Ein Leben nach dem Trauma ist möglich. Davon sind die Mitarbeiter*innen des Rehabilitationszentrums Halytschyna überzeugt. Nach schweren Verwundungen und Amputationen eignen sich Veteranen hier Schritt für Schritt die neue Wirklichkeit des zivilen Alltags an. Einer dieser Schritte ist Ergotherapie in der Küche.
Um 11:00 Uhr versammeln sich die Soldaten ohne Eile am Esstisch in der geräumigen Küche des Rehabilitationszentrums Halytschyna [Galizien - Anm.d.Üb.] in der Nähe von Lwiw. Nicht nur Lust aufs Kochen oder ihre gemeinsame Kampferfahrung verbindet sie. Alle erholen sich hier von schweren Verwundungen. Die Männer wirken entspannt, beinahe fröhlich, und freuen sich auf ein selbst gekochtes Mittagessen.Auf dem Tisch werden die Zutaten bereitgestellt: Kartoffeln, Gurken, Tomaten, Hähnchenfilet, Butter und Senf. Binnen weniger Minuten ist alles aufgeteilt, und das große Schnippeln beginnt. Untermalt von freundschaftlichen Gesprächen ist in der Küche das rhythmische Klappern der Messer auf den Brettern zu hören. So startet die Rehabilitation. Erst beim genauen Hinsehen bemerkt man: Der eine schneidet das Gemüse mit einer Prothese, der andere einhändig.
Die Ergotherapie-Küche des Zentrums für komplexe Rehabilitation Halytschyna in der Ortschaft Welykyj Ljubin, Oblast Lwiw. | Foto: © Mariana Verbovska
„Wir haben in unserer Küche spezielle Gadgets“, erzählt die Ergotherapeutin Marija Martschuk. „Zum Beispiel ein adaptives Schneidebrett. Es ist mit Stiften und Gummibändern ausgestattet, um die Lebensmittel zu fixieren. Das kompensiert die Schwäche oder das Fehlen einer Hand, sodass die Patienten ganz ohne fremde Hilfe kochen können.“ Das Zentrum Halytschyna liegt im kleinen Ort Welykyj Ljubin, rund 20 Kilometer von Lwiw entfernt.
Ein adaptives Schneidebrett ermöglicht dank integrierter Fixierhilfen die sichere Zubereitung von Speisen mit nur einer Hand oder in Kombination mit einer Prothese. | Foto: © Mariana Verbovska
Der Begriff „Ergotherapie“ bedeutet wörtlich übersetzt „Heilung durch Handeln“. Diese Disziplin entstand Anfang des letzten Jahrhunderts in den USA, erlebte jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg ihren großen Aufschwung. Ergotherapeut*innen arbeiten an der Schnittstelle von Medizin, Psychologie und praktischer Arbeit. Das Hauptziel der Methode ist hier: verloren gegangene Fähigkeiten wiederherzustellen, um so die Rückkehr in den gewohnten Alltag zu ermöglichen.
Was gibt es nach dem Fronteinsatz zu essen?
Das heutige Menü stammt von Jaroslaw Melnytschuk, einem 24-jährigen Soldaten des 50. separaten Sturmbataillons für unbemannte Systeme. Vor seinem Militärdienst stand er ungern am Herd. Doch nach der Rückkehr aus den Stellungen gab es bei den Männern seiner Einheit die Tradition, Schaschlik zu grillen. Irgendwann hing ihm das Gericht zum Hals heraus, und er schlug vor, mal etwas Neues auszuprobieren.
Jaroslaw Melnytschuk, 24-jähriger Soldat des 50. separaten Sturmbataillons für unbemannte Systeme. | Foto: © Mariana Verbovska
Seine Kameraden schälen unterdessen Kartoffeln – der eine mit der gesunden Hand, der andere mit der Prothese, ein Dritter mit einem Orthesen-Aufsatz.
Das Hähnchenfleisch schneidet Wiktor Ascheulow, Soldat der 20. separaten Brigade für unbemannte Systeme „K-2“. Er wurde Ende Februar 2026 verwundet und kam im März zur Rehabilitation ins Zentrum. Mit der Ergotherapie hat er sofort begonnen. Wiktor ist 47 Jahre alt und stammt aus der Oblast Donezk.
„Manchmal komme ich vormittags und nachmittags hierher, mir gefällt es. In der Armee wurde uns das Essen zwar fertig serviert, aber man muss auch selbst kochen können“, meint der Soldat.
Neben dem Fleisch bereiten die Männer Kartoffeln für das Püree vor. Ein riesiger Topf ist in weniger als einer halben Stunde geschält. Dabei zeigt sich: Der eine hat die Kartoffeln in Würfel geschnitten, der andere in Streifen, ein Dritter in Hälften. Einer der Soldaten scherzt: „Ein Glück, dass es Püree wird, am Ende stampfen wir eh alles zusammen.“ Die Runde bricht in Lachen aus. Schließlich wissen alle: Die Form der Kartoffeln ist komplett egal, es zählt nur der gemeinsame Prozess.
Immer mehr Patienten
Das Zentrum nimmt seit 2023 Soldaten auf. Die Patienten werden überwiegend von Militäreinheiten und Lazaretten überwiesen, seltener durch Hausärzte. Die gesamte Behandlung ist kostenlos. Außerdem erhalten die Patienten soziale Begleitung. Einfach ausgedrückt: Das Personal hilft bei der Rückkehr ins zivile Leben – sei es durch die Wiederbeschaffung verlorener Dokumente, die Klärung des rechtlichen Status oder berufliche Umschulungen. Die Ergotherapie ist einer der Eckpfeiler der Einrichtung.
Ergotherapeutin Marija Martschuk (Mitte) beobachtet die Patienten bei der Arbeit. | Foto: © Mariana Verbovska
Rund 90 Prozent der Patienten sind Soldaten, die mit Amputationen der oberen und unteren Gliedmaßen, Mehrfachverwundungen, Nervenschäden, Brüchen und den Folgen von Schädel-Hirn-Traumata von der Front zurückgekehrt sind. Das Zentrum kann bis zu 300 Patienten gleichzeitig für Rehabilitation und Prothetik aufnehmen. Im Jahr 2023 wurden hier 550 Soldaten behandelt, 2024 waren es 605 und 2025 bereits 805.
Das Mittagessen, das die Soldaten während der Therapieeinheit in der Küche zubereitet haben. | Foto: © Mariana Werbovska
Juli 2026