Estland gehört zu den waldreichsten Ländern Europas. Doch auch hier hat der Druck zur Intensivierung der Holzwirtschaft in den letzten Jahren zugenommen. Einer der Gründe dafür ist die in der EU zunehmende Verbrennung von Biomasse aus Wäldern zur Energieerzeugung. Aufgrund des großflächigen Holzeinschlags sind die estnischen Wälder einer fortschreitenden Degradation ausgesetzt und produzieren sukzessiv mehr Emissionen, als sie aufnehmen können. Ein Bericht aus Estland untersucht, wie der radikale Holzeinschlag die estnische Landschaft, die Artenvielfalt und das Leben der lokalen Bevölkerung verändert.
Als Liina Steinberg vor einigen Jahren beschlossen hat, Brüssel den Rücken zu kehren und zurück in ihre Heimat Estland zu ziehen, war einer der Hauptgründe dafür ihre Sehnsucht nach den Wäldern und der wilden Natur.Nach ihrer Rückkehr bemerkte sie jedoch nach und nach, wie sich die Landschaft um sie herum veränderte. „Immer öfter sah ich von der Straße aus Kahlflächen, die durch Abholzung entstanden waren. Außerdem fiel mir mit Bestürzen auf, wie dünn die Stämme waren, die von den LKWs abtransportiert wurden. Das waren keine großen, dicken Stämme, die man für die Herstellung von Möbeln oder als Bauholz hätte verwenden können“, erzählt sie mir. Seit ihrer Kindheit ist sie mit der Forstwirtschaft eng vertraut und hat als Erwachsene sogar ein Stück Wald von ihrer Mutter geerbt. Dank ihrer Eltern ist die Waldwirtschaft seit jeher ein Teil ihres Lebens. Von der Intensität der Abholzung, die sie nach ihrer Rückkehr in Estland beobachtet, ist sie trotzdem überrascht.
Die radikale Abholzung bis zum Kahlschlag traf schließlich auch die Wälder in der Nähe des Dorfes, wo Liina aufgewachsen ist und heute teilweise lebt. „Plötzlich war der Wald, in dem ich früher immer Pilze sammeln war, nicht mehr da. Gerade weil es überwiegend staatliche Wälder waren, konnte ich nicht nachvollziehen, warum dort in so großem Umfang abgeholzt wurde. Ich fühlte mich ein wenig betrogen. Ich war wegen der Natur nach Estland zurückgekehrt, doch plötzlich begann sie um mich herum zu verschwinden.“ Diese Erfahrung veranlasste Liina dazu, aktiver zu werden und nachzuforschen, was hinter diesem großflächigen Kahlschlag stecken mochte. Sie gründete den Verein Rettet die estnischen Wälder (Päästame Eesti Metsad) und organisierte zusammen mit anderen Demonstrationen und Kampagnen für den Schutz der Artenvielfalt und eine schonendere Bewirtschaftung der Wälder.
„In den Wäldern gibt es viele Quellen und Brünnlein. Sie sind für den Wasserhaushalt von enormer Bedeutung“, nennt Liina Steinberg vom Verein „Rettet die estnischen Wälder“ einen der vielen Gründe für den Schutz der Wälder. | Foto: © Johana Černochová
Als sie mir ihre Geschichte erzählt, befinden wir uns mitten im Wald in der Nähe des Osõtsuu-Sees im Südosten Estlands. Wir sitzen in einer kleinen Hütte, die als Beobachtungsstation und zum Fotografieren von Wildtieren dient. In den Bäumen vor den Fenstern tummeln sich Meisen, Eichelhäher, Grauspechte und andere Spechtvögel. Auch Habichte gehören oft zu den morgendlichen Besuchern. Doch heute ist dieser Vogel schon vor meiner Ankunft ausgeflogen.
Landschaft voller Narben
Viele dieser Vogelarten sind auf alte Wälder mit ausreichend Totholz und Bäumen mit Höhlen zum Nisten angewiesen. Der Kahlschlag kann jedoch das gesamte Ökosystem großer Waldflächen auf einen Schlag auslöschen und vollständig verändern. Die Kahlflächen werden anschließend in der Regel mit nur ein oder zwei Baumarten bepflanzt – meist Fichten, Kiefern oder Birken – und so entstehen Flurstücke mit homogenen Waldbeständen, auf denen alle Bäume gleich alt sind. „Das ist, wie einen Krieg gegen die Natur zu führen“, meint Liina Steinberg. „Auch weil die schweren Maschinen während des Rodungsvorgangs den Boden zerstören.“Als ich Ende Oktober übers estnische Land reise, begleitet mich überall der Anblick von Kahlschlägen, erst kürzlich abgeholzte und solche mit aufgeforsteten jungen, gleichaltrigen Baumbeständen. Heute ist dieses Mosaik aus Kahlschlägen ein charakteristischer Bestandteil der estnischen Landschaft. Die intensiv bewirtschafteten Wälder erinnern eher an Felder mit Bäumen, als an das komplexe Ökosystem eines natürlichen Waldes. Das großflächige Abholzen und das Aufforsten von Bäumen ähnelt im Grunde der Arbeit von Landwirten auf ihren Feldern.
Das estnische Naturschutzgebiet Endla. | Foto: © Johana Černochová
Etwa die Hälfte der Fläche Estlands ist von Wald bedeckt, obwohl es auch unterschiedliche Meinungen darüber gibt, was noch als Wald gelten kann und was nicht. Das Alter der Bäume wird in der Definition von Wald im estnischen Waldgesetz nicht mit berücksichtigt. Somit werden auch Flächen mit gleichaltrigem Baumbestand bereits als Waldflächen gezählt, sobald die kleinen Setzlinge nach einer Rodung gepflanzt worden sind. Etwa die Hälfte der Wälder befindet sich in staatlichem, die andere Hälfte in Privatbesitz. In beiden Fällen ist der Kahlschlag die dominierende Methode der Holzernte, die in bis zu 95 Prozent der Fälle zur Anwendung kommt.
Wenn die Wälder verstummen
Aufgrund der Intensivierung der Holzwirtschaft leiden die estnischen Wälder unter fortschreitender Degradation und dem Verlust ihrer biologischen Vielfalt. Dies lässt sich beispielsweise am Rückgang der Populationen verschiedener Waldvögel beobachten. Nach Angaben der Estnischen Ornithologischen Gesellschaft verlieren die estnischen Wälder durchschnittlich 50.000 Brutpaare pro Jahr. Dies ist ein klares Zeichen dafür, dass mit ihren natürlichen Lebensräumen etwas nicht in Ordnung ist. Zu den am stärksten gefährdeten Arten gehören beispielsweise der Schwarzstorch, der Auerhahn oder der bereits erwähnte Habicht, aber auch viele andere. Auch das Überleben verschiedener Pflanzen-, Pilz-, Flechten- und Säugetierarten ist durch den Verlust der alten Wälder bedroht, darunter auch die berühmten Gleithörnchen (auch Flughörnchen genannt), die zu den am stärksten gefährdeten Säugetieren Estlands gehören. Dabei ist Estland eines der wenigen Länder, in denen diese Tierart überhaupt noch zu finden ist.„Der Kahlschlag hat sich vor allem im Zuge des Handels mit Biomasse intensiviert. Ein Großteil des Holzes landet auch in skandinavischen Zellstoff- und Papierfabriken“, erklärt Liis Kuresoo, heute Forscherin im Bereich nachhaltige Forstwirtschaft an der Universität Tartu. Davor war sie als Expertin für Waldökosysteme beim Estnischen Naturschutzfonds tätig. „Ich persönlich bin nicht gänzlich gegen Abholzungen, wenn diese in Maßen und an Orten eingesetzt werden, an denen es sinnvoll ist. Problematisch ist es jedoch, wenn der Kahlschlag ein solches Ausmaß erreicht, dass die alten Wälder nach und nach aus der Landschaft verschwinden und die verbleibenden Waldflächen so weit voneinander entfernt sind, dass die Verbindung zwischen ihnen nicht mehr gegeben ist und sie in gewisser Weise isolierte Inseln bilden“, so Kuresoo.
Wenn Wälder im Namen der Nachhaltigkeit verfeuert werden
Marku Lamp, der viele Jahre als stellvertretender Generalsekretär und Leiter der Abteilung Forstwirtschaft im estnischen Umweltministerium (2023 umbenannt in Klimaministerium) tätig war, erklärt, dass das heutige Waldmanagement im Kontext der historischen Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg betrachtet werden muss. Während der sowjetischen Besatzung kam es nämlich in vielen Gebieten, aus denen die Bevölkerung vertrieben worden war, zu einer Bewaldung. „Ein großer Teil der Wälder ist nun in einem Alter, in dem wir sie aus forstwirtschaftlicher Sicht als reif betrachten“, erklärt Lamp, als wir uns in seinem Büro am Forstwirtschaftlichen Institut der Estnischen Universität der Umweltwissenschaften in Tartu treffen, wo er nach seinem Ausscheiden aus dem Ministerium einen neuen Arbeitsplatz gefunden hat. „Viele Eigentümer müssen sich daher entscheiden, ob sie ihren Wald bewirtschaften und das Holz als Baummaterial oder zur Herstellung von Möbeln nutzen wollen, oder ob sie ihn sich selbst überlassen und sich damit abfinden, dass er in diesem Fall wahrscheinlich keinen Gewinn mehr abwerfen wird.“Tatsächlich wird jedoch nur ein relativ kleiner Teil des geschlagenen Holzes als Baumaterial oder zur Möbelproduktion verwendet, das heißt einer Nutzung zugeführt, bei der das verarbeitete Holz langfristig weiterhin Kohlenstoff speichern kann. Etwa 50 Prozent des geschlagenen Holzes werden verbrannt, wobei der gesamte darin gebundene Kohlenstoff über den Schornstein zurück in die Atmosphäre gelangt.
Estland gehört zu den größten Exporteuren von Holzpellets in der EU. Die Intensivierung der Holzernte korreliert mit der steigenden Nachfrage nach Biomasse als Brennstoff für die Energieerzeugung, sowohl auf dem heimischen Markt als auch im Ausland. Zu den wichtigsten Importeuren von Pellets aus Estland gehören Dänemark, Großbritannien und andere westeuropäische Länder. Die Holzpellets entstehen jedoch nicht nur als Nebenprodukt aus Sägespänen und Holzresten, sondern sind oft der Hauptgrund für die Rodung. Es ist ein lukratives Geschäft, das weltweit einen Boom erlebt. Das belegt auch die Tatsache, dass einer der vermögendsten Menschen Estlands, Raul Kirjanen, Eigentümer der Firma Graanul Invest ist, dem zweitgrößten Pelletproduzenten der Welt.
Der Anstieg der Holzeinschlagmenge in Estland hängt mit der steigenden Nachfrage nach Biomasse zusammen. | © Estonian Fund for Nature, Hidden inside a wood pellet, 2020.
Die Nachfrage nach Biomasse begann zu steigen, nachdem die Europäische Union diese 2009 in der Richtlinie zur Förderung erneuerbarer Energien als CO2-neutrale Quelle eingestuft hatte. Biomasse wurde damit zum größten Träger erneuerbarer Energie in der EU. Im Jahr 2024 hatte Bioenergie einen Anteil von 46 Prozent am Verbrauch aus erneuerbaren Energiequellen. Dabei wird für die Erzeugung von Bioenergie vor allem feste primäre Biomasse genutzt, insbesondere Holz und Holzabfälle aus der Waldwirtschaft.
Im Jahr 2018 wandten sich mehr als 700 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt mit einer Warnung an das Europäische Parlament, die Erneuerbare-Energien-Richtlinie würde den Staaten im Grunde genommen folgende Botschaft vermitteln: „Fällen Sie Ihre Wälder, solange jemand sie zur Energiegewinnung verbrennt“. Die Forschenden wiesen darauf hin, dass das Abholzen von Wald zur Erzeugung von Bioenergie große Mengen an Emissionen verursacht und das Klima sowie die Artenvielfalt gefährdet. Es kann Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern, bis die aufgeforsteten jungen Bäume eine ähnliche Menge an Kohlenstoff binden können wie es die abgeholzten und verbrannten Bäume taten. Die EU-Gesetzgebung wurde in dem Brief dazu aufgefordert, in der Richtlinie die Nutzung von Waldbiomasse auf Holzabfälle zu beschränken.
In den letzten Jahren hat sich auch innerhalb der EU-Institutionen die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Verbrennung von Waldbiomasse kaum als klimaneutral angesehen werden kann. Dies wird auch durch die Tatsache untermauert, dass die estnischen Wälder in den letzten Jahren mehr Emissionen produzieren, als sie absorbieren können, obwohl sie früher als riesige Kohlenstoffspeicher fungiert haben. Hauptursache für diesen Trend ist gerade die intensive Abholzung und die damit einhergehende Degradation des Bodens.
Die überarbeitete Version der europäischen Richtlinie zur Förderung erneuerbarer Energien aus dem Jahr 2023 legt daher größeren Wert darauf, dass die Nutzung von Biomasse aus Wäldern nicht im Widerspruch zu den Verpflichtungen der Staaten zur Verringerung der Emissionen aus Land- und Forstwirtschaft (LULUCF-Verordnung) steht. Sie nennt außerdem einige „No-Go“-Zonen, in denen keine Abholzung stattfinden sollte (zum Beispiel Wälder mit großer biologischer Vielfalt oder Moorwälder). Außerdem legt die aktualisierte Richtlinie einen größeren Wert auf das Prinzip der „Nachhaltigkeit“ bei der Abholzung und die Anwendung des Kaskadenprinzips bei der Holznutzung, das heißt die primäre Nutzung von Holz für Produkte mit langer Lebensdauer und weniger zur Energieerzeugung. Von diesem Prinzip dürfen die Staaten jedoch abweichen, wenn es sich um geschlagenes Holz handelt, „dessen Eigenschaften für lokale Verarbeitungsanlagen nicht geeignet sind“.
Die estnischen Wälder produzieren in den letzten Jahren mehr Emissionen, als sie absorbieren können, obwohl sie früher als riesige Kohlenstoffspeicher fungierten. | © Estonian Environment Portal: Forest Yearbook 2023.
(Un)nachhaltige Zertifizierungen
„Manchen Leuten in der Holzindustrie ist es egal, ob sie minderwertiges Holz anbauen. Es stört sie nicht, dass ihre Fichtenmonokulturen anfällig für einen Befall durch den Borkenkäfer sind, oder dass Bäume auf Flächen, auf denen der Kahlschlag den Boden zerstört und den Wasserhaushalt aus dem Gleichgewicht gebracht hat, nicht gut gedeihen können. Der Anbau von hochwertigem Holz für die Herstellung von Möbeln oder als Baustoff ist nicht in ihrem Interesse. Für sie zählt nur die Biomasse, also Holzhackschnitzel und Pellets“, sagt Liina Steinberg.Die Forscherin Liis Kuresoo meint, der Umfang der Abholzung habe die Grenzen der Nachhaltigkeit bereits überschritten. Die estnischen Wälder würden immer jünger. Einige der Waldeigentümer, insbesondere private Unternehmen, die eine solche Holzwirtschaft intensiv betreiben, hätten bereits damit zu kämpfen, dass es nicht mehr ausreichend geeignete Bäume für die Holzgewinnung gibt. Und das, obwohl diese Unternehmen über verschiedene Nachhaltigkeitszertifizierungen (etwa durch das Forest Stewardship Council oder das Programme for the Endorsement of Forest Certification) verfügen.
Prognosen zur zukünftigen Entwicklung, die von einem Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Tartu erstellt wurden, zeigen, dass sich dieser Trend weiter verschärfen wird, wenn die intensive Kahlschlagwirtschaft in ähnlichem Tempo wie bisher fortgesetzt wird. „Nach unserem wahrscheinlichsten Szenario werden Waldbestände, die älter als 60 Jahre sind, bis 2050 nur noch ein Zehntel der derzeitigen Fläche bedecken“, schreiben die Forschenden in ihrem Bericht.
Schutzgebiete unter Druck
Auf dem Weg ins Naturschutzgebiet Valgesoo im Südosten Estlands wechseln sich abgeholzte Flächen und Kiefernwälder ab. Obwohl ich auf einem offiziell markierten Wanderweg unterwegs bin, gehe ich immer nur kurze Zeit unter Baumwipfeln, bis ich wieder auf einen Kahlschlag treffe. Dieser Wechsel wiederholt sich. Mitten auf den kahlen Flächen stehen ein paar vereinzelte Nadelbäume. Am Boden sieht man bereits neugepflanzte Bäume in Reihen. Der Zyklus der Kahlschlagbewirtschaftung beginnt von vorne.Der Kahlschlag hat auch in unmittelbarer Nähe zu den Grenzen des streng geschützten Naturschutzgebiets Spuren hinterlassen. Ich suche für einen Moment Zuflucht in der unberührten Natur. Hier gibt es ein feuchtes Moor, dessen Ränder von altem Wald voller großer Ameisenhügel gesäumt sind. Die Waldameisen in ihren unterirdischen Gängen bereiten sich bereits auf die Winterzeit vor. Die Moorgebiete sind eine Landschaft, die hier bereits seit Tausenden von Jahren in ähnlicher Form existiert. Sobald mich der Wanderweg jedoch aus dem Naturschutzgebiet herausführt, spaziere ich wieder durch eine Gegend, die vom Kahlschlag und dem Einsatz schwerer Technik stark verändert wurde.
Laut Marku Lamp wird die intensive Waldbewirtschaftung (Kahlschlag) durch den Naturschutz in Schutzgebieten ausgeglichen. „Wenn man mit Wäldern Gewinn erzielen will, ist die Rodung durch Kahlschlag erwiesenermaßen die optimale Methode“, sagt Lamp, der derzeit an der Estnischen Universität für Umweltwissenschaften für die Forschungszusammenarbeit und den Ausbau von Kooperationen mit der Wirtschaft verantwortlich ist. „Gleichzeitig versuchen wir jedoch immer, ein Gleichgewicht zwischen der Bewirtschaftung der Wälder und ihrem Schutz zu finden.“ Er weist außerdem darauf hin, dass Estland über zahlreiche Schutzgebiete verfügt und die Vorschriften zur Regulierung der Bewirtschaftung von Wald streng genug sind.
Umweltorganisationen kritisieren hingegen, dass die Intensivierung der Holzgewinnung auch aufgrund einer schrittweisen Lockerung der Vorschriften ermöglicht wurde. Auch die estnische Nationale Kontrollbehörde kam in einer Untersuchung zu dem Schluss, dass „die Schutzmaßnahmen geändert wurden, um Holzeinschläge auch in Gebieten mit eingeschränkt erlaubter Waldbewirtschaftung zu ermöglichen, wo dies zuvor nicht erlaubt war. Im Jahr 2022 war der Kahlschlag in 173 von 189 Schutzgebieten mit eingeschränkter Waldbewirtschaftung erlaubt.“ Nach Ansicht der Kontrollbehörde hat das estnische Klimaministerium damit letztlich dazu beigetragen, dass diese Schutzgebiete auf ähnliche Weise bewirtschaftet werden wie Wälder, die keinen Schutzstatus haben. Die Behörde kam in ihrer Untersuchung zu dem Schluss, dass dieses System „den Schutz der natürlichen Werte der geschützten Wälder nicht gewährleistet“.
Wegen des Holzeinschlags in den Schutzgebieten des Natura-2000-Netzwerkes hat die Europäische Kommission 2021 gegen Estland ein Verfahren wegen Nichteinhaltung der Verpflichtungen aus den Richtlinien zum Vogelschutz und dem Schutz von FFH-Gebieten (Fauna-Flora-Habitat) eingeleitet. „Dank dieses Verfahrens hat sich die Situation in den letzten drei Jahren verbessert“, berichtet die Expertin Liis Kuresoo. „Derzeit wird jedoch auf Regierungsebene darüber diskutiert, den Holzeinschlag in Schutzgebieten wieder zuzulassen.“
Auch die geplanten Änderungen des Wald- und des Naturschutzgesetzes, die die estnische Regierung im Herbst 2025 vorgestellt hat, erhöhen den Druck auf die Schutzgebiete noch einmal. Die estnische Regierung will neu im Waldgesetz verankern, dass 70 Prozent der Wälder als Nutzwälder deklariert werden, das heißt in erster Linie der wirtschaftlichen Nutzung dienen. Umweltorganisationen befürchten, dass die geplanten Änderungen zu einer zunehmenden Ausweitung des Holzeinschlags auch in biologisch wertvollen und geschützten Gebieten führen werden. Denn die Regierung hätte dann die Möglichkeit, bestimmte Wälder aus dem Schutz herauszunehmen, falls der Anteil der Nutzwälder unter die festgelegten 70 Prozent fällt. Die Umweltorganisationen sagen, die Änderungen stünden im Widerspruch zu den Verpflichtungen Estlands, die sich aus der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (Nature Restoration Law) ergeben.
„Wir wissen, dass wir in Zukunft aufgrund verschiedener Infrastrukturprojekte einen relativ großen Teil unserer Waldfläche verlieren werden. Wenn wir also festlegen, 70 Prozent unserer Wälder müssen wirtschaftlich genutzt werden, bedeutet dies, dass mit der Entwaldung auch geschützte Gebiete verloren gehen“, erklärt Liis Kuresoo die Logik der vorgeschlagenen Änderungen. „Rein rechnerisch ist das absurd. Ebenso hat es rechnerisch wenig Sinn, dass Estland sich verpflichtet hat, natürliche Ökosysteme auf einer Fläche von 30 Prozent seines Territoriums zu schützen. Wenn wir aber unsere Wälder nicht schützen, werden wir diese 30 Prozent niemals einhalten können“, fügt die Forscherin hinzu.
Ich habe auch beim estnischen Klimaministerium um ein Interview gebeten, auf meine Anfrage reagierte man dort allerdings nicht.
Auf dem Weg zum Naturschutzgebiet Valgesoo. Das Mosaik der Waldweidewirtschaft prägt das Landschaftsbild entlang der Wege durch Estland (einschließlich der Wanderwege). | Foto: © Johana Černochová
Die Esten, ein „Waldvolk“
Es ist seltsam, diese fortschreitende Degradation der Wälder gerade in einem Land zu beobachten, dessen Einwohner*innen sich als „Waldvolk“ verstehen und wo die Beziehung zum Wald ein wichtiger Aspekt der nationalen Identität ist. Der Wissenschaftler Tõnno Jonuks vom Estnischen Literaturmuseum hat im Rahmen seiner Forschungen untersucht, wo dieses Konzept des „Waldvolks“ seine Wurzeln haben könnte. Er fand heraus, dass es zwar ein relativ neues Konzept ist, es heute aber als etwas „von Natur aus“ Estnisches angesehen wird. „Am interessantesten finde ich, wie weit verbreitet diese Wahrnehmung in der heutigen estnischen Gesellschaft ist“, erzählt er bei unserem Treffen in Tartu. „Es gehört fast schon zum nationalen Selbstverständnis, uns selbst als Waldvolk zu betrachten, das eine besondere Verbindung zum Wald und zur Natur pflegt.“Obwohl sich die Mehrheit der Menschen in Estland laut Umfragen ein umweltschonenderes Waldmanagement wünscht, zeigt sich, dass in der Praxis kommerzielle Interessen Vorrang haben. Eine naturnahe Alternative zur Bewirtschaftung durch Kahlschlag ist beispielsweise das Modell des sogenannten Mehrgenerationenwaldes, auch Dauerwald genannt. Diese Art der Waldbewirtschaftung kombiniert Bäume verschiedener Arten und unterschiedlichen Alters. Der Boden bleibt dauerhaft bewaldet, sodass kein gesamtes Waldstück auf einen Schlag abgeholzt und durch gleichaltrigen Bestand ersetzt wird. Dadurch können verschiedene Landschafts- und Ökosystemfunktionen des Waldes berücksichtigt werden, wie auch der Schutz der Biodiversität oder die Erhaltung eines gesunden Bodens, der Wasser gut speichern kann.
„Ich hoffe, die Menschen erkennen allmählich, dass diese Methode der beste Weg ist, um unsere Natur zu erhalten. In einer Landschaft, die arm und karg ist, können wir nicht leben“, sagt Anna-Liisa Lutsar während wir in Tartu, der zweitgrößten Stadt Estlands, durch ihren Lieblingspark spazieren, der gerade in buntes Herbstlaub gekleidet ist. „In Estland bezeichnen wir uns gerne als Naturliebhaber, aber gleichzeitig lassen wir zu, dass unsere Natur in großem Umfang zerstört wird. Es kommt mir vor, als würden wir unser eigenes Land kolonisieren.“
„Ich habe großen Respekt vor der Natur“, erzählt mir Anna-Liisa Lutsar während unseres Spaziergangs in Tartu. | Foto: © Johana Černochová
Anna-Liisa ist Mitglied der Organisation Maavalla Koda, die alte nichtchristliche religiöse Traditionen Estlands zusammenbringt. Traditionen, die auf der Ehrfurcht vor der Natur basieren. Sie selbst betrachtet sich zwar nicht als gläubig, aber eines hat sie mit ihren Freund*innen aus der Organisation gemeinsam, nämlich die Überzeugung, dass Menschen nicht wichtiger sind als andere Lebewesen und dass es notwendig ist, im Gleichgewicht mit der Natur zu leben. „Ich empfinde echte Ehrfurcht vor der Natur. Die westliche Zivilisation hat sich jedoch von der Natur entfremdet“, sagt sie mir und erklärt, dass sie nicht damit einverstanden ist, wenn wir unsere Umwelt nur als natürliche Quelle für Ressourcen betrachten, die unserem Nutzen dienen sollen.
Wir Menschen haben bereits 95 Prozent aller Wälder in der Europäischen Union durch unser Tun verändert. Anna-Liisa sieht diese Veränderungen in ihrer Umgebung. Wenn sie von ihren Erfahrungen erzählt, hört man ihrer Stimme an, wie sehr sie der Verlust der alten Wälder persönlich berührt. „Früher, als wir von Tartu aufs Land fuhren, war die Straße von Wäldern gesäumt. Heute sieht man dort vor allem Flächen, die gerodet wurden, oder solche mit sehr jungen Bäumen. Die Landschaft hat sich viel stärker verändert, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.“
Dieser Text entstand im Rahmen des Programms Journalists in Residence (PERSPECTIVES).
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES