Die kosovarische Filmemacherin Blerta Basholli  Wie Menschen weiterleben, wenn die Geschichte ihre Welt auseinanderreißt

Die kosovarische Filmemacherin Blerta Basholli
Die kosovarische Filmemacherin Blerta Basholli Foto: © Ikonë Studio | Frenetic Films | Presskit Dua

„Was im Kosovo geschehen ist, geschieht heute an anderen Orten“, sagt Filmemacherin Blerta Basholli. Auch deshalb erzählt sie die Geschichten aus ihrer Heimat – insbesondere die der Frauen. Aber Bashollis Filme handeln nie vom Krieg allein. Sie erzählen von starken Menschen, die sich weigern, darin stehenzubleiben, ganz gleich welche Grausamkeiten ihnen angetan wurden. JÁDU-Autorin Isabelle de Pommereau hat die vielfach international ausgezeichnete Regisseurin Blerta Basholli in Pristina getroffen.

Als die kosovarische Regisseurin Blerta Basholli im Frühjahr zum Filmfestival von Cannes reiste, galt sie längst als Filmemacherin, deren Filme von Menschen erzählen, die von der Geschichte oft übersehen werden.

Vier Jahre zuvor war ihr mit Hive der internationale Durchbruch gelungen. Der Film erzählt die Geschichte von Fahrije Hoti. Nachdem serbische Einheiten die meisten Männer ihres Dorfes getötet oder verschleppt hatten – darunter auch ihren Mann –, kehrte Hoti in ihr zerstörtes Heimatdorf zurück. Doch statt sich in die Rolle der trauernden Witwe zu fügen, überzeugte sie andere verwitwete Frauen, gemeinsam Ajvar herzustellen. Aus dem Versuch zu überleben entstand – mit maßgeblicher Unterstützung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit sowie weiterer internationaler Partner – ein erfolgreiches Unternehmen. Hoti wurde weit über den Kosovo hinaus zu einem Symbol für Mut, Beharrlichkeit und weibliche Selbstbestimmung.

Hive gewann beim Sundance Film Festival als erster Film überhaupt alle drei Hauptpreise des internationalen Wettbewerbs. Für Basholli war es der internationale Durchbruch.

In diesem Frühjahr kehrte sie mit Dua nach Cannes zurück. Der teilweise autobiografische Film spielt im Kosovo der letzten Jahre vor dem Krieg und begleitet eine Dreizehnjährige, deren unbeschwerte Jugend zunehmend von politischer Repression überschattet wird. Während Hive vom Leben nach der Katastrophe erzählt, fragt Dua, was es bedeutet, erwachsen zu werden, wenn sich die Katastrophe erst ankündigt. Als erster Film einer kosovarischen Regisseurin wurde Dua in die Semaine de la Critique, eine renommierte Nebensektion des Filmfestivals, eingeladen und dort mit dem SACD-Preis ausgezeichnet – eine weitere Premiere für das Kino des Kosovo.
  Ich traf Basholli wenige Wochen vor der Premiere in einem Café nahe ihres Hauses am Stadtrand von Pristina, wo sie mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen lebt. Als sie eintraf, entschuldigte sie sich für ihre Verspätung: Der Feinschnitt von Dua war noch nicht abgeschlossen. Gleichzeitig liefen bereits die Vorbereitungen für ihren nächsten Film Silence Is Never Golden, inspiriert von der Geschichte einer Frau, die sexualisierte Kriegsgewalt überlebte und nach Jahrzehnten des Schweigens als erste Betroffene im Kosovo öffentlich darüber sprach.

Der Krieg nach dem Krieg

Die Frage, die Bashollis Filme verbindet – wie Menschen weiterleben, wenn die Geschichte ihre Welt auseinanderreißt –, begegnete ihr nicht am Schreibtisch. Sie fand sie eher zufällig.

2011 studierte Basholli mit einem Stipendium Film in New York. Eigentlich arbeitete sie an einem anderen Drehbuch, als sie im Fernsehen ein Interview mit Fahrije Hoti sah.

Ende März 1999, nur drei Monate nach der Geburt ihres Sohnes, waren serbische Paramilitärs in Hotis Heimatdorf Krushë e Madhe eingedrungen. Sie töteten oder verschleppten fast alle Männer und Jungen des Dorfes. Insgesamt wurden 246 Menschen ermordet, 64 gelten bis heute als vermisst – unter ihnen Hotis Mann Bashkim.

Nicht nur ihre Geschichte ließ Basholli nicht mehr los, sondern die Art, wie Hoti sie erzählte. Kurz nach der TV-Sendung griff sie zum Telefon.

„Als ich Hoti traf“, erinnert sich Basholli, „dachte ich sofort: ‚Mein Gott, diese Frau muss auf die Leinwand!‘ Ich fand, diese Geschichte musste viel mehr Menschen erreichen – nicht nur Frauen, sondern alle. Filme, in denen Frauen im Mittelpunkt stehen, sind selbst heute noch selten.“
  Hoti erzählte von dem, was sie den „Krieg nach dem Krieg“ nennt: von der Rückkehr aus dem Exil in ein Dorf voller Witwen, davon, zwei Kinder allein großziehen zu müssen, ohne zu wissen, ob ihr Mann noch lebte oder längst tot war, und von einer Gesellschaft, die von Kriegerwitwen erwartete, still zu trauern und sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

„Die Art, wie sie über ihren Schmerz sprach, über die Trauer um ihren Mann und gleichzeitig darüber, dass sie jeden Morgen aufstand und zur Arbeit ging – das hat mich unglaublich beeindruckt.“

Während ihrer Gespräche saß Hoti oft da, rauchte eine Zigarette nach der anderen und erzählte mit beinahe verstörender Gelassenheit von den Jahren nach dem Krieg. Irgendwann fragte Basholli, ob sie ihren Mann vermisst habe, ob sie geweint und sich einsam gefühlt habe.

„Ja“, antwortete Hoti. „Jeden Morgen habe ich geweint. Dann habe ich mir die Tränen abgewischt und bin zur Arbeit gegangen.“

Hive machte Fahrije Hoti weit über den Kosovo hinaus bekannt. Zu Hause brachte ihr die neue Aufmerksamkeit jedoch nicht nur Anerkennung. Manche warfen ihr vor, die Ehre ihrer Familie und ihres Dorfes zu beschmutzen. Nachts fuhren Autos hupend um die Fabrik, in der die Frauen arbeiteten. Hoti machte weiter.

Eine Szene wird Basholli nie vergessen. Eines Tages zog Hoti ein Brautkleid an, spielte Braut und brachte damit die verwitweten Frauen von Krushë e Madhe zum Lachen. Bald sangen und tanzten alle.

„Das hat ihnen geholfen, weiterzuleben und mit ihrer Wirklichkeit umzugehen“, sagt Basholli. „Ohne diese Momente wären viele von ihnen in ihrer Isolation gefangen geblieben.“

Die Frauen bauten nicht nur ihre wirtschaftliche Existenz wieder auf. Sie gaben einander Halt und fanden so Schritt für Schritt zurück ins Leben.

Gleichzeitig führte die Arbeit an Hive Basholli zurück zu ihren eigenen Erinnerungen.
 

„Wir haben trotzdem versucht zu leben.“

Wie viele Menschen ihrer Generation musste auch Blerta Basholli als Kind aus dem Kosovo fliehen. Mehrere Monate verbrachte sie in einer Flüchtlingsunterkunft in der deutschen Stadt Halle an der Saale. Manche Szenen wurden beim Dreh von Hive deshalb zur besonderen Belastung – vor allem jene, in denen Familien Kleidungsstücke aus Massengräbern durchsuchen, in der Hoffnung, darin Hemden, Jacken oder Kinderschuhe ihrer verschwundenen Männer, Väter oder Söhne wiederzuerkennen.

„Wir mussten dem Team nicht einmal sagen, dass es still sein sollte“, erinnert sich Basholli.

Viele Schauspielerinnen, Schauspieler und Mitglieder der Filmcrew hatten den Krieg selbst erlebt, manche Angehörige verloren. Als sie die Kleidungsstücke in die Hand nahmen, wurden Erinnerungen wach, die kein Drehbuch hätte erfinden können.

„Solche Szenen holen alles zurück“, sagt Basholli. „Sie sind schwer zu schreiben und noch schwerer zu drehen. Ob das hilft, weiß ich nicht. Aber ich habe das Gefühl, diese Geschichten erzählen zu müssen.“

Blerta Basholli wurde 1983 geboren. Als sie eingeschult wurde, saßen serbische und albanische Kinder noch gemeinsam im Klassenzimmer. Sie lernte Serbisch ebenso selbstverständlich wie Albanisch.

„Dann kam Milošević“, sagt sie. „Und alles nahm seinen Lauf.“

Der Kosovo verlor seine weitgehende Autonomie innerhalb des jugoslawischen Staates. Schulen wurden getrennt, albanische Lehrer, Ärzte und Beamte aus staatlichen Einrichtungen verdrängt. Auch Bashollis Eltern, beide Ingenieure im Kraftwerk Kosovo A bei Pristina, verloren ihre bisherigen Positionen.

„Der Druck war ständig da“, erinnert sie sich. „Aber wir haben trotzdem versucht zu leben. Es gab Musik. Es gab Partys. Manchmal heimliche Partys.“

Genau dieses Nebeneinander von Alltag und Bedrohung bildet den Kern von Dua.

Im Mittelpunkt des Films steht die dreizehnjährige Dua, deren zunächst ganz gewöhnliche Jugend immer stärker von politischer Repression überschattet wird. Sie beschäftigt sich mit Freundschaften, Kleidung, Jungen und dem Wunsch dazuzugehören. Gleichzeitig fühlt sich ihr Bruder zunehmend jener bewaffneten Bewegung verbunden, die später als Kosovo-Befreiungsarmee (UÇK) bekannt wurde und aus dem Widerstand gegen die serbische Repression heraus für die Unabhängigkeit des Kosovo kämpfte. Die Gewalt rückt näher, und fast unmerklich endet ihre Kindheit.
 
Die Schauspielerin Pinea Matoshi verkörpert die Protagonistin Dua im gleichnamigen Film von Blerta Basholli.

Die Schauspielerin Pinea Matoshi verkörpert die Protagonistin Dua im gleichnamigen Film von Blerta Basholli. | Filmstill: © Ikonë Studio

„Mir war wichtig zu zeigen, dass diese Jugendlichen dieselben Wünsche hatten wie Jugendliche in Deutschland oder den USA. Sie wollten Musik hören, auf Partys gehen, sich verlieben und sich so kleiden wie Gleichaltrige überall auf der Welt.“

„Dua hat kein glückliches Ende. Aber sie wird stärker. Trotz allem, was ihr widerfährt, steht sie für sich ein und geht ihren Weg weiter.“
Ich bin überzeugt, dass diese Geschichten erzählt werden müssen.“

Filme, die weit über den Kosovo hinaus verständlich sind

Auch ihr nächster Spielfilm Silence Is Never Golden führt Basholli zurück zum Krieg. Im Mittelpunkt steht Vasfije Krasniqi Goodman. Sie war die erste Frau im Kosovo, die als Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt öffentlich mit ihrem Namen und ihrer Identität auftrat. Als sie 2015, mehr als fünfzehn Jahre nach Kriegsende, ihr Schweigen brach, wusste sie, dass sie damit womöglich niemals Gerechtigkeit erreichen würde. Die Männer, die sie beschuldigte, wurden bis heute nicht verurteilt.

„Jedes Mal, wenn ich sie interviewe“, sagt Basholli leise, „komme ich als ein anderer Mensch zurück.“

„Sie kämpft um Gerechtigkeit. Sie bekommt sie nicht. Und dann entscheidet sie sich trotzdem, öffentlich zu sprechen. Dafür braucht es einen unglaublich starken Menschen. Und bis heute kämpft sie weiter.“

Manchmal, erzählt Basholli mit einem Lächeln, sage ihre Schwester, sie solle endlich einmal eine Komödie drehen.

„Aber ich kann es nicht. Das Bedürfnis, meine Kindheit, meine Erinnerungen und die Geschichte meines Landes zu verarbeiten, ist einfach zu groß. Ich bin überzeugt, dass diese Geschichten erzählt werden müssen.“

Bashollis Filme handeln vom Krieg, aber nie vom Krieg allein. Sie erzählen von Menschen, die sich weigern, darin stehenzubleiben.

Fahrije Hoti findet den Leichnam ihres Mannes nie. Trotzdem baut sie sich ein neues Leben auf und zieht andere Frauen mit. Dua verliert die Zukunft, die sie sich vorgestellt hatte. Trotzdem lernt sie, für sich selbst einzustehen. Vasfije Krasniqi Goodman erfährt bis heute keine Gerechtigkeit. Trotzdem kämpft sie weiter – für sich und für Frauen, deren Stimmen lange ungehört blieben.

Vielleicht ist es genau das, was Bashollis Filme weit über den Kosovo hinaus verständlich macht. Sie beginnen in einem kleinen Land auf dem Balkan, erzählen aber von Erfahrungen, die überall nachvollziehbar sind, wo Krieg, Besatzung oder politische Repression das Leben von Menschen verändern.

„Was im Kosovo geschehen ist, geschieht heute auch an anderen Orten“, sagt Basholli. „Leider machen Frauen in vielen Teilen der Welt noch immer ähnliche Erfahrungen.“

Trotzdem geht es Basholli nicht um Verzweiflung.

„Menschen finden immer einen Weg weiterzuleben. Auch wenn das Leben nicht mehr so ist wie vorher, verliebt man sich. Man hört Musik. Man träumt.“
 
Die Recherchen für dieses Projekt wurden durch die Official Development Assistance Germany Grants des European Journalism Centre ermöglicht. Das Programm wird von der Gates Foundation unterstützt.

 

Perspectives_Logo Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

 

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