Jugendfilme  Kinder und Kino — ohne Eltern geht es nicht…

„Dein Buch über das Kino“, Olga Birzul
„Dein Buch über das Kino“, Olga Birzul Foto: © privat

Wie weckt man bei Jugendlichen die Liebe zum Kino? Worin liegt dessen motivierende Kraft? Und wie kann man Kinder vor der technologischen Apokalypse bewahren? Das alles sind Fragen, denen die Autorin und Kulturmanagerin Olga Birzul in „Dein Buch über das Kino“ nachgeht.

Wenn ich mein Buch Dein Buch über das Kino vorstelle, werde ich von Eltern oft gefragt, ob es ihren Kindern dabei helfen könne, Schauspieler*in oder Regisseur*in zu werden. Ich antworte dann immer, dass ich mir in diesem Punkt nicht sicher sei, füge aber hinzu, dass die Liebe zum Kino bei vielen bekannten Schauspieler*innen und Regisseur*innen von deren Eltern geweckt worden ist.

Beispiele hierfür wären etwa Quentin Tarantino oder Scarlett Johansson, die schon als Kinder von ihren Müttern mit ins Kino genommen wurden. Der weltbekannte Regisseur Martin Scorsese fällt ebenfalls in diese Kategorie. Scorsese wuchs in New York als Sohn einer italienischen Einwandererfamilie auf. Er war ein sehr kränkliches Kind, und um ihn aufzuheitern, gingen seine Eltern mit ihm regelmäßig ins Kino, wodurch sich sein Interesse an der Kinematographie entwickelte. Der italienische Neorealismus und die Klassiker des Hollywood-Kinos hatten es ihm besonders angetan. Die Eltern des jungen Steven Spielberg drehten mit ihrem Sohn sogar Amateurfilme, obwohl sie selbst keinerlei Verbindung zur Filmindustrie hatten. Vater Spielberg arbeitete als Ingenieur, die Mutter als Pianistin.
Ich möchte meine Leserinnen und Leser dazu ermutigen, sich und ihre Umwelt durch das bewegte Bild des Kinofilms zu erforschen.
Natürlich weiß die Filmgeschichte auch von gegenteiligen Beispielen: Werner Herzog etwa wuchs in einem abgelegenen bayerischen Dorf ohne Fernseher auf. Der spätere Regisseur entdeckte das Kino erst als Teenager für sich und stahl buchstäblich eine Kamera, um filmen zu können. Mit seinen 83 Jahren brennt er auch heute noch für seine Arbeit.

Mein Buch hat jedoch einen anderen Schwerpunkt: Ich möchte meine Leserinnen und Leser dazu ermutigen, sich und ihre Umwelt durch das bewegte Bild des Kinofilms zu erforschen. Vor allem Teenager*innen möchte ich auf diesem Wege helfen, zu nachdenklichen und einfühlsamen Persönlichkeiten zu werden. Das ist freilich schwierig ohne die Unterstützung der Eltern. Die Realität heutiger Jugendlicher ist nicht mehr auf Fernsehbildschirm und Kinoleinwand beschränkt. Ende des letzten Jahrhunderts haben die Computer Einzug in ihr Leben gehalten, und in deren Schlepptau verführerische Gadgets und die sozialen Netzwerke mit ihrem schwindelerregenden Universum.

Jede Technologie oder – nach Marshall McLuhan – jedes Medium bringt sowohl Komfort als auch Gefahren in unser Leben. Die Nazis waren sich beispielsweise wohl bewusst, dass die Radiotechnik ihnen dabei helfen würde, ihre politischen Ideen massenhaft zu verbreiten; und so wurden in deutschen Fabriken erschwingliche Rundfunkempfangsgeräte („Volksempfänger“) hergestellt. Die staatliche Zensur sorgte dafür, dass die Stimmen von Andersdenkenden gar nicht erst auf Sendung gelangten. Das Hören ausländischer Sender wurde drakonisch bestraft. Jüdinnen und Juden war es sogar verboten, überhaupt ein Radio zu kaufen.

Später kam das Fernsehen auf, wodurch die Verbreitung von Propaganda noch einfacher wurde. Man denke nur an den mittlerweile zwölf Jahre währenden Kampf der Ukrainer*innen um ihre Unabhängigkeit, den russischen Angriffskrieg, in dem das russische Imperium das Fernsehen als Teil seines hybriden Krieges instrumentalisiert.

Soziale Netzwerke bergen ebenfalls zahlreiche Gefahren in sich; man denke etwa an das Phänomen des Cybermobbings. Glaubt man den Ergebnissen einer Umfrage des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) aus dem Jahr 2023, hat bereits jeder fünfte ukrainische Jugendliche Cybermobbing erlebt. Nebenbei bemerkt empfehle ich, sich gemeinsam mit älteren Kinden den Dokumentarfilm V síti (deutsch: „Im Netz“) anzuschauen, der von den tschechischen Regisseur*innen Vít Klusák und Barbora Chalupová gedreht wurde. Dort wird anhand konkreter Beispiele gezeigt, wie man Kinder vor sexueller Gewalt im Internet schützen kann. In der Ukraine kann man diesen lehrreichen Film als Teil einer Informationskampagne des Festival Docudays UA und der NGO „Magnolia“ kostenlos im Online-Kino Docuspace.org sehen.
Nach wie vor achten wir zu wenig darauf, mit welchen Informationen unsere Kinder medial gefüttert werden."
Es scheint, als sei das Kino das einzige Medium mit weißer Weste. Aber so ist es nicht. Nicht umsonst gibt es das Schlagwort von der „Traumfabrik“, in der Illusionen am laufenden Band produziert werden. Die Filmindustrie versteht sich darauf, uns schöne Träume und Sehnsüchte zu verkaufen – und sie hat damit Erfolg. Unsere Kinder lernen folglich selten von denen, die mit dem Kino einen kreativen Anspruch verfolgen, sondern von jenen, die reichlich in die Werbung investiert haben. Wir alle werden hier unserer Verantwortung nicht gerecht. Nach wie vor achten wir zu wenig darauf, mit welchen Informationen unsere Kinder medial gefüttert werden.

Meiner Auffassung nach hat die Welt noch nie eine solche Krise der Medienerziehung erlebt wie heute. Hierzu einige Bemerkungen: Das Medium Film, das an sich schon nicht mehr die populärste aller Künste ist, manifestiert sich heute überwiegend in Produktionen, die man nicht als künstlerische Ergüsse bezeichnen kann. Offensichtlichen Schund mag man noch auf die unschuldige Vision eines Autors oder einer Autorin zurückführen, problematisch wird es jedoch, wenn absichtlich Desinformation in einen Film verpackt wird. Das Kino kann einen zum Zombie machen; man denke etwa an die Besatzer in der Ukraine, die permanent von Propagandafilmen beschallt werden.

Eine weitere Bemerkung: In der Erfahrungswelt der Jugendlichen hat das Kino einen dreisten Konkurrenten – die sozialen Netzwerke. Mit schnellen Schnitten, emotionalen Inhalten und Zensurfreiheit zieht dieses neue Medium die Jugend in seinen Bann. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Jugendliche das vergleichsweise langsame Tempo von Kinofilmen nur schwer aushalten können. Die Unfähigkeit, sich auf eine Geschichte zu fokussieren, macht sie zu idealen Opfern von „Dopamin-Fallen“, die nicht selten in eine Abhängigkeit münden.
Wie können wir unsere Kinder vor der technologischen Apokalypse bewahren? Indem wir gemeinsame Filmabende in der Familie organisieren; und das, soweit möglich, in einer sicheren und angenehmen Umgebung.
Drittens wollen wir festhalten: Filme bringen zwar keine Kriminellen hervor, aber sie verbreiten Verhaltensmuster und Vorbilder, die nachgeahmt werden.  Nehmen wir die USA als Beispiel: Über mehrere Jahrzehnte galt der Western als das beliebteste Filmgenre des US-amerikanischen Kinos. Das komplexe historische Kapitel der Kolonisierung Amerikas wurde dort landläufig als Abenteuergeschichte präsentiert. Der Western wurde so zu einem ideologischen Instrument, das die territoriale Expansion der Europäer zur Normalität machte und die Ermordung der amerikanischen Ureinwohner*innen rechtfertigte. Die Dekonstruktion des Westerns begann erst in den 1960er Jahren; und wenn man sehen möchte, wie sich das Genre in dieser Zeit neu erfand, dann empfehle ich den Film Little Big Man von Arthur Penn, in dem das stereotype Bild des „wilden Indianers“ in Frage gestellt wird.

Was also tun? Wie können wir unsere Kinder vor der technologischen Apokalypse bewahren? Indem wir gemeinsame Filmabende in der Familie organisieren; und das, soweit möglich, in einer sicheren und angenehmen Umgebung. Diese Praxis hat eine ganze Reihe von Vorzügen und kann wie eine Therapie wirken: Sie bietet die Möglichkeit über tabuisierte Themen zu sprechen, Alarmsignale in den Reaktionen der Jugendlichen zu erkennen, und während anschließender Diskussionen über den Film eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Teenager*innen übertragen das, was sie im Kino sehen, oft auf sich selbst.

Und man sollte nicht vergessen, öfter Filme auszuwählen, in denen Eltern als Unterstützer*innen auftreten. Geben wir einer Serie wie Sex Education den Vorzug gegenüber der megapopulären Serie Euphoria. Was das ukrainische Kino betrifft, würde ich den Dokumentarfilm Die Erde ist blau wie eine Orange von Iryna Tsilyk empfehlen. Scheut euch nicht vor komplexen Filmen. Übrigens, auch Teenager*innen haben das Recht, Erwachsene zu kritisieren. Und es ist besser, wenn sie Kritik direkt üben, als ihre Gefühle in den Winkeln ihres hormonellen Labyrinths zu verbergen.
Jugendlichen kommt es oft so vor, als seien sie der feindseligen Realität schutzlos ausgeliefert und als sei Gewalt unüberwindbar.
Welche Filme sollte man auswählen? Offensichtlich konzentriert sich die Jugend in den stürmischen Jahren des Erwachsenwerdens darauf, sich selbst zu entdecken, Freund*innen zu finden, mit Beziehungen zu experimentieren, sich von den Eltern abzunabeln und die eigene Körperlichkeit zu erkunden. Die Filmindustrie weiß das nur zu gut und hat eine Menge hochwertiger Coming-of-Age-Filme hervorgebracht. Meiner Meinung nach eignen sich folgende Filme als Anregung für tiefgründige und vertrauensvolle Gespräche mit Jugendlichen ab vierzehn Jahren: Moonrise Kingdom von Wes Anderson, Little Miss Sunshine von Jonathan Dayton und Valerie Faris, The Perks of Being a Wallflower von Stephen Chbosky, Booksmart von Olivia Wilde und My Thoughts Are Silent von Antonio Lukich.

Ich würde auch empfehlen, im Familienkino hin und wieder Filme über Mobbing und die Schule als Abbild der Gesellschaft mit ihren Hierarchien, Held*innen und Opfern zu zeigen. Jugendlichen kommt es oft so vor, als seien sie der feindseligen Realität schutzlos ausgeliefert und als sei Gewalt unüberwindbar. Wir Eltern müssen ständig bestrebt sein, die Dinge in die richtige Perspektive zu setzen: Das wirkliche Leben ist nicht so schrecklich, Erwachsene können auch fürsorglich sein, und es gibt immer eine Wahl. Empathie, Verantwortung, Schutz der Schwächeren – das sind keine Abstraktionen, sondern konkrete Handlungsanweisungen, die Unrecht stoppen können. Einer der stärksten Autorenfilme zu diesem Thema ist Elephant von Gus van Sant. Der Wert dieses Films liegt darin, dass er Raum und Zeit vor einer Katastrophe erfahrbar macht. Er funktioniert wie ein Puzzle, bei dem der Zuschauer*innen das Bild eines Tages zusammensetzen muss.

Und unbedingt sollten Filme über interessante Lehrer im Kinoprogramm vorkommen. Beispiele wären etwa Der Club der toten Dichter von Peter Weir oder School of Rock von Richard Linklater. Aus dem zeitgenössischen ukrainischen Kino empfehle ich Stop-Earth von Kateryna Hornostay. Vor kurzem hat sie auch den Dokumentarfilm Timestamp über das Schulleben in Zeiten des Kriegs gedreht.

Zum Abschluss möchte ich noch ein paar Worte über das motivierende Potenzial des Kinos verlieren: Meine Tochter Zakharia ist gerade im Teenageralter und beschäftigt sich unter anderem mit der Frage der Geschlechterstereotypen. Ich bin mittlerweile alleinerziehend. Zu Beginn der vollumfänglichen Invasion schloss sich mein Mann, der ukrainische Filmemacher Viktor Onysko, freiwillig den ukrainischen Streitkräften an, um die Ukraine gegen die russischen Besatzer zu verteidigen. Wir haben diesen unseren liebsten Menschen im Kampf um Bachmut verloren. An jenem schrecklichen Tag ist ein Teil von mir für immer erloschen; aber mit Hilfe von Filmen – zum Beispiel Captain Fantastic von Matt Ross oder Interstellar von Christopher Nolan – spreche ich mit meiner Tochter über die Trauer und Erinnerung. Ich möchte, dass sie trotz dieser traumatischen Erfahrung Selbstbewusstsein entwickelt, deshalb wähle ich mit Sorgfalt Filme aus, in denen entschlossene Protagonistinnen im Mittelpunkt stehen. Ich habe mittlerweile schon eine ganze Sammlung von Filmen dieser Art, die auch Zakharia gutgeheißen hat. Dazu gehören: Electrick Children von Rebecca Thomas, Lady Bird von Greta Gerwig, Reality BitesVoll das Leben von Ben Stiller und Alien von Ridley Scott.
Hören wir unseren Kindern zu! Diskutieren wir die Filme mit ihnen, und wir werden überrascht sein!
Unser Gespräch über den Feminismus begann, nachdem wir uns die ersten beiden Teile von Terminator angesehen hatten. (Nebenbei bemerkt, die weiteren Teile des Terminator-Franchise kann man getrost vergessen.) Üblicherweise bitte ich meine Tochter, ihre Eindrücke von den Filmen und von unseren Diskussionen aufzuschreiben. Nachdem wir Terminator II gesehen hatten, schrieb Zakharia, die damals zwölf Jahre alt war: „Sarah Connor rettet die Welt, deshalb ist sie meine Lieblingsfigur. Selbst ihr Sohn John und der Terminator helfen ihr nur. Sie sind nicht die Hauptfiguren, wie es auf den ersten Blick scheint.“

Hören wir unseren Kindern zu! Diskutieren wir die Filme mit ihnen, und wir werden überrascht sein! Sollte es schwerfallen, Fragen für die gemeinsame Filmdiskussion zu finden, dann kann man diese auch versuchen, mit künstlicher Intelligenz zu entdecken. Diese kann Informationen aus öffentlichen Quellen analysieren und Ideen für Reflexionen generieren. Ich wünsche viele nachdenkliche Filmabende und ehrliche Gespräche!

 

Perspectives_Logo Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

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