Mit dem Stadtentwicklungsprojekt Tirana 2030 sollten chaotische Zustände in der albanischen Hauptstadt endlich der Vergangenheit angehören. Seitdem sind spektakuläre Bauprojekte entstanden – aber es ist auch viel vom alten Tirana verschwunden. Ist das eine notwendige Transformation – oder ein kalkulierter Erinnerungsverlust? In einer Stadt zwischen Neuerfindung und Geschichtsvergessenheit.
Die Baukräne sind zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Egal in welche Himmelsrichtung man blickt, sie sind überall in Tirana. Dazu kommen die Bauzäune an fast jeder Ecke, hinter denen Bagger Gruben ausheben und Stockwerk für Stockwerk graue Betonskelette in den Himmel wachsen. Der Bauboom in Tirana ist kaum zu übersehen. Es ist mehr als nur Wachstum – es ist der Umbau einer ganzen Stadt. In den vergangenen Jahren hat die Stadt Baugenehmigungen für etwa 140 neue Wolkenkratzer erteilt.Internationale Architektur-Zeitschriften schwärmen regelmäßig von den neuen Bauprojekten in Albaniens Hauptstadt, entworfen von Architekten aus Italien, Dänemark oder den Niederlanden. Da ist das Downtown One, ein Wohngebäude, dessen Fassade durch reliefartige Vorsprünge die Umrisse Albaniens zeigt. Oder das Book Building, das an ein dickes Buch voller Lesezeichen erinnern soll. Und dann ist da natürlich noch Tirana’s Rock, das wahrscheinlich markanteste Bauprojekt. Etwa 85 Meter hoch, geformt, wie ein Kopf, der dem albanischen Nationalhelden Skanderbeg nachempfunden ist.
„Es ist ein dummes Gebäude“, sagt Doriana Musaj. „Es bricht mit der ersten Lektion im Architektur-Studium: Imitiere nicht die Natur. Das funktioniert nicht.“ Musaj, Professorin für Architektur an der Polis Universität in Tirana, sitzt in einem Café am Skanderbeg-Platz, dem Herzen Tiranas, trinkt Aperol Spritz und raucht Selbstgedrehte. Das, was da gerade neu entstehe, sei in Beton gegossener Kitsch. „In Tirana wird Architektur importiert – experimentelle Architektur, die nichts mit dem Wesen der Stadt zu tun hat“, sagt Musaj und seufzt tief. „Ich habe das Gefühl, Tirana verliert gerade seine Identität.“
Doriana Musaj ist Professorin für Architektur an der Polis Universität in Tirana. | Foto: © Tobias Zuttmann
Tirana erfindet sich neu
Tirana ist eine Stadt mit Wachstumsschmerzen. Nach dem Ende der Diktatur Anfang der 1990er Jahre wurde die Metropole zu einer Art Magnet. Seitdem ziehen Albaner*innen aus dem ganzen Land in die Hauptstadt, auf der Suche nach besser bezahlten Jobs, Bildung, Perspektive. Mit der Zahl an Einwohner*innen wuchs auch Tirana – chaotisch, schnell, unkontrolliert, ohne klare urbanistische Planung, oft auch ohne Baugenehmigungen. Heute leben etwa 600.000 Menschen in Tirana, etwa 800.000 in der Metropolregion – in einem Land mit gerade einmal 2,4 Millionen Einwohner*innen ist das etwa ein Drittel der Bevölkerung. Die Stadt platzt seit Jahren aus allen Nähten, ständig gibt es Staus, es fehlt an Schulen, an Grünflächen.In seiner Zeit als Bürgermeister von Tirana zwischen 2000 und 2011 versuchte der heutige Premierminister Edi Rama, den Betonwildwuchs einzudämmen und ließ die grauen Häuser in der Stadt bunt anmalen.
2016 wurde für Tirana schließlich ein neues Makeover angekündigt. Eines, was die Anmal-Aktion Ramas geradezu lächerlich erscheinen lässt. Tirana 2030 – bis dahin soll die Stadt eine neue Skyline bekommen, grüner und fahrradfreundlicher werden, mit einer besseren Infrastruktur. Die Stadt soll in die Höhe wachsen, statt noch tiefer ins Umland zu greifen, und vor allem im Zentrum stärker verdichtet werden. Das soll Tourist*innen anziehen und das Leben der Einwohner*innen verbessern.
Was auf dem Papier gut klingt, scheitert an der Umsetzung, sagen Kritiker*innen. Seit zehn Jahren läuft das Projekt Tirana 2030, in dieser Zeit haben sich zahlreiche Stararchitekt*innen in der Metropole verwirklicht – doch die Probleme der Einwohner*innen haben sich kaum verbessert.
„Da sind zum einen die Staus: Ich brauche von zu Hause in die Stadt über eine Stunde – dabei sind es nur sieben Kilometer“, fängt Musaj an, die Probleme aufzuzählen. Es gibt mehr öffentliche Busse, aber die bleiben genauso im Stau stecken. Es gibt mehr Radwege, aber abseits der großen Straßen existieren oft nicht einmal Bürgersteige. Das Abwassersystem ist nicht auf so viele Menschen ausgelegt – noch immer wird ein Teil des Abwassers in den Fluss Lana geleitet, der offen mitten durch die Stadt führt. Die Stadt wird zwar durch Projekte wie bepflanzte Hochhäuser oberflächlich grüner, aber zugleich auch grauer, weil freie Flächen und Parks vom Bauboom aufgefressen werden. „Als es neulich zwei Tage stark geregnet hat, stand die ganze Stadt unter Wasser“, sagt Musaj und nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. „Alle sagten: Oh, das ist Gott. Aber das ist nicht Gott, es ist der Mensch, der den ganzen Boden zubetoniert hat und nicht daran gedacht hat, wo das Wasser hingehen könnte. Weil er nur ans Geld gedacht hat.“
Die Fassade des Wohnhochhauses „Downtown One“ zeigt durch reliefartige Vorsprünge die Umrisse Albaniens. | Foto: © Tobias Zuttmann
Korruption und Geldwäsche
Geld – das ist wohl das entscheidende Stichwort. An Tiranas Bauboom verdienen einige wenige – Bauunternehmer*innen, Investor*innen, Architekturbüros. Der Staat allein kann die Transformation nicht finanzieren und ist deswegen viele Public-Private-Partnerships eingegangen. Dabei übernehmen private Investor*innen die Baukosten in Teilen oder vollständig – und bekommen dafür zum Beispiel Baugrund oder Nutzungsrechte. In Tirana hat so etwa eine Privatfirma die Kosten für den Neubau des Nationalstadions größtenteils getragen – durfte im Gegenzug aber auch einen riesigen Hotel- und Ladenkomplex in bester Lage bauen, an dem sie nun verdient.Einige Politiker*innen sollen ebenfalls vom Bauboom profitieren, indem sie ihren Einfluss bei der Erteilung von Baugenehmigungen, Zonen und Bebauungsplänen nutzen. So steht der Bürgermeister von Tirana, Erion Veliaj, nach Ermittlungen der Anti-Korruptionsbehörde SPAK derzeit unter anderem wegen Korruption im Bausektor vor Gericht. Albanien rangiert auf Platz 91 des Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International – in nur wenigen Ländern in Europa ist die Korruption so hoch wie hier.
Weil der Bau- und Immobiliensektor als undurchsichtig und schwer kontrollierbar gilt, mischt auch die organisierte Kriminalität bei Tiranas Bauboom mit. Italienische Anti-Mafia-Staatsanwält*innen fanden heraus, dass etwa die berüchtigte ’Ndrangheta Albaniens Bausektor nutzt, um hier Geld zu waschen.
Doch es gibt auch Verlierer*innen. Bei Tiranas Generalsanierung sind vor allem Luxusprojekte entstanden. Obwohl so viel Wohnfläche wie noch nie da ist, sind die Mieten und Kaufpreise in die Höhe geschossen. In ganz Albanien hat sich der Kaufpreis pro Quadratmeter in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt, im Zentrum von Tirana haben die Preise sogar noch stärker angezogen. Viele Tiraner*innen können sich das Leben in ihrer Stadt nicht mehr leisten, sind aus dem Zentrum gezogen oder haben die Stadt gleich ganz verlassen. Gleichzeitig hat der letzte Zensus von 2023 gezeigt, dass etwa ein Drittel der Wohnungen in Tirana leerstehen – weil sie etwa Investorenobjekte sind. Viele Albaner*innen fragen sich: Für wen wird dieses neue Tirana eigentlich gebaut?
„Tirana’s Rock“ ist geformt wie ein Kopf, der dem albanischen Nationalhelden Skanderbeg nachempfunden ist. | Foto: © Tobias Zuttmann
Abriss der Vergangenheit
Für seine Neuerfindung bezahlt Tirana aber noch einen anderen Preis, der nicht so offensichtlich ist wie die Gentrifizierung. In Tiranas Architektur hat sich immer auch die wechselhafte Geschichte des Landes widergespiegelt. Da ist die schlichte Et’hem Bey Moschee aus der Zeit, als Albanien noch zum Osmanischen Reich gehörte. Die Villen und breiten Alleen, als Albanien unter dem Einfluss der italienischen Faschist*innen stand. Die Wohnblöcke aus der Zeit der kommunistischen Diktatur. Doch wo durch den Bauboom neue Gebäude entstehen, müssen alte weichen.Gemeinsam mit anderen Akteur*innen aus der Zivilgesellschaft und Studierenden hat Architekturprofessorin Doriana Musaj über die Jahre immer wieder dokumentiert, wie das alte Tirana Gebäude für Gebäude verschwindet – und damit auch ein Stück weit die Geschichte des Landes überschrieben wird. Beim Abriss einiger historischer Gebäude gab es einen großen Aufschrei, etwa bei dem Nationaltheater, das Aktivist*innen zwei Jahre lang besetzten, damit es erhalten bleibt – und das die Stadt schließlich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion während einer Corona-Ausgangssperre plattmachte.
Andere verschwinden nahezu geräuschlos. Viele Familien, die noch traditionelle Villen besitzen, können die lukrativen Angebote der großen Immobilienfirmen kaum abschlagen, ihre Grundstücke sind um ein Vielfaches wertvoller als die Häuser selbst. Einen finanziellen Anreiz, die historischen Gebäude zu erhalten, gibt es nicht. Formell gibt es zwar so etwas wie Denkmalschutz– aber der ist meist verhandelbar. Albanien steuere in die Zukunft und vergesse dabei seine Vergangenheit, sagt Doriana Musaj. An kaum einem anderen Gebäude wird das so heftig diskutiert wie an der Pyramide von Tirana.
Die Pyramide wurde von 1986 bis 1988 errichtet, um ein Museum zu Ehren des albanischen Langzeit-Diktators Enver Hoxha zu beherbergen. | Foto: © Tobias Zuttmann
Eine Pyramide für den Diktator
Es sieht aus, als wäre ein Raumschiff mitten in der albanischen Hauptstadt Tirana gelandet. Ein weißer Koloss aus Beton und Glas, umgeben von bunten Containern, die wie hingewürfelt wirken. Die Piramida, so nennen die Albaner*innen das weiße Ungetüm im Zentrum ihrer Hauptstadt, die Pyramide. Auf Treppen erklimmen Tourist*innen die Spitze, um den Ausblick zu genießen, Jogger*innen nutzen die Stufen zum Trainieren.Tiranas Pyramide ist eng mit einem Mann verbunden, der sie nie gesehen hat: Albaniens früherer Diktator Enver Hoxha. 1946 rief Hoxha die Sozialistische Volksrepublik Albanien aus. Knapp 40 Jahre herrschte er mit eiserner Faust über das kleine Land auf dem Westbalkan. In dieser Zeit war Albanien eines der ärmsten und am stärksten isolierten Länder der Welt. Und eines der repressivsten. Die Geheimpolizei Sigurimi war im ganzen Land gefürchtet. Bis zum Ende der kommunistischen Diktatur Anfang der 1990er Jahre wurden zehntausende Albaner*innen aus politischen Gründen in Arbeitslager und Gefängnisse verschleppt, etwa 6.000 hingerichtet. Bis heute ist das Schicksal zahlreicher Menschen ungeklärt. Während seiner Herrschaft baute Enver Hoxha einen Personenkult um sich herum auf – einen Kult, der auch nach seinem Tod fortbestand.
Hoxhas Tochter Pranvera wollte ihren Vater mit einem Museum ehren, wie es kein zweites im Land gab – und entwarf schließlich die Pyramide von Tirana. Zwei Jahre dauerte der Bau, 1988 wurde sie eröffnet – ein Denkmal aus Marmor, Glas und Stahl, auf der Spitze prangte ein roter Stern. Auf drei Etagen wurde das Leben von Hoxha präsentiert, mit Fotos und Filmen – auch seine Autos waren ausgestellt. In der Mitte stand eine Marmorstatue des Diktators.
Sechs Jahre nach Hoxhas Tod sollte das von ihm aufgebaute System schließlich fallen. 1991 kam es zu den ersten freien Wahlen. Für Albanien begann ein neues Kapitel – genauso für die Pyramide. Die Hoxha-Devotionalien wurden weggeräumt, das Gebäude zu einem internationalen Kulturzentrum umfunktioniert.
Nach dem Fall des Kommunismus wurde die Pyramide verschieden genutzt, unter anderem für Konferenzen, als Kulturzentrum, Fernsehstudio, Nachtclub oder als NATO-Basis während des Kosovo-Krieges. Lange stand die Pyramide leer. Auch ein Abriss war im Gespräch, von dem aber schließlich abgesehen wurde. | Foto: © Tobias Zuttmann
Disco, Militärbasis, Ruine
Die Pyramide wird nach dem Systemumbruch für Konferenzen und Ausstellungen genutzt und als Nachtclub. Während 1999 der Kosovo-Krieg tobte, nutzte die NATO die Pyramide und errichtete hier eine Basis. Später zieht ein Fernsehstudio ein, ehe das Gebäude lange leer steht.In den 2010er Jahren flammt schließlich die Debatte auf, was mit der vor sich hin bröckelnden Beton-Pyramide passieren soll. Abriss oder Renovierung? Die Pyramide spiegelt eine Frage wider, die sich viele in Albanien bis heute stellen. Wie umgehen mit der Vergangenheit? Aufarbeiten und erinnern? Oder vergessen und nach vorne schauen? Das Parlament entscheidet sich erst für den Abriss, nimmt ihn nach massiven Protesten aber wieder zurück. 2021 beginnt das niederländische Architekturbüro MVRDV mit der Neugestaltung, zwei Jahre später wird die Pyramide schließlich neu eröffnet, als Tech-Hub. Seitdem sind in der Pyramide Start-Ups, Investoren und Co-Working-Büros untergebracht.
Ein Großteil der Pyramide wird von der Bildungsorganisation Tumo Tirana belegt, die Jugendliche in neuen Technologien ausbildet. In einem blauen Container in der Pyramide findet eine Schulung zu Fotografie statt, in einem orangefarbenen zu 3D-Modelling, in einem lilafarbenen wird programmiert. Derzeit lernen mehr als 1.300 Kinder im Alter von 12 bis 18 Jahren bei Tumo – kostenfrei, erklärt Shqipe Berisha, die Managerin der Pyramide und von Tumo Tirana. Tumos Ansatz sei ein anderer als in den Schulen, sagt Berisha. Die Schüler*innen lernen viel im Selbststudium durch Ausprobieren, durch Erfahrungen: „Wir fördern ihre kreativen Fähigkeiten, ihre Fantasie sowie ihr kritisches Denken.“
Shqipe Berisha ist die Managerin der Pyramide. | Foto: © Tobias Zuttmann
Durch die Fensterscharten der Pyramide dringt dumpf das Brummen des Verkehrs draußen, ein Muezzin ruft zum Abendgebet, dazwischen prasselt der Regen auf die Glasscheiben. Coach Aliaj ist von der neuen Nutzung der Pyramide begeistert. Er kann sich gut daran erinnern, als die Pyramide in den 2010er Jahren brachlag. Als er mit anderen Jugendlichen die Rampen des Gebäudes herunterrutschte. „Die Narben davon habe ich heute noch“, sagt Aliaj und lacht. „Die Pyramide ist zu einem tollen Ort geworden. Hier kommen Leute zusammen und teilen ihre Ideen.“
Doch für Kritiker*innen wurde die Pyramide bei ihrer Umgestaltung nicht nur architektonisch entkernt – auch historisch. In der Pyramide erinnert nichts an den Mann, dem dieses Gebäude einmal gewidmet war – und die Gräueltaten, die er zu verantworten hat. Journalistin Blerina Gjoka findet das Projekt geschmacklos. „Ich hätte hier ein Museum eröffnet, mit all den Namen der Opfer und ihren Bildern und Informationen, was für Verbrechen während dieser Zeit begangen wurden – und hätte hier keinen Tech Startup Hub reingesteckt“, sagt sie.
Pyramidenmanagerin Berisha kann diese Kritik nicht nachvollziehen. Sie sagt, sie plane, bald in einem Teil der Pyramide ein Museum einzurichten: „Dort werden wir die Vergangenheit erzählen – aber jetzt leben wir im Augenblick und gehen in die Zukunft. Was den Augenblick und die Zukunft ausmacht, sind Technologie, Innovation. Das wird Albanien voranbringen – nicht, wenn wir in der Vergangenheit stecken bleiben.“
Zukunft mit Vergangenheit
Auch Mateo Begeja wünscht sich, dass Albanien sich eine Zukunft aufbaut – ohne jedoch seine Vergangenheit zu vergessen. In der Nähe des neuen Basars empfängt der 32-Jährige in einem kleinen Häuserkomplex, in dem er mit seinem Bruder und den Eltern wohnt. Die mit weißem Kalk verputzten Häuser sind um einen grünen Innenhof herum gruppiert – typisch für die osmanische Zeit, die Tirana geprägt hat. Begejas Familie hat die Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts mit aufgebaut, noch bevor Tirana 1920 Hauptstadt wurde. Ihre Häuser stehen schon seit Generationen hier.
Der 32-jährige Mateo Begeja will etwas vom alten Tirana bewahren. | Foto: © Tobias Zuttmann
Natürlich brauche eine Stadt wie Tirana Entwicklung und Wachstum, sagt Begeja. Aber die Frage sei doch wie und wo. Er malt einen Kreis auf die Karte, rund um den historischen Kern der Stadt mit dem Skanderbeg-Platz und dem neuen Basar. Während andere europäische Städte ihren historischen Kern besonders schützen würden, weil er ihr kulturelles Kapital sei, werde in Tirana gerade hier besonders viel gebaut. „Warum nicht überall drumherum? Wir müssen doch das erhalten, was uns besonders macht“, sagt Begeja.
Begejas Villa in der Nähe des neuen Basars im Zentrum ist seit Generationen in Familienbesitz. | Foto: © Tobias Zuttmann
Mateo Begeja schlüpft aus seinen Schuhen in ein Paar Pantoffeln und betritt das gedrungene Wohnhaus hinter dem Feigenbaum. Bei jedem seiner Schritte knarzen die Bodendielen. Massive Holzbalken durchziehen die Räume, die Wände sind mit weißem Kalk verputzt, stellenweise sieht man aber noch die Lehmziegel und die Farbreste von Generationen von Begejas, die hier gewohnt haben. Auf den Kommoden stehen alte Puppen, Kaffeemaschinen, Telefone, an der Wand hängt in einem goldenen Rahmen die Lizenz, die es Mateos Vorfahren erlaubt hat, hier als Händler zu arbeiten.
Begeja ist studierter Bauingenieur, sein jüngerer Bruder Architekt. 2018 begann die Familie gemeinsam, die Villen zu renovieren. Damals verfielen die Gebäude zunehmend, drohten einzustürzen. Sechs Jahre dauerte der Umbau. Die Begejas brachten sich selbst die alten Techniken bei, mit denen die Häuser einmal gebaut worden waren. „Die Stein-, Ziegel-, Balkenkonstruktionen und die Holzschnitzarbeiten sind alle authentisch. Auch die Möbel, die Lampen und die gesammelten Vintage-Stücke“, erzählt Begeja. In den Truhen haben schon Mateos Urgroßeltern ihre Kleider verstaut. Andere Stücke hat die Familie von Nachbar*innen geschenkt bekommen oder von Handwerker*innen gekauft. Begeja zeigt auf einen alten, riesigen Holzschrank: „So etwas bekommst du nicht bei Ikea.“
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Mai 2026