Verlust bewältigen  Kriegswitwen und ihr Garten des Lebens

Im Rahmen des Projekts „Garten des Lebens“, das von einer Organisation ukrainischer Witwen ins Leben gerufen wurde, wurden bereits mehr als zehntausend Pflanzen gesetzt.
Im Rahmen des Projekts „Garten des Lebens“, das von einer Organisation ukrainischer Witwen ins Leben gerufen wurde, wurden bereits mehr als zehntausend Pflanzen gesetzt. Foto: © privat

Wie spricht man mit ukrainischen Frauen, deren Ehemänner im Krieg gefallen sind? Was soll man sagen und worüber besser schweigen? Wie erleben sie den Verlust? Woher kommt die Kraft, bei Verstand zu bleiben? Wie finden sie zu sich selbst zurück… und erlauben sie sich, wieder zu lieben? Was sind das für Themen, über die sie nicht wagen zu sprechen? Und welche Unterstützung brauchen jene, für die der Weg besonders schwer ist?

Zum Thema Kriegswitwen liegt keine offizielle ukrainische Statistik vor. Im Januar 2024 erklärte der damalige Verteidigungsminister Rustem Umjerow, dass der Staat mehr als 35.000 Familien gefallener Verteidiger*innen registriert hat (zu denen auch die Witwen gehören). Expert*innen weisen darauf hin, dass die meisten Witwen im Alter von 30 bis 45 Jahren sind. Die Hälfte davon haben Kinder. Es gibt auch Jüngere sowie jene, die in einer eheähnlichen Partnerschaft lebten (15 bis 20 Prozent). Da ist der Weg zur Anerkennung und Unterstützung am schwierigsten.

Wer also sind sie, die Kriegswitwen? Welche Rolle nehmen sie in der modernen ukrainischen Gesellschaft ein? Darüber haben wir mit Tetjana Wazenko-Bondarewa gesprochen. Sie ist die Leiterin der NGO  Жити попри все (Zhyty popry wse – Trotz allem leben), die Witwen gefallener Verteidiger der Ukraine vereint, und Mitbegründerin des Projekts Garten des Lebens. Ihr Mann Denys Bondarew, ein bekannter Stuntman, fiel im Mai 2022 im Sektor Saporischschja.

Tetjana litt schwer unter dem Verlust. Ihre Rettung war die Gemeinschaft, in der sie Frauen mit ähnlichem Schicksal zusammenbrachte. Gemeinsam organisieren sie therapeutische Initiativen. Die umfassendste davon ist die Gestaltung und Pflege eines Gartens.

„Hier verstehen wir einander wie niemand sonst. Und wir leben trotz allem weiter“, sagt Tetjana. Unser Gespräch findet per Videoschalte statt. Sie ist gerade aus der Region Lwiw zurückgekehrt, wo sie als Moderatorin bei einem Retreat für Witwen Zhywa Nadija (Lebendige Hoffnung) tätig war.

Sie leben nicht nur selbst weiter, sondern vereinen Tausende von Frauen mit einer ähnlichen Tragödie. Wenn ich fragen darf: Was geschieht mit einem Menschen in den ersten Tagen nach einer solchen Nachricht?

Natürlich gibt es bestimmte Phasen der Trauer, aber sie sind sehr individuell. Es ist keine geradlinige Route. Alles hängt davon ab, wie sehr man mit diesem Menschen verflochten war. Für mich waren die ersten drei Monate ein Abgrund, an den ich mich nicht einmal erinnere. Das Trauma war so stark, dass das Gehirn einen Schutzmechanismus einschaltete: Ich vergaß fast alle Details unseres gemeinsamen Lebens mit Denys. Reisen, Gespräche, Feste, alles wie leer. Mein Gedächtnis kehrte nur langsam zurück, über Jahre hinweg. Und jene unzähligen neuronalen Verbindungen, die uns vereinten, rissen am lebendigen Leibe. Ich war am Boden zerstört. Erst durch den Austausch mit anderen Witwen verstand ich, dass ich in diesem Gefühl nicht allein bin und es mit anderen Menschen teile.
Denys Bondarew und Tetjana Wazenko-Bondarewa lernten sich kennen, als er 19 war und sie 15

Denys Bondarew und Tetjana Wazenko-Bondarewa lernten sich kennen, als er 19 war und sie 15 | Foto: © Aus privatem Archiv

 

Was sollte man Ihrer Erfahrung nach Menschen in solchen Momenten besser nicht sagen?

Ich habe vor Kurzem eine „schwarze Liste“ von Phrasen zusammengestellt. „Ich verstehe dich“ (Das kann man ja gar nicht). „Halte durch“ (Es gibt nichts, woran man sich halten kann). „Leb für die Kinder“ (Das ist keine Hilfe, nur Druck.) „Du bist noch jung und wirst wen anderen finden“ (Das klingt, als wäre mein Mann ersetzbar). Allerdings meinen Menschen das nicht böse; sie haben einfach noch keine Ahnung, wie man sich in solchen Situationen besser verhalten kann, und das ist ein großes Problem unserer Gesellschaft. Das sollte man beherrschen.

Was tun also? Erstmal fragen, wie man helfen kann. Die Frau umarmen, wenn sie nichts dagegen hat. Wenn die Witwe ein Kind hat, können Angehörige einen Teil der Fürsorge übernehmen. Es schadet auch nicht, sich um alltägliche Dinge zu kümmern. Meine Mutter hat zum Beispiel für mich gekocht, weil ich selbst dazu nicht in der Lage war.

Und wenn man nicht weiß, was man sagen soll, ist es besser zu schweigen. Oft habe ich schon an den Augen gesehen, dass mein Verlust Menschen wirklich aufrichtig leid tut.

Wer oder was ist in der Regel der erste Anker?

Familie und Freunde sind oft machtlos, egal wie sehr sie helfen wollen. Ich war völlig am Ende – nicht im suizidalen Sinne, sondern physisch: Mein Herz drohte buchstäblich stehen zu bleiben. Doch nach einem Monat absoluter Apathie wurde mir klar: Mein damals 15-jähriger Sohn darf nach seinem Vater nicht auch noch seine Mutter verlieren. Später gründete ich eine Telegram-Gruppe für Witwen, da ich zu diesem Zeitpunkt bereits viele Frauen mit ähnlichem Schicksal kannte. Das wurde zu einem weiteren Rettungsanker. Dort konnte man weinen, schweigen oder einfach nur schreiben – und man wurde gehört, ohne verurteilt zu werden.

Sie haben das Thema der körperlichen Belastung nach dem Verlust angesprochen. Wie häufig begegnen Witwen solchen gesundheitlichen Herausforderungen?

Das ist eine Ziffer, die in keiner offiziellen Statistik auftaucht. Aber aus Gesprächen mit Hunderten von Frauen wissen wir: Es gibt Fälle, in denen das Herz einer Frau nur wenige Tage nach der Todesnachricht einfach aufhört zu schlagen. Es kommt zu Suiziden. Oft ist die Trauer auch ein Trigger für Krebserkrankungen. Das sind schreckliche Realitäten, über die in unserer Gesellschaft viel zu wenig gesprochen wird.

Häufig kommt es auch zu Konflikten zwischen den Witwen und den Müttern der Gefallenen – manchmal artet der Verlust in einen regelrechten Kampf darum aus, wer mehr Anspruch auf das Leid hat. Hier prallen zwei verschiedene Arten von Schmerz aufeinander und verletzen sich gegenseitig nur noch mehr.

Was hat Ihnen – abgesehen vom Austausch mit anderen Witwen – geholfen, wieder Schritte zurück ins Leben zu machen?

Das Unterwegssein. Ich brauchte einen ständigen Fixpunkt in der Bewegung: Züge, Busse, die vorbeiziehenden Landschaften. Ich streifte einfach durch die Städte der Ukraine. Es war eine bewusste Flucht vor mir selbst und in diesem Moment meine Rettung.

Vor dem ersten Neujahrsfest ohne Denys floh ich für ein halbes Jahr auf eine der Kanarischen Inseln – nach Gran Canaria. Dort ist der Ozean, von dem wir immer gemeinsam geträumt hatten. Ich versuchte, der Atmosphäre eines „Festes ohne ihn“ zu entkommen. Vor Ort unterstützten mich die ukrainische Diaspora und die lokalen Behörden; wir konnten eine Fotoausstellung organisieren. Ich fand 15 Witwen, die uns Fotos aus ihrer gemeinsamen Zeit sowie aktuelle Porträts zur Verfügung stellten, auf denen sie nun allein zu sehen waren. Unter jedem Bild stand ihre Geschichte. Der Unterschied zwischen den Aufnahmen ist kolossal: In den Augen einer Frau liest man nach einem solchen Verlust eine Trauer, die mit nichts anderem zu verwechseln ist.

Zudem nahm ich auf der Insel an einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der großangelegten Invasion teil und zeigte ein Video über meine eigene Geschichte. Im Saal herrschte absolute Stille, und danach kamen fremde Menschen mit Tränen in den Augen auf mich zu. Die Welt ist nicht gleichgültig. Oft wissen die Menschen nur nicht, wie sie auf einen zugehen oder was sie sagen sollen.

Die langen Reisen durch die Ukraine und die Welt sowie die Begegnungen mit so vielen Menschen füllten zwar meine Zeit, aber ich hatte mich selbst dennoch verloren. Eineinhalb Jahre lang konnte ich die Frage „Wer bin ich?“ nicht beantworten. Ich war nur noch „die Witwe“. All meine persönlichen Erfolge, meine Entwicklung, meine Interessen – alles war weg. Ich hatte mich komplett ausgelöscht.
 

Wie fanden Sie aus dieser Zeit der Leere den Weg zur Gründung einer Gemeinschaft und die Idee zur Initiative Trotz allem leben?

Es ist paradox, aber indem ich anderen half, begann ich mich selbst zu retten. Es wurde für mich zur Notwendigkeit. Ich fing an, Live-Streams auf Telegram zu machen; wir lasen gemeinsam therapeutische Bücher wie Das Leben nach dem Tod von Arthur Ford. Die Frauen sagten mir später, dass diese Streams sie aus dem Abgrund herausgezogen haben, in Momenten, in denen sie kaum noch atmen konnten.

Später begannen wir, uns offline zu treffen, und organisierten Kunsttherapien – gemeinsam mit dem Künstler Oleg Jurow schufen wir Gemälde. Diese wurden später auf einem Festival in Kyjiw ausgestellt. Malen ist ein wirklich mächtiges Werkzeug in der Therapie. Sogar einfaches Malen nach Zahlen hilft – ich sehe heute selbst, wie sich mein Zustand von meiner ersten bis zur letzten Arbeit verändert hat: Die Farben wurden heller, die Motive allmählich positiver.

Durch den Austausch und die Begegnungen wurde mir klar: Wenn ich am Leben geblieben bin, dann nicht ohne Grund. Ich muss etwas tun, auf das Denys stolz wäre. So entstand schließlich die offizielle NGO Trotz allem leben.
 
Ein Werk von Tetjana Wazenko-Bondarewa. Es entstand während einer Kunsttherapie mit dem ukrainischen Künstler Oleg Jurow

Ein Werk von Tetjana Wazenko-Bondarewa. Es entstand während einer Kunsttherapie mit dem ukrainischen Künstler Oleg Jurow | Foto: © privat

Ihr wichtigstes Projekt ist der Garten des Lebens. Wie entstand diese Idee?

Die Idee entstand aus einem Gespräch mit meiner Freundin Olha Shurba, die auch Mitbegründerin des Projekts ist. Ihr verstorbener Mann Roman züchtete vor dem Krieg Rosen und versprach ihr, nach seiner Rückkehr ein ganzes Feld voller Blumen für sie zu pflanzen. Als Olha mir von diesem Traum erzählte, war das der Anstoß. Wir sahen darin eine starke Metapher: Die Erinnerung durch das Leben zu bewahren, durch die Natur, die immer wieder neu erblüht. Wir konnten die professionelle Landschaftsdesignerin Olena Walschyk für das Projekt gewinnen. Sie entwarf ehrenamtlich das gesamte Gartenkonzept und den detaillierten Plan; zudem leitet sie persönlich jeden unserer Arbeitseinsätze vor Ort. So treiben wir das Projekt zu dritt voran.

Uns wurde eine Fläche von etwa 0,85 Hektar mit zwei Seen auf dem Gelände des Nationalen Museums Pyrohiw in Kyjiw (ein Freilichtmuseum für Volksarchitektur) zugewiesen. Bisher haben wir etwa ein Drittel bepflanzt, beherbergen aber bereits über zehntausend Pflanzen. Die Hälfte davon sind Zwiebelgewächse: Krokusse, Narzissen und dutzende Tulpensorten, bei deren Pflanzung uns Partnerorganisationen unterstützen. Und natürlich hunderte Rosen aus über 40 Sorten. Eine Besonderheit sind unsere Trompetenbäume (Catalpa), die in der Ukraine selten sind. Diese wurden uns zusammen mit Ahornen und Akazien von der Baumschule Ebben aus den Niederlanden gespendet. 38 Bäume mit einer Höhe von sieben bis acht Metern wurden mit 13 Meter langen Lastern geliefert.

Wie funktioniert der Garten in der Praxis? Wer nimmt an den Arbeitseinsätzen teil?

Unsere „Tolokas“ – die gemeinschaftlichen Arbeitseinsätze – sind das Herzstück. Jedes Mal kommen Witwen, Ehefrauen von Soldaten im aktiven Dienst, Veteranen, Freiwillige und engagierte Kyjiwer zusammen. Oft schließen sich Teams sozial verantwortlicher Unternehmen an. Sie finanzieren nicht nur die Setzlinge, sondern bringen auch ihre Mitarbeiter mit Spaten, Schubkarren und Hacken mit. Das ist wichtig, da es bei den Erdarbeiten oft an männlicher Tatkraft fehlt. Partner wie die Baumschule Sonzizwit unterstützen uns zudem mit Pflanzenspenden oder erheblichen Preisnachlässen.

Bei diesen Einsätzen herrscht niemals Schweigen. Es ist ein Raum, in dem wir über unsere Männer sprechen können – nicht als bloße Statistik, sondern als lebendige Menschen. Ein Ort, an dem man weinen darf und von Menschen umarmt wird, die einen wirklich verstehen. Es ist ein Kraftort voller Liebe.

Wie würden Sie die Frauen beschreiben, die Sie in Ihrer Gemeinschaft vereinen? Wer ist sie, die ukrainische Witwe?

Es ist eine starke Frau, die sich diese Stärke nicht ausgesucht hat. Es ist ein Leben trotz allem: trotz des vernichtenden Schmerzes, trotz der schwarzen Leere der Trauer. Anfangs ist es nur ein bloßes Existieren, Tag für Tag. Doch mit der Zeit findet sie Ressourcen in sich selbst, erwacht langsam zu neuem Leben und erreicht eine neue Stufe. Dann ist sie in der Lage, die Welt zu verändern – nicht aus der Kraft der Verzweiflung, sondern aus der Kraft der Liebe, die für immer in ihrem Herzen bleibt.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen für den Garten des Lebens?

Unser dringendster Bedarf ist ein Tröpfchenbewässerungssystem, das etwa eine halbe Million Hrywnja kostet [etwa 10.000 Euro zum Zeitpunkt des Interview, Anm. d. Red.]. Ohne dieses Bewässerungssystem riskieren wir, alles zu verlieren, was wir mit so viel Mühe aufgebaut haben, besonders im Sommer. Daher suchen wir aktiv nach Sponsoren. Zudem wollen wir den Garten als Rehabilitationsort ausbauen: therapeutische Spaziergänge nicht nur für Witwen, sondern auch für Veteranen und Binnengeflüchtete anbieten.
 

Es scheint, als haben Sie nicht nur eine Selbsthilfegruppe, sondern ein neues gesellschaftliches Phänomen geformt. Wie sehen Sie die Rolle der Witwen heute?

Wir sind definitiv keine unsichtbaren Opfer mehr. Wir sind ein sichtbarer Teil der Gesellschaft, der leben will und leben wird. Unsere Mission ist es nun, eine neue, gesunde Erinnerungskultur zu prägen. Nicht durch das schwarze Kopftuch oder den Wettlauf um das größte Grabmal. Nicht durch die Floskel „Er starb als Held“ – das ist nur die letzte Seite seiner Geschichte. Die Erinnerung sollte davon handeln, wer sie waren: Fachleute, Väter, Freunde. Unser Garten des Lebens steht genau dafür – er soll ein lebendiges Erbe sein, keine Last aus Stein. Es ist kein Friedhof, auf dem man Kränze niederlegt. Das öffentliche Gedenken sollte kein Ort sein, an dem man Schmerz misst.

Wie sollte die Erinnerung an Ihren Mann aussehen?

Manchmal habe ich das Gefühl, zu wenig zu tun, wenn andere um Gedenktafeln oder Straßenumbenennungen kämpfen. Aber dann wird mir klar: Denys hätte mich dafür gerügt. Er war kein Soldat von Beruf, sondern ein Krieger im Leben, in seinem Metier und ein ungemein fürsorglicher Ehemann und Vater. Wir lernten uns kennen, als ich 15 und er 19 war. Wir waren eine Einheit, aber jeder eine eigene Persönlichkeit, die vom anderen lernte. Heute, wo er nicht mehr da ist, merke ich oft, wie seine Ratschläge und Prinzipien in mir und in unserem Sohn fortleben.

Deshalb möchte ich, dass man sich an ihn nicht über eine offizielle Statistik erinnert, sondern durch lebendige, werthaltige Projekte wie unseren Garten oder die Initiative Жінки-фенікс (Phoenix-Frauen). Diese hat Geschichten von Frauen gesammelt, die ihre Männer im Krieg verloren haben – ein Vorhaben, mit dem ich zusammenarbeiten möchte. Das ist wahrhaftiger als jeder Granit.

In Ihrer Gemeinschaft stoßen Sie sicher auch auf Tabuthemen. Zum Beispiel neue Beziehungen oder Sexualität nach dem Verlust.

Sexualität ist eines der schmerzhaftesten und am stärksten tabuisierten Themen. In unseren geschützten Gesprächen ist es jedoch sehr präsent. Viele Witwen hören auf, sich als Frauen wahrzunehmen, und fühlen sich schuldig für ihre physiologischen Bedürfnisse. Der Körper kann unerwartet reagieren: In frühen Phasen der Trauer spüren manche eine starke sexuelle Spannung, was sie erschreckt.

Frauen schreiben mir persönliche Nachrichten mit Gedanken wie „Ich möchte meine Organe entfernen lassen, um nichts mehr zu fühlen“. Ich muss ihnen dann erklären: Das ist eine normale psychische Reaktion, es trifft euch keine Schuld. Die Wege damit umzugehen sind vielfältig – von Hilfsmitteln bis hin zu neuen Beziehungen.

Manche beginnen sehr schnell ein neues Leben – sie heiraten nach wenigen Monaten wieder, bekommen Kinder. Ich maße mir kein Urteil darüber an; vielleicht ist das die Strategie ihrer Psyche, um zu überleben. Wichtig ist, sich selbst zu verstehen und seinen eigenen Weg zu finden, gegebenenfalls mit professioneller Hilfe.
 
Tetjana Wazenko-Bondarewa mit ihrer Hündin Wyschnja, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Denys anschaffte

Tetjana Wazenko-Bondarewa mit ihrer Hündin Wyschnja, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Denys anschaffte | Foto: © Aus privatem Archiv

Welche alltäglichen Herausforderungen kommen zu dem emotionalen Schmerz noch hinzu?

Am kritischsten ist es, wenn die Beziehung nicht offiziell eingetragen war. Man muss dann vor Gericht beweisen, dass man keine „beliebige Frau“ war. Das ist demütigend und erschöpfend. Ich persönlich bin diesen Weg gegangen, und als ich den Prozess gewonnen hatte, kaufte ich zwei Eheringe und nahm offiziell seinen Nachnamen an.

Viele verlieren den Ernährer und finden sich mit ihren Kindern in einem finanziellen Abgrund wieder, besonders wenn es Probleme mit den Formalitäten gibt. [Hier geht es um die staatliche Entschädigung im Falle des Todes eines Soldaten in Höhe von 15 Millionen UAH, umgerechnet circa 350.000 Euro, Anm. d. Red.]. Es gibt staatliche Unterstützung, aber man muss wissen, wie man sie einfordert. Unsere Aufgabe ist es, nicht in der Rolle des ewigen Opfers zu verharren, sondern zu lernen, eigenständig zu sein. Indem wir einander helfen, finden wir einen Ausweg.

Solche Belastungen und der innere Schmerz können auch zu einer klinischen Depression führen.

Es ist wichtig, zwischen Trauer und einer klinischen Depression zu unterscheiden; das ist nicht zwangsläufig dasselbe. Trauer ist ein natürlicher Prozess, der jedoch der Auslöser für eine Depression sein kann – eine Krankheit, bei der die Mechanismen im Gehirn Schaden nehmen. Leider ist mir genau das passiert. Ich kann funktionieren, lachen und Projekte leiten, aber ich fühle dabei nichts Besonderes. Weder Freude noch Glück bei der Umarmung meines geliebten Hundes. Aus diesem Zustand kommt man nicht allein heraus, deshalb habe ich einen Psychiater aufgesucht und nehme derzeit Antidepressiva.

Mein Rat an Frauen in einer ähnlichen Lage: Schämen Sie sich nicht, suchen Sie sich professionelle Hilfe. Ich lebe jetzt „trotz allem“, aber ich lebe mit einer Erkrankung, die behandelt werden muss.

Haben Sie über die Möglichkeit einer neuen Beziehung nachgedacht? Was bedeutet es für Sie heute, sich selbst das „Leben zu erlauben“?

Ich sage den Frauen in unserer Gemeinschaft oft: Ihr habt das Recht, einer neuen Liebe Raum zu geben. Das ist kein Verrat. Es ist wie bei Kindern: Wenn ein zweites Kind geboren wird, bedeutet das nicht, dass man das erste weniger liebt. So ist es auch hier.

Denys und unsere zwanzig gemeinsamen Jahre sind eine ewige Wärme in mir, mein Fundament. Aber ich bin eine lebendige Frau, und ohne eine Stütze an meiner Seite ist es sehr schwer. Es fiel mir schwer, mir das selbst einzugestehen. Aber genau das ist diese „Erlaubnis“ – zu erkennen, dass man die Erinnerung lieben und sich gleichzeitig für Neues öffnen kann.

Erst vor Kurzem habe ich es gewagt, seine Erkennungsmarke abzulegen, die ich dreieinhalb Jahre lang getragen habe. Sie ist das Symbol seines Todes. Aber ich habe ihm versprochen, ein erfülltes Leben zu führen. Deshalb war dieser symbolische Schritt notwendig. Es ist wie ein Übergang von der Erinnerung an den Tod zur Erinnerung an das Leben. Heute lege ich die Marke nur noch auf Reisen an, quasi als Schutz. Im Alltag trage ich jetzt anderen Schmuck – jenen, den er mir zu Lebzeiten geschenkt hat.

Ich will nicht die ewige Opfer-Witwe sein. Ich strebe danach, eine lebendige, gesunde Frau zu sein, die geliebt, verloren und standgehalten hat und nun bereit ist, weiterzuleben. Und das sage ich den Frauen immer wieder. Denn das ist das Letzte, was wir tun können, um das Andenken an unsere Männer zu ehren.
 

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