8. Dezember 2025, Westukraine  Schmerz

Ein durch Bombardierung zerstörtes Wohnhaus
Ein durch Bombardierung zerstörtes Wohnhaus Foto: © Sitara Celina Rajh

Eigentlich schreibe ich alle die hier folgenden Worte, Sätze und Gedankenfetzen in ein kleines Buch, das mich auf fast all meinen Recherchen begleitet. Hier bei JÁDU entscheide ich mich dafür, kleine Einblicke zu geben – in meinen Alltag in einem Land im Krieg.

Ein älterer Kollege hat mir einmal gesagt, es gebe Recherchen, die wirklich etwas verändern – für die Menschen. Und es gebe solche, die einen selbst verändern. Ich glaube, diese hier ist Zweitere.
Wir sitzen in einer Hütte – mit vier jungen Männern. Das weiche Tageslicht säumt den Raum, an den Wänden hängen alte, bunte Teppiche. In ihnen hängt der Geruch von Alkohol, Zigaretten, der Geruch von Hass und Verzweiflung. Blickt man den Männern ins Gesicht, blickt man eigentlich durch sie hindurch. Ihre Augen sind grau, die Zähne ruiniert. Die braune Flasche auf dem Tisch ist noch zu einem Viertel gefüllt. In wenigen Minuten wird sie leer sein, eine Leere, die man fühlen kann. Ein älterer Kollege hat mir einmal gesagt, es gebe Recherchen, die wirklich etwas verändern – für die Menschen. Und es gebe solche, die einen selbst verändern. Ich glaube, diese hier ist Zweitere. So schön die Berge in der Sonne glitzern, so ruhig scheint der Westen des Landes zu sein.
 
Zerstörte Kirche an der ehemaligen Frontlinie im Donbas, Oktober 2025.

Zerstörte Kirche an der ehemaligen Frontlinie im Donbas, Oktober 2025. | Foto: © Sitara Celina Rajh

Während der Kämpfe in unmittelbarer Umgebung wurde die Kirche als Feldkrankenhaus genutzt.

Während der Kämpfe in unmittelbarer Umgebung wurde die Kirche als Feldkrankenhaus genutzt. | Foto: © Sitara Celina Rajh

Alte Munitionskisten verbarrikadieren noch immer die Fenster.

Alte Munitionskisten verbarrikadieren noch immer die Fenster. | Foto: © Sitara Celina Rajh

Wenn die Männer von den Gräben erzählen, gibt es nichts, was sie an Brutalität überbieten würde.
Die Narben des Krieges ziehen sich in jeden Winkel und jede Ecke des Landes, dort, wo nicht gekämpft wird, abseits der Frontlinien, dort im Hinterland tragen die Menschen ihre Kämpfe mit sich selbst aus. Kämpfe, die die Jungs alleine nicht gewinnen können. Wenn sich der Abend über die Felder, die Flüsse und die kleinen Hütten legt, trinkt Oleksandr* sich in den Schlaf. Mondschein ist ein starker Schnaps, ein Schnaps, der gegen das Gewitter im Kopf ankommen soll.

Doch diese Gewitter sind zu stark. Wenn die Männer von den Gräben erzählen, gibt es nichts, was sie an Brutalität überbieten würde. Sie erzählen von Ausgerissenem und Gliedmaßen, davon, wie sie auf Leichen schliefen, von Kameraden, die sie in den Tod führten, von Schädeln, die mit Schaufeln eingeschlagen wurden, und von dem Ringen um ihr Leben. Wenn Oleksandr dann betrunken genug ist, bricht alles heraus. Dann dreht er die Musik in seinem alten Mercedes auf, öffnet die Türen, wirft sich auf den Boden, schlägt mit den Fäusten auf den Grund und schreit: Warum Gott, warum lebe ich, warum ist Gott tot, warum sind alle anderen tot – denn er wird keine Antwort finden. Er trinkt weiter.

Heute Morgen. Übermorgen. Während ich diesen Text in mein Handy tippe, um ihn in mein kleines Lederbuch zu übertragen, sitze ich auf einem Stuhl neben dem schlafenden Oleksandr. Er ist betrunken, erneut eingeschlafen. Ich befürchte, dass ich ihn anstarre, während mein Kollege Merlin draußen im Gespräch mit seinen Kameraden ist. Der Junge schläft friedlich, als ob nichts wäre. Wenn dann der Klingelton seines Handys ihn weckt, greift er neben sich zur Schnapsflasche, nimmt einen tiefen Schluck, schaut kurz rüber und schließt die Augen wieder. Da sitze ich nun und frage mich, wie zur Hölle man so etwas erzählt, damit Menschen diesen Schmerz begreifen?
Mittagessen auf einer Recherche

Mittagessen auf einer Recherche | Foto: © Sitara Celina Rajh

 
Unser ukrainischer Producer Volodymyr Pavlov

Unser ukrainischer Producer Volodymyr Pavlov | Foto: © Sitara Celina Rajh

Fronteinsatz: Volodymyr behält die Sicherheitslage im Blick

Fronteinsatz: Volodymyr behält die Sicherheitslage im Blick. | Foto: © Sitara Celina Rajh

Soldaten ruhen sich nach dem Einsatz aus.

Soldaten ruhen sich nach dem Einsatz aus. | Foto: © Sitara Celina Rajh

* Name geändert

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