Die Geschichten von trans* Personen aus ländlichen Gegenden sind von Einsamkeit, Schmerz und mangelnder Unterstützung geprägt. Gleichzeitig widersprechen aber auch der Vorstellung, die das Land – im Gegensatz zur Utopie der Stadt – als einen begrenzten Ort voller Feindseligkeit darstellt. Das Maisdorf, das Dorf am Wasser und das Dorf im Pilzgeflecht haben unsere Protagonist*innen nicht nur verletzt, sondern auch geprägt: Sie sind Quelle der Identität, der Erinnerungen, der Familie und der Geborgenheit. Es sind Orte, die ein Zuhause sind, obwohl sie nicht für Menschen wie sie geschaffen wurden.
Das Maisdorf
Es ist erst Mai, doch die Hitze ist erbarmungslos. Die Turnschuhe und auch die Tüte mit frühen Kirschen lassen Sabrina und ich am Ufer zurück und wir treten in das klare Wasser. Sein unendliches Blau erinnert mich eher an die Adria als an einen Süßwasserteich, meine Kindheitserinnerungen an Urlaube sind wieder da. Die plötzliche Kälte auf der erhitzten Haut ist mehr als willkommen. Mit jedem Schritt stören wir die bis dahin friedliche Wasseroberfläche des Sees. Seine Wasser umarmen verletzliche Körper ohne Unterschied und bewahren Erinnerungen über Generationen hinweg. Die lächelnde Erinnerung wird vom fernen Gebell eines Hundes und von der unverständlichen Ansage über die Lautsprecher des Dorffunks begleitet.
Sabrina im See | Foto: © Elias Bučko
Nur flaches Land und Mais
Sabrina erblicke ich auf der Bank unter dem Abfahrtsplan am Busbahnhof in Bratislava. Aus einem Blumenstrauß zieht sie sorgfältig verwelkte Tulpen heraus, die die fast einstündige Fahrt im Bus und den Spaziergang in der Hitze nicht überleben würden. Die Blumen wird sie ihrer Mama zum Geburtstag schenken, erklärt sie mir im Bus. Das Panorama von Bratislava wird bald durch Felder mit frühen Ernten, durch laute Traktoren und große Werbetafeln mit Investitionsangeboten und Reklame für Autos ersetzt. Wir fahren zum „Maisdorf“ bei Senec, aus dem Sabrina kommt und wo sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hat. Heute lebt sie in Bratislava und kehrt nur zu Besuchen ins Dorf zurück.Gemähte Felder, gelegentlich von ein paar Bäumen und einem Hochsitz unterbrochen, strecken sich bis zum Horizont hin und Sabrina erinnert sich an Momente, in denen sie in High Heels dort entlanglief, durch den Schnee, mit der Sehnsucht eines Teenagers nach Privatsphäre und Intimität, die im Lebensmittelpunkt des Dorfes nicht erfüllt werden konnte. Busse und Züge nach Bratislava fahren nicht sehr oft und Ausflüge zu ihren Freund*innen und der Community in der Stadt mussten im Detail geplant werden. Doch die Bitterkeit in Sabrinas Stimme weicht rasch jener Vertrautheit, mit der sie die blühenden Rosenbeete der Nachbar*innen bewundert, auf die umgebauten Häuser von Bekannten hinweist und von Dorflegenden erzählt, die in ihrer Erinnerung verwurzelt sind.
Blühende Rosen im Maisdorf | Foto: © Elias Bučko
Das hartnäckig vorherrschende Narrativ, das Halberstam kritisch als „Metronormativität“ bezeichnet, stilisiert queere und trans* Personen auf dem Land oder in Kleinstädten zu Menschen, die an einem rückständigen Ort voller Gewalt und Vorurteile feststecken. Das Landleben wird somit zu einer Art einsamen, geschlossenen Raum, aus dem eine LGBTQ+-Person ausbrechen sollte, um jene Authentizität und Freiheit zu erlangen, die die Stadt verkörpert. Ins Maisdorf und in andere Dörfer komme ich mit der Last meiner eigenen Erinnerungen an das Aufwachsen außerhalb der Stadt und zugleich mit Ziel, die Einseitigkeit der Darstellung des queeren Landlebens zu vermeiden.
Familie über alles
Sabrina und ich machen an einer Poststelle ohne feste Öffnungszeiten und mit vergitterter Tür Halt, daneben ragt der Maibaum in die Höhe, an ihm hängt eine Champagnerflasche. Am Ende der Straße befindet sich ein Gebäude mit der großen Aufschrift OBECNÝ ÚRAD – KÖZSÉGI HIVATAL [Gemeindeamt – auf Slowakisch und Ungarisch]. Wie viele andere Familien in dem Maisdorf hat auch Sabrina ungarische Wurzeln: „Die Menschen hier im Dorf gehören entweder direkt zu meiner Familie oder sind irgendwie mit ihr verbunden. Meine Großmutter wurde in derselben Straße geboren, in der wir heute wohnen – ebenso wie ihre Vorfahren.“ Ihre Erstsprache ist Ungarisch, eine Sprache ohne Geschlecht. Im Fehlen des grammatischen Geschlechts sieht Sabrina ein Element der Freiheit.
Das Postamt im Dorf | Foto: © Elias Bučko
Sabrinas Identität war nie ein völliges Geheimnis. Durch enge Freundschaften, ihr Auftreten oder dem spielerischen Umgang mit Geschlechterrollen war sie sich ihrer Andersartigkeit schon als Kind bewusst – und der Großteil ihrer Familie ebenso. „Was auch immer passiert, er gehört zu uns“, hatten sie gesagt. Sabrina meint, dass sich der familiäre Zusammenhalt im Dorf oft gegen das Unverständnis gegenüber dem Anderssein oder gegen Vorurteile durchsetzt: „Selbst der erbittertste Katholik und ein alter Mensch beginnt, eine queere Person zu akzeptieren, wenn sie zur Familie gehört. Ich kenne hier nur sehr wenige Familien, in denen etwas vorgefallen ist und wo die betreffende Person nicht akzeptiert wurde – ganz gleich, wie angespannt die Beziehungen untereinander auch sein mögen.“
Der Weg zum Verständnis ist jedoch kurvenreich, und das Leben in einer kleinen Gemeinschaft, in der das Anderssein eine Ausnahmeerscheinung darstellt, ist schwierig. Sabrina und ich kommen zu einem umzäunten Haus mit gepflegtem Vorgarten und einer Weide, die der Legende nach aus einer Osterrute [Teil des regionalen Brauchtums, Anm. d. Red.] gewachsen ist. Sabrina verschwindet für einen Moment durchs Tor und kehrt ohne den Blumenstrauß, aber mit einer Tüte Kirschen zurück. Monika ist Sabrinas Mutter und hat ihr ganzes Leben in dem Maisdorf verbracht.
Im Erwachsenenalter durchlief Monika ihr eigenes Coming-out und lebt derzeit mit ihrer Partnerin zusammen. Gerade aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen betonte sie Sabrina gegenüber stets, dass sie nicht ins Dorf gehöre und wegziehen solle. Obwohl Monika sich einst ebenfalls danach sehnte, in die Stadt zu gehen, schlug sie aufgrund von Verpflichtungen im Dorf ihre Wurzeln und lernte, genau hier zu leben. Ihre Arbeit, ihre Familie, ihre Vergangenheit und ihre Gemeinschaft sind hier – im Maisdorf. Studien zur queeren ländlichen Lebenswelt zeigen, dass Ortsbezüge unter anderem durch die Klassenzugehörigkeit geprägt sind und die Entwicklung sowie das Erleben queerer Subjektivität zweifellos beeinflussen.
„Was würde ihr das bringen? Was würde sie in der Stadt tun? Alles, was sie kennt, ist mit diesem Ort hier verbunden“, erklärt Sabrina Monikas Entscheidung, zu bleiben. Sie hat hier ein Zuhause geschaffen – nicht nur für sich selbst und für ihr Anderssein, sondern auch für Sabrina, die sich heute voller Stolz zu ihrer ähnlichen Erscheinung bekennt.
Wir kommen an alten sowie an umgebauten Häuser von Bekannten vorbei. Anonymität gibt es hier nicht. | Foto: © Elias Bučko
Als Gast im Elternhaus
Durch ein knarrendes Tor betreten wir den Dorffriedhof. Die Grabsteine tragen überwiegend ungarische Namen, hier und da taucht auch ein slowakischer auf. An einigen unleserlichen, moosbewachsenen Steinen sind Hinweiszettel auf ausstehende Zahlungen befestigt, die jedoch niemand mehr begleichen wird. Hinter den Gräbern steht ein Denkmal für die Opfer der Weltkriege mit der ungarischen Flagge auf einem Kranz und dort ist auch eine Kapelle, die uns kurz Schutz vor der Sonne gewährt. Drinnen finden wir einen Altar und eine Sammlung verstaubter Heiligenbilder mit gesprungenem Glas und ungarischen Inschriften. Sabrina und ich erzählen einander von unseren Teenagerküssen hinter Dorfkirchen wie dieser, die für uns damals der Inbegriff von Rebellion und gleichzeitig eine Notwendigkeit waren, denn es gab sonst nichts, wohin wir gehen konnten.Der Friedhof ist wegen der Hitze menschenleer, und wir treffen nur einen älteren Mann mit Gehstock. „Csókolom“, grüßt Sabrina ihn formlos. Ich gebe meine Fremdheit mit einem slowakischen „dobrý deň“ [Guten Tag] preis. Sabrinas Gruß bedeutet so viel wie das altmodische „Ich küsse deine Hand“, und die beiden Dorfbewohner spüren eine gegenseitige Vertrautheit.
Heiligenbilder in der Kapelle auf dem Friedhof | Foto: © Elias Bučko
Dennoch empfindet sie nach wie vor eine Kluft zwischen sich und dem Dorf. Sie fühlt sich hier wie ein Gast. Dieses Gefühl erreichte seinen Höhepunkt, als sie zu Besuch kam und ihre Mutter den Kaffee nicht in einer gewöhnlichen Tasse servierte, sondern in einer besonderen – einer, auf der sich hinter dem Glas der Vitrine gewöhnlich Staub ansammelt und die nur für besondere Besuche hervorgeholt wird. Sabrina fügt hinzu: „Dörfer sind nicht für uns geschaffen, und sie werden noch eine Weile kein Ort sein, an dem wir uns sicher fühlen. Doch ich glaube, dass sie es eines Tages sein können.“
Schilf raschelt im Wind, und in der Ferne brummt ein Rasenmäher. Sabrina und ich schweigen und genießen das kalte Wasser an unseren Füßen. Zuhause – das sind unsere Fußsohlen auf dem Grund des Sees, eine Tüte Kirschen und ein türkischer Kaffee in einem Nescafé-Becher.
Das Dorf am Wasser
Das Geräusch fließenden Wassers verschwimmt mit Musik. Die gedämpften Industrial-Beats von Arcas Avantgarde-Pop wecken in mir und auch in Ana wieder die alte Angst vor dem Unbekannten – vor der Unfähigkeit, den eigenen Rhythmus mit der Umgebung in Einklang zu bringen. Wir beobachten den schillernden Tanz tiefgrüner Libellen über der Wasseroberfläche und die lautlose Symphonie des Flussgrases, das sich bei der Bewegung eines Fischschwarms in Wellen wiegt. Silberne Schuppen reflektieren die Sonnenstrahlen in einem ekstatischen Unterwasser-Rave.
Ana entdeckte ihre Identität in der kleinen Gemeinschaft eines Dorfes am Wasser. | Foto: © Elias Bučko
Trotz der Globalisierung queerer Identität – gefördert durch den breiten Zugang zum Internet und die LGBTQ+-Terminologie – spielt der lokale Bezug auch in Anas Erfahrung eine zentrale Rolle. Dabei handelt es sich nicht nur um einen physischen Ort, sondern auch um ein gemeinsam geschaffenes Gemeinschaftsgefühl, das aus dem geteilten Alltag und aus zwischenmenschlichen Beziehungen erwächst. Ana hat das Gefühl, dass sie ohne diesen Ort hier nicht jene wäre, die sie heute ist. Sie fand zu ihrer Identität, während sie in einer kleinen Gemeinschaft umgeben von Bäumen, in einem Garten und am Wasser aufwuchs. Ebenso wie dieser Ort halfen ihr auch andere queere Menschen, denen sie während ihres Studiums begegnete, ihre Identität zu entdecken. Sie zeigten ihr, dass es möglich ist, queer zu sein und zu überleben.
Das Gras am See reicht uns bis an die Knöchel. Ana stellt fest, dass ihre alten, vertrauten Plätze unter dem wilden Grün verschwunden sind oder beseitigt wurden. Wir gehen an einer verschlafenen Katze vorbei, die im Gras liegt und sich auch nicht durch unsere Nähe stören lässt. Der urige Wald um Ana herum, den sie mit ungezwungener Vertrautheit durchschreitet, endet schließlich, und wir lassen uns auf einem kleinen Steg mit Blick auf Wochenendhäuschen nieder.
Ana auf dem Feldweg beim See | Foto: © Elias Bučko
(Un)Sichtbarkeit
Trotz ihrer engen Verbundenheit mit dem Umfeld des Dorfs am Wasser fiel es Ana schwer, hier Anschluss an eine Community oder an die queere Kultur zu finden sowie Informationen zur Transition zu bekommen. Sie setzte sich vor allem über das Internet und die Musik der Sängerin Arca mit ihrer Geschlechtsidentität auseinander. Ihr Umfeld wusste über Transgeschlechtlichkeit nur wenig, aus den Medien und dem Dorfklatsch, und selbst dieses wenige Wissen war von einer Wolke aus Angst und Halbwahrheiten umgeben. Als trans* Person im Dorf ist Ana ständig in einer sichtbaren und zugleich unsichtbaren Position. Ihr Anderssein hebt sie aus der Menge hervor und macht sie so zur Zielscheibe unangenehmer Fragen oder unsensibler Bemerkungen. Zugleich schildert sie schmerzhafte Erfahrungen, bei denen ihre Identität bewusst übergangen wird: „Alle hier kennen mich von klein auf, und obwohl ich mich bereits geoutet habe, respektieren sie mich nicht und nennen mich beim falschen Namen. Das tut weh.“Eine von der Initiative Inakosť [deutsch: Anderssein] durchgeführte Studie zum Leben von LGBTQ+-Menschen in der Slowakei von 2022 ergab, dass Diskriminierung und das Gefühl, gefährdet zu sein, weiterhin wesentliche Bestandteile des Lebens von LGBTQ+-Personen in der Slowakei sind. 43 Prozent der Befragten haben aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität Gewalt erlebt, wobei trans* Personen die am stärksten gefährdete Gruppe darstellten. Gleichzeitig wies die Studie auf das häufige Auftreten von Diskriminierung im öffentlichen Raum, an Schulen und am Arbeitsplatz sowie auf die sich verschlechternde Wahrnehmung der sozialen Lage der LGBTQ+-Community hin.
Während ihrer Transition stieß Ana auf den Mangel an Informationen zur Hormonersatztherapie (HRT) und zur psychischen Gesundheit – was auch in der Studie als Problem benannt wurde. Anas Informationsquellen waren vor allem Online-Communities und slowakische LGBTQ+-Plattformen. Fachleute auf diesem Gebiet fand sie nicht. Der gesamte Prozess war schwierig und frustrierend: „In einer Klinik sagte man mir, man habe keinen Platz für mich und ich solle alle drei Monate anrufen. Es wurde immer wieder verschoben, und die Hoffnungslosigkeit lastete schwer auf mir“, erinnert sich Ana verbittert an die Auswirkungen, die das Fehlen von Hilfe und Gemeinschaft auf ihre psychische Gesundheit hatte. Bisherige Untersuchungen zeigen, dass bei LGBTQ+-Personen eine hohe Prävalenz von Symptomen wie Depressionen, Angstzuständen und anderen psychischen Problemen vorliegt, die auf Stress wegen der Zugehörigkeit zu einer Minderheit und auf mangelnde gesundheitliche Unterstützung zurückzuführen sind. Ana hat inzwischen bereits die ersten Schritte ihrer Transition unternommen und wünscht sich, dass es nicht so schwierig wäre, eine affirmative Versorgung für queere und trans* Personen zu finden.
Bilder aus dem Dorf am Wasser | Foto: © Elias Bučko
Eine Slowakische und keine andere
Wir halten schweigend inne und beobachten eine Natter, deren welliger Körper vor uns im Wasser herumhuscht. In der Ferne schwimmt ein Schwanenpaar mit seinen Jungen, es zischt uns warnend zu und breitet seine Flügel aus. Obwohl sie ein Schutzbedürfnis dazu antreibt, ist diese Wut ansteckend. Anas Wut entzündet sich an der politischen Feindseligkeit gegenüber queeren und trans* Menschen und den Bestrebungen, das Geschlecht als binäre Kategorie zu definieren. Ana ist als Künstlerin tätig und kanalisierte ihre Wut in ein intermediales Projekt namens Slovenská a žiadna iná (Eine Slowakische und keine andere) – nach dem Wortlaut von Martina Šimkovičová (SNS), der Kulturministerin, die geäußert hatte: „Die Kultur des slowakischen Volkes soll nur eine slowakische sein und keine andere“. Sie erhielt deshalb 2025 den Antipreis „Homophob des Jahres“ des slowakischen Instituts für Menschenrechte (Inštitút ľudských práv, Homofób roka). Laut Peter Weisenbacher, dem Direktor des Instituts, sind „die Verbreitung von Hass und Homophobie sowie von Rassismus und Antisemitismus offensichtlich die wichtigsten Instrumente der Ministerin“.In Anas Händen unterlief die slowakische Nationalflagge einer Transformation. Samt in Rosa, Blau und Weiß – den Farben der trans* Pride-Flagge – trat an die Stelle der traditionellen slowakischen Trikolore. Die Verwendung von Samt verweist auf das Erbe der Samtenen Revolution von 1989: „Gesellschaftlicher Wandel ist niemals ein abgeschlossenes historisches Ereignis, sondern ein fortlaufender Prozess. Die rekonstruierte Form der Nationalflagge unterstreicht die Zerbrechlichkeit und Formbarkeit von Symbolen, die oft als unveränderlich oder unantastbar wahrgenommen werden“, erklärt Ana.
Das Projekt „Slovenská a žiadna iná“ („Eine Slowakische und keine andere“) | Foto: © @0_0090_93527_0
Schließlich verlieren die Schwäne das Interesse an uns und schwimmen davon. Ana erklärt, dass sie sich trotz aller Hindernisse und Pläne, fortzugehen, nicht vorstellen könne, ihre Transition irgendwo anders zu vollziehen als hier: in dem Dorf am Wasser, wo sie sich ihrer Andersartigkeit erstmals bewusst wurde, zum ersten Mal die Klänge von Arcas Musik hörte und zum ersten Mal zu sich selbst fand. An einem Ort, der immer ihre Heimat sein wird, ganz gleich, wo sie sich gerade aufhält.
Leerer Spielplatz hinter der Kirche | Foto: © Elias Bučko
Das Dorf im Pilzgeflecht
„Wusstest du schon, dass manche Pilze mehr als 17.000 Geschlechter haben?“ Tobi stammt aus einer Familie von Pilzsammler*innen. Er erinnert sich an die Körbe voller Pilze – Riesenschirmlinge, Steinpilze und Pfifferlinge –, die sein Großvater aus dem nahegelegenen Wald mitbrachte; sie wurden auf Dörrgittern im Hof getrocknet und im Winter schwammen sie in der weihnachtlichen kapustnica (Sauerkrautsuppe). Er erzählt, wie sie gemeinsam über taufrische Wiesen liefen, im weichen Waldboden nach Spuren von Waldtieren suchten und sich über jeden Fund freuten – selbst wenn er giftig oder angefressen war. Der Großvater lebt nicht mehr und der Vater hat die Stafette des Pilzesammelns übernommen. Lächelnd zeigt mir Tobi ein gerahmtes Foto, auf dem er neben einem besonders großen Steinpilz posiert.Heute gehen wir mit einem Korb keine Pilze, sondern Holunder sammeln. Er wächst neben einer ruhigen Asphaltstraße, auf der vor allem Menschen mit Hunden spazieren gehen und gelegentlich ein Traktor auf dem Weg zu den nahegelegenen Feldern vorbeifährt. Die Luft duftet nach frisch gemähtem Gras und blühendem Holunder, aus dem dann Sirup hergestellt und an die Familie verteilt wird. Tobi wuchs im größeren Teil des Dorfes auf, das flussabwärts an der Waag am Fuße der Kleinen Karpaten liegt. Durch den Ort führt die Hauptstraße, von der einige Nebenstraßen mit Einfamilienhäusern abzweigen, mit einer Kirche, einem Kulturzentrum und dem Gemeindeamt, in dem sich zugleich die Post, das Archiv und ein Nagelstudio befinden.
Sehnsucht nach Unterstützung
Die Familie von Tobis Vaters lebt hier seit mehreren Generationen, und auch heute noch ist der Großteil der Familie im Ort ansässig. Sie leben und altern hier gemeinsam mit den Bäumen, die von ihren Vorfahren gepflanzt wurden, sowie mit befreundeten Familien, mit denen sie Alltag und Geschichte teilen. Ihre Vernetzung gleicht einem Myzelium. Tobi fügt hinzu, dass dieses vernetzte Geflecht nicht nur Halt bietet, sondern dass sich darin außer der von Haushalt zu Haushalt wandernden Marienstatue der Ortskirche auch Klatsch und Beschimpfungen bis hin zu Rufmord verbreiten.
aus Tobis Familienarchiv | Foto: © privat
Er berichtet auch noch von einer kürzlichen Erfahrung mit einer anderen Psychologin, die ihm den Zugang zur Transition verweigerte; sie behauptete, er würde seine Beziehung und die Liebe verlieren, sollte er diesen Schritt wagen. Diese gefühllose und gefährliche Aussage erschütterte ihn, auch wenn er sie nicht für wahr hielt. „Leider gibt es nicht genügend psychologische Hilfe für LGBTQ+-Personen – nicht nur in der Region, sondern in der Slowakei allgemein. Wenn wir hier ein erfülltes Leben führen wollen, brauchen wir mehr Unterstützung“, sagt er.
Gesammelter Holunder. Er wächst neben einer ruhigen Asphaltstraße. | Foto: © Elias Bučko
Leben in der Stille
Mit dem Korb voller Holunderblüten gehen wir die Böschung hinunter zum Bach, der im Laufe der Jahre zunehmend ausgetrocknet ist. Eine Nutria-Familie beäugt uns aus dem hohen Gras im trockenen Bachbett. Wir erreichen das untere Ende des Dorfes, welches ich nur dank Tobis Erklärung und anhand der überwucherten, rostigen Schienen erkenne – Schienen, über die offenbar seit Jahren kein Zug mehr gefahren ist. Es sieht hier nicht nach etwas Besonderem aus, doch Tobi überrascht mich mit der unerwarteten Geschichte dieses Ortes. Zu der Zeit, als Tobis Großmutter noch jung war, lebten hier in der Nähe des Bahnhofs zwei Männer, von denen man einander hinter vorgehaltener Hand erzählte, sie seien anders. „Sie erzählte, dass die beiden zur Arbeit und in die Kirche gingen, sie arbeiteten auf den Feldern – genau wie alle anderen auch. Sie waren nichts Besonderes, doch es war bekannt, dass sie ein Paar waren“, erinnert sich Tobi an die Worte der Großmutter. „Queere Menschen hat es im Dorf schon immer gegeben.“Gemeinsam stellen wir uns vor, wie das queere Leben damals wohl ausgesehen haben mag – in der Stille und am Rande, sowohl geografisch als auch gesellschaftlich. Für Tobi ist dieses Leben in der Stille der Grund, warum er weggegangen ist und warum er immer wieder zurückkehrt. Er hat das Gefühl, hier weder offen über seine Identität sprechen noch sich allzu frei entfalten zu dürfen. Akzeptanz – oder Resignation? – vollzog sich im Stillen: auf Familienfeiern wurde nicht mehr abfällig – oder überhaupt nicht mehr –über queere Menschen gesprochen, und die Nachbarn hörten auf zu fragen, wann Tobi endlich mal jemanden mitbringen würde. Sie wollten es lieber gar nicht wissen. Nach dem Coming-out und dem Kurzhaarschnitt herrschte im Haus noch etliche Wochen lang eine erdrückende Stille. Nachrichten einiger Freund*innen wurden immer seltener und blieben schließlich ganz aus. Und jene Freund*innen, die ihm geblieben waren, zogen nach und nach in größere Städte – zum Studium, für die Arbeit oder um Teil der queeren Community zu sein.
Reifende Kirschen | Foto: © Elias Bučko
Die Sonne scheint durch die Bäume auf Tobis Gesicht. Er stellt den Korb mit den Holunderblüten auf die mit Graffiti besprühte Mauer, die die Grenze zwischen dem Weg und dem Wald bildet.
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
Juni 2026