In diesem Jahr wurde die Großmutter des Autors 80 Jahre alt. Fast 40 Jahre lang hat sie in einer Dorfschule in der Region Odesa gearbeitet. Heute steht die Schule leer. Doch geblieben ist die Geschichte des Dorfes, der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte. Und ihre Erinnerungen, die bis heute bewegen und verbinden.
„Solange es eine Schule gibt, lebt das Dorf …“. Diesen Satz habe ich in meiner Kindheit einmal gehört und erinnere mich noch heute daran.Mit der Bildungsreform von 2015/2016 begann in der Ukraine die Zusammenlegung und Optimierung von Schulen in den Gemeinden. Damals kamen immer mehr Kinder aus kleineren Nachbardörfern in meine Schule im Dorf Pischtschana.
Besondere Aufmerksamkeit schenkte ich dem nicht. Wenn überhaupt, war ich ein wenig neidisch auf meine neuen Klassenkamerad*innen, denn sie konnten wie in amerikanischen Filmen mit dem Schulbus zur Schule fahren. Ich dagegen lief ohne besondere Begeisterung in fünf Minuten zum Unterricht.
Mein Blick auf die Dinge änderte sich im Sommer 2025. Damals fuhr ich oft in verschiedene Dörfer, um Fußball zu spielen. Die Dorfsportplätze befinden sich oft an Schulen, die längst geschlossen, und deren Gebäude geplündert und zerstört sind.
Während ich beobachtete, wie sich die Dorfbewohner*innen auf dem Sportplatzgelände versammelten, wurde mir bewusst, wie sehr ihnen die Schule fehlte – das Kinderlachen, die Schulglocke und Sportveranstaltungen, seien es auch nur Wettkämpfe zwischen den einheimischen Schülerinnen und Schülern.
Im Mai dieses Jahres wurde meine Großmutter 80 Jahre alt. Fast 40 Jahre lang war sie Lehrerin im Dorf Herbyne in der Region Odesa gewesen. Die dortige Schule ist seit mehr als zehn Jahren geschlossen. Heute werden die Schüler*innen in einen Bus gesetzt, der sie in mein Dorf Pischtschana bringt. Was für einen besseren Anlass könnte es geben, um zu sehen, wie sehr sich alles verändert hat?
Reise in die Vergangenheit
Die Schule in Herbyne steht auf einem Hügel unweit des Dorfzentrums. Ringsum wuchern Bäume und Sträucher.An den Türen der Klassenräume sind noch die Namen der Lehrer*innen und der für das Inventar Verantwortlichen zu lesen. In diesen Mauern scheint die Geschichte stehen geblieben zu sein.
Leider lässt sich der natürliche Verfall nicht aufhalten. Nicht umsonst sagt man in solchen Fällen: Ein Haus muss bewohnt werden. Und in einer Schule muss man lernen. Die ehemaligen Klassenzimmer verfallen nach und nach.
„Auf dem Papier existiert die Schule nicht mehr, niemand ist für sie verantwortlich. Deshalb interessiert sich niemand für ihr Schicksal“, sagt die letzte Schulleiterin.
Kreide, die niemand mehr mit einem Schwamm wegwischen wird | Foto: © Yevhenii Nazarenko
In einigen Klassenräumen findet man noch Schriftzüge an den Tafeln. Offenbar beschloss die diensthabende Schülerin oder der diensthabende Schüler an jenem Tag, sie nicht abzuwischen. Hätten sie ahnen können, dass sie auf diese Weise ein historisches Zeugnis hinterlassen würden?
„Die damals neue Schule wurde 1974 eröffnet. Das war ein echtes Fest. Für die Entwicklung des Dorfes war das von entscheidender Bedeutung. Auch Arbeitsplätze entstanden dadurch: Viele Lehrkräfte aus den Nachbardörfern machten hier, an der Schule von Herbyne, ihre ersten beruflichen Schritte. Die Schule war nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für viele Lehrkräfte, die gemeinsam mit ihr gewachsen sind, eine echte Wiege“, erinnert sich Natalija Kubaj.
Wenn man heute durch die Schule geht, wird einem unwillkürlich bewusst, wie vergänglich alles ist. Vor einigen Jahren gab es hier Arbeit, Kinder, Lachen, heute ist davon nichts mehr übrig. Noch interessanter ist es jedoch, die Menschen zu beobachten, die hier einen bedeutenden Teil ihres Lebens verbracht haben. „Ich habe warme Erinnerungen an das Dorf, die Schule und die Menschen. Ich habe hier viele Jahre gearbeitet. Sagen wir es so: Ich habe für diese Arbeit gelebt. Bei jedem Wetter versuchte ich, zur Schule zu kommen, denn ich wohnte im Nachbardorf. Es kam manchmal vor, dass ich im Winter mehrere Kilometer zu Fuß zurücklegte. Weder Regen noch Schneestürme konnten mich aufhalten. Denn ich wusste, dass die Kinder und meine Kolleginnen auf mich warten…“, erinnert sich meine Großmutter Jewhenija.
Jewhenija und Natalija | Foto: © Yevhenii Nazarenko
Versuche, der Einrichtung neues Leben einzuhauchen: Trauermahle und eine katholische Ecke
Die Schule wurde schrittweise geschlossen: Zunächst wurden die oberen Klassen aufgelöst, später auch die Grundschulklassen. Im Jahr 2015 hörte die Bildungseinrichtung endgültig auf zu existieren. Damit das Gebäude jedoch nicht völlig ungenutzt blieb, begann man dort Trauermahle nach Beerdigungen abzuhalten.Doch damit endeten die Versuche, die Schulräume wiederzubeleben, nicht. Für einige Zeit zog ein katholischer Priester hier ein. Etwa ein Jahr lang hielt er Gottesdienste in einem Raum ab, in dem sich früher die Umkleideschränke der Kinder befanden. Heute stehen darauf zahlreiche Ikonen, bestickte Tücher und andere religiöse Gegenstände. „Als der Priester das Dorf verließ, ließ er viele Ikonen und andere Habseligkeiten in der Schule zurück“, erinnert sich Natalija Kubaj.
Unvollendete Projekte, Bastelarbeiten der Kinder und Bücher
In den Jahren der ukrainischen Unabhängigkeit hatte die Schule große Pläne für den Bau einer Turnhalle. Ein Großteil des Gebäudes wurde sogar errichtet, an das Schulgebäude angebaut. Doch es kam anders als gedacht. Das Vorhaben konnte nicht zu Ende geführt werden. Seit den 2000er Jahren steht der Rohbau unverändert da und sieht heute so aus.Abgesehen von den Spuren der nicht verwirklichten Sportpläne kann man auf dem Schulgelände viele zurückgelassene Bastelarbeiten entdecken. Zum Beispiel eine Steinsammlung, vermutlich aus dem Naturkundeunterricht. Oder ein gesticktes Katzenbild. Für Leseratten gab es Bücher für jeden Geschmack – von der deutschen Sprache bis zur ukrainischen Geschichte.
Es fällt schwer, die Schule zu verlassen. Denn es ist gut möglich, dass die nächsten Besucher*innen keine wohlwollenden Menschen sein werden, die einen Teil ihres Lebens ihrer Entwicklung gewidmet haben, sondern Diebe, denen noch ein paar Holzbretter für den Bau eines Stalls oder einer Scheune fehlen.
Ehemalige Mitarbeiterinnen verlassen für immer die Mauern ihrer geliebten Einrichtung. | Foto: © Yevhenii Nazarenko
Das Lehrerkollegium hat sich wieder versammelt
Damit diese Zeitreise nicht mit einer traurigen Note endet, lud Natalija uns zu sich ein. Bald gesellten sich auch andere ehemalige Lehrkräfte von hier dazu: Klassenlehrer*innen, der Sportlehrer, die Lehrerinnen für Deutsch- und Mathematik. Kurz gesagt, wie in den guten alten Zeiten war das Kollegium wieder versammelt.Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
Juni 2026