Die Brutalität sozialer Ungleichheit zeigt sich unter anderem an den „Nicht-Orten“, an die viele Menschen verdrängt werden. Maroš Juhás streift durch die „Nicht-Orte“ von Košice und schreibt darüber, wie sich die Ungleichheit auf die Körper und das Leben der Menschen auswirkt, denen er begegnet.
I.Unter meinen Füßen knirschen Glasscherben, ich mache vorsichtige Schritte. Wir werfen einen Blick in einen Raum, der größtenteils bereits leer und zerstört ist. Dann schauen wir in den nächsten. Ein Büro mit Sofas, der Boden ist vollständig mit Dokumenten übersät. Darunter auch eine dicke Mappe mit Bauplänen des Komplexes, durch den wir uns gerade bewegen. Ich greife nach der Mappe und breite die Skizzen auf einem der Tische aus. Die monotone Brise des leichten Durchzugs wird plötzlich von einem Schlag gegen die Wand unterbrochen, wir zucken zusammen. Ich mache mir fast in die Hose, meine Kehle ist wie zugeschnürt. Die Augen von L. verraten mir, dass es ihm genauso geht. Unser Gespräch über die Skizzen verstummt, wir halten inne und warten ab, was kommen mag. Noch ein Schlag. Wir sehen uns nach Fluchtwegen um. Der dritte Schlag ist näher als die anderen beiden. Kein Ausweg in Sicht, also bewaffnen wir uns sicherheitshalber. Ich mit einem Spray, L. mit einem Teleskop. Der vierte Schlag lässt uns noch einen Moment, um tief Luft zu holen, kurz vor der Konfrontation. Unmittelbar nach dem fünften tauchen drei kräftig gebaute Gestalten im Türrahmen auf. Eine dunkle Hand mit hervortretenden Adern und einem unleserlichen Mädchennamen umklammert eine große eiserne Brechstange. Vor Angst haben wir die Hosen voll, aber die anderen offensichtlich auch. Sie haben nicht erwartet, hier auf jemanden zu treffen. Beide Seiten atmen auf.
„Scheiße, Alter, ihr habt uns voll erschreckt!“ Lässig wirft der Typ die Brechstange weg und lässt sich erleichtert auf eines der Sofas fallen. Unsere Klamotten hätten sie verunsichert. Wir schütteln den Kopf und lachen über die Absurdität der Situation. Dann lassen wir eine Schachtel Zigaretten rumgehen und jeder zündet sich eine an. Genussvolle Züge und ein recht zivilisiertes Gespräch.
„Was macht ihr hier?“
„Wir wollten nur mal schauen. Und ihr?“
„Malochen.“
„Ihr habt da unten in dem Tunnel die fetten Kabel ausgebuddelt?“
„Joa. Heute Nacht kommt einer mit dem Auto.“
„Also, ihr schuftet hier und dann kommt das einer abholen?“
„Joa.“
„Zahlt der was?“
„Logo.“
Wir reichen uns die Hände, drücken unsere Anerkennung aus, dass diese Typen so offen und ehrlich waren, aber auch unseren Dank dafür, dass die Konfrontation so glimpflich verlaufen ist. Dann ziehen die anderen wieder ab.
Wir machen es uns an diesem Ort gemütlich, sobald unsere Eltern uns etwas mehr von der Leine lassen, mit der sie versuchen, uns unter Kontrolle zu halten. Wir sind wohl auf der Suche nach etwas, das nur uns gehören würde. Ohne Kontrolle, ohne Beschränkungen, ohne Erwartungen. Uns verbindet die Sehnsucht danach, an den Rändern entlang zu wandern und zu ergründen, was sich unter der Oberfläche befindet. Wir verspüren so ein natürliches Verlangen danach, Grenzen zu überschreiten und unseren eigenen Platz in Raum und Zeit zu finden, mit allem, was dazu gehört – dem Risiko, dem Verborgenen und Vergessenen. Die Stadt geizt in dieser Hinsicht nicht. Regelmäßig bahnen wir uns Wege durchs dichte Gebüsch. Zu all den rostigen und klapprigen Leitern, um von oben auf die Welt zu sehen, aus einer Höhe, bei der den meisten Menschen die Hände schwitzig werden. All die verlassenen Fabriken, blankgelegten Gerüste, Dächer, Keller und Bunker sind unser liebster Spielplatz. Doch bald stellen wir fest, dass wir an diesen Orten nicht allein sind. Während wir die Stadt erkunden und unsere Limits ausloten, lernen wir eine Sache: Demut im Umgang mit den Menschen, die an diesen Orten leben. Hinter besprühten Zäunen und dicken Rohren, die sich durch die Wohnsiedlungen ziehen. Im Dschungel aus wildem Gebüsch und Disteln, der sie vor den Blicken der Mehrheitsgesellschaft verbirgt. Die Stadt fasziniert uns, obwohl sie uns gleichzeitig schrecklich langweilt. Wir weigern uns, uns an all den Dingen zu beteiligen, die unsere Altersgruppe für cool halten. Weil wir uns zwischen zwei Realitäten bewegen, entwickeln wir ganz automatisch eine andere Sichtweise.
| | Foto: © Maroš Juhás
II.
Ich weiß nicht, ob ich mich jemals so sehr auf die Arbeit gefreut habe. Ein wunderbarer Altweibersommer. Die Erde duftet in dieser Jahreszeit schon anders. Gibt es dafür einen Begriff? Vielleicht kommt dieses Gefühl vom warmen, trockenen Gras oder den Blättern, die in der Ferne leuchten? Vielleicht ist es die goldene Schattierung der sich verabschiedenden Sonne? Schwer zu sagen, wie sich diese Stimmung zusammensetzt, doch der Effekt ist offensichtlich. Wachträume und das Verlangen, nichts weiter zu tun, als den Tag an sich vorüberstreifen zu lassen.
Dieses Jahr hatte ich dafür die absolut besten Bedingungen. Jeden Morgen waren V. und ich ins Auto gestiegen und losgefahren. Chillige Musik im Hintergrund, Aufregung wegen der Herausforderung und freundschaftliches Plaudern im Verkehrsfluss. Wir bogen ab, wo es sonst kaum jemand tat, bemühten uns, die Zeit, die wir auf ordentlichen Straßen unterwegs waren, zu minimieren. Zu viele neugierige Blicke, Fragen und Anforderungen. Nur das Nötigste für die Arbeit dabei, betraten wir ein großes Gebäude, stiegen die acht Etagen hinauf, vorbei an den verschweißten Resten des Aufzugsschachts. Durch eine Öffnung im Dach kletterten wir nach oben, zogen die Leiter hoch und schlossen die Luke hinter uns, die wir mit einem 15-Kilo-Eimer Farbe beschwerten. Tief durchatmen und den Blick in die Ferne schweifen lassen, bevor wir mit der Arbeit begannen.
„Verrecken sollt ihr bis morgen früh!“
Dieser klangvolle Satz überraschte uns sowohl in seiner Form, als auch im Inhalt und bezüglich des Absenders. Wir ahnten, dass er uns galt, der Handvoll Leute auf dem Dach des Plattenbaus. Der Wind trugt das Echo der Kinderstimme von der einsamen Ruine des Plattenbaus gegenüber zu uns. Ein Mädchen stand an einem der Dutzenden eingeschlagenen Fenster. Ihr Satz enthielt eine seltsame Diskrepanz zwischen Bedeutung und Intonation. Es klang eher, als wollte sie uns „Guten Tag!“ wünschen. Wir schüttelten lachend den Kopf.
V. hat schon mehrmals unser Street Art Festival organisiert, in dessen Rahmen verschiedene Murals in der Stadt entstanden sind, von Künstlern aus aller Welt. Ein Kontrast zur Realität des Alltags. Die heruntergekommenen Fassaden verwandeln sich in bunte Flächen, die den relativ konservativen Geschmack der Gesellschaft provozieren. Es ist ein aufregendes und schönes Gefühl, Teil davon zu sein, zur einer großen Gemeinschaft zu gehören, intensive und außergewöhnliche Erfahrungen zu machen. Tolle Partys, die sich mit Leichtigkeit und Verwunderung bis in die hellen Morgenstunden hinziehen. Die Stadt als Spielplatz, den wir uns selbstbewusst und motiviert zu eigen machen.
In diesem Jahr war auch Sasha Kurmaz [ein renommierter ukrainischer Künstler, Anm. d. Red.] eingeladen, dessen Erfahrungen auf dem Leben in der relativ heterogenen ukrainischen Gesellschaft beruhen. Angesichts der großen sozialen Unterschiede bei uns, kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Luník IX [berüchtigte, völlig überfüllte und teils verfallene Plattenbausiedlung in Košice, die überwiegend von Roma bewohnt wird, Anm. d. Red.] war für ihn ein Schock und das Bedürfnis, sich zu diesem sensiblen Thema zu äußern, deshalb groß. Dem hatten wir nichts entgegenzusetzen, wir konnten ihm lediglich gute Bedingungen für seine Arbeit schaffen. Gleichzeitig haben wir versucht, das Ganze vor dem Hintergrund unserer eigenen Lebenserfahrung irgendwie zu lenken. Das Aufwachsen in der slowakischen Stadt mit dem größten ethnischen Ghetto weit und breit hat uns schließlich geprägt.
„Wer unter Wölfen leben will, muss mit ihnen heulen.“
Diesen Spruch haben wir nach Sashas Konzept mit weißer Farbe auf das Dach eines einhundert Meter langen Plattenbaus gemalt. Die Ambivalenz des Satzes spiegelt unsere Gesellschaft, steht für das heftige Stochern im Wespennest. Sasha hatte den Spruch ursprünglich auf eine gewöhnliche Werbetafel schreiben wollen, die auf dem Dachvorsprung aufgestellt werden sollte. Doch das schien uns nicht angemessen. Der Kompromiss war dann, den Spruch viel monumentaler zu platzieren, doch so, dass er vom Boden aus nicht zu sehen ist. Ich habe diesen Ansatz als eine Art Dialog zwischen der irdischen Realität und dem, was oben ist, verstanden. In manchen Momenten fiel es mir schwer, die Existenz des Werkes zu rechtfertigen. Wer ist eigentlich wem ein Wolf? Und ist es überhaupt nötig, Salz in diese Wunde zu streuen? Es dauerte nicht lange, bis jemand unser Werk aus einem Flugzeug heraus fotografiert hat, noch bevor es hätte kontrolliert medialisiert werden können. Von da aus war es dann nicht mehr weit bis zu den provokativen Überschriften in den Lokalmagazinen. Die Wespen waren ausgeschwärmt.
| | Foto: © Maroš Juhás
III.
Mitten in der Woche gehe ich abends aus, ein wenig chillen. Ein paar Gläser Bier lösen in mir den plötzlichen Drang nach Spontanität aus, einer Spontanität, die uns früher bei unseren Kneipentouren immer begleitet hat.
„Lasst uns auf ein Bier ins Colo gehen.“ Warum auch nicht? Der schmale Durchgang umhüllt mich mit schwerer, süßlicher Luft und begleitet mich zur Treppe, die in die Bar Colosseum hinunterführt. Die Tische voll mit Leuten, die sich hier wie zu Hause fühlen. Rote Wände mit Flammen, klebriger Boden, klebrige Tische und für meine Ohren jetzt schon zu harte Musik. Wir trinken nur ein Bier und wollen dann weiter. L. muss noch mal aufs Klo, ich soll auf ihn warten. Also warte ich und sehe mich um. In dem Gedränge fällt mein Blick auf einen Tisch in der Mitte des Raumes, der selbst an diesem ungewöhnlichen Ort irgendwie fehl am Platz wirkt. Zwei Roma-Frauen und ein junger Mann sitzen dort. Die ältere von beiden hat mich bereits ins Visier genommen, ihr Blick fordert mich auf, näher zu kommen. Sie geht auf die 60 zu. Die jüngere von beiden sieht überall hin und doch nirgends, sie schielt, mit ernstem Ausdruck saugt sie an einer lächerlich langen Zigarette. Der Typ ist geistig nicht ganz anwesend, sehr jung. Während ich auf L. warte, setze ich mich dazu und frage:
„Na ihr, wo kommt ihr her?“
„Aus Gelnica.“
„Und was macht ihr hier?“
„Blowjobs.“
Ich falle fast vom Stuhl, kann meine Überraschung kaum verbergen. Die ältere Frau hat mich mit einer Aura der Vertrautheit an den Tisch gelockt. Sie hat die Augen von jemandem, der vor langer Zeit nett zu mir gewesen sein könnte. Ich habe nicht erwartet, so unvermittelt in Kontakt mit der nackten Realität zu kommen. Ungläubig sehe ich mich um und frage den jungen Typen, ob auch er...
„Heute hatte ich wieder einen Polizisten aus Prešov.“
„Echt? Du veraschst mich nicht?“
„Wirklich, die kommen regelmäßig zu uns.“
In dem Moment erinnere ich mich an etwas, und die Situation kommt mir gar nicht mehr so verwunderlich vor. Ebensolche Damen haben nach Unterrichtsende auch in der Nähe unserer Schule herumgestanden. Meistens ältere Frauen. Luxuskarren haben vor ihnen angehalten, schwarze BMWs und Mercedes. Mitten am Tag. Die Frauen sind eingestiegen. Welten, die nur scheinbar und rein deklarativ unvereinbar sind. Offensichtlich brauchen sie aus dem weiten Ozean an Möglichkeiten eben genau diese.
| | Foto: © Maroš Juhás
IV.
Ich gehe an der Kirche im Viertel vorbei. Gerade tritt ein geistig gestärkter, weißer Mann in einem beigefarbenen Anzug heraus. Ein durchschnittlicher NPC [Non-Player-Character, Anm. d. Red.] im höheren mittleren Alter. Verärgert zieht er sein Handy aus der Tasche, um ein vielleicht zweijähriges Kind zu fotografieren, das hier auf diesem kleinen Platz herumtollt. Als eine Frau, die irgendwo im Schatten sitzt, ruft: „Das darfst du nicht!“, steckt er das Handy wieder weg und entfernt sich schnell. Er will ihrem Geschrei entkommen, mit dem sie ihm aufs Blumigste verschiedene Diagnosen und Befunde an den Hals wünscht. Ich habe eine leere Mineralwasserflasche in der Hand, eine Pfandflasche, und beschließe, sie ihr zu geben. Bestimmt kann sie den Pfand gebrauchen. Nach unserer Familienfeier bin ich in Plauderlaune, also gehe ich auf die Frau zu und unterhalte mich ein wenig mit ihr. Sie macht auf mich einen resignierten Eindruck, ihr Blick folgt beständig dem Kind. Sie bittet um Hilfe, doch ich habe nur diese Flasche.
„Ich würde dir was geben, aber ich hab nichts dabei. Warum schreist du hier so rum?“
„Er hat sie fotografiert.“
Ich wundere mich über ihr Aussehen. Sie ist jung, hat grüne Augen, nur die Frisur ist eher die einer alten Frau. Nicht weit entfernt, am anderen Ende der Straße, ist die Siedlung Lubina. Ich frage sie also, ob sie von dort kommt. Ihr Mann schon, doch sie sei von Luník IX und hätte nach Lubina „eingeheiratet“. Sie zeigt mir einen Plastikbeutel, der hinter ihrem Bein steht. Er ist voll mit einer gelben Flüssigkeit und mit ihr durch einen blutverschmierten Schlauch verbunden. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, also stehe ich nur neben ihr, sehe sie an, dann ihr Kind, und denke an mein eigenes, das bald auf die Welt kommen wird. Wir schweigen. Nach der entstandenen Pause fällt es mir schwer, etwas zu sagen, nur dass es mir wirklich leid täte. Sie nickt kaum merklich, ihre Lippen zittern.
Ich gehe weiter, versuche wieder an die Freude anzudocken, die der endlich schöne Frühlingssonntag vor dieser Begegnung versprüht hat. Doch alles in mir ist anders gestimmt, ich atme tiefer ein. Dieses existenzielle Gedankenkarussell habe ich schon oft erlebt. Es speist sich aus dem Wissen um die Wellblechkolonien, die aus den Hinterlassenschaften unseres Alltags zusammengezimmert sind. Aus dem Anblick barfüßiger, rotzverschmierter Kinder, die über die spitzen Steine der Bahndämme laufen. Aus dem Ekelgefühl, das der Gestank brennender Autoreifen verursacht, an denen sich diese Kinder wärmen. Aus dem Bemühen, den Rudeln streunender Hunde nicht in die Quere zu kommen, die diese Kinder hier beschützen. Seit Jahren versuche ich, zu verstehen und eine Meinung zu formulieren. Je besser ich diese Stadt von ihrer Schattenseite kennenlerne, umso weniger lasse ich mich von dem Bild täuschen, das sie von sich zu zeichnen versucht. Diese Stadt ist eine Metropole, deren heutiges Gebiet vor nicht allzu langer Zeit aus Wiesen bestanden hat. Was darauf gewachsen ist, ist bereits wieder verrottet. All das, was hier im Sinne von Rationalität und Egalität generiert wurde, hat letztendlich genau das Gegenteil hervorgebracht: einen Lebensraum für neue brutale Hierarchien und Ausgrenzung. Auch eine Stadt hat ein Unterbewusstsein. Dort sammelt sich all das an, was nicht in jenes Bild passt, das die Stadt von sich geschaffen hat.
Wer ist hier also wem ein Wolf? Und wer soll mit wem heulen?
| | Foto: © Maroš Juhás
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Juli 2026