Eigentlich schreibe ich alle die hier folgenden Worte, Sätze und Gedankenfetzen in ein kleines Buch, das mich auf fast all meinen Recherchen begleitet. Hier bei JÁDU entscheide ich mich dafür, kleine Einblicke zu geben – in meinen Alltag in einem Land im Krieg.
Ihr Sohn, tot. Er war Soldat. Im Wohnzimmer hängt ein Foto, das Einzige, was sie mitnehmen würde. Wann sie gehen muss, weiß sie nicht. Ob sie Angst hat, fragt meine Kollegin Andrea –
„Jeden Tag“.
Wenn Mykola* die Augen schließt, zittert sein rechtes Augenlid. Er hört nicht auf zu reden, erzählt und erzählt, seine Worte drehen sich im Kreis. Egal, wohin er versucht abzubiegen – er landet wieder bei derselben Situation. Die Drohne, die seiner Frau den Arm abriss. Und wie er versucht, Hilfe zu holen, aber niemand sie erreichen kann. Und dann wieder: Die Drohne. Ein lauter Knall. Er fuchtelt mit den Händen: BOM BOM. Wo ist seine Frau? Mykola holt Luft, er erzählt von dem Erdloch, in dem er sie begrub, bevor er zu fliehen versuchte. Überall Leichen, keiner kann sie mehr einsammeln; die Front ist viel zu nah. Wer soll die leblosen Körper noch einsammeln? Er schaffte es raus, raus aus Kostjantyniwka – seine Nachbarin hat noch Splitterwunden im Gesicht. Er am Bein. Und während sein rechtes Augenlid immer noch zittert, denke ich nur: Welch ein Wunder, dass er überlebt hat.
Es ist Ende März, und es ist laut in Kramatorsk. Zweimal heute schon begegneten wir einer russischen FPV-Drohne. Eigentlich sind sie überall in der Stadt. Ein anderes Mal mussten wir uns in einem Café auf den Boden werfen, wegen des Einschlags einer Gleitbombe – die einem 12-Jährigen das Leben kostete. Die Männer neben uns lachten. Sie scheinen daran gewöhnt. Ich, meine Kolleginnen – wir nicht.
Ich frage mich nur:
Wie gewöhnt man sich überhaupt an Krieg?
Gar nicht, sagt Walentina*, die in ihrem Garten sitzt und weint. Die russischen Truppen – 12 Kilometer entfernt. Ihr Sohn, tot. Er war Soldat. Im Wohnzimmer hängt ein Foto, das Einzige, was sie mitnehmen würde. Wann sie gehen muss, weiß sie nicht. Ob sie Angst hat, fragt meine Kollegin Andrea –
„Jeden Tag“.
In dem Haus gegenüber brennt abends Licht. Das einzige Licht, das noch brennt in der Straße. Eine Frontstadt, in Dunkelheit gehüllt. Nur die Scheinwerfer der Soldaten sind heller, die nachts auf Mission fahren – manche werden nie wieder zurückkommen. Manche werden schwer verletzt. Ich fotografiere, drücke ab, sende die Fotos an die Redaktion, und dann? Dann wird Walentina morgen noch immer weinend in ihrem Garten sitzen, Menschen wie Mykola evakuiert werden müssen – und Soldaten ihren letzten Atemzug tun.
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES