Eigentlich schreibe ich alle die hier folgenden Worte, Sätze und Gedankenfetzen in ein kleines Buch, das mich auf fast all meinen Recherchen begleitet. Hier bei JÁDU entscheide ich mich dafür, kleine Einblicke zu geben – in meinen Alltag in einem Land im Krieg.
Ein älterer Kollege hat mir einmal gesagt, es gebe Recherchen, die wirklich etwas verändern – für die Menschen. Und es gebe solche, die einen selbst verändern. Ich glaube, diese hier ist Zweitere.
Zerstörte Kirche an der ehemaligen Frontlinie im Donbas, Oktober 2025. | Foto: © Sitara Celina Rajh
Während der Kämpfe in unmittelbarer Umgebung wurde die Kirche als Feldkrankenhaus genutzt. | Foto: © Sitara Celina Rajh
Alte Munitionskisten verbarrikadieren noch immer die Fenster. | Foto: © Sitara Celina Rajh
Wenn die Männer von den Gräben erzählen, gibt es nichts, was sie an Brutalität überbieten würde.
Doch diese Gewitter sind zu stark. Wenn die Männer von den Gräben erzählen, gibt es nichts, was sie an Brutalität überbieten würde. Sie erzählen von Ausgerissenem und Gliedmaßen, davon, wie sie auf Leichen schliefen, von Kameraden, die sie in den Tod führten, von Schädeln, die mit Schaufeln eingeschlagen wurden, und von dem Ringen um ihr Leben. Wenn Oleksandr dann betrunken genug ist, bricht alles heraus. Dann dreht er die Musik in seinem alten Mercedes auf, öffnet die Türen, wirft sich auf den Boden, schlägt mit den Fäusten auf den Grund und schreit: Warum Gott, warum lebe ich, warum ist Gott tot, warum sind alle anderen tot – denn er wird keine Antwort finden. Er trinkt weiter.
Heute Morgen. Übermorgen. Während ich diesen Text in mein Handy tippe, um ihn in mein kleines Lederbuch zu übertragen, sitze ich auf einem Stuhl neben dem schlafenden Oleksandr. Er ist betrunken, erneut eingeschlafen. Ich befürchte, dass ich ihn anstarre, während mein Kollege Merlin draußen im Gespräch mit seinen Kameraden ist. Der Junge schläft friedlich, als ob nichts wäre. Wenn dann der Klingelton seines Handys ihn weckt, greift er neben sich zur Schnapsflasche, nimmt einen tiefen Schluck, schaut kurz rüber und schließt die Augen wieder. Da sitze ich nun und frage mich, wie zur Hölle man so etwas erzählt, damit Menschen diesen Schmerz begreifen?
Mittagessen auf einer Recherche | Foto: © Sitara Celina Rajh
Unser ukrainischer Producer Volodymyr Pavlov | Foto: © Sitara Celina Rajh
Fronteinsatz: Volodymyr behält die Sicherheitslage im Blick. | Foto: © Sitara Celina Rajh
Soldaten ruhen sich nach dem Einsatz aus. | Foto: © Sitara Celina Rajh
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
April 2026