Eigentlich schreibe ich alle die hier folgenden Worte, Sätze und Gedankenfetzen in ein kleines Buch, das mich auf fast all meinen Recherchen begleitet. Hier bei JÁDU entscheide ich mich dafür, kleine Einblicke zu geben – in meinen Alltag in einem Land im Krieg.
Ich hatte Angst vor dem Heimkehren, ich habe es immer – weil ich weiß, dass nicht der Knall die Schmerzen verursacht, sondern die Stille danach.
Straße von Kramatorsk nach Druschkiwka, Oblast Donezk | Foto: © Sitara Celina Rajh
All das Grauen würde ich von ihr fernhalten, das denke ich, während ich in ihren Armen liege. Seit Monaten habe ich nicht so viel Wärme empfunden. Ich hatte Angst vor dem Heimkehren, ich habe es immer - weil ich weiß, dass nicht der Knall die Schmerzen verursacht, sondern die Stille danach.
Von meinen Freunden zu Hause in Deutschland verstehen die wenigsten, was ich eigentlich tue und vor allem warum. Oft gibt es nur zwei Vorstellungen, die der Abenteurerin und die der Wahnsinnigen. Ganz ehrlich: Ich denke, keine der beiden ist gänzlich falsch.
Die Leichname gefallener ukrainischer Soldaten, die nach einem Austausch an die Ukraine zurückgegeben wurden | Foto: © Sitara Celina Rajh
Blutfleck auf einer Bahre, Krankenhaus in Druschkiwka | Foto: © Sitara Celina Rajh
Wenn ich irgendwo ankomme, dann sind meine Koffer immer halb gepackt. Meine Schutzausrüstung ist sortiert und falls die nächste Krise irgendwo einfährt, würde alles stehen und liegen lassen. Meine große Liebe, meine besten Freunde und ja auch Jana, die mich noch immer liebevoll in ihren Armen hält. Für all das hab ich mich entschieden.
Die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung sind dieselben geblieben. Das ist es, was ich denke, wenn ich den Feldweg bei einem Spaziergang mit Jana und Ludwig hinauf spaziere.
Goldene Faustregel: sechs Wochen. Sechs Wochen braucht das Nervensystem eines Menschen, um sich wieder an die Ruhe und die Abwesenheit der Gefahr zu gewöhnen.
Sechs Wochen, denke ich; so lange bin ich nicht mal in Deutschland, während mir das Brummen eines Motorrads in der Ferne auffällt, die beiden bemerken es nicht einmal.
Klingt wie eine russische Drohne, denke ich. Bis zu 60 Kilo Sprengstoff - ich kann nicht zählen wie oft ich das Surren über meinem Kopf hörte — auch nicht, wie oft sie einschlug nur ein paar Kilometer weiter; all das denke ich, während Jana und Ludwig nicht mal ansatzweise auf die Gedanken kommen würden, dass mein Kopf mir diese Streiche spielt.
Meine beste Freundin Jana beim Editieren von Fotos an Weihnachten. Auch Jana ist Fotografin. | Foto: © Sitara Celina Rajh
Mein Kollege Hlib Fishchenko denkt mal wieder über Rechercheideen nach – wie üblich zu später Stunde. | Foto: © Sitara Celina Rajh
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
April 2026