dem Frontsanitäter „Eminem“ im Feldkrankenhaus | Foto: © Sitara Celina Rajh
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
April 2026