5. Oktober 2025, Ostukraine  Anruf

Soldaten, die wir in der nähe der Front treffen, schenken Merlin alte Munition, Oktober 2025
Soldaten, die wir in der nähe der Front treffen, schenken Merlin alte Munition, Oktober 2025 Foto: © Sitara Celina Rajh

Eigentlich schreibe ich alle die hier folgenden Worte, Sätze und Gedankenfetzen in ein kleines Buch, das mich auf fast all meinen Recherchen begleitet. Hier bei JÁDU entscheide ich mich dafür, kleine Einblicke zu geben – in meinen Alltag in einem Land im Krieg.

Sie tippt ihm dreimal auf die Nase und sagt: „Du wirst es schaffen. Du wirst es ganz sicher überleben.“
Krankenschwester in einem Frontkrankenhaus
5. Oktober 2025 – Charkiw, Ostukraine: Packen für den Weg zum Feldkrankenhaus an der Front.

5. Oktober 2025 – Charkiw, Ostukraine: Packen für den Weg zum Feldkrankenhaus an der Front. | Foto: © Sitara Celina Rajh

Mein Kollege Merlin vor der Abfahrt

Mein Kollege Merlin vor der Abfahrt | Foto: © Sitara Celina Rajh

Es ist jetzt 1:00 Uhr am 5. Oktober 2025 und wir fahren. Also, eigentlich fahre ich das Auto. Ich bin 23 Jahre alt, das ist es, was mir durch den Kopf schießt, während ich meine Hände ans Lenkrad klammere. Ich denke oft über mein Alter nach – meine letzten Geburtstage habe ich an vielen unterschiedlichen Orten verbracht. Meinen 22. Geburtstag feierte ich in Nordostsyrien, in der Stadt Raqqa; 23 Jahre alt wurde ich dieses Jahr in Cherson im Süden der Ukraine – unter Artilleriebeschuss haben wir für den Focus berichtet. Jetzt sind wir wieder auf einer Recherche.
 
Zerstörte Tankstelle – Oblast Cherson, 2024

Zerstörte Tankstelle – Oblast Cherson, 2024 | Foto: © Sitara Celina Rajh

Wir: Das sind mein deutscher Kollege Merlin und mein ukrainischer Kollege Volodymyr. Die Frontlinie liegt vor uns – neben mir sitzt der Press Officer der 113. Brigade. „Du bist eine gute Autofahrerin“, sagt er, und das schmeichelt mir. Ich muss lachen. Wir sind auf dem Weg in ein Feldlazarett.
 
Feldkrankenhaus, Ostukraine: Als wir ankommen, liegt auf dem Operationstisch schon ein Soldat – schwer verletzt, nicht mehr ansprechbar. Oktober 2025

Feldkrankenhaus, Ostukraine: Als wir ankommen, liegt auf dem Operationstisch schon ein Soldat – schwer verletzt, nicht mehr ansprechbar. Oktober 2025 | Foto: © Sitara Celina Rajh

In der Unterkunft der Soldaten

In der Unterkunft der Soldaten | Foto: © Sitara Celina Rajh

Die Tage zuvor hatte ich noch damit gerungen, vielleicht doch die Recherche abzusagen. Nachdem der französische Kollege Antoni ermordet worden war und der ukrainische Kollege Heorhij sein Bein verlor und nur knapp dem Tod entkam, starrte ich fast zwei Tage nur an die Wände meiner Wohnung in Charkiw. Das Einzige, was dann hilft, ist, sich ins Auto zu setzen und Musik zu hören – es beruhigt mich – zumindest so lange, bis der Luftalarm wieder über der Stadt dröhnt.

Aber in diesen Tagen gab es nichts, was den Schmerz lindern würde. Ich wusste, der Schmerz ist viel größer für all jene, die mit Antoni gut befreundet waren. Ich hatte Freunde angerufen, ich war mit Kollegen in Kontakt. Irgendwie fühlte ich mich bemitleidenswert, und das wollte ich nicht sein. Dennoch konnte ich nicht davon ablassen, immer wieder die Fotos anzuschauen, die Reporter ohne Grenzen von Antoni gepostet hatten. Dann brach ich doch manchmal in Tränen aus.

Ich denke, es war das erste Mal, dass ich realisierte, dass es auch jeden meiner engen Freunde hätte treffen können.
Das Einzige, was hilft, nicht zu verzweifeln, hier in der kalten Wohnung mit wenig Strom und den ständigen Luftangriffen, sind die Freunde und Kollegen.
 
Charkiw – Meine Kollegin Margaux malt auf mein Auto.

Charkiw – Meine Kollegin Margaux malt auf mein Auto. | Foto: © Sitara Celina Rajh

Gestern hat die russische Armee einen Kindergarten getroffen. Ich bin von der Explosion aufgewacht. Erschrecken tue ich mich eigentlich schon lange nicht mehr. Man gewöhnt sich an alles, auch an das Brummen der Drohnen über dem Dach. Seit zwei Monaten bin ich jetzt hier und berichte ununterbrochen. Ich denke, das Einzige, was hilft, nicht zu verzweifeln, hier in der kalten Wohnung mit wenig Strom und den ständigen Luftangriffen, sind die Freunde und Kollegen.
 
Meine Kollegin Emma in unserer eiskalten Wohnung in Charkiw

Meine Kollegin Emma in unserer eiskalten Wohnung in Charkiw | Foto: © Sitara Celina Rajh

Da ist Emma, eine der großartigsten Frauen in meinem Leben. Mit ihrer Klugheit stellt sie sich manchmal in den Regen. Kein Platzregen, nur ein Sommerregen, den man dringend braucht. Sie ist so zärtlich. Wenn sie ihren Kopf auf meine Schulter legt, fühle ich mich wieder ganz. Ich bin so dankbar für sie in meinem Leben.

Da ist Margaux. Die roten Locken sind kaum zu übersehen. Zu Überhören ist sie auch nicht. Manchmal schaue ich sie an und finde pure Freude. Ihre Lebenslust ist so einzigartig. Wenn Margaux im Raum ist, ist es immer lustig, und sie entlockt einem noch den letzten Funken Energie.

Da ist Merlin. Mit ihm arbeite ich am engsten zusammen. Bisher. Merlin hat eine Ruhe, die andere zur Verzweiflung bringen würde, aber er ist schlau wie kaum jemand, den ich kenne. Manchmal macht er mich wütend, aber meistens sind wir ein brillantes Team: Während die Straßen brennen, fahre ich das Auto und er navigiert.

Und während ich da sitze, mit den Händen am Lenkrad, denke ich darüber nach, wie es sich anfühlen würde, irgendwann einen Anruf zu bekommen und zu hören, dass einer dieser Menschen tot ist?
 
Gemeinsames Arbeiten am Küchentisch

Gemeinsames Arbeiten am Küchentisch | Foto: © Sitara Celina Rajh

 
Im Treppenhaus unseres Hauses in Charkiw

Im Treppenhaus unseres Hauses in Charkiw | Foto: © Sitara Celina Rajh

Ich mit dem Frontsanitäter „Eminem“ im Feldkrankenhaus

Ich mit dem Frontsanitäter „Eminem“ im Feldkrankenhaus | Foto: © Sitara Celina Rajh

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