Sport im Krieg  Spielen, um zu leben: Wie ein Veteran den Fußball in einem ukrainischen Dorf wiederbelebt

Der erfahrene Trainer Wassyl und seine Schützlinge, Dorf Pischtschana in der Oblast Odesa.
Der erfahrene Trainer Wassyl und seine Schützlinge, Dorf Pischtschana in der Oblast Odesa. Foto: © privat

Während professionelle Fußballteams die Ukraine im Ausland repräsentieren, ist Fußball zu Hause, in Dörfern und Kleinstädten, oft nicht nur Sport, sondern auch eine Form des gegenseitigen seelischen Beistands. Wie Amateurfußball Menschen in kleinen Gemeinden der Oblast Odesa zusammenbringt und ihnen Halt gibt, erzählt der Trainer und Veteran Wassyl.

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Für viele westeuropäische Fußballfans bedeutet ukrainischer Fußball im Krieg: Länderspiele im Ausland, komplizierte Logistik für Klubs in europäischen Wettbewerben und Partien unter heulenden Sirenen. Aber es gibt noch eine andere Ebene, eine, die keine Fernsehkamera zeigt.

Es ist der ganz normale Amateurfußball. Der, der den Menschen in kleinen Gemeinden hilft, durchzuhalten und nicht den Verstand zu verlieren.

Wassyl Hudkow ist Kriegsveteran, alleinerziehender Vater und der Trainer, der dem verlassenen Stadion im Dorf Pischtschana in der Oblast Odesa wieder Leben einhauchte.
Wassyl Hudkow (rechts) nach dem Sieg seiner Mannschaft bei einem Turnier.

Wassyl Hudkow (rechts) nach dem Sieg seiner Mannschaft bei einem Turnier. | Foto: © privat

Blechdose statt Ball

Wie viele Ukrainer*innen seiner Generation, hat Wassyl eine schwierige Kindheit hinter sich. Die letzten Atemzüge der Sowjetunion, die harten Neunzigerjahre in der unabhängigen Ukraine, Ungerechtigkeit, Wirtschaftskrisen und eine kranke Mutter — all das hat auch er erlebt. Dabei war der Fußball tatsächlich ein Trost.

„Das war eine echte Tradition“, erinnert sich Wassyl. „Aber wir hatten nicht immer etwas, womit wir spielen konnten. Ich weiß noch, wie wir in der Primarschule in der großen Pause auf dem Schulhof gegen eine Blechdose traten.“

In kleinen Städten und Dörfern fühlt sich Fußball ganz anders an. Hier spielt niemand wegen des Geldes, denn das Höchste, worauf man hoffen kann, sind ein paar Säcke Getreide von einem örtlichen Landwirt als Sponsor.

Ruhm gibt es hier auch nicht — niemand filmt dich und stellt dich auf YouTube. Und um Gesundheit geht es eigentlich auch nicht. Oft genug fällt man hin und schlägt sich die Knie auf Plätzen auf, die eher einem Acker gleichen, auf dem gestern noch Gemüse gesetzt wurde.

Fußball auf dem Land, das ist Charakter und ehrliche Liebe zum Spiel. Hier entstand eine eigene Hierarchie.
Das Dorfteam von Pischtschana (Oblast Odesa) in den späten 1990er Jahren. Die Mannschaft spielte immer in dem Satz Trikots, der gerade verfügbar war – so wie hier in den Trikots von Inter Mailand. Wassyl ist der dritte von rechts in der hinteren Reihe.

Das Dorfteam von Pischtschana (Oblast Odesa) in den späten 1990er Jahren. Die Mannschaft spielte immer in dem Satz Trikots, der gerade verfügbar war – so wie hier in den Trikots von Inter Mailand. Wassyl ist der dritte von rechts in der hinteren Reihe. | Foto: © privat

„Der Weg in die Dorfmannschaft begann damit, Bälle zu holen. Außerdem haben wir den Spielern Wasser getragen“, erzählt Wassyl über die lokale Fußballstruktur. „Wehe, du hast nicht gehört oder mit den Älteren gestritten, dann war der Respekt sofort weg. Mit der Zeit, als wir älter wurden, durften wir langsam bei den ‚Großen‘ mittrainieren. Das war die goldene Zeit: Zeig, was du draufhast!“

Wassyl selbst suchte sich nicht gerade die dankbarste Position aus. Er ging ins Tor, und normalerweise wollen alle Stürmer sein. Wenn man ein Tor schießt, ist man dann am Abend im Dorfklub der Held und kriegt garantiert ein Bier spendiert.

„Ich war furchtlos, habe überhaupt nicht an Verletzungen gedacht, und im Fußball auf dem Land ist das ziemlich gefährlich“, erklärt der Torwart seine Wahl. „Diese Draufgängerei bemerkte der damalige Keeper der Erwachsenenmannschaft. Er wurde mein erster und einziger Trainer.“

Die Position des Torwarts ist ohnehin nicht einfach, auf diesem Niveau erst recht nicht. Rettet man mit einer Glanzparade das Spiel, erinnert sich niemand. Macht man einen Fehler, vergisst ihn keiner. Trotzdem könnten viele Fußballkenner aus der Region sagen: Wassja? Das ist ein solider Torwart.
Eines von Wassyls ersten Torwarttrikots.

Eines von Wassyls ersten Torwarttrikots. | Foto: © privat

Krieg und Verlust

Mit den Jahren rücken Jugendleidenschaften oft in den Hintergrund. Das Erwachsenenleben begann: Dienst, Familiengründung, die Geburt eines Kindes, der Alltag mit all seinen Sorgen. Doch das Spiel verschwand nie aus seinem Herzen. Selbst nachdem Wassyl sein Heimatdorf verlassen hatte, ging er weiter auf den Platz — einfach, um sich lebendig zu fühlen.
Grundwehrdienst in der ukrainischen Armee.

Grundwehrdienst in der ukrainischen Armee. | Foto: © privat

Der erste Wendepunkt für die Ukraine kam 2014: Russland besetzte die Krym und Teile des Ostens. Das versetzte das ganze Land in einen Schockzustand, und auch den Fußball.

Zu dieser Zeit ging Wassyl zur Armee und war bis 2015 im Kampfgebiet.

„Damals fühlte sich der Krieg ganz anders an“, erinnert er sich. „Die Welt schaute auf diese Ereignisse nicht so wie heute, seit dem Großangriff.“

Ausgerechnet während seines Dienstes holte Wassyl eine persönliche Tragödie ein: Nach schwerer Krankheit starb seine Frau. Er blieb mit einer minderjährigen Tochter zurück. Er musste die Armee verlassen und nach Hause zurückkehren, um sein Kind allein großzuziehen.

„Ich habe es nicht geschafft, meine Frau zu retten...“, sagt Wassyl, und man hört den Schmerz in seiner Stimme. „Ich habe diese Zeit sehr schwer durchgestanden. Ich habe ständig gearbeitet, versucht, mich in die Arbeit zu stürzen, damit ich einfach keine Zeit zum Nachdenken hatte.“

Danach ging Wassyl seinem geliebten Hobby fast nicht mehr nach. Der Fußball rückte endgültig in den Hintergrund. Alle Kraft ging dafür drauf, seine Tochter großzuziehen und ihr Halt zu geben.

Wiederbelebung

2020 kehrte Wassyl endgültig in sein Heimatdorf Pischtschana zurück. Das Erste, was ihm auffiel, war der verlassene Sportplatz. Fußball gab es nicht mehr, das Dorf hatte sich verändert, und die Corona-Pandemie verstärkte diese Isolation nur noch.

Im Sommer desselben Jahres beschloss er, etwas zu tun: Er brachte die örtliche Jugend zusammen, ehemalige Sportler, rief Bekannte aus den Nachbardörfern an — und organisierte das erste Turnier zum Unabhängigkeitstag seit vielen Jahren. Ohne irgendein offizielles Amt begann Wassyl einfach, Menschen für ein Spiel zusammenzutrommeln.

„Ich konnte nicht zusehen, wie das Dorf langsam ausstirbt“, erklärt er. „Die Kinder hatten einfach nichts, womit sie sich beschäftigen konnten.“

Doch bald machte der russische Angriff allem einen Strich durch die Rechnung. Die ersten Monate des großen Krieges legten das Leben lahm: Die Menschen versuchten, möglichst nicht aus dem Haus zu gehen, die Kinder flüchteten sich vor der Realität in ihre Handys.

Diese Stille hielt mehr als ein Jahr an. Im Frühjahr 2023 verstand Wassyl: Man musste wieder auf den Platz. Er sammelte alle ein, die er konnte, von Schülern bis zu den ältesten Männern, und fuhr mit der Mannschaft ins Nachbardorf. Dort wagte man es zum ersten Mal seit Beginn des großen Krieges, ein Fußballturnier zum Gedenken an einen lokalen Spieler auszurichten.

Trotz des Krieges kamen viele Menschen zusammen. Und auch wenn Wassyls Mannschaft damals keinen der vorderen Plätze belegte, bekam sie etwas Wichtigeres: Emotionen, die alle zumindest für einen Tag in ein normales Leben zurückholten.

„Dieses Turnier war unvergesslich“, sagt Wassyl und lächelt. „Ehrlich, es war, als hätte ich meine Jugend wieder vor Augen. Alle waren so glücklich, meinen Jungs leuchteten wieder die Augen.“

An dieser Stelle halte ich es nicht mehr aus und trete aus der Rolle des distanzierten Journalisten heraus. Denn ich selbst war einer dieser Jungs auf genau diesem Platz.
 
„Wassja, erinnerst du dich noch, wie wir für dieses Turnier Trikots gesucht haben?“ frage ich.
„Natürlich erinnere ich mich!“ lacht er.
„Von deinem Vater haben wir irgendwelche ausrangierten Sätze genommen und kombiniert: gelbe Hosen, blaue Oberteile, in den Farben der Nationalflagge.“
„Antik, aber schick?“
„Genau! Allerdings hatten manche Trikots dieselben Nummern, und auf manchen konnte man sie gar nicht mehr erkennen.“
Wassyl und seine Jungs. Yevhenii, der Autor dieses Artikels, ist stehend der sechste von rechts.

Wassyl und seine Jungs. Yevhenii, der Autor dieses Artikels, ist stehend der sechste von rechts. | Foto: © privat

Dieses Turnier wurde zu einem entscheidenden Wendepunkt. Bald darauf spielten wir ein Freundschaftsspiel auf unserem eigenen Dorfplatz — und holten sofort den ersten Heimsieg.
 
„Das waren die letzten Sommertage. Die Gegner kamen zu uns... Und nach dem Spiel: Bier, Gespräche, Lachen“, erinnert sich Wassyl. „Ich glaube, genau das hatte uns damals allen so sehr gefehlt.“
„Ich habe auch sehr warme Erinnerungen an dieses Spiel“, füge ich hinzu. „Wir lagen doch ziemlich klar zurück, haben aber noch ein Comeback geschafft. Unser Geschrei hat man wahrscheinlich bis ins Nachbardorf gehört. Weißt du noch?“
„Natürlich! Ihr wart alle schon gut dabei nach dem Spiel“, lacht er. „Ihr habt die Gäste nicht nach Hause fahren lassen und die ganze Zeit gerufen: Hurra! Hurra!“

Später hatte Wassyl eine neue Idee: Gedenkspiele für gefallene Verteidigungskämpfer aus der Gemeinde. Dieser Gedanke fand bei den Dorfbewohner*innen und den Angehörigen der Getöteten großen Widerhall. Das erste solche Turnier wurde im Sommer 2024 in Pischtschana organisiert, und Mannschaften aus allen umliegenden Dörfern kamen angereist. Seitdem sind diese Gedenkspiele Tradition.

Sehr schnell wuchs die Initiative über die Gemeinde hinaus. Schon im Sommer 2025 legte Wassyls Mannschaft mehr als 50 Kilometer zurück, um bei einem ähnlichen Auswärtsturnier zu spielen. Für solche Fahrten brauchte es natürlich neue Ausrüstung, damit wir wie eine richtige Mannschaft auftreten konnten.
 
„Wassja, erzähl mal, wie wir diese neue, aber ‚unglückliche‘ Kluft gekauft haben!“ bitte ich ihn.
„Ach, mit unseren Trikots gibt es immer nur Geschichten“, sagt er lächelnd. „Bei einem der Turniere bot uns ein älterer Mann, ein ehemaliger Trainer, einen Satz zum Kauf an. Wir wollten uns ja gerade neu einkleiden, also begannen wir, Geld zu sammeln.“
„Ich erinnere mich, alle haben ein bisschen etwas beigesteuert, oder?“
„Ja. Und den Restbetrag legte die Frau eines gefallenen Soldaten drauf... Wir sind ihr sehr dankbar, denn wir haben auch Turniere zu Ehren ihres Mannes gespielt.“
„Erinnerst du dich noch, warum auf diesen Trikots das Logo einer politischen Partei war?“
„Na ja, wie es eben so kommt, die Sachen waren gebraucht“, sagt Wassyl und breitet die Arme aus. „Wir mussten den Parteinamen überkleben und mit Marker übermalen. Und die Shirts enger nähen, weil sie vielen Jungs viel zu groß waren.“
Die alte neue Kluft.

Die alte neue Kluft. | Foto: © privat

Bis jetzt haben uns diese schwarzen, umgenähten Trikots kein Glück gebracht, wir haben darin noch kein einziges Turnier gewonnen. Die Jungs scherzen, es liege alles an der düsteren Farbe.

Man könnte meinen, auf dem Land werde nur im Sommer Fußball gespielt. Aber Kälte oder Regen halten hier niemanden auf.
 
„Im Sommer kommen alle zusammen, das Wetter ist gut, man will sich bewegen. Im Herbst sackt die Stimmung ein bisschen ab“, gibt Wassyl zu. „Aber hat uns das je aufgehalten?“
„Erinnerst du dich daran, wie wir im Spätherbst zu einem Turnier gefahren sind, obwohl wir nicht einmal eine komplette Elf hatten?“ sage ich.
„Das war, als meine sechzehnjährige Nastja gegen Ende eingewechselt wurde, weil einfach niemand mehr zum Spielen da war?“ lacht er.
„Du hast damals Jungs aus den Nachbardörfern zusammengetrommelt.“
„Habe ich... Wenn ich an diese Aufstellung denke: Der Älteste war 52, der Jüngste 15. Und dieses Wetter! Es schüttete, der Rasen war matschig, es war eine einzige Schlammschlacht, alle steckten bis zu den Ohren im Schlamm.“
„Und wozu sind wir da überhaupt hingefahren?“
„Na, sie hatten uns doch gebeten, die Saison abzuschließen“, lächelt der Torwart. „Aber damals haben sich alle auf dem Platz richtig reingehauen, das muss man sagen.“

Im Winter versuchen die Jungs, in der Halle zu spielen. Doch oft gibt es keinen Ort dafür: In den Dörfern befinden sich geeignete Hallen meist nur in Schulen, und dort dürfen Außenstehende wegen der Sicherheitsregeln im Krieg derzeit nicht hinein.

Aber so ein Winter geht ja schnell vorbei… Sobald der Schnee schmilzt, sind alle wieder auf dem Dorfplatz.

So eine Art natürlicher Jahreskreislauf des Fußballs.
 

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