Kulturschaffende während der Pandemie Künstler auf Halde

Künstler auf Halde Foto: Denise Jans via unsplash | CC0 1.0

Seit März 2020 steht der Kulturbetrieb in Deutschland weitgehend still, Theater sind geschlossen, Konzerte untersagt. Für die Künstler*innen ist das nicht nur finanziell eine Herausforderung.

Das Licht erlischt, der Vorhang fällt, Applaus brandet auf: Wer regelmäßig ins Theater geht, kennt die Choreographie am Ende des Abends. Die sichtbar erleichterten Schauspieler, die in mehreren Runden zurück auf die Bühne laufen, sich an den Händen fassen und gemeinsam verbeugen. Die enthusiastischen „Bravo!“-Rufe aus dem Publikum. Das kollektive Gefühl der Freude.
 
Im März 2020 fand all das ein abruptes Ende, als die Pandemie die Menschen zu Distanz und Isolation zwang. Kulturveranstaltungen wie Theater, Konzerte oder solche, die in der Berliner Infektionsschutzmaßnahmenverordnung noch unter dem altmodischen Begriff „Tanzlustbarkeiten“ laufen, wurden verboten. Und sind es mehr als ein Jahr später, mit ein paar Ausnahmen, noch immer.
 
Für viele Künstler*innen war das ein harter Schnitt. Nicht nur fielen von heute auf morgen mitunter jegliche Einnahmen weg, auch die Vorstellung von der eigenen Existenz wurde auf die Probe gestellt: „Künstler zu sein ist mein Leben. Ich schaffe Erlebnisse, Welten, Begegnungsorte und Freiräume“, erzählt Marc Behrens. Der 1987 in Lübeck geborene Schauspieler arbeitet seit 2007 freischaffend in Berlin und ist Gründungsmitglied des Improvisationstheaterensemble „Improvisionäre“. „Für mich ist damals meine Welt zusammengebrochen. Ich hatte Angst, dass sich mein ganzes Umfeld auflöst. Das war allerdings ein Trugschluss. Die Solidarität, gerade am Anfang, war untereinander sehr groß“, so Behrens weiter.

Schauspieler Marc Behrens Schauspieler Marc Behrens: „Es fehlt der Austausch während des Spielens, aber auch davor mit den Kolleg*innen und hinterher mit den Gästen.“ | Foto: © Marc C. Behrens

Der Austausch fehlt

Wie zahlreiche seiner Kolleg*innen musste auch er auf das Internet ausweichen und neue Formate erfinden. Doch Streaming ist für ihn kein Ersatz. „Es ist eine Möglichkeit mit seinem Publikum in Kontakt zu bleiben. Aber nicht ansatzweise das, was eine Präsenzveranstaltung für mich darstellt. Es fehlt der Austausch während des Spielens, aber auch davor mit den Kolleg*innen und hinterher mit den Gästen. Ich persönlich fühle mich noch als Künstler, aber auf Halde“, so Behrens.
 
Knapp 1.900 abhängig beschäftigte Schauspieler*innen gab es laut Statistischem Bundesamt 2019 an deutschen Theatern; die Dunkelziffer von freischaffenden Künstler*innen, die nur projektweise Honorar beziehen, ist um einiges höher. Während Angestellte auf das Kurzarbeitergeld und Solo-Selbstständige auf verschiedene Corona-Hilfen der Länder und des Bundes zurückgreifen konnten, fielen alle „kurz befristet Beschäftigten in den Darstellenden Künsten“ hingegen durch das Raster. Erst im Februar 2021, elf Monate nach Beginn der Pandemie, einigte sich die Bundesregierung darauf, Hilfszahlung auch für diese Gruppe freizugeben. Einige hatten da schon längst aufgegeben, schlugen sich mit Aushilfsjobs durch oder beantragten Hartz IV. Darunter leidet bei vielen auch die Kreativität: wie soll man neue Formate entwickeln wenn man nicht weiß, ob man nächsten Monat die Miete zahlen kann?

Es mangelt an Wertschätzung

Die Pandemie hat auch Hendrik Flacke mit voller Breitseite erwischt: Engagements wurden abgesagt, Projekte auf Eis gelegt, Verträge geändert. Seinem Gefühl nach mangelt es dem ebenfalls in Berlin lebenden Theaterschauspieler in Deutschland schon immer an der Wertschätzung der kreativen Berufe, würden Künstler*innen zu oft belächelt und ihre Arbeit als Hobby abgetan. Doch ein Berufswechsel kommt für ihn nicht infrage, die Schauspielerei bedeutet ihm alles. Dabei geht es ihm nicht darum, im Rampenlicht zu stehen und sich bejubeln zu lassen: „Mich interessiert es viel mehr, eine Geschichte zu erzählen und den Zuschauern eine gute Zeit zu ermöglichen“, erzählt der 41-Jährige. Weil das über einen Bildschirm nicht funktioniere, habe er in den letzten anderthalb Jahren kaum Theater gespielt. Für den Sommer plant er, mit einem umgebauten Lastenrad durch Berlin zu fahren und kurze Ein-Personen-Stücke aufzuführen – vorausgesetzt, es findet sich eine Finanzierung dafür.

Schauspieler Hendrik Flacke Schauspieler Hendrik Flacke | Foto: © Yin-Lai Trinidad

Die Band als Familie

Der Blick in die beglückten Gesichter des Publikums fehlt auch Matthias Mengert. Er ist Sänger in zwei verschiedenen Bands und für gewöhnlich an den meisten Wochenenden des Jahres auf Tour. Doch während der Pandemie war das nicht möglich. Was vermisst er? „Mir ist aufgefallen, dass es mir nicht so sehr fehlt, von den Zuschauern bejubelt zu werden – ich bin keine sechzehn mehr und brauche das nicht für mein Selbstbewusstsein. Aber ich vermisse es, auf der Bühne zu stehen und mit meiner Musik ein Feuer in den Menschen zu entfachen.“
 
Auch der Kontakt zu Menschen, die man bisher noch nicht kannte, betrachtet er als wichtigen Teil seiner Arbeit. Nicht zuletzt sind seine Kolleg*innen für ihn wie eine Familie: „Der größten Mangel ist für mich, nicht mehr mit meinen Bands unterwegs sein zu können und zum Beispiel die Wochenenden gemeinsam zu verbringen und sich über das Leben auszutauschen.“
 
Für Marc, Hendrik und Matthias gibt es nun aber langsam ein Licht am Ende des Tunnels: In Deutschland sind Kulturveranstaltungen mit begrenzter Teilnehmerzahl demnächst wieder erlaubt. Die Drei dürfen also bald wieder auf den Brettern stehen, die die Welt bedeuten. Die Erfahrung, dass sie auf all das viele Monate lang verzichten mussten, wird diese Momente zu ganz besonderen machen.

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