Klimaschock  Wohin verschwindet das Wasser?

In etlichen Ländern sind die Süßwasservorräte bereits so weit erschöpft, dass sie sich nicht mehr regenerieren können Illustration: © Tetiana Kostyk

Die UNO hat den Beginn eines „Wasserbankrotts“ auf der Erde angekündigt – in etlichen Ländern sind die Süßwasservorräte bereits so weit erschöpft, dass sie sich nicht mehr regenerieren können. Wie stellt sich die Lage in der Ukraine und ihren europäischen Nachbarländern dar? Ein Interview mit Iwan Sawtschuk, Wirtschaftsgeograf und assoziierter Forscher am Labor Géographie-cités der École des Hautes Études en Sciences Sociales (Schule für fortgeschrittene Studien in den Sozialwissenschaften) in Paris.

Angesichts des Krieges, von Klimaschocks und der Annäherung an die EU rückt die Wasserfrage in der Ukraine zunehmend in den Vordergrund, auch wenn sie nicht immer in den Schlagzeilen steht. Die Situation ist komplex: Sie reicht von der Zerstörung des Kachowka-Staudamms und dem damit verbundenen Verlust von 70 Prozent der bewässerten Reisanbauflächen bis hin zu Wasserüberschüssen in Polissja und kritischem Wasserstress [das heißt es gibt so wenig Wasser, dass die Ökosysteme ihre natürliche Funktion nicht mehr aufrechterhalten können – Anm. d. Red.] im Süden und Osten. Warum ist die Qualität des Leitungswassers in Kyjiw schlechter als in Paris oder Berlin? Warum erwies sich das zentralisierte System aus sowjetischer Zeit während der Bombardierungen als strategische Achillesferse? Und wie lebt Europa schon seit langem nach dem Motto „Wasser ist kein Geschenk, sondern eine Ressource“, mit der sparsam umgegangen werden muss? Iwan Sawtschuk spricht über reale Herausforderungen, schmerzhafte Lektionen und die unvermeidliche Anpassung, die wir durchlaufen müssen.

In Anbetracht des russischen Krieges gegen die Ukraine scheint das Problem der Wasserknappheit in den Hintergrund gerückt zu sein. Doch wie sieht die Wassersituation in der Ukraine überhaupt aus?

Die Ukraine gehört zu den Ländern mit Wasserknappheit. Dies hängt mit mehreren Faktoren zusammen: dem hohen Wasserverbrauch in der Landwirtschaft (insbesondere durch Bodenerosion und intensive Landwirtschaft), der Entwicklung der Geflügel- und Viehzucht sowie regionalen Unterschieden.

Was zeichnet die einzelnen Regionen aus?

Im Norden, in Polissja an der Grenze zu Russland und Belarus, gibt es genug Wasser, denn nach dem Ende der sowjetischen Politik der Sumpftrockenlegung stellt sich die natürliche Überwässerung wieder her. Allerdings leben dort nur wenige Menschen. Der Süden und Osten der Ukraine hingegen leiden unter Wasserstress, weshalb dort vor allem Sonnenblumen angebaut werden. Vor dem Krieg begann man zudem damit, den Anbau von Sorghumhirse als die trockenheitsresistenteste Getreideart auszudehnen. Gerade die Trockenresistenz von Sorghum ermöglichte eine Vergrößerung der Anbauflächen unter den Bedingungen des Wassermangels.

Wie hat sich der Krieg auf den Wasserhaushalt ausgewirkt?

Durch die Zerstörung der Bewässerungssysteme [insbesondere nach der Sprengung des Wasserkraftwerks Kachowka durch russische Truppen am 6. Juni 2023, Anm. d. Red.] wurden 70 Prozent der bewässerten Flächen für den Reisanbau – die Kulturpflanze mit dem höchsten Wasserverbrauch (fast tausend Liter pro Tonne) – stillgelegt. Dies hat den Gesamtwasserverbrauch im Agrarsektor erheblich reduziert. Gleichzeitig gingen die Bevölkerungszahl und die industrielle Produktion zurück, was zu einem Rückgang des Süßwasserverbrauchs führte.
Iwan Sawtschuk, Wirtschaftsgeograf und assoziierter Forscher am Labor Géographie-cités der École des Hautes Études en Sciences Sociales (Schule für fortgeschrittene Studien in den Sozialwissenschaften) in Paris

Iwan Sawtschuk, Wirtschaftsgeograf und assoziierter Forscher am Labor Géographie-cités der École des Hautes Études en Sciences Sociales (Schule für fortgeschrittene Studien in den Sozialwissenschaften) in Paris | Forto: © Privatarchiv

Welche Rolle spielen die Stauseen am Dnipro für die Ukraine?

Die Stauseen am Dnipro (Kyjiw, Kaniw, Krementschuk und weitere) wurden in erster Linie für die Landwirtschaft und nicht nur für die Energieerzeugung oder die Schifffahrt angelegt. Sie sicherten in Dürrejahren die Wasserversorgung der Städte, insbesondere die von Kyjiw. Aufgrund der Kampfhandlungen ist die Regulierung des Abflusses derzeit jedoch fast vollständig eingestellt, was sich direkt auf den Wasserhaushalt auswirkt.

Wie sieht es mit der Wasserqualität und der Abwasserreinigung aus?

Das stehende Wasser der Stauseen sorgt zwar für ausreichende Mengen, die Wasserqualität ist jedoch nicht die beste. Gleichzeitig hat sich die Deindustrialisierung nach dem Zusammenbruch der UdSSR positiv auf die Wasserqualität ausgewirkt: Die Verschmutzung des Dnipro ist deutlich geringer als in großen europäischen Flüssen wie dem Rhein bei Rotterdam oder der Seine in Paris. Das heißt, die Wasserverschmutzung in Europa ist oft gerade wegen der längeren Geschichte der Industrialisierung größer.

Gibt es positive Aspekte in der aktuellen Situation?

In diesem Jahr werden die Stauseen dank der großen Schneemengen gut gefüllt sein, sodass sogar ein Ablassen von Wasser möglich ist. Der Rückgang der Bevölkerung und der industriellen Produktion führt zu einem geringeren Wasserverbrauch. Außerdem gehören die Ukrainer nicht zu den größten Wasserverbrauchern in Europa: Im Gegensatz zu den Westeuropäern, die oft zweimal täglich duschen, ist es bei uns noch nicht einmal überall üblich, einmal am Tag zu duschen.

Wie sieht es mit der zukünftigen Wasserversorgung aus?

Wie bereits erwähnt, ist die Wasserbilanz regional sehr unterschiedlich: In Polissja gibt es stellenweise sogar einen Überschuss, doch ohne Stauseen würde der Wasserstand des Dnipro schnell sinken. Belarus setzt die Entwässerung und intensive Landwirtschaft in dieser Region fort, wodurch der Wasserzufluss zum Dnipro verringert wird. Abhilfe schaffen die Biosphärenreservate in der Tschernobyl-Zone, in denen weder auf ukrainischer noch auf belarusischer Seite derartige Arbeiten durchführt werden. Perspektivisch sind die Modernisierung der bestehenden Wasserkraftwerke mit moderner Technik, die Inbetriebnahme aller geplanten Aggregate am Dnister-Pumpspeicherkraftwerk sowie die mögliche Wiederaufnahme des Projekts des Kaniw-Pumpspeicherkraftwerks zur Stabilisierung der Energieversorgung denkbar. Zudem ist der Übergang zu einer effizienteren Bewässerung auf Basis von Tropftechnologien ein wichtiger Schritt. Der Krieg verringert zwar den Verbrauch, aber der Klimawandel und die Zerstörung der Infrastruktur erhöhen gleichzeitig die Risiken.

Sie haben die Wasserqualität von Dnipro, Rhein und Seine erwähnt. Warum ist dann das Leitungswasser in Kyjiw von schlechterer Qualität als zum Beispiel in Paris, obwohl das Flusswasser bei Kyjiw besser ist als in vielen europäischen Hauptstädten?

Weil in Europa die Wasseraufbereitung ein mehrstufiger Prozess ist: Sedimentierung, mechanische und chemische Behandlung sowie mehrere Filterstufen. In Paris gibt es zum Beispiel ein besonderes Problem – einen sehr hohen Kalziumgehalt im Leitungswasser. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Trinkwasser überwiegend aus artesischen Brunnen gepumpt und dann auf die erforderlichen Standards gebracht wird. In der Ukraine wird die Modernisierung der Wasserversorgung und Kläranlagen wegen fehlender Mittel nur langsam vorangetrieben. Selbst in der Hauptstadt wurde die letzte große Sanierung der Bortnytschi-Station [die Hauptkläranlage von Kyjiw und Umgebung, die mehr als drei Millionen Menschen versorgt; die Modernisierungsarbeiten begannen 2015 und werden bis 2027 dauern – Anm. d. Red.] mit einem japanischen Kredit finanziert. In anderen Städten gab es keine derart umfangreichen Projekte.

Die Russische Föderation greift insbesondere die Heizkraftwerke großer Städte an. Besonders schwierig ist die Lage in Kyjiw und Charkiw. Liegt die Hauptursache für die aktuellen Probleme mit der Wasserversorgung und Heizung im zentralisierten sowjetischen System?

Ja, genau darin. Alle Hauptleitungen, Heizkraftwerke und Abwassersysteme wurden vor 60 bis 70 Jahren nach einheitlichen, in Moskau abgestimmten sowjetischen Standardprojekten gebaut. Wenn eine große Hauptleitung beschädigt wird, sind sofort Zehntausende Menschen ohne Wasser und Wärme. In Westeuropa überwiegt das dezentrale Modell: Jedes Haus oder jeder Stadtteil hat einen eigenen Heizraum oder Heizpunkt. Es ist praktisch unmöglich, alle gleichzeitig zu zerstören.

Hatten andere Länder nach dem Zusammenbruch politischer Systeme ähnliche Probleme?

Ja, ein sehr anschauliches Beispiel ist Ostdeutschland nach der Wende. In vielen Städten ging die Einwohnerzahl drastisch zurück, die Häuser standen halb leer, aber die zentralisierten Netze funktionierten weiter. Es wurde wirtschaftlich unrentabel, sie zu unterhalten: Die verbliebenen Bewohner wollten nicht für das gesamte Haus bezahlen. Infolgedessen haben die Behörden entweder die Menschen umgesiedelt oder für den Umzug in besser ausgelastete Häuser bezahlt, und die leeren Hochhäuser wurden einfach abgerissen und die Flächen begrünt.

Nähert sich Kyjiw einer ähnlichen Situation?

Sehr sogar. Neue Wohnviertel werden einfach an die alten, abgenutzten Netze „angehängt”. Die Belastung steigt, und jeder Unfall auf der Hauptleitung legt ganze Stadtteile lahm. Die Modernisierung der Rohre ist jedoch nur eine vorübergehende Erleichterung. Eine radikale Lösung wäre der Übergang zum europäischen Modell: Die Wohnungseigentümergemeinschaft erhält Kaltwasser und Abwasser, während die Heizung und das Warmwasser durch einen eigenen Heizraum des Hauses oder Viertels bereitgestellt werden.

Gibt es eine Alternative zur vollständigen Dezentralisierung?

Ja, ein Ringnetz, wie es in vielen großen europäischen Städten existiert. Fällt ein Abschnitt aus, wird die Versorgung auf andere Zweige umgeleitet. Zwar ist dies in der Bauphase teurer, auf lange Sicht ist es jedoch wesentlich zuverlässiger und sicherer. Außerdem verringert es die Abhängigkeit von einer oder zwei riesigen Kläranlagen wie der in Bortnytschi.
In Europa gibt es mittlerweile kaum noch Oberflächen- oder Grundwasser in zugänglichen Tiefen, das kein Mikroplastik enthält – selbst in den Gletschern der Schweizer Alpen nicht.“

Warum halten wir immer noch am sowjetischen Modell fest?

Das liegt an der Trägheit des Denkens, dem Mangel an finanziellen Mitteln und dem stark zentralisierten System der Stadtverwaltung. In den EU-Ländern haben Stadtteile und Wohnungseigentümergemeinschaften viel mehr Befugnisse und Verantwortung als in Kyjiw. Bei uns wird alles „von oben“ entschieden, und lokale Initiativen gibt es kaum. Außerdem leben wir immer noch in einer „Wirtschaft der Bußgelder“: Unternehmen verursachen massive Umweltverschmutzung, zahlen eine Strafe – und das war‘s. Anstelle von Modernisierung und Prävention entstehen lediglich immer höhere Kosten.

Die wichtigsten Herausforderungen sind eine veraltete zentralisierte Infrastruktur, mangelnde Dezentralisierung und unzureichende Finanzierung. Ohne systemische Veränderungen – Dezentralisierung, Ringnetze, Modernisierung von Wohnungseigentümergemeinschaften – werden die Risiken von Unfällen sowie sanitären und epidemiologischen Katastrophen nur noch zunehmen.

Wenden wir uns nun Westeuropa zu, das eine längere Geschichte der industriellen Entwicklung hat. Wann wurde das Problem der Wasserqualität dort erstmals ernsthaft als gesellschaftliche Bedrohung wahrgenommen?

Bereits in den 1970er Jahren wurde das Problem auf gesellschaftlicher und parlamentarischer Ebene thematisiert. Auslöser war die massive Verschmutzung des Grundwassers durch Pestizide, Herbizide und Nitrate aus chemischen Pflanzenschutz- und Düngemitteln. In den 1960er Jahren wurde den Landwirten in Spanien, Italien und Frankreich massenhaft erlaubt, Brunnen zu bohren, da es nicht genügend sauberes Oberflächenwasser gab. Die Folge war eine großflächige Verschmutzung des Grundwassers. Als besonders gefährlich erwies sich Atrazin, ein starkes Karzinogen. In Spanien wurde Atrazin bereits in den 1980er Jahren im Grundwasser nachgewiesen. Damals begannen die ersten strengen Beschränkungen, Wasserdirektiven und nationale Programme zur Sanierung von Flüssen. Zudem wurde der Wirtschaftskreislauf schrittweise von den giftigsten Stoffen befreit [Atrazin wurde 2004 auf EU-Ebene verboten, Anm. d. Red.].

Und was ist derzeit das Hauptthema in Bezug auf die Wasserverschmutzung in Europa?

Mikroplastik. Studien zeigen, dass es in Europa mittlerweile kaum noch Oberflächen- oder Grundwasser in zugänglichen Tiefen gibt, das kein Mikroplastik enthält – selbst in den Gletschern der Schweizer Alpen nicht [eine der renommiertesten Studien in Deutschland: Investigation of microplastics contamination in drinking water of a German city — ScienceDirect, — Anm. d. Red.]. Sogar artesisches Wasser, aus dem in vielen Ländern Trinkwasser gewonnen wird, ist bereits belastet. Mikroplastik reichert sich im Laufe des Lebens im Körper an. Obwohl die Einzeldosen winzig sind, bereitet der Langzeiteffekt Wissenschaftlern und Regulierungsbehörden große Sorge.

Ein weiteres Problem ist die Rekonversion („Sanierung“) ehemaliger Schwerindustriegebiete. Verlassene Metallurgie-, Chemie- und Kohleunternehmen haben jahrzehntelang die Umwelt mit Schwermetallen wie Blei, Cadmium, Quecksilber und Arsen belastet, die in den Boden und das Oberflächenwasser gelangten. Seit den 1980er Jahren hat Europa im Rahmen groß angelegter Sanierungsprogramme enorme Mittel aufgewendet, um dieses Erbe zu minimieren. Viele Standorte stehen jedoch immer noch unter ständiger Überwachung.

Drittens: Seit den 2000er Jahren werden in den Alpen verstärkt kleine Dämme und Wasserkraftwerke zurückgebaut, um den natürlichen Flusslauf, die Fischwanderung und die Selbstreinigung der Ökosysteme wiederherzustellen. Es hat sich gezeigt, dass die weitgehende Rückkehr zum natürlichen Zustand ohne übermäßige menschliche Eingriffe die effektivste Form der Renaturierung ist.

Noch ein wichtiger Punkt: Seit den 1990er Jahren und insbesondere seit den 2000er Jahren sind Landwirte in vielen EU-Ländern, die im Rahmen der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik Direktzahlungen erhalten, verpflichtet, 10 bis 25 Prozent ihrer Flächen für die Wiederherstellung natürlicher Ökosysteme (Wiesen, Feuchtgebiete, Flussufer, Pufferzonen von Wasserentnahmestellen) zu reservieren. Warum hat man sich dazu entschieden? Weil die Länder der damaligen Europäischen Gemeinschaft bereits in den 1970er Jahren die Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln erreicht hatten. Die Quantität war für die Landwirtschaft nicht mehr entscheidend, sondern die Qualität und Sicherheit der Lebensmittel. Heute werden in einigen Ländern der Europäischen Union, wie beispielsweise Deutschland oder Tschechien, bis zu 10 bis 15 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche biologisch bewirtschaftet. Dabei wird zwar ein um etwa 30 Prozent geringerer Ertrag erzielt, dafür ist die Qualität deutlich höher und der Wasserverbrauch geringer.

Das unterscheidet sich stark von den Agrarholdings in der Ukraine, bei denen der Skaleneffekt und möglichst schnelle Gewinne im Vordergrund stehen...

In der Ukraine dominiert nach wie vor die Logik „Wir vergrößern die Anbaufläche – und erzielen um jeden Preis eine hohe Ernte“. Agrarunternehmen spezialisieren sich oft auf nur zwei bis drei Kulturen (Sonnenblumen, Mais und Weizen), die sich am leichtesten auf dem Weltmarkt verkaufen lassen. Die Nichteinhaltung der Fruchtfolge und die geringe Sortenvielfalt unter den Bedingungen der Monokultur machen die heimische Getreidewirtschaft extrem anfällig für Wasserstress. Ein Beispiel: In den Jahren 2024 und 2025 gab es einen warmen, schneearmen Winter, einen trockenen Frühling und ausbleibende Regenfälle in der kritischen Phase, sodass viele Felder während des außenordentlich heißen Sommers buchstäblich verbrannten. Zwar sind die Erträge der drei Hauptkulturen drastisch gesunken, doch dank großen Anbauflächen konnten die Agrarunternehmen ihre Rentabilität halten. Dies ist ein Modell, das auf kurzfristigen Profit ausgerichtet ist und nicht auf Nachhaltigkeit oder eine langfristige, umweltfreundliche Entwicklung.
Forderungen nach Dekarbonisierung, geschlossenen Konsumkreisläufen und Ökosteuern klingen für uns oft abstrakt oder gar beleidigend.“

Gibt es in der Ukraine bestimmte Unternehmen, die die Umwelt verschmutzen und die es in der EU so kaum noch gibt?

Ja, das sind große Bergbau- und Aufbereitungsanlagen sowie Steinbrüche. Die Einleitung von verschmutztem und verbrauchtem Gruben- und Abwasser mineralisiert Oberflächen- und Grundwasser, oft so stark, dass es für Trinkwasserversorgung und Bewässerung unbrauchbar wird. Besonders akut ist dieses Problem im Eisenerzbecken von Krywyj Rih. Europa hat diese Problematik bereits in den 1990er Jahren weitgehend gelöst, indem neue, strenge Anforderungen an die Qualität der Abwassereinleitung eingeführt wurden. Derzeit findet der bedeutendste Erzabbau im Norden Schwedens (Lagerstätte Kiruna) statt – unter extremen natürlichen Bedingungen, aber unter strengster Umweltkontrolle.

Warum verstehen ukrainische Industrielle und Beamt*innen die europäischen Anforderungen oft nicht?

Weil wir uns auf grundsätzlich unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden. Westeuropa hat den Höhepunkt der Industrialisierung vor 60 bis 70 Jahren durchlaufen, wir erst vor etwa 30 bis 40 Jahren. Bei uns gilt nach wie vor oft: „Je teurer das Auto, desto höher der soziale Status“, während in vielen EU-Ländern die übertriebene Zurschaustellung von Reichtum längst als geschmacklos gilt. Forderungen nach Dekarbonisierung, geschlossenen Konsumkreisläufen und Ökosteuern klingen für uns daher oft abstrakt oder gar beleidigend.

Welche Auflagen der Europäischen Union schränken die ukrainische Metallurgie bereits jetzt ein?

Die strengsten sind der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) und die Umweltzertifikate für den Export von Stahl und Walzprodukten. Ohne die Einhaltung der europäischen CO₂-Emissionsnormen werden Produkte entweder gar nicht erst für den EU-Markt zugelassen oder es fallen enorme Ausgleichszahlungen (Zölle) an. Und das unter der Voraussetzung, dass Quoten vorhanden sind. Dies zwingt die Eigentümer heimischer Werke dazu, ihre Technologien zu modernisieren, Emissionen zu reduzieren und auf weniger energieintensive Verfahren umzustellen.

Und welche Erwartungen bestehen im Hinblick auf die europäische Integration für den Agrarsektor der Ukraine?

Der Druck ist hier deutlich geringer, aber dennoch spürbar. Im Rahmen des Assoziierungsabkommens und der Freihandelszone gelten bereits jetzt Quoten und Anforderungen zur Einhaltung der europäischen Gesundheits- und Pflanzenschutznormen. Am wichtigsten sind dabei: das Verbot oder die strenge Beschränkung der aggressivsten Pestizide und Herbizide (insbesondere jener, die in der EU nicht zugelassen sind); die Kontrolle von Pestizidrückständen in Endprodukten (z. B. Sonnenblumenöl, Honig, Eiern, Fleisch, Milch) sowie die Einhaltung von Grenzwerten für Antibiotika, Wachstumshormone und Zusatzstoffe in der Tierhaltung.

Natürlich gibt es in der EU keinen einheitlichen, starren Standard – jedes Land legt eigene zusätzliche Anforderungen fest. In Polen, Tschechien und der Slowakei sind diese milder, in Frankreich, Deutschland und Österreich deutlich strenger. Daher lassen viele ukrainische Exporteure ihre Produkte zunächst für die „leichteren“ Länder zertifizieren, um sie dann dank des freien Warenverkehrs in der gesamten EU zu vertreiben. Genau deshalb reagieren polnische Landwirte so „begeistert“ auf ukrainische Agrarprodukte.

Polnische und viele andere europäische Landwirt*innen erhalten Subventionen aus dem Fonds der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU, müssen dafür aber strenge Standards einhalten, beispielsweise hinsichtlich der Fruchtfolge und des Einsatzes von Chemikalien und so weiter. In der Ukraine dominieren große Agrarkonzerne, die dank ihrer Größe, geringeren Kosten und weniger Regulierung ihre Produkte billiger produzieren – ähnlich dem Modell der USA oder Brasiliens. Dies schürt bei den EU-Landwirt*innen die Angst vor Konkurrenz und führt zu Blockaden der Grenzen zur Ukraine. – Anm. d. Red.

Dabei muss man sich bewusst sein, dass der einzige echte Wettbewerbsvorteil der ukrainischen Agrarindustrie derzeit billige Arbeitskräfte und niedrige Sozialabgaben sind. Düngemittel (Stickstoff, Phosphor, Kalium) müssen wir entweder importieren oder unter hohem Energieaufwand aus teurem Gas herstellen. Nach 2022 stieg der Gaspreis für die chemische Industrie in der Ukraine um ein Vielfaches, während europäische Konkurrenten noch längere Zeit von vergleichsweise günstigen Energiequellen profitieren konnten. Daher ist die Senkung der Kosten für Pestizide und Düngemittel für die Agrarindustrie der Ukraine keine ökologische Modeerscheinung und keine bloße Forderung der Europäischen Union, sondern schlichtweg eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens.

Wie hat die Dürre der letzten Jahre den Umgang mit Wasser in Europa verändert?

In den letzten fünf bis sechs Jahren herrschte in Südeuropa extreme Dürre. In Ländern wie Spanien und Italien wurden drastische Verbote eingeführt: Das Bohren neuer Brunnen ist untersagt, das Befüllen privater Schwimmbäder wird mit hohen Geldstrafen geahndet und das Bewässern von Rasenflächen ist verboten. In den trockensten Monaten wurde sogar die Straßenreinigung eingestellt und die Bevölkerung wurde eindringlich zum Wassersparen im Haushalt aufgerufen. Vielerorts wurden strikte Wasserverbrauchsvorschriften für jeden Haushalt eingeführt. Viele Landwirte haben darauf reagiert, indem sie den Anbau wasserintensiver Kulturen schlichtweg aufgegeben haben. Der größte Gewächshauskomplex Europas (Almería, Spanien) wurde vollständig auf Tröpfchenbewässerung und Wasserrecycling in geschlossenen Kreislaufsystemen umgestellt.

Aktuell gibt es Diskussionen über noch strengere Maßnahmen. Erstens wird über Agroforstwirtschaft diskutiert, also die Anpflanzung von Baumstreifen, die die Felder beschatten und die Verdunstung verringern. Dabei kommen vor allem dürreresistente Baumarten zum Einsatz. Zweitens: Umstellung auf dürreresistente Kulturen und Trockenweiden. Drittens: geschlossene Wasserkreisläufe: Abwasserreinigung und Wiederverwendung, was nun zunehmend auch für Städte gilt. Viertens: Stilllegung von Anbauflächen in Regionen mit besonders starkem Wassermangel. Einen besonderen Stellenwert nehmen zudem Konzepte zur Wiederherstellung von Schutzanlagen an Orten mit extremen Niederschlägen sowie strikte Bauverbote in gefährdeten Zonen ein. Die Tragödie auf Sizilien [Der Zyklon Harry hat im Januar 2026 massive Erdrutsche an Uferpromenaden, Häfen und Küstenanlagen in Sizilien verursacht. Die Schäden werden auf bis zu 2 Milliarden Euro geschätzt. – Anm. d. Red.] zeigt deutlich, dass eine solche abgestimmte Stadtpolitik in der gesamten Europäischen Union notwendig ist.

Wie verändert sich die Einstellung zum Wasser in europäischen Städten?

Im Stadtbild findet eine Umstellung auf trockenheitsresistente Pflanzen statt (zum Beispiel Sukkulenten statt Rasengras). Zudem gibt es Empfehlungen für den Alltag: Die Nutzung von Geschirrspülern statt Handwäsche sowie Duschen einmal am Tag. Wirksam sind auch progressive Tarife – je höher der Verbrauch, desto teurer wird es (exponentielles Wachstum). Die Wasserversorger führen Kontrollen durch: Wer die Norm deutlich überschreitet, muss den Mehrverbrauch begründen, andernfalls drohen empfindliche Strafen.

Wie verändert der Wassermangel in manchen Regionen Europas und der Ukraine die Einstellung zum Wasser?

Wasser wird nicht mehr als „Geschenk“ angesehen. In Westeuropa findet ein Übergang zu Tropfbewässerung, zum Wasserrecycling in Städten und zur Schaffung von Trinkwasserreserven mit strengen Schutzzonen, das heißt ohne jeglichen Zugang für Menschen, statt. In Industrie und Transportwesen wird das Waschen von Fahrzeugen mit Wasser zunehmend untersagt (Einsatz von chemischen Trockenreinigungsgelen); Wasser in Kühlsystemen wird durch alternative Flüssigkeiten ersetzt oder möglichst wiederverwendet.

Es wird die Entsalzung für landwirtschaftliche Zwecke erforscht, ebenso wie die Züchtung von Reis- und Getreidesorten, die resistent gegen Brackwasser sind. Italien, Spanien und Portugal testen diese Technologien bereits.

Auch im Alltag halten Veränderungen Einzug. In öffentlichen Einrichtungen ersetzen Handgels oft das Waschen mit Wasser. In ländlichen Gebieten sind unkontrollierte Brunnen und private Bohrlöcher verboten. Neue Brunnen dürfen nur von zertifizierten Unternehmen angelegt werden, wobei Steuern fällig werden und Durchflussbegrenzer obligatorisch sind. Im privaten Sektor wird zudem das Sammeln von Regenwasser vorgeschrieben, um es während der Sommerhitze für die Gartenbewässerung zu nutzen.

In Deutschland werden massiv Sümpfe renaturiert. Besonders deutlich ist dies in den östlichen Bundesländern zu beobachten: Nach der großflächigen Trockenlegung zu DDR-Zeiten kehrt man nun zum natürlichen Zustand zurück. Sümpfe fungieren als beste natürliche Filter, und ihre Renaturierung ist der Schlüssel zur Sicherung der Grundwasserqualität.

Wodurch unterscheidet sich die Ukraine?

Bei uns fehlt noch immer das grundlegende Verständnis für den Wert des Wassers. Eine zentrale Wasserversorgung ist nicht überall vorhanden; die Menschen graben Sickergruben und bohren unkontrolliert eigene Brunnen. Selbst in Kyjiw gibt es im privaten Sektor oft keine zentrale Kanalisation.

Aber der Klimawandel, die zunehmende Wasserknappheit und die europäische Integration werden auch uns dazu zwingen, diesen Weg einzuschlagen. Die Frage ist nur, wie schmerzhaft das sein wird und wie viele Verluste wir noch erleiden werden, bevor wir verstehen, dass wir mit Wasser genauso sparsam umgehen müssen wie derzeit im restlichen Europa. Wir müssen verstehen: Wasser zu reinigen ist weitaus teurer als die seine Verschmutzung zu vermeiden.

Kurz gesagt, einige Länder leben bereits nach dem Motto „Wasser ist eine kostbare Ressource und kein Geschenk der Natur“. Die Ukraine ist noch nicht so weit. Doch das Klima und der Krieg lassen uns keine Wahl – eine Anpassung ist unvermeidlich, und sie wird hart sein.

Iwan Sawtschuk ist Doktor der Geowissenschaften und assoziierter Forscher am Laboratoire Géographie-cités (Paris, Frankreich). Er wurde 1976 in Kyjiw in einer Arbeiterfamilie geboren und absolvierte sein Studium an der Geografischen Fakultät der Taras-Schewtschenko-Universität Kyjiw. In der Vergangenheit arbeitete er unter anderem am Institut für Geographie der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine sowie an der Nationalen Verteidigungsuniversität der Ukraine.

Seine wissenschaftlichen Interessen liegen im Bereich der Wirtschafts- und Sozialgeographie der Ukraine und Europas. 2019 erschien seine Monographie Entwicklung der Wirtschaftstätigkeit auf dem Gebiet der heutigen Ukraine in Raum und Zeit. Zudem ist er Mitautor zahlreicher Geografie-Lehrbücher für die Mittelstufe. und des Wörterbuchs der Sozialgeografie.

 

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