Lernen nach Orbán  „Man muss nicht überlegen, was man denken darf“

Central European University (CEU) in Budapest
Central European University (CEU) in Budapest Foto: © Christian-Zsolt Varga

Ungarn hat Orbán abgewählt, doch sechzehn Jahre seiner Herrschaft stecken noch in Lehrplänen, Lehrerzimmern und Köpfen. In einem Budapester Abendkurs üben Erwachsene, ihre Gedanken frei auszusprechen.

Marianna Babos, 55, steht vor dem Haupteingang der Central European University (CEU) in Budapest und fragt vorsichtig, ob sie das sagen dürfe. Sie meint ein Wort, das in Ungarn lange genügte, um ein Gespräch verstummen zu lassen.

„Orbánismus?“, fragt sie, fast verschwörerisch.
Dann sagt sie es doch.

Seit der Abwahl von Viktor Orbán, sagt Marianna, empfinde sie vor allem eines: „den freien Gedanken, das freie Wort“. Früher hätten viele lieber geschwiegen, aus Angst, eine Meinung könnte Folgen haben.

Dann betritt sie wieder die Universität, wie jede Woche, um am Abendkurs „Autonomie und Autokratie“ teilzunehmen. Einen Bildungsabschluss braucht man dafür nicht.
 
Marianna Babos. „Érzés“ – „Gefühl“

Marianna Babos. „Érzés“ – „Gefühl“ | Foto: © Christian-Zsolt Varga

Dreißig Jahre lang hat Marianna, die Schneiderin, in der Theater- und Tanzwelt gearbeitet, als Kostümmacherin, Ankleiderin, jemand, der im Hintergrund dafür sorgt, dass andere auftreten können.

Studiert hat sie nie. Das Abitur holte sie neben der Arbeit nach, später dachte sie einmal daran, an die Agraruniversität in Gödöllő zu gehen. Doch es fehlte an Geld, an Zeit, an einer Wohnung, am richtigen Moment.
Die Bildungspolitik steht stellvertretend dafür, wie tief der Orbánismus in sechzehn Jahren hybrider Autokratie in die Gesellschaft eingesickert ist: bis in die Frage, ob man widerspricht oder lieber schweigt, ob man dem eigenen Gedanken traut oder mitschwimmt und verstummt.

Vor dem Eingang fällt an diesem Abend die Sonne in schmalen Streifen zwischen die Schatten. Ein Mädchen geht mit seiner Mutter vorbei, der Schulranzen auf ihrem Rücken ist fast so groß wie sie selbst. Drinnen werden gleich Erwachsene über Freiheit sprechen, draußen läuft ein Kind vorbei, dem man nun, nach 16 Jahren Orbán, ein neues Bildungssystem verspricht: weniger Diktat, mehr Autonomie.

Zumutung an alte Schulerfahrungen

Unter Orbán reichte Politik längst bis ins Klassenzimmer. Lehrpläne wurden patriotisch ausgerichtet, der Schulbuchmarkt faktisch verstaatlicht, Schulen und Kommunen verloren ihre Eigenständigkeit. Über Personal, Geld und Verwaltung entschied eine Zentrale in Budapest, die nun umgebaut wird. Und wer als Lehrkraft streikte, protestierte oder öffentlich widersprach, musste mit Druck, Disziplinierung oder Entlassung rechnen.

Doch nicht nur Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte litten darunter. Die Bildungspolitik steht stellvertretend dafür, wie tief der Orbánismus in sechzehn Jahren hybrider Autokratie in die Gesellschaft eingesickert ist: bis in die Frage, ob man widerspricht oder lieber schweigt, ob man dem eigenen Gedanken traut oder mitschwimmt und verstummt. Die Wahl am 12. April war ein großer Schritt. Aber die tiefere Frage bleibt: Kann eine ganze Gesellschaft über Nacht wieder Demokratie lernen?

„Die letzten sechzehn Jahre haben unser Gehirn verändert“, sagt Beáta Berta mit Nachdruck. „Bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen.“ Die 48-jährige Lehrerin weiß, wovon sie spricht. 23 Jahre unterrichtete sie im staatlichen Schulsystem, zuletzt am angesehenen Karinthy-Gymnasium in Budapest. Während der Lehrerproteste 2022 nahm sie am zivilen Ungehorsam teil, erlebte, wie Kolleginnen und Kollegen entlassen wurden, und kündigte schließlich selbst. Schon vor Orbáns Abwahl fand sie in der CEU Zuflucht. Die Universität, einst von George Soros gegründet, war lange ein Symbol für das freie akademische Ungarn – und später für dessen Verdrängung. Nach einem Gesetz der Orbán-Regierung, das als „Lex CEU“ (2017) bekannt wurde, sah sich die Universität ab 2019 gezwungen, ihre US-akkreditierten Studienprogramme nach Wien zu verlegen. In Budapest blieb vor allem der Teil, der keine Abschlüsse vergibt: Forschung, Archive, Veranstaltungen und Abendkurse. Dazu gehört das Socrates-Programm, in dem Berta den Kurs „Autonomie und Autokratie“ leitet.

Im Seminarraum sitzen an diesem Abend rund fünfzehn Teilnehmende. Berta verteilt Texte zur letzten Hausaufgabe. „Wer es noch nicht geschafft hat, kann jetzt noch kurz reinschauen“, sagt sie. „Ihr müsst wirklich nichts vortäuschen.“

Schon das ist eine kleine Zumutung an alte Schulerfahrungen: Hier wird niemand bloßgestellt. Autonomie heißt wörtlich: sich selbst das Gesetz geben. Das lässt sich nicht behaupten, nur üben.
 
Beáta Berta, Literaturtheraupeutin und ehemalige Lehrerin. Sie leitet das Seminar „Autonomie und Autokratie“.

Beáta Berta, Literaturtheraupeutin und ehemalige Lehrerin. Sie leitet das Seminar „Autonomie und Autokratie“. | Foto: © Christian-Zsolt Varga

„Lieber erst einmal hier leben können, als hier sterben zu müssen“

Ildikó Dobai, 50, sitzt am Tisch und liest begeistert mit. Zu Hause kümmert sie sich um ihren autistischen Sohn, nebenbei putzt sie, „um ein bisschen rauszukommen“. 1994 machte sie ihr Fachabitur, für ein Studium fehlte ihrer alleinerziehenden Mutter das Geld. Nun, sagt sie, sei der Moment gekommen, „den Dschinni aus der Flasche“ zu lassen.

Am meisten schätzt sie die geistige Freiheit im Kurs. „Es ist eine Schule, aber doch keine Schule“, sagt sie. „Jeder kann frei seine Meinung sagen. Man muss nicht überlegen, was man denken darf. Man kann es einfach sagen, ohne dass es zum Problem wird.“ Ihr Gehirn sei über die Jahre „verblödet“, sagt sie selbstironisch. Jetzt liest sie wieder, denkt wieder nach.

Während der nächsten Übung entstehen an der digitalen Tafel zwei Wortfelder, die die Kursteilnehmer reinrufen. Das eine stammt aus Mihály Vörösmartys Szózat, dem Aufruf, einem Gedicht aus der ungarischen Reformzeit, 1836 vollendet. Neben der offiziellen gilt es als Ungarns zweite Nationalhymne: ein Text über Treue zur Heimat, Durchhalten und die Last der Geschichte. Einige der Wörter, die die Teilnehmenden daraus ausgewählt haben, lauten:
Freiheit,
Kummer,
leben und sterben,
Schicksal,
Herz,
Tod,
Nation,
Ungar.


Das andere Wortfeld stammt aus Szabadulógyakorlat – Befreiungsübung – von Anna T. Szabó, einem Gegenwartstext über Freiheit und Selbstbefreiung:
wollen,
Ruhe,
Kirschenbaum,
schwerelos,
Verwandlung,
meine Freiheit,
Ritual,
Gnadenmoment.


Schon aus den Wörtern, erklärt Beáta dem Kurs, lasse sich die unterschiedliche Stimmung der beiden Texte erkennen. Man hört den Unterschied, noch ehe ein Vers gelesen ist: hier ein Schwur, dort ein Atemholen.

Dann liest Beáta das Szózat vor, auch jene Zeilen, die jedes ungarische Schulkind kennt:
„Sei deiner Heimat unerschütterlich treu, o Ungar. (...)
In der großen Welt gibt es außer diesem keinen Ort für dich;
ob dich die Hand des Schicksals segnet oder schlägt:
Hier musst du leben und sterben.“


„Was denkt ihr über das Szózat?“, fragt Beáta.
„Es könnte weniger depressiv sein“, ruft jemand rein.

Andere sprechen von Trauer, vom ungarischen Warten auf ein Wunder, eine Teilnehmerin von Hoffnung: Man sei zwar geschrumpft, aber nicht gebrochen.

Beáta hört zu, widerspricht nicht, sortiert. Sie selbst, sagt sie, störe gerade dieses „musst“. Sie würde lieber erst einmal hier leben können, als hier sterben zu müssen.

Das nationale Pathos des Szózat wird an diesem Abend weder verspottet noch ehrfürchtig hingenommen. Die Teilnehmenden öffnen es, sezieren es, stellen es auf die Probe. Sie rechnen aus, wie viel Vergangenheit in dem Gedicht steckt und wie wenig Zukunft, sie zählen Wörter, wägen Tonlagen und streiten über einen Text, der ihnen seit früher Kindheit als nationales Bekenntnis eingetrichtert wurde.

In der Wahlnacht, erzählt eine Teilnehmerin, habe sie geweint, als auf dem Batthyány-Platz, wo eine riesige Menschenmenge jubelnd den Sieg über Orbán feierte, gemeinsam das Szózat angestimmt wurde. Früher bedeutete dieses Lied für sie strenge Schulzeremonien, endloses Stehen als Kind, fast bis zur Ohnmacht. Am 12. April berührte es sie anders.
 
Digitale Tafel mit zwei Wortfeldern zu Vörösmartys „Szózat“ (links) und Szabós „Szabadulógyakorlat“ (rechts)

Digitale Tafel mit zwei Wortfeldern zu Vörösmartys „Szózat“ (links) und Szabós „Szabadulógyakorlat“ (rechts) | Foto: © Christian-Zsolt Varga

Ein Riesenschritt aus der Komfortzone

An einem der Tische sitzt Richárd Barina, 51, konzentriert und lächelnd. Auch für ihn bedeutet dieser Kurs, das etwas anders werden kann, was früher mit der Schule zu tun hatte. Er ist Karosserieschlosser und fährt jede Woche aus Lábatlan, einem Ort mit rund 5.000 Einwohnern an der Grenze zur Slowakei, nach Budapest: Bus, Zug, Metro, zweieinhalb Stunden. Allein das Umsteigen, die U-Bahn, der Trubel der Hauptstadt – für ihn sei das ein Kulturschock gewesen, sagt er.

Als Kind gehörte er in der Dorfschule zu den Besten. Dann kam er auf eines der stärkeren Gymnasien der Region – und fühlte sich plötzlich wie niemand. Die anderen, sagt er, seien klüger gewesen, geschickter und selbstbewusster. „Ich war als Kind sehr zurückhaltend.“ Irgendwann brach er die Schule ab und lernte Karosserieschlosser. Das Abitur holte er erst Anfang dreißig nach, abends, in seiner alten Dorfgrundschule.
 
Richárd Barina

Richárd Barina | Foto: © Christian-Zsolt Varga

Seit er an die CEU kommt, sagt Richárd, spricht er überhaupt erstmals frei mit anderen Menschen. Er arbeitet allein in seiner Werkstatt, „fast wie ein Uhrmacher oder Juwelier“, und hat im Alltag wenig Gelegenheit zum Gespräch. Der Kurs war ein Riesenschritt aus seiner Komfortzone. Nun ist es schon sein zweiter im Socrates-Programm.

Was er über sich gelernt habe? „Offenheit“, sagt er. Und wie viele kluge Menschen es gebe: Sperre man zufällig Leute in einen Raum, sei jeder eine eigene, interessante Persönlichkeit. Lange habe er geglaubt, nicht klug genug zu sein. Er wäre nicht im Traum darauf gekommen, irgendwann einfach zum Lernen an die CEU nach Budapest zu fahren.

Seine Generation sei noch im kommunistischen und postkommunistischen, „preußisch-frontalen“ Unterricht geprägt worden: still sein, sich melden, antworten, wenn man gefragt wird, auswendig lernen. Hier aber interessiere man sich für die Gedanken der Teilnehmenden, nicht dafür, ob sie die Worte der Lehrerin korrekt wiedergeben.
 
Máté Halmos, Projektmanager des Socrates-Programms, vor einem hölzernen Fächerregal der CEU in Budapest. Früher hatte hier jede*r Studierende ein eigenes schmales Fach; einige Namen aus der Zeit vor dem Zwangsumzug nach Wien sind noch zu sehen.

Máté Halmos, Projektmanager des Socrates-Programms, vor einem hölzernen Fächerregal der CEU in Budapest. Früher hatte hier jede*r Studierende ein eigenes schmales Fach; einige Namen aus der Zeit vor dem Zwangsumzug nach Wien sind noch zu sehen. | Foto: © Christian-Zsolt Varga

„Niemand wird dumm genannt“

Die Geschichten der Teilnehmenden gleichen sich in einem Punkt: Irgendwann auf ihrem Weg haben sie gelernt, dass sie nicht genügen oder dass weitere Bildung für sie nicht vorgesehen ist.

„Diese Menschen sind die Verlierer des Schulsystems. Sie haben immer verloren“, sagt Máté Halmos vom Socrates-Programm. Die meisten konnten früher nicht weiterlernen. Einer von ihnen, erzählt er, habe das Abitur nicht machen können, weil ihm 50.000 Forint fehlten, umgerechnet etwas mehr als hundert Euro. „Es kostet riesigen Mut, nach so vielen Niederlagen und Schlägen vom Leben und von der Schule noch einmal einen Unterrichtsraum zu betreten.“

Vielen fehle das Selbstvertrauen, das sei vielleicht das Schwierigste. Sie dächten: „Oh Gott, ich verstehe das nicht, also bin ich dumm.“ Was in dem Kurs geschehe, klinge deshalb fast beschämend einfach: Die Teilnehmenden sagen, was sie denken – und jemand hört zu. „Niemand wird dumm genannt“, sagt Halmos. Wer stottert, darf sprechen. Wer langsam ist, darf sprechen. Wer schwer liest, darf trotzdem teilnehmen.

Man lehre hier auch Demokratie, sagt Halmos – nicht als ausdrückliche Demokratiestunde, sondern durch die Art, wie die Gruppe funktioniert: durch Kooperation, getragen von gegenseitiger Wertschätzung. „So müsste eigentlich das ganze Land funktionieren.“

Nach der Pause liest Lehrerin Beáta eine moderne Neufassung des klassischen Szózat von Vörösmarty, geschrieben von Judit Ágnes Kiss, vor.
Statt: „Deiner Heimat sei unerschütterlich treu, o Ungar, (...) hier musst du leben und sterben“, heißt es nun: „Wenn du es noch aushältst, geh nicht weg, o Ungar.“

Der Text spricht von Minderheiten, von Obdachlosen, Roma, Juden, Homosexuellen, von Menschen, denen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Wer sonst nichts tun könne, solle zuhören, solle im Dunkeln ein Licht sein.

Im alten Gedicht, sagt einer der Teilnehmenden, spreche die Vergangenheit, im neuen die Gegenwart. Dort gehe es um Pflicht: „Du musst.“ Hier um Möglichkeiten: „Du kannst etwas tun.“

 

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