Die Schattenseiten des Optimismus  Hoffnung für Gespenster

Hoffnung für Gespenster Foto: Yaopey Yong via unsplash | CC0 1.0

Wir leben in der Illusion, es würde genügen, mehr zu arbeiten, und dann würde alles wieder gut. Aber was, wenn diese falsche Hoffnung lediglich eine Art Falle ist, die uns in einem Zustand der Passivität hält? In der heutigen Zeit beginnt wahrer Mut nicht dort, wo wir an ein besseres Morgen glauben, sondern vielmehr damit, die Tatsache zu akzeptieren, dass kein Retter kommen wird, meint Stanislav Biler in seinem Essay.

Es ist noch nicht so lange her, dass Phrasen wie „Kinder sind unsere Zukunft“ fester Bestandteil des öffentlichen und politischen Diskurses waren. Schließlich begann der einst liberale, pro-europäische Oligarch Andrej Babiš seine Karriere mit Plakatslogans wie „Damit auch unsere Kinder hier leben wollen“. Das ist lange her, eine Ewigkeit. Genauer gesagt: dreizehn Jahre.

Es gibt immer weniger Kinder und kaum jemand betrachtet sie noch als Hoffnungsträger. Manche von uns sind schon länger erwachsen, als sie Kinder waren. Und wir ahnen dunkel, dass das von Anfang an ein Schwindel war. Die ältere Generation wälzt die Verantwortung auf die jeweils nachfolgende ab und tut so, als meine sie es gut. Tut sie aber nicht. Nicht, dass die ältere Generation es unbedingt schlecht meinen würde, doch oft denkt sie gar nicht darüber nach, nahezu in keinem Bereich. Das ist mir heute klar, in einem Alter, in welchem jedwede Abweichung von dem, was gestern galt, als Beweis für eine Midlife-Crisis gewertet wird: Wenn man mit Zwanzig oder Dreißig mit dem Joggen anfängt, dann fängt man mit dem Joggen an. Wenn man das mit über 40 tut, hat man eine Krise. Doch auch wenn man nicht mit dem Joggen anfängt, hat man eine Krise. Die Krise kommt, ganz egal unter welchen Umständen.

Und diese Krise, inmitten all der anderen Krisen, wenn man am Tiefpunkt des eigenen Lebens angekommen ist, am Abgrund steht, ist der ideale Ausgangspunkt für die Suche nach Hoffnung. Weil es an diesem Punkt keine Hoffnung gibt. Am Grunde dieser Schlucht existiert jeder nur für sich allein, und das liegt in der Natur dieser Falle. Das ist die Falle selbst. An diesem Punkte schaut man zurück und überlegt, worin man versagt hat: in allem. Und man schaut auch voraus, was einen ungefähr erwarten wird: das Altern, Schmerzen, innerer Verfall und der Tod.

Abwarten und Teetrinken

Vor nicht allzu langer Zeit ploppte während meines inzwischen routinierten Doomscrollings auf Social Media, bedingt durch die algorithmische Personalisierung, ein Reel mit Slavoj Žižek in meinem Feed auf. Dessen öffentliche Selbstdarstellung ist in Form von griffigen Sätzen und edgy Behauptungen für die flüchtige Aufmerksamkeit unserer ständig dissoziierenden Gedankenkreisel optimiert. In diesem Video behauptet Žižek sinngemäß, Hoffnung sei lediglich etwas für Idioten, weil sie uns in einem Zustand der Passivität halten würde. Anstatt uns um eine Veränderung zu bemühen, etwas zu säen, warten wir nach dem Prinzip Hoffnung darauf, dass sich diese Hoffnung materialisiert, dass jemand kommt, sie umsetzt und uns rettet. So sitzen wir da und warten ab, während die Welt weiter vor sich hin kollabiert. So in etwa erklärt es Žižek in dem erwähnten Reel, an das ich mich vielleicht ganz gut erinnere, vielleicht aber auch nur ungefähr. Jedenfalls habe ich begonnen, nach den Wurzeln dieser These zu forschen.

Im Jahr 2017 veröffentlicht Žižek ein Buch mit dem Titel The Courage of Hopelessness (Mut zur Hoffnungslosigkeit). Diesen Titel hat er aus einem Interview mit dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben entliehen. Dieser sagte darin unter anderem: „… Debord bezog sich oft auf einen Brief von Marx, in dem geschrieben stand: ‚Die hoffnungslosen Zustände der Gesellschaft, in der ich lebe, erfüllen mich mit Hoffnung.‘ Jedes radikale Denken nimmt immer die extremste Haltung der Verzweiflung ein. Simone Weil sagte: ‚Ich mag jene Menschen nicht, die sich mit leeren Hoffnungen das Herz erwärmen.‘ Denken ist für mich eben genau das: der Mut zur Hoffnungslosigkeit. Und ist das nicht gerade der Gipfel des Optimismus?“

Ob es der Gipfel ist, weiß ich nicht, aber ein wenig mehr Mut könnten wir uns sicher leisten. Was haben wir denn schon zu verlieren! Nichts als unsere Ketten, wie in einem gewissen Manifest geschrieben steht, das nicht nur Slavoj Žižek gern zitiert. Lange Zeit galt, dass das Gefühl von Zufriedenheit mit dem eigenen Leben statistisch gesehen einer U-Kurve folgt. Von einer durchschnittlich zufriedenen Kindheit prallt man irgendwann, etwa im Alter zwischen 44 und 49, auf den Boden der Realität und der Hoffnungslosigkeit, dann kehrt sich die Kurve um und die Zufriedenheit nimmt wieder zu, bis ihr der Tod ein Ende setzt. Dieser über Dekaden konstante Verlauf ist in den letzten Jahren kaputt gegangen.

Den Menschen, die ohnehin am Tiefpunkt leben, geht es nach wie vor gleich schlecht – über die muss man sich keine Gedanken machen. Noch schlechter geht es jedoch den Heranwachsenden und der Jugend. Und ob man sich auf dem Tiefpunkt seiner mittleren Lebensjahre noch damit trösten kann, dass es zumindest für einen selbst besser werden wird, ist derzeit keineswegs sicher. Die äußeren Umstände und Ereignisse – von Kriegen über den Anstieg des Rechtsextremismus bis hin zu Inflation, Wohnungsnot, dem potenziell verheerenden Vormarsch künstlicher Intelligenz, die unsere Arbeitsplätze und Gehirne übernimmt, bis hin zur Klimakrise – lassen nicht viel Platz für Hoffnung. Und vor allem: Die Kinder, die in diesen Krisen am meisten zu kämpfen haben, sind höchstwahrscheinlich die eigenen.
Um in einer nachts von Monstern beherrschten Stadt überleben zu können, muss man zunächst verstehen und akzeptieren, dass die Umstände sind, wie sie sind.
Die eher schlechte US-amerikanische Horrorserie From erzählt von einer seltsamen Kleinstadt, die niemand mehr verlassen kann, der sich einmal dorthin verirrt hat. Das Verirren ist kein Zufall, die Stadt selbst verursacht gewisse Hinterhalte, die die Reisenden dazu nötigt, in eine falsche Richtung abzubiegen. Die Stadt wird nachts von geheimnisvollen Monstern terrorisiert, die für die schwindende Zahl von Einwohner*innen und die zweifelhafte Zurechnungsfähigkeit der Überlebenden verantwortlich sind. In der ersten Staffel kommt ein Paar mit Kindern in die Stadt. Die Ehefrau erleidet direkt in einer der ersten Folgen einen Nervenzusammenbruch, als ihr Partner etwa zum zwanzigsten Mal sagt, dass alles wieder gut werden würde. Sie schreit ihn an, sie wolle von ihm hören, dass er wahrnimmt, was um sie herum geschieht, wo sie sind und was ihnen gerade passiert ist. Sein „Alles wird gut“ macht ihr klar, dass er überhaupt nichts kapiert und sie in dieser Situation, in dieser Gegenwart, völlig auf sich gestellt ist. Um in einer nachts von Monstern beherrschten Stadt überleben zu können, muss man zunächst verstehen und akzeptieren, dass die Umstände sind, wie sie sind.

Laut Giorgio Agamben verleiht jede Epoche ihrem offiziellen Narrativ einen gewissen Glanz, der die Zeitgenossen blendet. Die Gegenwart zu verstehen, bedeutet jedoch, in der Lage zu sein, einen Schritt zurückzutreten, um das Dunkle der jeweiligen Zeit wahrzunehmen und in dieser Finsternis auch das Licht zu finden, das von irgendwoher – aus unserer eigenen Gegenwart – zu uns durchzudringen versucht.

Die Gespenster der Gewissheiten von gestern

Das ist in etwa der Wendepunkt, an dem aus dem Pessimismus, der aus der kollabierenden Gegenwart erwächst, etwas entstehen kann, was vielleicht noch nicht Hoffnung ist, aber doch die Möglichkeit von Hoffnung andeutet. Das setzt allerdings voraus, die falsche Hoffnung aufzugeben, laut der es genügt, sich nur mehr anzustrengen, und dann wäre wieder alles gut, so wie früher. Doch gerade die Tatsache, dass wir Dinge „früher“ auf eine bestimmte Art und Weise getan haben, hat uns gerade hierhin geführt, wo wir heute stehen. Die Vergangenheit ist kein goldenes Zeitalter, sondern die Ursache der gegenwärtigen Finsternis, in der die Gewissheiten von einst nun der Kategorie Hoffnung angehören, die nur durch extreme Anstrengung und mit einer gehörigen Portion Glück (oder familiärem Erbe) erreicht werden können.

In diese Kategorie wurden nach und nach Dinge verschoben, die als Gewissheiten galten. Kategorien oder Ziele wie Bildung, Karriere, Wohnen und Familie formen ein scheinbar zusammenhängendes Ganzes, bei dem es „genügte“, den ausgetretenen Pfaden zu folgen und wie in einem Brett- oder Rollenspiel gewissenhaft Aufgaben zu erfüllen, damit man am Ende die Gewissheit eines ganz normalen Lebensweges garantiert bekam: vorhersehbare Arbeit/Karriere, Wohnung oder Häuschen in einem Vorort, Bilderbuchfamilie, sozialer und wirtschaftlicher Aufstieg und schließlich ein gesicherter Lebensabend mit Zugang zu entsprechender medizinischer Versorgung. In dieser Welt folgten die vier Jahreszeiten noch ihrem regelmäßigen Wechsel. Doch nichts von all dem ist mehr so wie es mal war, entweder existiert es tatsächlich nicht mehr oder nur noch als eine Art „Zombie-Kategorie“, als längst leere Hülle, die zu Staub zerfällt, sobald man versucht, sich darauf zu stützen.

Für einen Teil meiner Generation und für alle jüngeren Generationen ist das Wohnen zu einem „Fisher-Gespenst“ geworden, das uns aus der Vergangenheit verfolgt, um uns Angst einzujagen. Das Stabile und Feste ist zu einer Illusion geworden, die uns nicht nur im Schlaf, sondern vor allem im Wachzustand heimsucht. Wir wissen ganz genau, dass es gestern noch allerorts Wohnungen aus Ziegeln und anderen festen Materialien gab, heute ist Wohnen nur noch eine abstrakte Kategorie. Wohnraum als Produkt für Investoren, in das Geld investiert wird, das sich umso besser verzinst, je schlechter es uns mit dem Wohnen geht. Das Wirtschaftssystem gleicht nicht nur in diesem Segment einem Horrorfilm, was sogar grafisch dargestellt werden kann. Löhne und Gehälter steigen deutlich langsamer als die Preise für Wohnraum und Mieten erhöht werden. Wer gestern schon nicht genug Geld fürs Wohnung hatte, wird es morgen noch weniger haben.

Dieser scheinbar natürliche Mechanismus, der insbesondere in Tschechien völlig aberwitzige Ausmaße angenommen hat, veranschaulicht ein abstrakteres Problem: Nämlich wie genau es passieren konnte und weiterhin passiert, dass der überwiegende Teil des Reichtums in die Hände einer immer kleiner werdenden Gruppe von Menschen fließt. Dies gilt insbesondere für Tschechien, das bei der Vermögensungleichheit ganz vorne mitmischt, was sich an der außerordentlich prosperierenden Schicht der tschechischen Oligarchie gut festmachen lässt. Etwas verkürzt gesagt bedeutet dies: Wenn sich das Wirtschaftswachstum unter den derzeitigen Bedingungen und in dieser Richtung fortsetzt, wird sich der gesamte Reichtum auch in Zukunft ungleich verteilen. Die Konzentration von Macht und Reichtum in den oberen Schichten wird weiter zunehmen. Mehr arbeiten und erfolgreich sein – das Mantra der Gegenwart – ist in etwa so sinnvoll, als würde ein Leibeigener des 16. Jahrhunderts versuchen, durch mehr Arbeit auf dem Grundbesitz des Grundherrn reich zu werden. Wer weiß, vielleicht wird es mit dieser Art des Arbeitens bald ganz anders aussehen… Der Arbeitsmarkt wird zunehmend von der erstarkenden künstlichen Intelligenz aufgemischt, die ganze Berufsfelder ersatzlos von der Landkarte tilgen wird. Ein wesentlicher Teil von Ausbildungen und Berufen wird zu Hobbys degradiert, und Bachelor- und Masterabschlüsse werden bald ebenso archaisch wirken wie Fürsten- oder Herzogstitel. Mit dem Unterschied, dass Letztere auch nach dem Zusammenbruch des Feudalismus in der Regel über mehr oder weniger umfangreiche Besitztümer verfügten, die sie über Jahrhunderte auf dem Rücken ihrer Untergebenen aufgebaut haben. Den Studierten bleibt lediglich ein Blatt Papier, sofern sie es nicht irgendwo verlegt haben. Aber das kann man sich inzwischen ohnehin nur noch an den Hut stecken.

Das Klima-Thema überspringe ich lieber gleich. Wer dieses Problem auch im Jahr 2026 noch nicht ernst nehmen will, dem ist nicht zu helfen. Die Buchstaben wären verlorene Liebesmüh. Die Frage lautet lediglich, ob wir sämtliche Klimarekorde dieses Jahr deutlich oder doch nur geringfügig übertreffen werden. Der mögliche Zusammenbruch des Golfstroms wird wieder stark diskutiert. Die Prognose ist düster: Bereits für das Jahr 2050 wird vermutet, dass die Zirkulation der warmen und kalten Wassermassen, die neben Mikroplastik und langlebigen Chemikalien auch gemäßigte Temperaturen und Niederschläge nach Europa und in die Welt tragen, sich verlangsamen oder sogar ganz zum Erliegen kommen könnte.

Alles wird gut

Die gewaltigen Verschiebungen und die Konzentrationen von Macht und Reichtum, der Mangel an Wohnraum und an beruflichen Perspektiven inmitten eines zusammenbrechenden Klimas bilden zusammen mit anderen Ereignissen jenes Umfeld, in dem wir Hoffnung zu finden versuchen. Hoffnung, dass uns jemand aus dem Sumpf zieht und an einen sicheren Ort bringt, dass jemand diesen Horrorfilm ausschaltet, dessen Teil wir geworden sind. Doch niemand weit und breit hat eine Fernbedienung parat. Sie ist uns verloren gegangen – in einer Ritze im Sofa, in einem anderen Raum, in der Welt hinter dem Spiegel –, und wir stecken für immer und ewig in diesem Programm fest, ausschalten geht nicht. Ein Teufelskreis, dem wir nicht entkommen können.
Zusammenbrüche und intensive Angstgefühle sind eine vernünftige und angemessene Reaktion jedes mit Verstand und Gefühl ausgestatteten Menschen.

Kinder und Jugendliche beobachten die Welt, in die sie eintreten sollen oder gerade eintreten, aufmerksam, und die Folge dieses Zusammenpralls sind überfüllte psychiatrische Kliniken und psychologische Beratungsstellen. Zusammenbrüche und intensive Angstgefühle sind dabei eine vernünftige und angemessene Reaktion jedes mit Verstand und Gefühl ausgestatteten Menschen. Im Gegensatz dazu ist es eher eine pathologische Reaktion, Lösungen überall zu suchen, nur nicht an der Wurzel der Probleme; zum Beispiel darüber nachzudenken, ob Kinder zu wenig widerstandsfähig oder zu zerbrechlich sind, ob es nicht ausreichen würde, ihnen die Smartphones wegzunehmen und sie an die frische Luft zu schicken – wo sie von Autos überfahren werden.

Der tschechische Staat hat auf dem Höhepunkt seines historischen Wohlstands und Reichtums die kinderpsychiatrische und -psychologische Versorgung zusammenbrechen lassen. Wenn sich ein Kind ein Bein bricht, bringt man es ins Krankenhaus, wo es einen Gipsverband bekommt, oder ruft einen Krankenwagen. Wenn ein Kind einen psychischen Zusammenbruch erleidet, sich selbst verletzt oder im Extremfall versucht, sich das Leben zu nehmen, stellt man fest, es gibt weder einen konkreten Ort, an den man das Kind bringen kann, noch jemanden, den man anrufen könnte.

Der gesamte Zyklus der Kindheit steht innerhalb der staatlichen Strukturen praktisch von Anfang bis Ende auf extrem wackeligen Beinen. Es ist ein ständiger Kampf um einen Platz: in der Krippe, im Kindergarten, in der Grundschule und schließlich an der weiterführenden Schule, gerade um die Gymnasialplätze herrscht ein verheerender Wettbewerb. Ein Kampf, der sowohl Kinder als auch Eltern zermürbt. Und dieser Kampf wird um eine Bildung geführt, von der eigentlich niemand mehr weiß, wofür sie nützen wird. Vom alten Konzept, dass Erziehung und Bildung uns auf die Zukunft vorbereiten sollen, ist nicht viel übrig geblieben. Nur eine leere Floskel, die niemanden auf irgendetwas vorbereitet, weil wir nicht mehr oder noch nicht wissen, worauf wir uns vorbereiten sollten. Übrig geblieben ist nur ein motivierender Slogan, der uns versichern soll: „Macht weiter so, alles wird gut“.

Die bislang vor allem rhetorischen Bemühungen um eine rasche Einführung künstlicher Intelligenz an den Schulen wirken wie eine Strategie, die darauf baut, die Schüler*innen durch erweiterten Schwimmunterricht auf den Anstieg des Meeresspiegels vorbereiten zu wollen, wobei der Unterricht von Nichtschwimmern geleitet wird.

Magisches Denken ist der neue Verstand

Der Zustand der Welt ist so absurd, dass selbst Verschwörungserzählungen zu Realität werden, wie uns beispielsweise die sogenannten Epstein-Files vor Augen geführt haben. Die Welt taumelt auf ein klimatisches Armageddon zu, denn die Rettung des Planeten würde das Quartalswachstum der Konzerne und das Vermögen des reichsten Prozents der Weltbevölkerung gefährden. Statt den Planeten zu retten, feiern wir den ersten Dollar-Billionär der Welt, den ewig zugedröhnten Alt-Right-Soziopathen Elon Musk, den Investoren buchstäblich mit Geld überschüttet haben, während im Weißen Haus eine seltene Mutation fortschreitender Senilität und einer bisher beispiellosen Form von Narzissmus thront, vor der sich alle um ihn herum verneigen.

Politiker*innen wiederholen gerne, man müsse die Realität so akzeptieren, wie sie sei, womit sie im Grunde sagen wollen, man könne sowieso nichts tun. Dieser Imperativ ist an sich zutreffend, man muss ihn nur ernst nehmen. Die Realität so zu akzeptieren, wie sie ist, bedeutet, sich nicht länger vorzumachen, man könne bald das Licht am Ende des Tunnels sehen, wenn man sich nur etwas anstrengt. Denn wie der bereits zitierte Žižek einmal geschrieben hat, handelt es sich dabei höchstwahrscheinlich nur um das Licht des entgegenkommenden Zuges. Je mehr man sich anstrengt, desto eher wird man von ihm überrollt.

Der oben erwähnte Bauer des 16. Jahrhunderts konnte sich mit dem Glauben an eine magische Welt und die Erfüllung von Prophezeiungen trösten, die ihn von der Unterdrückung befreien, den Lauf der Geschichte verändern und Gerechtigkeit auf Erden herstellen würden. Diese Prophezeiungen konnten von Zeit zu Zeit einen sich selbst erfüllenden Charakter haben, und die Untergebenen zumindest für den Moment die tatsächliche Macht ergreifen. Deshalb musste laut Silvia Federici (siehe ihr Buch Caliban und die Hexe) der aufkommende Rationalismus diese Magie zerstören und durch eine übersichtlichere Wahrscheinlichkeitsrechnung ersetzen, die „aus Sicht des Kapitalismus den Vorteil hat, dass sie nur eine solche Zukunft vorhersagen lässt, die die Regelmäßigkeit und Unveränderlichkeit des Systems voraussetzt, also eine, die der Vergangenheit gleicht und in der die Entscheidungen des Einzelnen weder durch grundlegende Veränderungen noch durch Revolutionen gestört werden“.
Schaltet die Irrlichter aus und lasst euch vom Dunkel verschlucken. Die Augen gewöhnen sich daran und dann wird von irgendwoher etwas durchscheinen.
In einer solchen Welt verzeichnen die Aktienmärkte ein Wachstum, ungeachtet des Krieges in der Ukraine, ohne Rücksicht auf den Völkermord in Gaza oder im Sudan, auf das zusammenbrechende Klima oder die Zahl der Selbstmorde unter Jugendlichen. Nichts davon ist relevant. Die Überzeugung, wir müssten uns unter allen Umständen in dieselbe Richtung entwickeln wie gestern, ist in unserem Denken unerschütterlich als die einzig mögliche Form von Rationalität und Vernunft verankert. In einer solchen Welt ist es einfacher, sich mit dem Ende der Welt abzufinden, als sich das Ende des… nun ja, ihr wisst schon… vorzustellen. Sich mit etwas abzufinden, ist ein Zeichen von Vernunft. Ihr versinkt auf der Arbeit in selbstgewählten Überstunden, obwohl es niemand wertschätzt. Einfach durchhalten, bald werdet ihr ohnehin durch Roboter ersetzt.

Das ist die Welt, in der wir darüber spekulieren, was mit unseren Kindern wohl nicht stimmt, woran sie zerbrechen. Wir verinnerlichen den Wahnsinn der Außenwelt und suchen Hilfe in Therapien, in ausgedehntem Joggen, Esoterik oder im Kult persönlichen Wachstums. Wenn wir zusammenbrechen, liegt der Fehler nicht bei uns. Wenn wir an unserer geistigen Gesundheit zweifeln, ist das eine Folge der Unzurechnungsfähigkeit des Wesens der Welt. Den Verstand zu verlieren bedeutet, ihn zu behalten.

Es wird keine Hoffnung kommen und nichts wird gut werden, solange wir das Licht unserer Stirnlampen nicht ausknipsen, mit denen wir verwirrt durch die Finsternis am Tiefpunkt des Abgrunds herumtappen. Schaltet die Irrlichter aus und lasst euch vom Dunkel verschlucken. Die Augen gewöhnen sich daran und dann wird von irgendwoher etwas durchscheinen. Ihr wisst schon lange, was ihr zu tun habt. Wir sind die Gespenster in der Dunkelheit.

 

Perspectives_Logo Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

 

Das könnte auch von Interesse sein

Empfehlungen der Redaktion

Meistgelesen