Journalismus in der Corona-Krise
„Wir sind darauf angewiesen, nicht in unseren Fantasien steckenzubleiben“

Journalist und Medienwissenschaftler Tanjev Schultz Foto: Heike Huslage-Koch, CC BY-SA 4.0

Das Bedürfnis nach zuverlässigen Informationen ist in Krisenzeiten viel stärker als sonst. In der Corona-Krise sieht der Medienwissenschaftler Tanjev Schultz deshalb eine beispiellose Herausforderung für den Journalismus — aber auch große Chancen.

Im Moment sehen wir einen vergleichsweise großen Konsens nicht nur der politischen Lager, sondern auch in der Medienlandschaft. Die Frage ist, ob und wann sich das ändert.“

In der Corona-Krise ist die Nachfrage nach dem Angebot der öffentlich-rechtlichen und anderer großer Medien deutlich gestiegen. Zeigt dieser Zuspruch ein neues Vertrauen in die etablierten Medien?

Die Medien können jetzt darauf aufbauen, dass das Vertrauen in den vergangenen Jahren ohnehin nicht so weit erodiert ist, wie das manchmal in aufgeregten Debatten — Stichwort „Lügenpresse“-Vorwürfe — den Eindruck machte. Das Grundvertrauen in die etablierten Medien ist in Deutschland, auch im Vergleich zu Staaten wie den USA, vergleichsweise hoch. Aber es ist tatsächlich so, dass es in Krisenzeiten ein viel stärkeres Bedürfnis nach Nachrichten gibt, nach denen man sich buchstäblich richten kann. Laut einer repräsentativen Umfrage, die Kollegen des Instituts für Publizistik in Mainz durchführen ließen, ist fast die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland der Ansicht, dass man sich in der aktuellen Krisensituation auf die etablierten Medien verlassen kann. Weitere 34 Prozent stimmen der Aussage zumindest teilweise zu. Nur 18 Prozent sind grundsätzlich misstrauisch. Damit ist das Vertrauen in die Medien in der Corona-Krise insgesamt etwas größer als sonst.

Die Berichterstattung in der Corona-Krise scheint regelrecht ent-polarisiert. Ist das auch ein Grund für das große Vertrauen in die Medien zu Krisenzeiten?

Wir sehen klar, dass das Vertrauen der Menschen auch davon abhängt, um welche Themen es geht. Sehr umstrittene Themen führen zu einer stärkeren Polarisierung insgesamt und damit auch zu Kritik an den Medien. Im Moment sehen wir in Deutschland einen vergleichsweise großen Konsens nicht nur der politischen Lager, sondern auch in der Medienlandschaft. Die Frage ist, ob und wann sich das ändert. Schon jetzt gibt es einige kritische Stimmen, etwa mit Blick auf die Frage, wie lange eine Ausgangsbeschränkung aufrechterhalten werden kann. Auch gibt es Stimmen, die den Konsens in den Medien zu harmonisch finden. Möglich ist, dass dieses Gesamtvertrauen, das sich in den großen Schockwochen entwickelt hat, in einiger Zeit etwas abbröckelt.
 

Eine Demokratie lebt auch vom Streiten, aber vom zivilen, sachlich orientierten Streiten. Wenn das der Gesellschaft in dieser Krise besser gelingt als sonst, fände ich das sehr heilsam.“

In der Krise scheint sich der allgemeine Tonfall auch zwischen den Anhängern verschiedener Positionen verändert zu haben. Debatten in Talkshows werden mit deutlich weniger Schärfe geführt werden als man es etwa aus Diskussionsrunden zur Flüchtlingspolitik kennt. Ist diese Art der Debatte vielleicht sogar produktiver — oder bräuchte es mehr von der Konfrontation, die wir bei anderen Themen erleben?

Ich glaube schon, dass es wichtig wäre, jetzt auch zu lernen, sachorientiert zu streiten und zugleich anzuerkennen, dass nicht alles determiniert ist, auch nicht von der Wissenschaft. In der Krise muss allen — bei einer gewissen Zurückhaltung und Demut — bewusst sein, dass unter Umständen falsche Entscheidungen getroffen werden, ohne dass das böse Absicht ist. Mein Eindruck ist, dass viele Medien dazu bereit sind, den in Deutschland an Entscheidungen beteiligten Politikern zu Gute zu halten, dass sie in der Krise ihr Bestes geben. Die Kunst ist es jetzt, sich als Journalist trotzdem nicht einlullen zu lassen, weiterhin wachsam zu sein und kritisch nachzuhaken, wann immer es um problematische Entscheidungen geht. Das ist ein schmaler Grat. Natürlich lebt eine Demokratie auch vom Streiten, aber vom zivilen, sachlich orientierten Streiten. Wenn das der Gesellschaft in dieser Krise besser gelingt als sonst und ihr das stärker bewusst wird, fände ich das sehr heilsam.

Manche Medien haben ihre Paywall in der Krise entfernt, um den Lesern zu ermöglichen, sich seriös über die Pandemie zu informieren. Halten Sie das für begrüßenswert?

Das ist ein sehr ehrenwerter Zug dieser Medien und die Hoffnung ist, dass es ihnen letztlich doch entlohnt wird. Dass sie neue Leser gewinnen, die irgendwann bereit sind, für diese Angebote Geld auszugeben. Ich kann es aber keinem Verlag verdenken, wenn er jetzt sein gutes Hintergrundmaterial weiterhin mit einer Paywall versieht. Die Grundinformationen in Deutschland sind für alle durch die öffentlich-rechtlichen Angebote gewährleistet, und in einer Zeit, in der Verlage wegen der Wirtschaftskrise große Anzeigeneinbrüche haben, jetzt auch noch auf Einnahmen zu verzichten, ist für viele kaum leistbar.
 

Eine Riesenchance ist, dass der Bevölkerung noch klarer werden kann, wie wichtig gute, seriöse Informationen, Quellen und Medien sind.“

Wissenschaftler betonen die vielen Ungewissheiten in Bezug auf das Coronavirus. Wie kann Journalismus dem Informationsbedürfnis der Menschen angemessen begegnen, wenn Erkenntnisse über die Pandemie quasi erst in Echtzeit entstehen und jeder journalistische Artikel eigentlich nur eine Momentaufnahme des aktuellen Wissensstandes ist?

Wichtig ist, dass Redaktionen verschiedene Geschwindigkeiten zulassen und dass es neben der tagesaktuellen Berichterstattung Teams gibt, die sich zum Beispiel mit komplizierteren Datenanalysen befassen. Redaktionen dürfen nicht nur das Aktuelle bedienen — was allein schon eine riesige Herausforderung ist angesichts der großen Menge an wichtigen Nachrichten — sondern müssen auch eine tiefgründige Hintergrundberichterstattung liefern. Besonders schwierig ist das für kleinere Redaktionen und den Regionaljournalismus. Geschichten vor Ort zu recherchieren, ist nur noch bedingt möglich. Dabei wäre es interessant, näher ranzukommen etwa an die Zustände in den Krankenhäusern. Wir sind alle darauf angewiesen, dass wir nicht nur reine Zahlengebäude bekommen, sondern uns ein besseres Bild von der Krise machen können. Dass wir also nicht in unseren Fantasien steckenbleiben. In dieser Situation lastet sehr viel Verantwortung auf dem Journalismus, auch für ihn ist es eine Ausnahmesituation. Dabei muss er auch ethisch anständig arbeiten und beispielsweise manche Leute erst mal in Ruhe lassen, beispielsweise Kranke oder unter Hochdruck arbeitende Ärzte und Pfleger.

Der Wissenschaftsjournalismus erlebt gerade eine regelrechte Blütezeit. Bietet die Corona-Krise dem Journalismus auch Chancen?

Eine Riesenchance ist, dass der Bevölkerung noch klarer werden kann, wie wichtig gute, seriöse Informationen, Quellen und Medien sind und wie wichtig der Journalismus ist. Zweitens wäre es schön, wenn mehr Medienunternehmen erkennen würden, dass es sich wirklich lohnt, mit Wissenschaftsjournalisten Qualifikationen in den Redaktionen aufzubauen, die mit komplizierten Themen umzugehen wissen. Es bräuchte viel mehr gut ausgebildete Wissenschaftsjournalisten, das leisten sich aber die wenigsten Redaktionen. Die dritte Chance ist, dass im Journalismus generell der Blick fürs Wesentliche geschärft wird. Welches sind die kleinen Themen, an denen man sich ewig aufreibt, und wo sind die großen Linien und Herausforderungen der Politik und der Weltentwicklung? Für uns alle als Bürger werden die Prioritäten gerade neu gesetzt. Das ist auch im Journalismus nicht verkehrt, sowohl bei den Prozessen der Arbeitsorganisation als auch bei der Betreuung der Themen selbst. Daraus kann noch etwas Gutes erwachsen.
 

Tanjev Schultz (*1974) ist Professor am Journalistischen Seminar und am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zuvor war er Politik-Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, für die er weiterhin schreibt.

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