Unbeabsichtigter Drogenkonsum bei Tieren  Zugedröhnte Wildnis

Zugedröhnte Wildnis Illustration: © Tetiana Kostyk

Wusstet ihr, dass tschechische Forellen unter Entzugserscheinungen leiden und nach ihrer nächsten Dosis Crank schwimmen, während Londoner Aale durch das Kokain der Banker sabotiert werden? Wir Menschen versuchen, mithilfe von Neuromodulatoren in diesem System zu überleben, doch unser chemischer Schatten hat längst auch die Natur kolonisiert. Vergesst die idyllische Wildnis – willkommen in einer Welt, in der Tiere ungewollt unsere Rauschzustände und unsere Abstürze teilen. Die zugedröhnte Wildnis ist näher, als ihr denkt.

Mein Blick fällt auf eine Pille mit einer grauen Zahl, das Blut in meinen Schläfen pulsiert wie Trommeln während einer Hinrichtung. Ich sitze auf dem Marmorfußboden einer weitervererbten Luxusimmobilie am Starnberger See, einem Haus, in dem all der Prunk mit umweltfreundlichen Putzmitteln zum Glänzen gebracht wird und das Personal strammsteht wie eine Kolonne der Unfähigkeit.

Hinter dem Pinselhalter war das verschollene Elontril hervorgekullert. Dieser heilige Gral der produktiven Eliten soll die morgendliche Hysterie meiner Arbeitgeberin, einer Karikatur aristokratischer Ästhetik und des Glaubens an plastische Chirurgie, erklären. Der Beweis ihrer eigenen Unzulänglichkeit liegt auf meiner Handfläche, doch statt den Triumph auszukosten, spüle ich ihn weg. Mit einem beruhigenden Gluckern entlasse ich den synthetischen Schatten unseres Wohlstandes in die Tiefe, ins Wasser unter uns.

Ich bin selbstverständlich nur einer von Tausenden, wenn nicht sogar Millionen, der solche chemischen Elixiere in die Kanalisation befördert. Elixire, denen das Versprechen innewohnt, unsere zivilisatorisch verknoteten Gehirne zu entwirren. Und wenn es nicht ganze Pillen sind, dann zumindest die Spuren kleinerer Mengen in unserem Urin.

Ein Schnabeltier auf Antidepressiva und eine Brasse mit Geschlechtsverwirrung

Aufgrund dieses Verhaltens erfährt der in Europa beheimatete Flussbarsch (Perca fluviatilis) radikale Persönlichkeitsveränderungen, sobald er auch nur einer minimalen Menge von Anxiolytika ausgesetzt ist, zum Beispiel Oxazepam – ein Medikament gegen Angstzustände, das in alarmierender Regelmäßigkeit in Gewässern nachgewiesen wird, die durch die Einleitung von mit Pharmazeutika belastetem Abwasser aus der Kanalisation kontaminiert sind. Diese Fische verlieren kurzum ihren auf Zurückhaltung programmierten Selbsterhaltungstrieb und verwandeln sich von wachsamen, sozialen Wesen, die in Schwärmen leben, in impertinente, asoziale Vielfraße, die von ihrem unkontrollierbaren Appetit völlig geblendet sind und dadurch nicht auf die ihnen auflauernden Fressfeinde achten. So sorglos und angstfrei sind sie eine ideale Beute.
Wir beseitigen unseren Müll nicht wirklich, wir befördern ihn nur an einen anderen Ort, durch das sauber polierte Porzellan direkt in die Kiemen pervitinabhängiger Forellen.
Bewegen wir uns entgegen der Strömung in Richtung meiner Heimat, wird das Ganze noch krasser. In der Elbe, die das mittlere Deutschland mit der Tschechischen Republik verbindet, sind einige männliche Fische, zum Beispiel unter den Brassen (Abramis brama), durch unseren Abfall quasi „queer“ geworden. Dank dieser Suppe synthetischer Östrogene und Antiepileptika, wie Carbamazepin, produzieren sie Vitellogenin – ein Eigelb-Protein, das in der Natur normalerweise den Weibchen vorbehalten ist.

Und wie sollte es anders sein, geben wir Tschech*innen natürlich ordentlich Gas, sobald wir die Moldau erreichen. Dort haben die Bachforellen (Salmo trutta) eine physische Abhängigkeit von Methamphetamin-Rückständen entwickelt, eine Droge, die viele Namen hat: Ice, Glass, Crank, Crystal. Wissenschaftler*innen fanden heraus, dass diese Forellen regelrecht an Entzugserscheinungen leiden und statt einer sauberen Umgebung gezielt Flussabschnitte aufsuchen, die mit den Drogen kontaminiert sind. Im Grunde schwimmen sie umher, auf der Suche nach einem neuen Schuss.

Unser menschentypisches Bedürfnis, das eigene Gehirn und damit auch die gesamte Natur in eine wärmende Rettungsdecke aus Neuromodulatoren einzuhüllen, ist natürlich nicht nur auf Europa beschränkt. Ungeachtet der Halbkugel bewegt sich diese chemische Melancholie mit der Effektivität eines Kurierdienstes entlang der Nahrungskette weiter. In australischen Flüssen hat die Biokonzentration von Antidepressiva in im Wasser lebenden Insekten dazu geführt, dass ein Schnabeltier durch dieses unbeabsichtigte pharmazeutische Bankett täglich eine Menge an Wirkstoffen konsumiert, die etwa der Hälfte der therapeutisch erlaubten Maximaldosis für Menschen entspricht.

Das „aseptische Zuhause“, um das ich mich am Starnberger See so penibel gekümmert habe, war selbstredend nur eine Illusion. Denn wir beseitigen unseren Müll nicht wirklich, wir befördern ihn nur an einen anderen Ort, durch das sauber polierte Porzellan direkt in die Kiemen pervitinabhängiger Forellen.

Acht Tonnen weißes Glück und sniffende Aale

Vor ein paar Jahren, zu einer Zeit, als mein Leben noch ganz anders ausgesehen hat, habe ich in London für eine kleine Werbeagentur gearbeitet, die ihren Sitz im Schatten der Tower Bridge hatte. Das war so ein klassischer Schnellkochtopf, um Geld zu machen. Der ständige Stress, die großen Ambitionen und der irrsinnige Termindruck wurden darin mit der berüchtigten Neigung zu chemischen Aufputschmitteln verquirlt.

Wir waren im Großen und Ganzen ein mikroskopisch kleines Kreativteam, die meiste Zeit dazu verurteilt, chronisch unkreative Schulungsvideos für ein internationales Versandunternehmen zu produzieren. Unsere Abteilung war sicher kein sonderlich leistungsstarker Schnellkochtopf gewesen. Umso heftiger war mein Zusammenprall mit der Realität, als ich eines Tages auf dem Klorollenhalter in unserer einzigen Unisex-Toilette ein vergessenes Tütchen Kokain entdeckt habe.

In Gedanken war ich all meine Kolleg*innen durchgegangen wie bei einer Inventur, aber eigentlich hatte für mich keiner von ihnen danach ausgesehen, als würde er regelmäßig Stimulanzien konsumieren. Und schon damals, genau wie ein paar Jahre später in der Villa am Starnberger See, habe ich mich für den einfacheren Weg entschieden, statt mich mit den Konsequenzen zu beschäftigen. Das weiße Pulver war in den Tiefen der Kloschüssel verschwunden.

Auch damals beförderte ich, um den Ruf eines anderen zu „desinfizieren“, diese von Menschenhand geschaffene Krücke der Leistungsfähigkeit direkt in die Themse.

London ist was den Kokainkonsum betrifft im Übrigen unbestritten die europäische Spitze. Bis zum Jahr 2026 wird der tägliche Konsum von reinem Kokain in der Hauptstadt auf erstaunliche 23 Kilogramm geschätzt, was etwa 161 Kilogramm pro Woche entspricht – mehr als acht Tonnen dieser Substanz pro Jahr. Das ist mehr als in Barcelona, Amsterdam und Berlin zusammen. Auch wenn ein Großteil dieser Menge vom Körper abgebaut wird, stellt der verbleibende chemische Fußabdruck eine enorme Belastung für die Wasseraufbereitung und die natürlichen Ökosysteme der Stadt dar.

Diese pharmakologischen Bacchanalien folgen einem vorhersehbaren Rhythmus. Der Gehalt an Kokain und seinem Hauptmetaboliten Benzoylecgonin steigt nach starken Regenfällen jedes Mal innerhalb von 24 Stunden sprunghaft an. Genau dann wird nämlich im Zuge der Notentleerung der Kanalisation ein Cocktail aus ungefilterten Abwässern in die Themse geleitet.

Für die dort lebenden Flussaale (Anguilla anguilla) ist diese chronische Exposition eine Katastrophe in Echtzeit. Anstelle der versprochenen glückseligen Euphorie endet ihr Trip mit Muskelschwund und hormoneller Verwirrung, von der es kein Zurück mehr gibt. Diese Aale werden chemisch sabotiert, was sie höchstwahrscheinlich daran hindert, ihre 6000 Kilometer lange Wanderung zum Laichen in die Sargassosee zurückzulegen.

Wir blicken in einen zerbrochenen Spiegel. Durch die Kiemen in der Themse strömen nicht nur die „Partydrogen“ von Bankern und Kreativen, sondern auch Medikamente, die wir uns selbst verschreiben, um im selbsterschaffenen System zu überleben und die Angstzustände zu überspielen, in die uns – und unsere unvollkommenen Menschenkörper – das Herumirren in unserer modernen Welt versetzt.
Die „Kornkreise“ faszinierten lange Zeit Parawissenschaftler und UFO-Gläubige, bis man herausfand, dass hinter den Mustern keine außerirdische Intelligenz steckt, sondern eine Gruppe vom Mohnnaschen zugedröhnter Kängurus.
 

Türsteher im Bienenstock und Katzen im Morphinrausch

Nun ist dieser unstillbare Durst nach der „anderen Seite“ der Nüchternheit jedoch kein unikal menschliches Laster. Falls sich neben euch, während ihr diese Zeilen lest, gerade eine Katze (Felis catus) räkelt, deren niederfrequentes Schnurren häusliche Zufriedenheit zum Ausdruck bringt, dann habt ihr wahrscheinlich schon einmal miterlebt, wie sich das Tier hingerissen der den Geist verwirrenden Wirkung der flaumigen Katzenminze hingegeben hat. Das flüchtige Nepetalacton aus der Gruppe der Iridoide bindet sich an Rezeptoren in der Nasenschleimhaut der Katzen und löst die Ausschüttung von Endorphinen aus, natürlichen Opioiden, die der Wirkung von Morphin ähneln.

Ein neurochemischer Bestechungstrick der Natur: Während die Katze durch das Wälzen in der krautigen Pflanze ihr Fell auf natürliche Weise mit Repellent imprägniert, belohnt die Evolution sie für diese nützliche Hygiene mit einer Welle berauschender Glückseligkeit.

Auf der anderen Seite des Planeten, in Tasmanien, taumeln Rotnackenwallabys (Notamacropus rufogriseus) durch Mohnfelder. Nachdem sie sich an der „Mohnmilch“ berauscht haben, springen sie so lange im Kreis herum, bis sie in einen narkotischen Schlaf fallen. Die daraus resultierenden „Kornkreise“ faszinierten lange Zeit Parawissenschaftler und UFO-Gläubige, bis man herausfand, dass hinter den Mustern keine außerirdische Intelligenz steckt, sondern eine Gruppe vom Mohnnaschen zugedröhnter Kängurus.

Ganz im Sinne ihrer fröhlichen, animierten Verwandten praktizieren auch die echten Schwarzmakis (Eulemur macaco) im realen Dschungel Madagaskars eine groteske Form der Selbstpflege. Sie jagen riesige Tausendfüßler, welche sie mit einem sanften Biss dazu bringen, Cyanid und Benzochinone auszuscheiden. Anschließend reiben sie sich das orangefarbene Sekret in ihr Fell. Technisch gesehen handelt es sich dabei um ein natürliches Repellent gegen Malaria. Ein willkommener Nebeneffekt ist jedoch, dass die Makis unmittelbar und glückselig sabbernd in eine Trance fallen.

Und auch im Ozean fehlt es nicht an überschwänglichen Gangs adoleszenter Tiere, die auf der Suche nach außersinnlichen Erfahrungen sind. So wurden junge Große Tümmler (Tursiops truncatus) bei einem riskanten Spiel namens „Fang den Kugelfisch“ gefilmt: Sie werfen sich den Fisch wie einen Ball gegenseitig zu und beißen ihn vorsichtig, um die Freisetzung von Tetrodotoxin zu provozieren. Der Fisch bleibt am Leben und die Delfine schwimmen in Trance zur Wasseroberfläche, wo sie sich in einer Art narkotisch-therapeutischem Halbschlaf verträumt an ihrem eigenen Spiegelbild ergötzen.

Und dann ist da noch die Honigbiene (Apis mellifera), deren gesellschaftliche Etikette manchmal der Sommerhitze zum Opfer fällt. Wenn der Nektar zu reinem Ethanol vergärt, kehren die Sammlerinnen völlig „benebelt“ zum Bienenstock zurück. Auf der Landefläche werden sie jedoch von Bienen-Türstehern in Empfang genommen. Im Rahmen der das Kollektiv schützenden Sozialen Immunität, die mittelalterlichen Methoden in nichts nachsteht, beißen sie ihren betrunkenen Gefährtinnen einfach die Beine oder Flügel ab, damit die Trunkenbolde nicht den gemeinsamen Bienenstock und den Honig kontaminieren.

Spannend sind auch die sibirischen Rentiere (Rangifer tarandus), deren Vorliebe für halluzinogene Fliegenpilze wahrscheinlich den Grundstein für die Mythen über Santas fliegendes Schlittengespann gelegt hat. Nach dem Verzehr der rot-weißen Pilzköpfe zeigen die Rentiere einen rasend energischen Hang zum Herumspringen. Ihr Trip ist so stark, dass einige Schamanen nicht davor zurückschrecken, den durch den Rentierkörper gefilterten Urin zu trinken, um das berauschende Muscimol ohne die qualvolle Toxizität des Pilzes selbst aufzunehmen.

Berauschte Tiere sind ein so altes und weit verbreitetes Phänomen, dass sie sogar in unsere Sprachen eingegangen sind. Im Englischen kann man beim Verlust seines gesunden Verstandes rosa Elefanten sehen – ein Bild alkoholischer Halluzinationen, das Jack London in seinem autobiografischen Roman König Alkohol bekannt gemacht hat. Wenn diese Vision euch dazu inspiriert, sofort mit dem Trinken aufzuhören, praktiziert ihr einen sogenannten Cold Turkey, eine Anspielung auf die Gänsehaut, die mit Entzugserscheinungen einhergeht und an die Haut eines gerupften, gekühlten Truthahns erinnert.

Die weltweit verbreiteten Redewendungen zum rauschenden Übermaß bilden eine zoologische Menagerie unseres eigenen Versagens. Im Ungarischen kann man sich wie ein Büffel betrinken, im Niederländischen wie ein Käfer. Und in meiner Muttersprache, dem Tschechischen? Wenn man es mit Drogen übertreibt, hat man einen Affen, in Deutschland sieht man weiße Mäuse. Und wenn man die Nacht überlebt, bezahlt man den Rausch mit einer Entzündung der Schleimhäute, also einem Katarrh, was sich im Deutschen seit dem 19. Jahrhundert humorvoll im einen Kater haben wiederfindet.
Obwohl das Nervensystem von Oktopussen eher dem von Schnecken ähnelt, funktioniert ihr Serotonintransporter nach denselben Prinzipien wie der unsere. MDMA weckt in den Tieren etwas zutiefst Menschliches oder vielleicht eher zutiefst Biologisches: Das mürrische Raubtier mutiert urplötzlich zum Helden eines Art-House-Films, der in den Weiten des Ozeans verzweifelt nach Liebe und einer Umarmung sucht.

Acht Tentakel auf der Suche nach Liebe

Nicht immer warten wir geduldig darauf, dass unsere Schweinereien über den Abfluss zu jemand anderem gelangen. Manchmal injizieren wir die laborgeprüften Absurditäten direkt in die Adern und benutzen Tiere als biologische Stellvertreter für unsere eigenen existenziellen Experimente. Oft im Namen der Wissenschaft, manchmal im Namen des Krieges.

Betrachten wir das einsiedlerische, ein wenig mürrische Leben des Zweifleck-Oktopus (Octopus bimaculoides). Vertreter dieser Art kann man archetypisch getrost als die introvertiertesten Kreaturen der Tiefsee bezeichnen. Als jedoch ein Team von Wissenschaftler*innen der Medizinischen Fakultät der Johns Hopkins University in Baltimore den Oktopussen Ecstasy (MDMA) verabreichte, machten die Tiere eine überraschende und tiefgreifende Persönlichkeitsveränderung durch. Ähnlich wie unter dem Einfluss dieser Substanz stehende Menschen warfen auch die Kraken plötzlich ihre Zurückhaltung über Bord: Sie wurden „anschmiegsam“ und sozialisierten sich, griffen mit ihren Tentakeln über die Trennwände und umarmten unter Wasser andere Kopffüßer.

Obwohl das Nervensystem von Oktopussen eher dem von Schnecken ähnelt, funktioniert ihr Serotonintransporter nach denselben Prinzipien wie der unsere. MDMA weckt in den Tieren etwas zutiefst Menschliches oder vielleicht eher zutiefst Biologisches: Das mürrische Raubtier mutiert urplötzlich zum Helden eines Art-House-Films, der in den Weiten des Ozeans verzweifelt nach Liebe und einer Umarmung sucht.

Und dann sind da noch die NASA-Spinnen aus dem Jahr 1995. In dem Bestreben, chemische Toxizität ohne den Einsatz „höher entwickelter Lebewesen“ zu testen, verabreichten Wissenschaftler*innen der amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde Gartenkreuzspinnen (Araneus diadematus) einen Cocktail aus Koffein, LSD und Chloralhydrat. Während eine nüchterne Spinne ein geometrisch perfektes Netz webt, verliert eine Spinne unter dem Einfluss von Koffein jeglichen Sinn für Ordnung und erzeugt ein funktionsunfähiges, chaotisches Gewirr aus Fäden. Das ähnelt verdächtig meiner eigenen Produktivität nach drei doppelten Espressi.

Dieses chemische Verzerren der Realität ist längst nicht mehr nur das Privileg spiritueller Suchender, die im Amazonasgebiet unter Aufsicht eines Schamanen erbrechen und halluzinieren, während Mutter Ayahuasca die Ablagerungen der inneren Schlacke ausschwemmt und die Kanten tiefsitzender Traumata abschleift. In der westlichen Welt soll der Markt für psychedelisch unterstützte Therapien bis 2026 einen Wert von 3,41 Milliarden Dollar erreichen, befeuert durch die verzweifelten Regulationsbemühungen um klinische Legitimität.

Meine frühere Londoner Mitbewohnerin Carol – Therapeutin für kognitive Verhaltenstherapie, die für den britischen Gesundheitsdienst NHS arbeitet – lebt mitten im Epizentrum dieser frustrierenden Situation. Immer wieder hämmert sie an die Tür dieser wachsenden Branche, deren erwiesene Schlagkraft die Hersteller derselben Pillen bedroht, die ich einst in diesen bayerischen See gespült habe. Mit jeder Tür, die Pilotprogramme einen Spalt weit öffnen, schlägt die Pharmalobby still und leise zwei andere zu. Patentfähige Tagespillen dürfen nämlich auf keinen Fall etwas so Wirksames gefährden wie eine einzelne transformierende Dosis.

Ein Schimpanse auf Entzug

Die heute so aufgeklärte Erforschung der Empathie von Oktopussen steht in scharfem Kontrast zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als wir Tiere als Verbrauchsmaterial für die globale Zerstörung benutzt haben. Im Jahr 1943 initiierte der amerikanische Wissenschaftler und Psychologe B. F. Skinner das Project Pigeon (Projekt Taube), ein Experiment, um ein Vogelgesteuertes System für Lenkraketen zu entwickeln. Damit seine geflügelten Piloten mit diesem rasenden, unnatürlichen Tempo mithalten konnten, dopte er sie mit nicht näher bezeichneten „Aufputschmitteln“. Die Haustauben verwandelten sich dadurch in zitternde, chemisch angetriebene Bestandteile der Kriegsmaschinerie.

Die moralische Landschaft wurde mit den sogenannten Monkey Drug Trials (Drogenexperimente an Affen) von 1969 noch düsterer. Während dieser erschreckenden Demonstration unserer Fähigkeit zu klinischer Grausamkeit erhielten Primaten die Möglichkeit, sich selbst Morphium, Kokain und Alkohol zu verabreichen. Das Ergebnis war ein totaler psychischer Zusammenbruch. Die Forscher*innen sahen dabei zu, wie sich die Affen ihr eigenes Fell ausrissen und sich in extremer Drogenekstase die Finger abbissen.20

Trotz internationaler Übereinkommen kam diese Degradation nicht zum Erliegen, sondern verlagerte sich lediglich von den Militärlaboren zu Tourismusattraktionen. Man denke nur an das Schicksal von Schimpansen wie Charlie im südafrikanischen Zoo in Bloemfontein oder Azalea im nordkoreanischen Pjöngjang. Azalea wurde als Kettenraucherin weltweit als Kuriosität berühmt, die sich vor den Augen der Besucher*innen mit eisiger Gelassenheit eine Zigarette nach der anderen anzündete. 21 Die Primaten, die dazu verdammt wurden, unsere Laster rituell nachzuahmen, brauchten schließlich eine entsprechende Entziehungskur. Es ist ein unwürdiges Kapitel unserer Geschichte, das davon erzählt, wie wir unsere schlechten Angewohnheiten gewaltsam in die Körper unserer nächsten Verwandten einschreiben.
Wir bauen Villen mit Seeblick und unternehmen einige Anstrengungen, um die Natur in den Bereich hinter den Glasscheiben zu verbannen, aber die gegenseitig durchlässige Physiologie der Welt entlarvt diese Lüge gnadenlos.

Wildschweingulasch mit Caesium-Note

Während der synthetische Schatten immer länger wird, zeigen selbst die an der Spitze der Nahrungskette stehenden Beutegreife der Tiefsee erste Reaktionen auf unsere Exzesse. Eine Studie aus dem Jahr 2024, in der dreizehn vor der Küste von Rio de Janeiro gefangene brasilianische Haie (Rhizoprionodon Allani) untersucht wurden, konnte im Muskel- und Lebergewebe jedes einzelnen Tieres Kokain nachwiesen werden, und das in überraschend hoher Konzentration, die bis zu hundertmal höher war als die Werte, die jemals zuvor bei anderen Meeresorganismen gemessen wurden.

Damit kommen wir zum rohen Zynismus der gegenwärtigen Geopolitik. In den Jahren 2025 und 2026 manifestierten sich die amerikanischen Bemühungen um eine Machtdemonstration in der Karibik und im Pazifik in der sogenannten Operation Southern Spear (Südlicher Speer – eine amerikanische Militäroffensive). Die militärischen Interventionen dort mögen uns eher wie ein Dartturnier vorkommen, bei dem die menschlichen Opfer gezählt werden wie Punkte auf einer Anzeigetafel – bis Februar 2026 gab es über 145 Meldungen –, doch die physiologischen Massaker, die unter der Wasseroberfläche zurückbleiben, trägt niemand in die politisch relevanten Tabellen ein.

Mit jedem versenkten Boot sinken tausende Kilogramm Drogen auf den Meeresgrund und werden direkt in das marine Ökosystem aufgenommen. Was für ein krudes Paradox: Während wir unsere blutige Buchführung verfolgen, zirkuliert unser Konflikt unter der Wasseroberfläche längst im Blut der Haie und beeinflusst durch gewaltsame epigenetische Veränderungen die natürliche Ordnung für künftige Generationen von Raubtieren.

Das vielleicht bedrohlichste Erbe unseres chemischen Schattens bleibt das nukleare biologische Erbe. In den Wäldern Bayerns, nur wenige Kilometer von der sterilen Villa aus Glas und Beton entfernt, in der ich die Spuren menschlicher Existenz vom Marmorfußboden geschrubbt habe, leben Tiere, die immer noch eine hohe Radioaktivität aufweisen. Sie sind mit Caesium-135 aus den Atomtests der 1960er Jahre belastet. Jahrzehntelang ernährten sich die Wildschweine dort von Trüffeln, die wie verlangsamte Zeitkapseln fungierten, in denen die radioaktiven Nachwirkungen der Zeit der größten nuklearen Aufrüstung konserviert wurden.25

Wenn man C. G. Jung glaubt, dass die Natur in ihrem Wesen wahrhaftig ist und sich nicht irrt, was soll man dann mit einer Realität anfangen, in der unsere giftigen Abfälle Teil ihrer Biochemie werden. Wenn die Natur tatsächlich keine Fehler macht, als was soll man dann Haie auf Kokain oder Wildschweine, die das Echo einer Atomexplosion in sich tragen, begreifen?

Wir sind Zeugen des endgültigen Zerfalls der „naturbelassenen Wildnis“ als etwas, das klar vom menschlichen Ballast abgrenzbar ist. Wir wenden enorme Mittel auf, um die Illusion unserer eigenen Exklusivität aufrechtzuerhalten. Wir bauen Villen mit Seeblick und unternehmen einige Anstrengungen, um die Natur in den Bereich hinter den Glasscheiben zu verbannen, aber die gegenseitig durchlässige Physiologie der Welt entlarvt diese Lüge gnadenlos.

Der Spätkapitalismus versucht mit seinen künstlich geschaffenen Konzepten von „15-Minuten-Städten“ und geschlossenen Enklaven, ein Gefühl sicherer Abgeschiedenheit und Isolation zu vermitteln. In Wirklichkeit sind wir jedoch unweigerlich Teil desselben chemischen Kreislaufs. Wir brauchen die Natur unbedingt zum Überleben, wir haben jedoch noch immer nicht das richtige Gleichgewicht für unser Zusammenleben gefunden.

Wie der berühmte Arzt Paracelsus einmal sagte: „Die Kunst zu heilen kommt von der Natur, nicht vom Arzt.“ Aber anstatt demütig nach Heilmitteln für Körper und Geist zu suchen, sättigen wir heute die Natur mit unseren Giften und zwingen die Welt zu Mutationen, die uns nicht mehr verstehen werden.

Vielleicht ist es höchste Zeit, unsere Beziehung zu dem, was von der natürlichen Ordnung übriggeblieben ist, zu überdenken, bevor unsere synthetischen Schatten endgültig mit der Dunkelheit verschmelzen, in die wir die Natur eigenhändig gestürzt haben. Und sei es nur ein kurzes Zögern, bevor wir die Toilettenspülung betätigen.

Perspectives_Logo Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

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