Aufwachsen in Frontnähe  Eine Kindheit ohne Kindheit

Der Keller der 59. Grundschule in Saporischschja
Der Keller der 59. Grundschule in Saporischschja. Die Hilfsorganisation Človek v tísni (Mensch in Not) errichtet hier gemeinsam mit der Europäischen Union einen zweiten Luftschutzbunker, der bei Luftangriffen als Klassenzimmer dienen soll. Der bestehende Luftschutzbunker in der Schule wird nicht nur von den Schüler*innen, sondern auch von den Bewohner*innen der umliegenden Wohnblocks genutzt. Foto: © Sára Činčurová

In der ganzen Ukraine erleben Kinder Dinge, die Kinder niemals erleben sollten. 

In der Stadt Saporischschja, die derzeit nur knapp 15 Kilometer von der Frontlinie im Süden der Ukraine entfernt liegt, wird der Unterricht für die Kinder oft zu einem Horrorszenario, obwohl sich die Lehrerinnen und Lehrer nach Kräften bemühen, die Kinder vor Gefahren zu schützen.

Natalija Sotnikova ist Schulleiterin der 59. Grundschule in Saporischschja und erinnert sich mit Schrecken daran, wie während eines Bombenangriffs einmal ein Mädchen aus einer nahegelegenen Wohnung unter größten Mühen versuchte, in den unterirdischen Schutzraum ihrer Schule zu gelangen. Das Mädchen litt an Kinderlähmung und schaffte es aufgrund ihrer Behinderung nicht rechtzeitig in den Schutzraum.

Das war Ende 2025, als die Schule ihren unterirdischen Schutzraum auch für die Bewohnerinnen und Bewohner der nahegelegenen Wohnblocks zur Verfügung stellte. Diese hatten während der Angriffe keinen anderen Ort, an dem sie sicher gewesen wären.

„Der Beschuss hat dem Mädchen schwere Verletzungen an den Beinen zugefügt, und es wäre im Schutzraum fast verblutet“, erinnert sich die Schulleiterin. „Die Kinder, die dort in dem Bunker waren, sahen also, wie das Mädchen vor ihren Augen beinahe gestorben wäre.“ Die Mitarbeiterinnen der Schule haben sich bis heute nicht von diesem Vorfall erholt, das mitzuerleben war für sie extrem belastend.
 
Kinder in Saporischschja werden in einem Luftschutzbunker unterrichtet.

Kinder in Saporischschja werden in einem Luftschutzbunker unterrichtet. | Foto: © Sára Činčurová

Einige Wochen später wurde das Gebäude direkt neben der Schule nachts von einer Drohne getroffen. Seitdem sind die Fenster der Schule kaputt. Der Unterricht kann dort nur dank humanitärer Organisationen stattfinden, die die Schäden am Gebäude reparieren. Die russische Armee bombardiert die Stadt derzeit jeden Tag und jede Nacht mit Flugzeugen und Artillerie. In dieser Atmosphäre beginnen die Kinder jeden Tag den Unterricht. „Die Kinder erkennen schon am Geräusch, woher und welche Art von Geschoss angeflogen kommt“, sagt Sotnikova. Die Front ist bereits so nah an die Stadt Saporischschja herangerückt, dass hier bei Angriffen auch schon FPV-Drohnen (First-Person-View) eingesetzt werden. Das sind kleine Flugobjekte, an denen Sprengstoff befestigt ist und mit denen russische Soldaten auf Sicht direkt Zivilist*innen anvisieren können.

Die Lehrenden kommen jedoch trotz der Explosionen und Einschläge weiterhin zum Unterrichten in die Schule. „Wenn ich nicht in die Schule komme, wer soll dann die Kinder unterrichten?“, fragt Sotnikova. Ich spüre, dass alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Schule ihre Aufgabe sehr ernst nehmen und sich so gut es geht bemühen, den Kindern eine einigermaßen „normale“ Kindheit zu ermöglichen. Gleichzeitig ist das Vorhandensein eines guten Luftschutzbunkers direkt in der Schule ein großer Vorteil, weshalb es auch für die Eltern „besser“ ist, wenn die Kinder in der Schule lernen und nicht online von zu Hause aus. In den normalen Wohnblocks haben viele Familien nämlich gar keinen Keller und auch keinen Schutzraum in der Nähe, in den sie bei Luftalarm gehen könnten.

Auch die 11-jährige Bohdana-Sofija geht hier zusammen mit anderen Kindern zur Schule. Sie kam mit ihren Eltern und den zwei Schwestern nach Saporischschja. Die ganze Familie war bereits im Jahr 2022 aus der besetzten Stadt Wassyliwka geflohen, die knapp 50 Kilometer weiter südlich liegt. Bohdana-Sofija hat lange blonde Locken und in der ganzen Schule ist sie als das Mädchen mit dem schönsten Vornamen bekannt. Als russische Truppen in ihre Heimatstadt einmarschierten, erlebte sie nicht nur Krieg und heftige Kämpfe. Die Soldaten nahmen auch ihren Vater fest und steckten ihn mehrere Wochen lang illegal ins Gefängnis. Wie alle pro-ukrainischen Patriot*innen, Journalist*innen oder Aktivist*innen wurde auch ihr Vater gefoltert, unter anderem, indem die Russen ihm elektrischen Strom in die Finger leiteten. Als Bohdana-Sofija den Raum verlässt, in dem wir das Interview aufzeichnen, sagt ihr Vater zu mir über seine Erlebnisse in dieser Zeit nur einen Satz: „Wenn Sie wüssten, was ich dort erlebt und gesehen habe, würden Ihnen alle Haare zu Berge stehen.“

„Während der Besatzung blieben etwa 16.000 Leute von uns in der Stadt“, erinnert sich Bohdanas Mutter. „Als die Russen meinen Mann aus dem Gefängnis entließen, zogen wir nach Saporischschja. Wir sind immer noch dabei, uns hier einzugewöhnen“, sagt sie. Ich frage Bohdana-Sofija, was sie sich für die Zukunft wünscht. „Ins Ausland gehen“, sagt sie. „Wohin?“, will ich wissen. „Egal wohin, Hauptsache, dort ist kein Krieg“, antwortet sie.
 
Zerstörtes Gebäude an der 59. Grundschule in Saporischschja

Zerstörtes Gebäude an der 59. Grundschule in Saporischschja | Foto: © Sára Činčurová

 

Unterricht während der Besatzung

Bohdana, ihre Eltern und Schwestern leben wie viele andere Familien als Binnengeflüchtete in Saporischschja. Auch Iryna Margova, Mathematiklehrerin an Bohdanas Schule, ist eine Geflüchtete aus Berdjansk. Sie hat knapp zwei Jahre unter russischer Besatzung verbracht.

„Während der Besatzung mussten wir die Kinder nach dem russischen Lehrplan unterrichten“, erinnert sie sich. „Jeden Tag mussten wir die russische Hymne singen und patriotische russische Propaganda verbreiten“, erzählt sie.

„Die Russen haben in unserer Schule die gesamte ukrainische Literatur mitgenommen oder zerstört. Wir mussten ausschließlich auf Russisch unterrichten, und im Literaturunterricht ging es nur um russische Schriftsteller“, sagt Iryna Margova

Sie verließ Berdjansk, weil sie es nicht mehr ertragen konnte, den Kindern russische Propaganda zu vermitteln. Obwohl sie in Saporischschja so nah an der Front lebt, ist sie zufrieden. „Wenn wir keinen Strom haben, teile ich mein Datenvolumen mit den Kindern und wir spielen online ein Mathe-Spiel“, erzählt sie. „Wenn wir Explosionen hören, versuche ich, nicht in Panik zu geraten. Wenn ich ruhig bleibe, sind auch die Kinder ruhiger“, so Margova.
 
Schulleiterin Natalija Sotnikova (rechts) zusammen mit der Mathematiklehrerin Iryna Margova (links) und einer humanitären Helferin an der 59. Grundschule in Saporischschja

Schulleiterin Natalija Sotnikova (rechts) zusammen mit der Mathematiklehrerin Iryna Margova (links) und einer humanitären Helferin an der 59. Grundschule in Saporischschja | Foto: © Sára Činčurová

Laut der Organisation World Vision, die weltweit Kindern in schwierigen Lebensumständen hilft, hat sich die Lage für schulpflichtige Kinder in der Ukraine aufgrund der extremen Kälte im Winter und der Unterbrechung der Wärme- und Stromversorgung in ukrainischen Wohnungen und Schulen weiter verschlechtert.

Nach Angaben, die die Organisation im Januar 2026 bei Befragungen in Charkiw und Umgebung gesammelt hat, erhalten derzeit 72 Prozent der Kinder dort keine qualifizierte psychologische oder sonstige Unterstützung, und 92 Prozent der Kinder haben keinen ausreichenden Zugang zu geheizten Räumlichkeiten. Zwölf Prozent der Eltern gaben zudem an, dass sich der Lernrückstand ihrer Kinder weiter verschlechtert habe.

Auch laut Aljona Budahovska von der in der Ukraine tätigen Organisation Člověk v tísni (Mensch in Not) sind die schlimmsten Probleme der Kinder im Krieg unsichtbar. „Kinder brauchen Stabilität, sichere Schulen, einen vorhersehbaren Tagesablauf und Erwachsene, die ihnen versichern, dass es ein Morgen geben wird.“

Leider sind viele dieser Faktoren im Krieg unerreichbar.
 
Ein Baby, das auf Unterstützung durch medizinische Geräte im Krankenhaus angewiesen ist

Ein Baby, das auf Unterstützung durch medizinische Geräte im Krankenhaus angewiesen ist | Foto: © Sára Činčurová

 

Die Situation von Kindern in Krankenhäusern

In der Stadt Dnipro, die etwa 70 Kilometer von Saporischschja entfernt liegt, besuche ich im Dezember 2025 ein Kinderkrankenhaus, um die Geschichten der kleinen Patient*innen zu erfahren.

Der Krankenhausdirektor Oleksij Vlasov erzählt mir, dass das Krankenhaus seine kinderpsychiatrische Abteilung erheblich ausbauen musste, um die psychische Gesundheit von Kindern zu unterstützen, die sich durch den Krieg erheblich verschlechtert hat. Die Abteilung befindet sich im selben Gebäude wie die Zentralaufnahme für Kinder, zu der meist Eltern mit Kindern kommen, die Kriegsverletzungen erlitten haben.

Bei meinem Besuch auf der Station erzählen mir die Ärzte, Ärztinnen und Krankenschwestern, dass sie ausgebrannt sind, weil sie jeden Tag Kinder versorgen müssen, die durch russische Angriffe verletzt wurden. Das geht von Knochenbrüchen, leichteren Verletzungen und blutenden Wunden bis hin zu Kindern, die vor ihren Augen sterben. Obwohl die Kinderpsychologin versucht, die Kinder mit Atemübungen zur Angstbewältigung ruhiger zu machen, kann sie ihre langfristigen Probleme im aktuellen Kontext nicht lösen.

Direktor Vlasov berichtet auch, dass das Krankenhaus derzeit zwei neue Entbindungsstationen hat. „Die Zahl der Frühgeborenen ist im Krieg dramatisch gestiegen“, sagt er. Der Stress des Krieges wirke sich auf die Gesundheit der werdenden Mütter aus, aber auch auf die Gesundheit und die psychische Verfassung des medizinischen Personals, erklärt er.

Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) hat festgestellt, dass die Zahl der Todesfälle von Müttern bei der Geburt in der Ukraine zwischen 2023 und 2024 um 37 Prozent gestiegen ist. Stress, Adrenalin und Panik bei schwangeren Frauen im Krieg wirken sich sowohl auf die Geburt als auch auf die zukünftige Gesundheit der Kinder aus. Gleichzeitig haben viele schwangere Frauen und Neugeborene im vom Krieg besonders betroffenen Osten des Landes beispielsweise keinen Zugang zu Inkubatoren, speziell ausgestatteten Kliniken oder Medikamenten.

„Unser Krankenhaus organisierte früher Evakuierungen von schwangeren Frauen aus den Frontgebieten hierher nach Dnipro, wo wir gut ausgestattet sind“, sagt Vlasov. Aus diesem Grund hat das Krankenhaus auch eine zweite Entbindungsstation eröffnet, um seine Kapazitäten zu erweitern. „Derzeit ist die Lage in Städten wie Cherson jedoch so gefährlich, dass wir unsere Sanitäter*innen und Krankenwagen nicht mehr für Evakuierungen dorthin schicken können“, sagt er. Ähnlich wie in der Stadt Saporischschja sind auch in Cherson die russischen Truppen darauf „trainiert“, FPV-Drohnen auf zivile Objekte und Zivilist*innen loszuschicken. Angriffe auf medizinisches Personal und Rettungskräfte, Krankenwagen, aber auch Kindergärten und Entbindungsstationen sind dort an der Tagesordnung.

Die Situation von Kindern mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen

Die ukrainische Organisation Litay hilft im Land Familien, in denen alleinerziehende Mütter oder Binnengeflüchtete Kinder mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen allein großziehen müssen.

Diese haben im Krieg mit noch größeren Schwierigkeiten zu kämpfen. Deshalb mache ich mich im Januar 2026 gemeinsam mit Valentina Uvarova, der Leiterin der Organisation, auf den Weg nach Kyjiw, wo wir Familien besuchen, die derzeit Hilfe benötigen.

In Kyjiw herrschen an diesem Tag Temperaturen um die minus 15 Grad, und die meisten Wohnblocks haben weder Heizung noch Strom.
 
Ein beschädigtes Gebäude in Kyjiw

Ein beschädigtes Gebäude in Kyjiw | Foto: © Sára Činčurová

Wir kommen zur Familie von Lena, die als Alleinerziehende für ihre beiden Kinder sorgt: die zwölfjährige Svitlana und den achtjährigen Vladymyr, der 8 mit einem angeborenen Hydrozephalus zur Welt kam. Vladymyr kann nicht sprechen und sitzt den ganzen Tag in einem speziellen Stuhl, der ihn in der richtigen Position hält.

An dem Tag, an dem ich sie besuche, hat die Familie bereits seit fünf Tagen keine Heizung mehr. Zu Hause fließt auch kein warmes Wasser. Wie für viele andere Familien mit gesundheitlich beeinträchtigten Kindern ist es auch für Lena bei Bombenangriffen unrealistisch, Vladymyr aus dem dreizehnten Stock ins Erdgeschoss und von dort über den gefrorenen Boden in den Schutzraum zu bringen. Wenn der Strom ausgefallen ist, funktionieren die Aufzüge nicht. Deshalb kann sie sich bei Explosionen höchstens in den Flur begeben.

„Vladymyr reagiert auf Sirenen und hat Angst vor Explosionen“, sagt Lena. Wenn er Schwierigkeiten, Stress oder Schmerzen hat, kann er das nicht sagen, er drückt es durch Weinen aus.
 
Lena lebt mit ihrem Sohn Vladymyr und ihrer Tochter Svitlana in Kyjiw in einer Wohnung im 13. Stock. Während der Bombenangriffe verstecken sie sich im Flur, da die Aufzüge bei Stromausfall nicht funktionieren.

Lena lebt mit ihrem Sohn Vladymyr und ihrer Tochter Svitlana in Kyjiw in einer Wohnung im 13. Stock. Während der Bombenangriffe verstecken sie sich im Flur, da die Aufzüge bei Stromausfall nicht funktionieren. | Foto: © Sára Činčurová

Lena und ihre beiden Kinder stammen aus einem Dorf in der Nähe von Tschernihiw, einer Stadt im Norden der Ukraine, die vom ersten Tag der Vollinvasion bis zum 6. April 2022 besetzt war.

Während der Besatzung versteckte sich Lena mit ihren Kindern zusammen mit anderen Bewohner*innen in einem Haus und erinnert sich, wie russische Soldaten ihr mehrmals eine Pistole an den Kopf hielten. „Wir saßen tagelang einfach nur auf dem Boden, ohne Heizung“, erinnert sich Lena. „Wir hatten Angst, den Ofen anzuzünden, denn wenn die Russen gesehen hätten, dass Rauch aus unserem Schornstein kommt, hätten sie uns erschossen. Beide Kinder weinten ununterbrochen.“

Nach der Befreiung zog Lena mit den Kindern nach Kyjiw, wo ihre Mutter ihr gelegentlich bei der Kinderbetreuung hilft. Sowohl sie als auch die Kinder brauchten nach der Besatzung lange, um sich von der psychischen Belastung zu erholen. Derzeit leidet die Familie jedoch stark unter der ständigen Kälte, und da Lena nicht arbeiten kann, weil sie sich um ihren Sohn kümmern muss, lebt sie hauptsächlich von der Unterstützung durch Nichtregierungsorganisationen.

„Wir haben keine Pläne für die Zukunft, wir leben von Tag zu Tag“, sagt sie. „Ähnlich wie viele andere Eltern in Svitlanas Schule verfolgen auch wir jeden Morgen die aktuellen Explosionen und Kriegskarten und entscheiden dann, ob es sicher ist, sie an diesem Tag zur Schule zu schicken.“

Dieser Bericht entstand mit Unterstützung der Organisation „Člověk v tísni“ und der Europäischen Union im Rahmen eines Programms, das vom Krieg betroffenen ukrainischen Kindern hilft.

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