Wie Odesa die Sonne begrüßt  Musik gegen Schahed-Drohnen

Am Strand von Odesa haben sich Menschen versammelt, um einem Klavierkonzert von Ihor Jantschuk zu lauschen.
Am Strand von Odesa haben sich Menschen versammelt, um einem Klavierkonzert von Ihor Jantschuk zu lauschen. Foto: © Oleksii Filippov

Seit drei Jahren gibt Ihor an den Wochenenden kostenlose Live-Konzerte in Odesa. In dieser Zeit sind seine Morgenklavierkonzerte zu einem Aushängeschild der frontnahen Hafenstadt geworden. Hunderte Menschen kommen an den Strand, um Musik zu hören und neue Kraft zu schöpfen.

„Schaheds aus dem Schwarzmeergebiet“ – diese kurze, beunruhigende Meldung erscheint in den Nachrichtenkanälen auf den Handys der Einwohner*innen Odesas. In der ukrainischen Hafenstadt bricht der Morgen an. Die Sonne taucht das Meer in Licht. Dutzende Menschen haben sich versammelt, um einem Live-Klavierkonzert am Strand zu lauschen. Doch schon bald übertönt das Summen der Drohnen die zarte klassische Melodie. Enttäuscht und beunruhigt gehen die Zuhörer*innen in aller Eile auseinander. Der Pianist jedoch bleibt am Klavier sitzen. Schon in der Musikschule hatte man ihm beigebracht, dass ein Künstler seinen Auftritt immer zu Ende bringen muss – egal, was um ihn herum geschieht. Allerdings hatte man damals wohl kaum mit Kampfdrohnen und Raketen gerechnet.
„Die abgeschossenen Drohnen fielen direkt vor mir ins Meer. Es war sehr laut und das Publikum bekam Angst. Für einen Moment drehte ich mich um und sah, dass die meisten Leute bereits gegangen waren. Aber ich musste das Stück zu Ende spielen, ich musste noch zwei Minuten weiterspielen. Ich überlegte, wo ich Schutz finden könnte. Doch plötzlich stellte ich mir vor, mein Klavier sei ein Schutzschild, das mich abschirmt. Bis ich zu Ende gespielt hatte, war der Angriff vorbei“, sagt der Pianist und Komponist Ihor Jantschuk lächelnd, während er an seinem schwarzen Lackklavier sitzt. In den am Instrument befestigten Spiegeln reflektieren sich die ersten Sonnenstrahlen über dem Schwarzen Meer.

Heute hat das Licht erneut die Dunkelheit besiegt. Der nächtliche Angriff ist vorbei, und der Tag in Odesa begann mit einem Klavierkonzert am Strand von Langeron.
Der Pianist und Komponist Igor Janchuk.

Der Pianist und Komponist Igor Janchuk. | Foto: © Oleksii Filippov

Seit drei Jahren gibt Ihor an den Wochenenden kostenlose Live-Konzerte in Odesa. In dieser Zeit sind seine Morgenklavierkonzerte zum neuen Aushängeschild der frontnahen Hafenstadt geworden. Um Ihor zuzuhören und mit ihm den neuen Tag am Meer zu begrüßen, kommen Einheimische, Soldat*innen im Dienst – Jäger*innen auf „Schaheds“ –, Tourist*innen, Menschen aus der ganzen Ukraine. Für dieses Publikum sind Ihors Konzerte ein Beweis dafür, dass es Dinge gibt, die uns der Krieg niemals nehmen kann. Musik, Schönheit und das Licht eines neuen Tages.

Das Klavier, das am Meer blieb

Vor dem Beginn des russischen Großangriffs gab Ihor, ein Musiker aus Perejaslaw, Privat- und Straßenkonzerte in Kyjiw und konnte generell auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken. Er war sogar Solist bei der Parade zum 30. Jahrestag der Unabhängigkeit der Ukraine. Doch nach Beginn der groß angelegten russischen Invasion begann der Komponist, nach neuem Sinn in seinem Leben und Schaffen zu suchen.

„Die besten Ideen kommen oft spontan, wie von selbst“, sagt Ihor lächelnd und erinnert sich daran, wie er vor drei Jahren, am Internationalen Tag der Musik, von Kyjiw nach Odesa reiste, um den Feiertag am Meer zu verbringen.

„Ich habe dieses Klavier von einer Frau aus Odesa gekauft und es fünf Meter vom Wasser entfernt aufgestellt. Ich habe alle Interessierten eingeladen, dem Konzert zuzuhören. Das Konzert fand statt und das Klavier blieb hier am Meer über Nacht stehen. Am Abend dachten mein Freund und ich, es wäre doch wunderbar, am nächsten Morgen vor der Rückfahrt nach Kyjiw hier den Sonnenaufgang zu erleben und eine Tasse Kakao zu trinken“, erzählt Ihor, während er das Klavier sorgfältig mit einer Schutzhülle abdeckt.
„Ich habe mir ein One-Way-Ticket gekauft. Und nun bin ich immer noch hier“, sagt Ihor Jantschuk.

„Ich habe mir ein One-Way-Ticket gekauft. Und nun bin ich immer noch hier“, sagt Ihor Jantschuk. | Foto: © Oleksii Filippov

Er erinnert sich noch immer an jenen schicksalhaften Montagmorgen, den 2. Oktober, vor drei Jahren. Das Meer war düster. Der Mann trank mit seinen Freunden Kakao und dachte plötzlich: Warum eigentlich nicht spielen? Das Instrument ist ja schon da.

„Ich nahm die Schutzhülle ab und entfernte die Folie von den Tasten. Ich spielte den ersten Akkord und sah, wie eine riesige rote Sonne aufging. Das war so episch. Ich spürte, dass es etwas Besonderes war“, erzählt Ihor, der an Zeichen und Schicksal glaubt. So kam es, dass er sein erstes Konzert am Meer genau an seinem Namenstag – dem Tag seines Schutzengels – spielte. Zuhörer*innen gab es damals keine, nur Möwen und Wellen. Doch Ihor sagt, er habe eine einzigartige spirituelle Erfahrung erlebt.

Er kehrte für drei Wochen nach Kyjiw zurück, doch seine Gedanken waren die ganze Zeit am Meer. Und sobald das Wetter wärmer wurde, kündigte er auf seinen Social Media Profilen zwei Klavierkonzerte in Odesa an.

„Alle Zeichen sagen mir: Bleib hier, du bist dort angekommen, wo du hingehörst. Ich habe mir ein Ticket ohne Rückfahrt gekauft. Und nun bin ich immer noch hier“, sagt der Pianist, der bereits seit drei Jahren mit seiner Musik Hunderte Menschen in Odesa zusammenbringt.

Die Küstenstadt ist für ihn seitdem zur zweiten Heimat geworden. Hier hat er seine Frau kennengelernt, hier wurde sein Sohn geboren. Und hier spürte er auch, dass er eine Bestimmung hat: den Menschen in dunklen Zeiten Licht zu schenken.

Die Musik meiner Stadt

Heute ist in Odesa ein typischer Samstagmorgen. Leider ist er nach einem schrecklichen, aber mittlerweile gewohnten Drohnenangriff angebrochen. Diese Nacht kann man als eine gute Nacht bezeichnen, denn es gab keine Opfer. Doch die ukrainischen Soldat*innen der „Schahed“-Jäger bleiben weiterhin auf ihren Positionen und blicken aufs Meer, von wo aus die Drohnen meist kommen.

Nachdem der Luftalarm abgeklungen ist, erscheinen die ersten Angler*innen, Hundebesitzer*innen und Tourist*innen am Strand. Rund um das Klavier versammeln sich Menschen mit Kaffeebechern und Decken. Alle warten auf das Konzert.

Mit den ersten Sonnenstrahlen und den ersten Akkorden von Ihors eigener Komposition schütteln die Menschen die Müdigkeit nach einer schlaflosen, schrecklichen Nacht ab und beginnen zu lächeln. Da ist eine Frau, die mit ihren Freundinnen Geburtstag feiert, da ist ein verliebtes Paar, das sich unter einer Decke wärmt, und da sind Soldat*innen der ukrainischen Streitkräfte, die sich nach einer anstrengenden Schicht mit Kakao aufwärmen. Die Musik verbindet sie alle.
 
„Selbst nach der schwersten Nacht haben die Menschen noch den Wunsch zu leben und tief durchzuatmen“, so Ihor Jantschuk.

„Selbst nach der schwersten Nacht haben die Menschen noch den Wunsch zu leben und tief durchzuatmen“, so Ihor Jantschuk. | Foto: © Oleksii Filippov

„Wir sind als Familie extra aus Kropywnyzkyj wegen des Morgenklavierkonzerts hierhergekommen. Ich habe schon vor langer Zeit Videos von den Konzerten auf Instagram gesehen und davon geträumt, einmal live dabei zu sein. Heute werde ich 42 Jahre alt und habe beschlossen, diesen Tag auf besondere Weise zu begehen. Diese Musik bei Sonnenaufgang ist ein außergewöhnliches Erlebnis, das mir mein ganzes Leben lang in Erinnerung bleiben wird“, sagt die Frau, die ein festliches, schneeweißes Trachtenhemd mit rotem Stickmuster trägt.

Vor dem Konzert legt Ihor Süßigkeiten, Äpfel und Postkarten auf das Klavier. „Damit sie sich mit Musik und Sonnenschein aufladen können“, erklärt er. Alle, die möchten, dürfen sich etwas davon nehmen. Ihors Konzerte sind kostenlos. Neben dem Instrument befindet sich ein QR-Code für Spenden, doch das ist freiwillig.

Nicht selten bringen die Zuhörer*innen dem Künstler selbst Leckereien mit, um ihm für sein künstlerisches Schaffen zu danken. Eine von ihnen ist die 22-jährige Studentin Lisa Zschobinska. Sie ist gerade aus den Niederlanden zurückgekehrt und hat dem Musiker traditionelle niederländische süße Waffeln mitgebracht.

„Am meisten auf der Welt liebe ich das Meer und Live-Musik. Und hier kommt beides zusammen. Wegen dieser Konzerte komme ich nach Odesa. Musik heilt und beruhigt. Schlafen kann man auch später noch“, sagt Lisa und reibt sich frierend die Hände. Bei Sonnenaufgang ist es noch kühl, doch weder Ihor noch seine Fans scheinen das zu bemerken.

Morgenkonzerte in der ganzen Ukraine

Gemeinsam mit dem Besitzer eines Cafés, der die Menschen am Strand bei Sonnenaufgang mit Kakao und Tee wärmt, hat Ihor den Bereich rund um das Klavier in Eigenarbeit gestaltet. Entstanden sind Bänke in Form von schwarz-weißen Klaviertasten, ein Kübel mit einem Baum, Abfallbehälter und ein neuer Bodenbelag. Der Musiker sagt, wenn er Menschen zu einem Konzert einlädt, fühle es sich an, als würde er sie zu sich nach Hause einladen. Und zu Hause sollte es gemütlich sein.

Im Mittelpunkt der Morgenkonzerte steht das Klavier „Desna“, das immer am Strand von Langeron bleibt. Selbst im Winter erlaubt das Klima in Odesa, dass es am Meer übernachten kann. „Dieses Instrument ist bereits drei Jahre hier. Das Meer hat es mehrmals umgeworfen, aber es hält durch und es hat eine Seele“, sagt Ihor, während er liebevoll mit der Hand über das Gehäuse des Klaviers streicht. Im Laufe der Jahre wurde es von lokalen Künstler*innen bemalt und mit kleinen symbolischen Details versehen: einem kleinen Metallschiffchen, Spiegeln und einer Sonne.
Der Protagonist der Morgenröten – das Klavier „Desna“ – bleibt immer am Strand von Langeron.

Der Protagonist der Morgenröten – das Klavier „Desna“ – bleibt immer am Strand von Langeron. | Foto: © Oleksii Filippov

Wie alle Einwohner*innen Odesas hat auch Ihor heute nicht geschlafen und auf die Geräusche der Explosionen gehört. Den Gedanken, das Konzert abzusagen, hat er jedoch gar nicht gehabt. „Wenn ich ein Konzert geplant habe, kann ich es nicht absagen, denn die Leute reisen dafür extra aus anderen Städten extra an. Deshalb komme ich und spiele. Ich habe mich an dieses Leben gewöhnt, denn ich lebe schon seit Beginn des Krieges in der Ukraine und habe nicht vor, das Land zu verlassen.“

Ihor träumt davon, eines Tages nach dem Sieg ein Konzert am Ozean und vor einem Vulkan zu geben. Vorerst plant er jedoch, die Morgenklavierkonzerte auf andere ukrainische Städte auszuweiten. Er ist überzeugt, dass Musik und Licht den Ukrainern während des Krieges Kraft geben können.

„Selbst nach der schwersten Nacht wollen die Menschen leben und durchatmen. Wir alle möchten Schönheit sehen und hören. Und daran glauben, dass sie siegen wird“, sagt der Musiker und klappt den Deckel seines Instruments zu.

 

Perspectives_Logo Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

 

Das könnte auch von Interesse sein

Empfehlungen der Redaktion

Meistgelesen