30. Dezember 2025, Heimkommen  PTBS

Im Unterstand einer Drohneneinheit an der Frontlinie in der Südukraine
Im Unterstand einer Drohneneinheit an der Frontlinie in der Südukraine Foto: © Sitara Celina Rajh

Eigentlich schreibe ich alle die hier folgenden Worte, Sätze und Gedankenfetzen in ein kleines Buch, das mich auf fast all meinen Recherchen begleitet. Hier bei JÁDU entscheide ich mich dafür, kleine Einblicke zu geben – in meinen Alltag in einem Land im Krieg.

Ich hatte Angst vor dem Heimkehren, ich habe es immer – weil ich weiß, dass nicht der Knall die Schmerzen verursacht, sondern die Stille danach.
Als wäre das Heimkommen jemals einfach gewesen. Als Jana mir nachts um drei die Tür öffnet, bin ich bereits 21 Stunden Auto gefahren. Ich bin so erschöpft und müde, dass ich meine Glieder nur schwer spüren kann. Doch die lange Umarmung lässt mich das alles fast vergessen – manchmal, wenn ich Jana ansehe, bemerke ich, wie viel Liebe sie in ihren Augen trägt. Kein Mensch, mit der ich die Schwere des Krieges hier besprechen könnte.
 
Straße von Kramatorsk nach Druschkiwka, Oblast Donezk

Straße von Kramatorsk nach Druschkiwka, Oblast Donezk | Foto: © Sitara Celina Rajh

Ich würde ihr nicht erzählen, wie der Geruch von Blut und Schweiß die Front-Krankenhäuser bezieht, ich würde nicht erzählen, wie die Ärzte in den Venen des Arms des Soldaten herum stochern. Auch nicht, wie wir in einem Erdloch sitzen und uns vor russischen Drohnen verstecken. Nicht von den weißen Plastiksäcken, in denen sie Leichen transportieren, den Gleitbomben und der unsäglichen Angst vor dem Tod.

All das Grauen würde ich von ihr fernhalten, das denke ich, während ich in ihren Armen liege. Seit Monaten habe ich nicht so viel Wärme empfunden. Ich hatte Angst vor dem Heimkehren, ich habe es immer - weil ich weiß, dass nicht der Knall die Schmerzen verursacht, sondern die Stille danach.
Von meinen Freunden zu Hause in Deutschland verstehen die wenigsten, was ich eigentlich tue und vor allem warum. Oft gibt es nur zwei Vorstellungen, die der Abenteurerin und die der Wahnsinnigen. Ganz ehrlich: Ich denke, keine der beiden ist gänzlich falsch.
 
Die Leichname gefallener ukrainischer Soldaten, die nach einem Austausch an die Ukraine zurückgegeben wurden

Die Leichname gefallener ukrainischer Soldaten, die nach einem Austausch an die Ukraine zurückgegeben wurden | Foto: © Sitara Celina Rajh

Blutfleck auf einer Bahre, Krankenhaus in Druschkiwka

Blutfleck auf einer Bahre, Krankenhaus in Druschkiwka | Foto: © Sitara Celina Rajh

Von meinen Freunden zu Hause in Deutschland verstehen die wenigsten, was ich eigentlich tue und vor allem warum. Oft gibt es nur zwei Vorstellungen, die der Abenteurerin und die der Wahnsinnigen. Ganz ehrlich: Ich denke, keine der beiden ist gänzlich falsch.

Wenn ich irgendwo ankomme, dann sind meine Koffer immer halb gepackt. Meine Schutzausrüstung ist sortiert und falls die nächste Krise irgendwo einfährt, würde alles stehen und liegen lassen. Meine große Liebe, meine besten Freunde und ja auch Jana, die mich noch immer liebevoll in ihren Armen hält. Für all das hab ich mich entschieden.

Die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung sind dieselben geblieben. Das ist es, was ich denke, wenn ich den Feldweg bei einem Spaziergang mit Jana und Ludwig hinauf spaziere.

Goldene Faustregel: sechs Wochen. Sechs Wochen braucht das Nervensystem eines Menschen, um sich wieder an die Ruhe und die Abwesenheit der Gefahr zu gewöhnen.

Sechs Wochen, denke ich; so lange bin ich nicht mal in Deutschland, während mir das Brummen eines Motorrads in der Ferne auffällt, die beiden bemerken es nicht einmal.

Klingt wie eine russische Drohne, denke ich. Bis zu 60 Kilo Sprengstoff -  ich kann nicht zählen wie oft ich das Surren über meinem Kopf hörte — auch nicht, wie oft sie einschlug nur ein paar Kilometer weiter; all das denke ich, während Jana und Ludwig nicht mal ansatzweise auf die Gedanken kommen würden, dass mein Kopf mir diese Streiche spielt.
Meine beste Freundin Jana beim Editieren von Fotos an Weihnachten. Auch Jana ist Fotografin.

Meine beste Freundin Jana beim Editieren von Fotos an Weihnachten. Auch Jana ist Fotografin. | Foto: © Sitara Celina Rajh

Mein Kollege Hlib Fishchenko denkt mal wieder über Rechercheideen nach – wie üblich zu später Stunde.

Mein Kollege Hlib Fishchenko denkt mal wieder über Rechercheideen nach – wie üblich zu später Stunde. | Foto: © Sitara Celina Rajh

 

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