Schnecke Foto: © Jana Plavec

Im Kinderheim wohnen alle zusammen als eine große, ja sehr große Familie – von einer echten Familie ist diese jedoch ziemlich weit entfernt. Vor einigen Jahren hat sich der Kreis Pardubice zu einem radikalen Schritt entschieden: Alle fünf Kinderheime, in denen insgesamt an die zweihundert Kinder leben, wurden in normale Wohnungen und Familienhäuser verlegt und so ein „normales“ Wohnen simuliert.

Um die Privatsphäre der Kinder zu schützen, veröffentlichen wir keine Fotos von den in diesem Artikel erwähnten Kinderheimen. Wir zeigen stattdessen illustrative Bilder, die die Fotografin Jana Plavec für das Buch Náhradka – Každé dítě by mělo vyrůstat doma (etwa: Ersatz  –  Jedes Kind sollte zu Hause aufwachsen) aufgenommen hat. Das Buch hat Barbora Postránecká, die Autorin dieses Artikels, geschrieben.

In der Hügellandschaft am Fuße des Adlergebirges liegt die Gemeinde Dolní Čermná. Am Rande dieses Kleinstädtchens, gleich neben dem Fußballplatz und in Sichtweite des örtlichen Sees liegt das Kinderheim. „Dieses Gebäude wurde 1954 hier errichtet“, sagt uns die Heimleiterin Stanislava Švarcová, als wir gemeinsam an dem dreistöckigen, modern aussehenden Haus vorbei und in Richtung ihres Büros gegenüber gehen. Auf dem Weg begegnen wir einigen Kindern, die hier wohnen.

Die Geschichte ist hier ein wenig verworren. Ursprünglich stand das Kinderheim einige Kilometer weiter und war etwas höher gelegen – auf dem Berg in Horní Čermná. Einst war es ein Waisenhaus gewesen, gegründet im Jahr 1867 vom Missionar der Böhmischen Brüder Vilém Hartwig. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus dem Waisenhaus ein Kinderheim, es wohnten nun auch Kinder hier, deren Eltern zwar noch lebten, aber nicht in der Lagre waren, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Einige Jahre später wurde ein weiteres Kinderheim in Dolní Čermná gebaut. Beide Einrichtungen wurden nach einiger Zeit unter einer Leitung zusammengelegt.

Und dann kam das Jahr 2014, in dem die Region eine grundlegende Entscheidung traf.

Fotografie aus dem Buch Nahrádka Foto: © Jana Plavec

Eine große Bande

Kinderheime funktionieren traditionell nach einem etablierten Modell, das allerdings das wirkliche Leben kaum wiedergibt. In diesen Einrichtungen leben zwar sogenannte Familiengruppen zusammen, bestehend aus maximal acht Kindern. Jedoch sind diese „Familien“ weiterhin in einem großen Haus unter einem Dach vereint, und die meisten Aktivitäten werden in der Gemeinschaft ausgeübt. „In Horní Čermná gab es vierundzwanzig Kinder in drei Gruppen, doch sie lebten alle als eine große Bande zusammen und verbrachten hier nach der Schule auch ihre gesamte Zeit“, konstatiert Klára Marková, die seit acht Jahren in Horní Čermná arbeitet, zunächst als Erzieherin in Nachtschicht, später dann tagsüber. Heute bekleidet die Zweiunddreißigjährige die Position der obersten Erzieherin.

In Kinderheimen arbeiten neben den pädagogischen Mitarbeiter*innen auch Köch*innen, es gibt eine Wäscherei, und in Horní Čermná wurde früher sogar eine Schneiderin beschäftigt. Auch eine zentrale Kleiderkammer ist nichts Ungewöhnliches, Reinigungskräfte eine Selbstverständlichkeit. Zwar haben die Kinder in den Heimen verschiedene Pflichten im Haushalt, doch vieles von dem, was in einem Haushalt anfällt, erledigen Erwachsene für sie.

Jedoch: Wenn diese Kinder, beziehungsweise jungen Erwachsenen das Heim verlassen, landen sie erstmal hart. „Ich habe ihnen beigebracht, wie man eine Toilette putzt, ebenso haben sie gelernt, was passiert, wenn Fleisch zwei Tage lang auf der Arbeitsfläche der Küche liegt statt im Kühlschrank“, erinnert sich Klára Marková daran, was ihre Schützlinge erlebt haben, als sie mit achtzehn Jahren aus dem Heim in eine der Trainingswohnungen ziehen konnten (einige Kinderheime bieten diese Möglichkeit für Volljährige an, wenn sie noch eine Schule besuchen). Auch konnten sie nicht mit Geld umgehen und hatten am Monatsende nichts mehr für Essen übrig.

Auch von anderen Seiten gab es Schwierigkeiten. An der neu erlangten Freiheit fanden sie zwar Gefallen, doch brachte diese Freiheit auch Einsamkeit mit sich, von der sie sich nun umgeben sahen. Mit einem Mal waren sie „in die Welt losgelassen“ worden, doch sehr oft gab es hier niemanden, der ihnen nahestand. Niemanden, den sie hätten jederzeit anrufen, dem sie hätten vertrauen, an den sie sich hätten wenden können.

Das klingt möglicherweise banal – aber eben nur für diejenigen von uns, die von klein auf mitbekommen haben, wie die eigenen Eltern in der Küche das Essen vorbereitet haben, mit ihnen einkaufen gegangen sind, ihnen zugehört haben, wie sie beim Abendessen eine Menge praktischer Angelegenheiten besprachen, und die in der Pubertät allmählich alleine, nach eigenen Vorstellungen und unter der entfernten Aufsicht der immer mit Rat und Tat beistehenden Eltern Unternehmungen starten konnten. Sich rasch in einen Alltag einzufinden, den man so noch nie erlebt hat, ist für Kinder, die ohne Eltern aufgewachsen sind, gar nicht einfach. Daher die „Wohnungsrevolution von Pardubice“. Denn wer „da draußen“ klarkommen will, muss auch eine Kindheit erleben, die einem gewöhnlichen Leben möglichst nahekommt.
 
  •   Fotografie aus dem Buch Nahrádka Foto: © Jana Plavec
  • Fotografie aus dem Buch Nahrádka Foto: © Jana Plavec
  • Fotografie aus dem Buch Nahrádka Foto: © Jana Plavec
  • Fotografie aus dem Buch Nahrádka Foto: © Jana Plavec

Wenn man einen Fehler macht

Die Heimleiterin Stanislava Švarcová kam vor fünf Jahren hierher und begleitete den Umzug aus voller Überzeugung. „Für mich ergab das Sinn“, so Švarcová, die vorher fünfundzwanzig Jahre an einer Sonderschule für Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung gearbeitet hatte. Der Umzug „ihres“ Kinderheims ist noch nicht vollendet. Aus der „Hornička“, wie die Anwohner die Gemeinde Horní Čermná oben auf dem Berg nennen, sind bereits 2020 alle Kinder in zwei eigenständige Wohnungen und ein Familienhaus gezogen. In der „Dolnička“ unten verbleiben bislang noch drei der sogenannten Familiengruppen.

Švarcová ist es gelungen, ein Familienhaus von der Kirchengemeinde des nahe gelegenen Dorfes Žichlínek anzumieten. Eine Wohnung vermietet ihr die Stadt Letohrad, eine weitere wurde ihr von privater Hand in Lanškroun angeboten. „Es ist nicht immer einfach, denn für die Nachbarn sind Heimkinder a priori ein Problem. Es wird befürchtet, dass sie stehlen oder das beschauliche Leben in der Nachbarschaft stören könnten“, so Švarcová. „Nach dem Einzug haben wir allerdings keinerlei Probleme. Manche Nachbar *innen wissen nicht einmal, dass in der Wohnung Kinder aus dem Heim leben – denn darauf weist kein Schild hin.“

In den Wohnungen wechseln sich zwei Erzieher*innen und drei pädagogische Assistent*innen ab – wichtig zu erwähnen, dass dies immer dieselben sind. Im Heim war die Anzahl derer, die sich abgewechselt haben, wesentlich größer. „Dort gab es nur selten Gelegenheit, zu jemandem eine Beziehung aufzubauen“, ergänzt die Leiterin. Es gab beispielsweise für drei Familiengruppen insgesamt immer nur eine Erzieherin oder einen Erzieher in Nachtschicht, sodass die Kinder gar nicht die Aufmerksamkeit bekommen konnten, die sie gebraucht hätten, vielmehr wurde aufgepasst, dass nichts passierte. Jetzt hingegen gibt es Zeit für Gespräche mit den älteren Kindern oder zum Vorlesen für die Jüngeren.

Laut der Leiterin haben sich „ihre“ Kinder anfangs aber nicht wirklich gefreut. Ihnen fehlte die große Gemeinschaft. Plötzlich war niemand da, der ihnen die Zeit einteilte, und sie wussten nichts mit ihrer Freizeit anzufangen. Zudem hatten sie im neuen Zuhause mehr Pflichten zu erfüllen – aufräumen, einkaufen, beim Kochen helfen, Geschirr spülen. Das Leben veränderte sich für die Kinder in verschiedenen größeren und kleineren Details. Es war nun möglich, Freizeitaktivitäten außerhalb des Kinderheims zu besuchen oder auch andere Schulen. Und sie konnten neuerdings Freunde zu sich nach Hause einladen. Nicht, dass das vorher nicht möglich gewesen wäre, doch den Kindern war es unangenehm gewesen, ihre Freunde „ins Heim“ einzuladen.

Eine Sache überragt jedoch alle anderen. Das neue Zuhause ist zu einem sicheren Ort geworden. Die Kinder erleben hier den Zauber der Ruhe einer Kleingruppe, haben die Möglichkeiten ungestörter Gespräche mit den Erzieher*innen, und sie entdeckten die eigene Privatsphäre für sich... „In der Wohnung bewertet einen nicht gleich das ganze Heim, und wenn man einen Fehler macht, dann wird man nicht von jedem darauf angesprochen. Hier hat man plötzlich mehr Raum und Zeit über etwas nachzudenken, etwas zu besprechen, sich anzuvertrauen, verstanden zu werden“, zählt die Erzieherin Klára Marková die Vorteile auf.

Die Leiterin Švarcová ergänzt noch einen weiteren Vorteil des separaten Wohnens: Im Kinderheim lernen die Kinder voneinander auch unerwünschte Dinge. Wie zum Beispiel das Rauchen. „Es funktioniert die Gruppendynamik. Einer beginnt, die anderen schließen sich an. Eine große Einrichtung lässt einem nicht viel Auswahl: Entweder du ordnest dich ein oder du wirst aus der Gruppe ausgeschlossen.“

Angebot aus Prag

2014 machte das tschechische Arbeits- und Sozialministerium allen Kreisen das Angebot, mit Geld aus den Norway Grants ihre eigenen Transformationspläne für die Heimversorgung zu entwickeln. Außerdem sollte bei der Realisierung der Transformation weiteres Geld fließen, diesmal aus der Staatskasse. Die Kreise Pardubice und Zlín nahmen dieses Angebot an.

Im Kreis Pardubice gab es damals fünf funktionierende Kinderheime und drei Einrichtungen für Kinder unter drei Jahren (die ehemaligen sogenannten Säuglingsanstalten). Die Vision des Kreises Pardubice war ambitioniert: Alle Kinder sollten aus den Heimen in Wohnungen untergebracht, und die Säuglingsanstalten überflüssig gemacht werden. Stattdessen sollten die Kleinkinder bei Pflegeeltern unterkommen (2021 stimmte das Parlament für das Ende der Säuglingsanstalten und beschlossen, dass es ab dem 1. Januar 2025 verboten sein soll, kleine Kinder in einer solchen Anstalt unterzubringen). „Damit hatten wir bereits Erfahrung“, sagt für den sozialen Bereich zuständige Kreisrat Pavel Šotola (KDU-ČSL).

Einige Jahre zuvor hatte die Region nämlich bereits eine andere Transformation angestoßen: Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die bislang in Heimanstalten gelebt hatten, sollten in gewöhnliche Wohnungen und Häuser umziehen. „Die anstaltsartige Versorgung bietet einem Menschen keinerlei Möglichkeit zur Entwicklung. Man hat ein Dach über dem Kopf, auch die Grundbedürfnisse werden gestillt, doch eine größere persönliche Entwicklung findet nicht statt, und das Potenzial dieser Menschen bleibt ungenutzt“, sagt Šotola, der seine Funktion bereits in der dritten Legislaturperiode ausübt. Diese Kontinuität in der Funktion ist übrigens auch der Schlüssel dazu, warum hier so große Veränderungen im sozialen Bereich bis zum Ende durchgezogen werden können.

Man gelangte hier also zu folgender Einsicht: Wenn gesundheitlich beeinträchtigte Menschen in Wohnungen leben können, dann könnten es Heimkinder ebenso. „Wir glaubten daran, dass es bei ihnen noch effektiver sein würde. Wir hatten gesehen, dass Kinder, die in eine Heimerziehung genossen hatten, später als Erwachsene Probleme bekamen und Sozialleistungen in Anspruch nahmen. Familien, die sie gegründet hatten, funktionierten nicht“, so Pavel Šotola.
 
  • Fotografie aus dem Buch Nahrádka Foto: © Jana Plavec
  • Fotografie aus dem Buch Nahrádka Foto: © Jana Plavec
  • Fotografie aus dem Buch Nahrádka Foto: © Jana Plavec
  • Fotografie aus dem Buch Nahrádka Foto: © Jana Plavec
 

Hinkende Unterstützung biologischer Familien

Teil des ursprünglichen Plans war noch ein weiteres Ziel, das bislang aber das anspruchsvollste zu sein scheint. Man wollte nicht nur den Kindern die Möglichkeit bieten, in einer „normalen“ Wohnung zu leben und das System der großen Einrichtungen auflösen, sondern deren Kapazitäten auch gleichzeitig deutlich senken. So sollten in der Region nur noch halb so viele Kinder untergebracht werden. „Allmählich verstanden wir, dass wir dies nicht so schnell schaffen würden, denn um in den Einrichtungen die Anzahl der Kinder um die Hälfte reduzieren zu können, muss man intensiv an der Unterstützung der biologischen Familien arbeiten. Der Bereich der Prävention ist noch immer stark unterfinanziert, es wird nur wenig Geld aus dem Staatshaushalt zur Verfügung gestellt, und der Kreis kann die Kosten nicht selbst tragen“, erklärt die Transformations-Koordinatorin des Kreises Pardubice Michaela Svobodová,.

Die meisten der Kinder, die im Heim versorgt werden, haben noch Eltern. Ein Teil der Kinder wurde von den Eltern getrennt, nicht weil sie gequält oder missbraucht, sondern weil sie nicht angemessen versorgt worden waren – und dahinter verbirgt sich so Manches, meist eine Kombination aus fehlendem erschwinglichen Wohnraum, Drogenabhängigkeit, Schulden oder unzulänglichen elterlichen Kompetenzen, denn diese Eltern sind oft selbst auch nicht in einem konstruktiven Umfeld aufgewachsen und hatten keine positiven elterlichen Vorbilder, von denen sie hätten lernen können.

In unseren westlichen Nachbarnländern kann man ein anderes Modell antreffen: Eine Familie, die in existenziellen Problemen steckt, erhält intensive Unterstützung beispielsweise in Form von sozialem Wohnraum (damit die Familie nicht in einer öffentlichen Unterkunft wohnen und ständig umziehen muss), außerdem gibt es Sozialarbeiter*innen, die die Familien besuchen und sie dabei unterstützen, was aktuell oder akut erledigt werden muss (etwa bei Schulden, Zwangsvollstreckung, Arbeitssuche, der Ausübung der elterlichen Kompetenzen und so weiter). Nach einigen Monaten Unterstützung dieser Art zeigt sich, ob die Familie in der Lage ist, sich „aufzuraffen“ oder ob das Kind wirklich aus der Familie genommen werden muss. In Tschechien kommen auf eine Sozialarbeiterin oder einen Sozialarbeiter Dutzende Familien in Not, und leider sind die Hilfen, die eine Familie in Anspruch nehmen kann, hier sehr begrenzt. So fehlt hier beispielweise immer noch ein Gesetz zum sozialen Wohnraum.

Zum Mittagessen nach Hause!

Zurück in den Kreis Pardubice. Kreisrat Šotola erinnert sich, wie er vor Jahren – noch vor Beginn der Transformation – die Kinderheime besucht hat. Dabei erfuhr er etwa, dass die Kinder zur Schule gingen, von dort aus zum Mittagessen ins Heim zurückkehrten, um danach wieder zum Unterricht in die Schule zu gehen. „Es störte mich, dass wir die Kinder ohne jede Notwendigkeit aus dem Kollektiv entfernten. Das ergab überhaupt keinen Sinn und war obendrein noch teurer“, konstatiert Šotola.

Als der Kreis dann vor acht Jahren große Veränderungen bei den Kinderheimen ankündigte, waren die Heimleitungen und vor allem die Erzieher*innen anfangs skeptisch. Es herrschte Misstrauen gegenüber dem, was auf sie zukäme. Und Angst vor der Veränderung. „Es ist jedoch nicht so, dass die neue Struktur jetzt für sie schwieriger wäre. Wir haben Rückmeldung erhalten, dass sie einfach nur lernen mussten, anders zu funktionieren als früher. In den Wohnungen haben die Mitarbeitenden mehr Verantwortung, sie müssen sich auf sich selbst verlassen; auf der anderen Seite heben sie lobend hervor, dass etwa die Konkurrenz zwischen den Heimfamilien weggefallen ist“, kommentiert Michaela Svobodová. Zu Beginn hatten die Beschäftigten der Kinderheime auch das Gefühl, dass der Umzug ebenfalls eine Degradierung ihrer Qualifikation bedeutete. „Oft haben wir zu hören bekommen, dass sie nicht studiert hätten, um jetzt in den Wohnungen aufzuräumen oder zu kochen“, fügt die Koordinatorin hinzu.

Der Kreis unterstützte deshalb die Leiterinnen und Leiter der Kinderheime dabei, neue Wege zu suchen. Man nahm sie mit nach England oder in die Slowakei, wo es bereits Erfahrungen mit solchen Reformen gab. Geduldig wurden mit ihnen darüber Gespräche geführt, in denen erörtert wurde, warum es für Kinder wichtig ist, in einer kleinen Gruppe zu leben und es nicht das gleiche ist, wenn alle gemeinsam aufwachsen. „Damals haben wir oft zu hören bekommen, und das hören wir auch jetzt noch aus anderen Kreisen, die eine Veränderung wagen oder darüber nachdenken es zu tun: Dass die Kinder später als Erwachsene beim Besuch im Heim sagen, dass diese Zeit für sie die beste Zeit ihres Lebens gewesen sei. Doch darauf antworte ich: Ja, weil sie nichts Besseres kennengelernt haben, was aber nicht bedeutet, dass es nichts Besseres gibt“, kontert Michaela Svobodová.

Nach der Phase der Diskussionen, Vorbereitungen und Auslandsreisen lief aber nun das durch die Norway Grants finanzierte Projekt aus und ein neues, wenngleich vom Ministerium für Arbeit und Soziales versprochen, hat bislang nicht begonnen. Trotzdem hat sich der Kreis Pardubice dazu entschlossen, weiterzumachen und für die Transformation Geld aus dem eigenen Haushalt zur Verfügung gestellt.

 Foto: © Jana Plavec

Was ist für den Staat billiger?

Das erste Kinderheim, das umzog, war das in Polička. Die ersten fünf Kinder bezogen damals im Jahr 2017 ein kleines Haus in der Nachbargemeinde Pomezí, das ihnen von der Forstverwaltung angeboten worden war. Aktuell hat die Region hinsichtlich der Kinderheim-Transformation etwas mehr als die Hälfte geschafft. „Wenn es uns jetzt gelingt, Geld aus dem sogenannten Nationalen Erneuerungsplan (Národní plán obnovy) zu erhalten, könnte die Transformation in der ersten Jahreshälfte 2026 vollendet sein“, hofft Pavel Šotola.
Der Kreis Pardubice gehört zu den Kreisen, in denen am wenigsten Kinder aus den Familien genommen werden, gemessen an der Gesamtzahl der hier lebenden Kinder. Gleichzeitig gehört er zu denen mit den wenigsten Kinderheimen – umso leichter fällt ihr der Wandel im Vergleich zu anderen Kreisen. So hat etwa der Kreis Olomouc zehn Kinderheime, Der Kreis Hradec Králové acht.

Das am meisten verbreitete „Pardubice-Modell“ besteht darin, dass die Kinder in Mietwohnungen leben, sei es aus privater oder öffentlicher Hand, kombiniert mit einer Wohnmöglichkeit in einem Familienhaus. Für einige Kinder ist es gut, nach draußen in den Garten gehen zu können und ihren Emotionen ein Ventil zu geben“, erklärt Michaela Svobodová.

Michaela Svobodová arbeitet in der Verwaltung des Kreises Pardubice an der Transformation des Systems der Betreuung von gefährdeten Kindern und Familien. Ihr Ehemann, David Svoboda, gründete Amalthea, eine Organisation, deren Ziel es ist, die Unterbringung von Kindern in Heimen zu verhindern. Michaela Svobodová arbeitet in der Verwaltung des Kreises Pardubice an der Transformation des Systems der Betreuung von gefährdeten Kindern und Familien. Ihr Ehemann, David Svoboda, gründete Amalthea, eine Organisation, deren Ziel es ist, die Unterbringung von Kindern in Heimen zu verhindern. | Foto: © Jana Plavec Der Ablauf in den jeweiligen Haushalten passt sich der Zusammensetzung der Kinder an, die gerade in der „Familie“ leben, sie müssen sich nicht den einheitlichen Regeln einer ganzen Einrichtung unterordnen. Die Kinder müssen auch nicht so sehr um Aufmerksamkeit „kämpfen“ – die Konflikte der Kinder untereinander, aber auch zwischen Kindern und Personal sind deutlich zurückgegangen.

Dieses „Wohnungsmodell“ ist etwas kostspieliger als wenn alle Kinder in einem großen Haus wie früher leben, räumt Sozialrat Šotola ein. „Vor allem deshalb, weil wir für jede dieser Familien gutes pädagogisches Personal finden müssen. Ebenso ist uns von Anfang an klar, dass damit die Prävention und eine Reduzierung der aus ihren biologischen Familien genommenen Kinder Hand in Hand gehen muss. Diese Vision haben wir nicht aufgegeben, für uns ist Priorität, dass so viele Kinder wie möglich in echten Familien aufwachsen können“, betont Šotola. Hier gäbe es Einsparpotenzial (laut Hochrechnungen des Ministeriums für Arbeit und Soziales ist Prävention sechs Mal billiger als die Versorgung im Heim, die Versorgung durch Pflegeeltern ist immerhin noch dreimal billiger).

Im Kreis Pardubice glaubt man daran, dass sich der Aufwand auszahlt. Laut Erfahrungen im Ausland, aus denen man hier schöpft, ist ersichtlich, dass Kinder, die in einer solchen Struktur aufwachsen, im Erwachsenenalter besser zurechtkommen – sie haben eine bessere Bildung, eine bessere Arbeit, weniger Probleme und belasten den Staatshaushalt nicht dauerhaft – im Gegenteil. Außerdem wiederholen sie die Fehler und schlechte Lebensstrategien ihrer biologischen Eltern seltener. Für große Analysen ist es jedoch noch zu früh.

Eine Veränderung ist hier aber bereits aufgefallen: „Ihre“ Kinder tendieren hier nicht dazu, gleich mit 18 die Wohnung zu verlassen. Das herkömmliche Szenario ist, dass sich die Kinder darauf freuen, endlich fortzugehen und der Ordnung des Kinderheims zu entkommen. Sobald sie volljährig werden, gehen sie weg, oftmals gar ohne Schulabschluss. Nach den bisherigen Erfahrungen in den Wohnungen hat sich dies geändert, die Kinder bleiben auch nach Erreichen der Volljährigkeit noch hier wohnen bis sie ihren Abschluss gemacht haben. Sie haben nicht so sehr das Bedürfnis, sich gegen eine verordnete Lebensweise aufzulehnen, denn in der Wohnung gibt es keine einheitliche Ordnung und gleichförmige Regeln für alle. In einem Haus mit dreißig Kindern (wenn auch in getrennten Wohneinheiten) war das schlichtweg nicht umsetzbar.

Abwesenheit von Nähe zeigt sich mit der Zeit

Außerdem: In den Wohnungen verschwenden die Kinder weniger. „Das ergibt Sinn. Ins Kinderheim werden jeden Tag frische Brötchen gebracht. In der Wohnung ist das anders – jemand muss einkaufen gehen, bezahlen, entscheiden. Es ist nicht dasselbe wie im Heim, wenn die Kinder zu Übungszwecken am Wochenende eingekauft und gekocht haben. Dann bekamen sie Geld nur für diese beiden Tage zugeteilt, was sie nicht dazu motivierte, zu sparen und abzuwägen, was gekauft werden sollte“, beschreibt Michaela Svobodová eine der kleineren Veränderungen.

Die grundlegendste Veränderung haben wir aber bereits genannt. In den Kinderheimen ist es schwieriger, eine sichere und stabile Beziehung mit den pädagogischen Mitarbeiter*innen aufzubauen. Dafür ist Kontinuität wichtig. In der Wohnung sind immer dieselben Leute für einen da. Sie wissen, wer was in der letzten Woche, im letzten Monat, im letzten Jahr erlebt hat. Mit weniger Kindern und in der Privatheit einer Wohnung können auch wesentlich einfacher Regeln gemeinsam aufgestellt werden, die Aufmerksamkeit kann besser unter allen Mitgliedern des Haushalts aufgeteilt werden, und die Erzieher*innen haben eine größere Chance, die Kinder wirklich kennenzulernen – so kann hier Nähe entstehen, die den Kindern im Heim am meisten fehlt und deren Abwesenheit sie später als Erwachsene verunsichert.

„Ich sage nicht, dass das Leben in den Wohnungen ideal ist, es ist keine echte Familie und wird auch nie eine sein. Doch ich bin davon überzeugt, dass die Kinder mehr mitnehmen werden, wenn sie die Möglichkeit haben zu erleben, wie es in einem Zuhause für gewöhnlich läuft“, resümiert die Leiterin Stanislava Švarcová.

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