Psychische Gesundheit im Bann digitaler Apps  Atemübungen mit dem Handy reichen nicht

Einige Kategorien in der tschechischen App Vos: Affirmation, Übungen für das Wohlbefinden und vermeintlich sinnstiftende Zitate.
Einige Kategorien in der tschechischen App Vos: Affirmation, Übungen für das Wohlbefinden und vermeintlich sinnstiftende Zitate. Illustration: © Ondřej Trhoň für revue Prostor

Digitale Apps, die Psychohygiene unterstützen oder ergänzen, können dazu beitragen, gesündere Gewohnheiten zu entwickeln. Doch selbst ausgeklügelte Meditationstechniken oder Affirmationen können systemische Defizite nicht beheben.

Früher haben wir mit Interesse auf Roboter geschaut, die den Menschen nachahmen. Heute haben sich die Rollen vertauscht – wir sind den prüfenden Blicken der künstlichen Intelligenz ausgesetzt. Zumindest bei der tschechischen App Vos, dem „Taschen-Psychologen“, wie es auf der Website heißt. Vos bietet eine Liste von Krisenkontakten, Meditationsleitfäden oder Atemübungen, die in keinem Dienst dieser Art fehlen dürfen. Hinzu kommen Affirmationen, das heißt positive Motivationsbotschaften, verschiedene Tests oder einfach nur Gespräche mit einem virtuellen Assistenten-Textgenerator. Die psychologische Hilfe wird nun durch Roboter ersetzt.

„In einem Bereich der App stellt die KI zusätzliche Fragen, je nachdem, was man eingibt. Als sie mich fragte, was mich wütend macht, schrieb ich so etwas wie ‚Wenn jemand gemein zu meinen Eltern ist‘. Dann fragte die App: ‚Und erinnern Sie sich an eine Situation, in der jemand gemein zu Ihren Eltern war?‘ Das fand ich manchmal echt gut, dass man zum Nachdenken gebracht wird. Und ich könnte mir vorstellen, dass ich das dann in der Therapie intensiver besprechen würde“, zeigt mir Patricia die Vos-App auf ihrem Handy. Sie hat vor kurzem angefangen, sie zu benutzen, als sie eine Zeit lang nicht mehr zu ihrer traditionellen Therapie ging. Ihr Instagram-Account wurde täglich mit gezielter Werbung für Vos überflutet. Und weil Patricia auch ein großer Rabatt auf eine Premium-Mitgliedschaft angeboten wurde, bezahlte sie dafür – die App kostet sonst achtzig Dollar im Jahr. „Aber Vos passt nicht so gut zu mir. Einige der Funktionen, wie geführte Meditationen, finde ich gut für Leute, die noch nicht viel Erfahrung haben, aber ansonsten glaube ich nicht, dass es die traditionelle Therapie ersetzen kann. Und wenn doch, dann sicher nicht für jemanden, der ernsthafte psychische Probleme hat“, erklärt Patricia, warum sie ihr Abonnement nicht verlängern wird.

Reizüberflutung

Auch die Psychotherapeutin Aneta Dorazilová sieht Apps wie Vos, Nepanikař (etwa: Keine Panik!) oder Opatruj.se (etwa: Pass auf dich auf!) als Ergänzung zu einer umfassenderen psychiatrischen Betreuung: „Sie können zum Beispiel bei der Bewältigung von Ängsten oder der Einhaltung eines Therapieplans helfen. Ich würde sagen, dass das sehr individuell ist und davon abhängt, womit sich die Person in der Therapie beschäftigt und für welche Art von Therapie sie sich entscheidet, zum Beispiel wenn sie wiederkehrende Beziehungsprobleme hat, einen großen Verlust erlebt hat oder süchtig ist.“

Dorazilová sagt, dass Apps dabei helfen können, einige Gewohnheiten zu entwickeln, die zur Stabilisierung des psychischen Zustands beitragen können. Dies gilt insbesondere für Entspannungstechniken oder das Führen eines Tagebuchs. Diese Elemente basieren auf der so genannten kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), einem therapeutischen Trend, der bei der Bewältigung einiger unangenehmer Symptome wie etwa Angstgefühlen hilft. „Andererseits fördert die KVT nicht wirklich den Aufbau einer Beziehung zwischen Patient*in und Therapeut*in, wie es bei Methoden wie der Psychoanalyse der Fall ist“, vergleicht Aneta Dorazilová.
 
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Die Psychotherapeutin Aneta Dorazilová spricht von einer „Plattformisierung der psychischen Gesundheitspflege“. | Illustration: © Ondřej Trhoň für revue Prostor

Es stellt sich die Frage, wie groß der Einfluss der KVT-Praxis auf diese Gewohnheitsbildung ist. Denn ihre Funktionsweise scheint der anderer digitaler Plattformen zu ähneln, die mit einer Flut von Benachrichtigungen um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Wir tragen oft unser ganzes Leben in unseren Smart Phones oder Tablets mit herum. Was hat es zu bedeuten, dass beispielsweise eine Benachrichtigung von TikTok und einer App für psychische Gesundheit zur gleichen Zeit auf dem Bildschirm erscheinen können? „Die Plattformisierung der psychischen Gesundheitspflege könnte zu einer Reizüberflutung bei ohnehin schon überlasteten Menschen beitragen – das heißt, sie werden auf ihr Telefon schauen, anstatt mit einer anderen Person zu sprechen“, sagt Dorazilová.

Patricia gibt zu, dass sie die Benachrichtigungen von Vos bereits ausgeschaltet hatte; sie kamen ihr vor wie die Erinnerungen an Aufgaben von Duolingo, einer App zum Sprachenlernen. „Man fährt also zum Beispiel um 23:50 Uhr vom Club nach Hause und macht eine Atemübung, um wenigstens einen Punkt abzuhaken. Dabei ist es für Menschen mit psychischen Problemen vielleicht besser, wenn sie weniger über alles nachdenken“, überlegt die 25-jährige Patricia, die mit klinischen Depressionen und Angstzuständen zu kämpfen hat.

Ein Mindestmaß an Psychohygiene

Als Patricia und ich uns unterhalten, kommen wir zu dem Schluss, dass die Therapie für uns auch so etwas wie ein Ritual ist – ein fester Anker einmal die Woche oder alle vierzehn Tage. Etwas, das zumindest vorübergehende Besserung verspricht. Die Möglichkeit, ein solches Hilfsmittel jederzeit bei sich zu haben, mag verlockend erscheinen. Doch aufgrund unserer eigenen Erfahrungen mit Psychotherapeut*innen sind wir uns einig, dass sich die ständige Präsenz der App seltsam diffus und unpersönlich anfühlt. Das Gefühl der Stabilität, das durch den Ankerpunkt in der Woche entsteht, geht verloren. Die Vorfreude auf das Öffnen einer solchen App hält sich doch eher in Grenzen.

Selbst die präziseste Frage, die ein virtueller Assistent für psychische Gesundheit einem App-Nutzer stellen kann, ist das Ergebnis der Word2vec-Technik: einer algorithmischen Suche nach den wahrscheinlichsten Wörtern und Sätzen, die auf die Eingabe antworten können. „Die KI kann nicht erkennen, welche Antwort ich gerade brauche, in welche Richtung ich mich bewege. Sie kann mich nicht beruhigen, indem sie sagt, dass wir das schon schaffen werden oder dass sie sieht, dass es mir besser geht. Sie vergleicht meinen aktuellen Zustand nicht mit der individuellen Aufzeichnung, die sie wahrscheinlich aus anderen Gründen führt. Ich fände es sogar ziemlich beängstigend, wenn sie das täte. Man kann erkennen, dass es sich um KI-generierte Texte handelt, und es sind sogar Emojis dabei. Das wirkt auf mich wie ‚Wir wollen dir ein Achtsamkeitsseminar verkaufen‘. Wahrscheinlich sammelt die App die Antworten irgendwie, um zu lernen. Aber sie gibt dir ein furchtbar billiges Feedback im Sinne von toxischer Positivität: wie das Lächeln von Patrick Bateman aus American Psycho, der unbedingt dein Freund sein will“, bewertet Patricia ihre Gespräche mit der App.

Während des Gesprächs erwähnt sie auch den Begriff Gamification und schaut dann nach, welchen Status sie dank ihrer Aktivität auf ihrem Vos-Konto bereits erreicht hat. Es stellt sich heraus, dass ich einem „Mental Guru“ gegenübersitze – zumindest bewertet die App Patricia so. All die Blumen-, Smiley- oder Daumen-Hoch-Emojis und das Aufsteigen in der Rangliste sind für mich ein weiterer Beweis für die Infantilisierung der Unternehmenskommunikation. Als ob wir über nichts mehr – auch nicht über unsere Sorgen – außerhalb des von Instagram-Influencer-Profilen und coolen Start-ups definierten Rahmens sprechen könnten, wo die Menschen nicht nur Kollegen, sondern Freunde, ja sogar wie eine Familie sind.

Emotionale Bildung?

Plattformen, die sich auf psychische Gesundheit konzentrieren, werden dadurch eingeschränkt, dass die Summe der ausgewählten Komponenten, Verfahren und Instrumente der Psychotherapie nicht deren vollen Nutzen ergibt. „In der therapeutischen Beziehung kann etwas Wichtiges passieren, etwas, woran die Person in ihrem persönlichen Leben immer wieder scheitert und wodurch sie Verletzungen erleidet, und während der Therapie kann das zum ersten Mal anders laufen“, erwähnt die Psychologin Aneta Dorazilova. Im gleichen Atemzug fügt sie jedoch hinzu, dass Apps dort helfen können, wo es keine psychische Versorgung gibt: „Für junge Menschen, die aus benachteiligten Verhältnissen kommen – und davon wird es in unserem Land immer mehr geben, wenn man die Kinder ukrainischer Flüchtlinge mitzählt – können diese Plattformen zumindest ein Minimum an psychischer Versorgung und eine Art Erziehung zum gesunden Erleben von Emotionen sein. Meiner Meinung nach sind diese Apps nicht so sehr ein Ersatz für Psychotherapie als vielmehr für eine Art von emotionaler Erziehung, die in den Grundschulen fehlt.“

Illustration Vos 2 „Unsere Unsicherheiten und Leiden hinterlassen plötzlich einen digitalen Fußabdruck und sind jederzeit abrufbar.“ | Illustration: © Ondřej Trhoň für revue Prostor Wenn man sich umschaut, mit Freunden spricht oder auch nur die Website einer gesetzlichen Krankenkasse und deren Beratungsangebote aufruft, könnte man den Eindruck gewinnen, dass nicht jede*r Zugang zur Pflege hat, die oder der sie wünscht oder braucht. Angesichts der derzeitigen Kürzungspolitik ist zu befürchten, dass sich diese Situation noch verschärft. So bieten beispielsweise einige Universitäten in den USA aufgrund fehlender Mittel und Kapazitäten psychologische Betreuung per App an.

Das Team um den Medientheoretiker James N. Gilmore hat kürzlich eine Studie in der Fachzeitschrift Television & New Media veröffentlicht, die sich speziell mit der Entscheidung von Gesundheitseinrichtungen befasst, Apps im Rahmen der psychiatrischen Versorgung einzusetzen. Die Studie weist darauf hin, dass sich dadurch die Beziehung zwischen Patient*in und Therapeut*in verändert, so dass die erwartete Hilfe de facto zum Werkzeug selbst, zur Benutzerschnittstelle wird. Ohne unsere Aktivität ist die App inaktiv, eingefroren, sie wird nicht versuchen (abgesehen von den oft kontraproduktiven Benachrichtigungen), die Schale zu knacken, in der wir uns vielleicht verstecken. Die Arbeit wird – wie in der digitalen Wirtschaft auch – auf uns verlagert. Wir können überall und jederzeit an uns arbeiten. Aus diesem Grund bezeichnen Gilmore und sein Team ähnliche Anwendungen der unterstützten Therapie als Sackgasse. Es ist, so sagen sie, „eine Plattform, die auf einem normativen Verständnis von psychischer Gesundheit basiert, die gesundheitliche Ungleichheiten nicht anerkennt und stattdessen eine neoliberale Logik anwendet, um die Nutzer dazu zu bringen, ihre eigenen Daten als eine Form der Unterstützung, Arbeit und Pflege bereitzustellen. (...) Die Behandlung wird zu einer Reihe von Arbeitsaufgaben.“ Apps wie Vos bieten keine dialogische Betreuung und berücksichtigen nicht die komplexen Bedürfnisse, die sich aus der Vielschichtigkeit des menschlichen Lebens ergeben.

Digitale Psychotherapie in Zeiten der Pandemie

Ich habe mich immer gefragt, ob und was mit mir los ist. In der Schule haben wir die Grundlagen der Psychologie gelernt und ich habe versucht, mich in meinen Aufzeichnungen wiederzufinden. Ich wollte wissen, inwieweit die Beschreibung der grundlegenden Merkmale auf mich zutraf und was mein Problem war. Natürlich projizierte ich mich auch in die meisten anderen Artikel über psychische Gesundheit hinein, die ich regelmäßig im Internet las, wenn ich mich unwohl fühlte. Ich glaube, ich wollte in Therapie gehen, sie wirklich erleben, aber gleichzeitig war ich unsicher, ob ich das durfte – vielleicht reagierte ich doch nur zu empfindlich auf den Wechsel der Jahreszeiten.

Erst die Quarantäne hat das geändert. Nach dem ersten Jahr war klar, dass es so nicht weitergehen konnte, jedenfalls nicht ohne die Hilfe von anderen.
 

Illustration Vos 3 Illustration: © Ondřej Trhoň für revue Prostor

Natürlich erschwerte diese Ausnahmesituation einige Sitzungen, denn meine Treffen mit der Therapeutin fanden dann über Skype statt. In gewisser Weise fühlte ich mich in meine Teenagerzeit zurückversetzt, als diese Chat-Dienste Nähe simulierten und einen ungestörten Raum zwischen Menschen schufen, in dem man das Gespräch besser kontrollieren konnte als auf dem Schulflur. Aber wenn man plötzlich per Skype über so heikle Dinge sprechen muss, anstatt über alltägliche Teenagerprobleme, die man seinen Lieben normalerweise nicht erzählt, kann sich das sehr unpassend anfühlen.

Die Verbindung mit der Therapeutin kam ohne Probleme zustande – das hatten wir ja alle durch die Pandemie gelernt. Einmal wurde ich aber durch etwas aus der Ruhe gebracht, was ich in den normalen Sitzungen nicht erlebt hatte – Ekel vor meinem eigenen Abbild. Das auf dem Sofa ausgestreckte physische Ich konnte den Anblick des in der oberen Ecke des Bildschirms abgebildeten Ichs nicht ertragen, zwei verschiedene Personen, von denen die eine der anderen sagte, was sie fühlte.

Mir ging durch den Kopf: Was weißt du schon, du musst dich irren, du redest Blödsinn, so fühlst du dich nicht. Ich will ihn nicht mehr sehen, ich kann nicht wegschauen! Die Unsicherheit gegenüber meinem eigenen Gesicht verschwand nicht mit dem Schließen des Videofensters, ich sah das fremde Gesicht, den fremden Mund, die fremden Augen, die Nase immer noch im Spiegel.

Das Netz ist besessen von der psychischen Gesundheit

Plattformen für psychische Gesundheit geben unseren Gefühlen durch die persönliche Aufzeichnung einen Namen und machen sie so präsent, selbst wenn sie nur als medialisierte, vorübergehende imaginäre Therapiepraxen fungieren können.

In der Unerträglichkeit, in das eigene Gesicht zu schauen, materialisieren sich alle Zweifel und ein scheinbar verkrüppeltes Verhältnis zu sich selbst. In solchen Momenten malt die Maschine ein Porträt von uns, das wir in diesem Augenblick vielleicht gar nicht sehen sollten. Angstzustände oder depressive Episoden ähneln einer Rückkopplungsschleife, die in Form eines Lernalgorithmus genau der Computertechnologie ähnelt, mit der wir sie zu lösen versuchen. Wenn wir in Gewissensbissen oder Selbstvorwürfen über unser Unglück stecken bleiben, gibt es schließlich oft keine andere Möglichkeit, da psychologische Hilfe häufig nicht verfügbar ist.
 

Illustration Vos 5 Illustration: © Ondřej Trhoň für revue Prostor

Das wird deutlich, wenn man sich die am stärksten frequentierten Knotenpunkte im Internet ansieht. Die sozialen Netzwerke wimmeln nur so von Inhalten zur psychischen Gesundheit (und dabei haben mich meine Algorithmen wahrscheinlich noch nicht mal als ein geeignetes Ziel für solche Inhalte ausgemacht!) wie billigem Trost und der Einbettung in einen sicheren Kokon der Affirmation. Man kann sich durch diverse, höchst beruhigende Bilder scrollen, die Achtsamkeit vermitteln sollen (wie kann man all die Probleme der heutigen Welt ignorieren, wenn der Kopf so voll ist?), oder durch reddit-Threads, in denen die Diskutierenden auf ernstgemeinte Fragen und einen Haufen Argumente, warum man sich nicht umbringen sollte, reagieren. Dazu gehören Bekenntnisse von Influencer*innen aus unzähligen verschiedenen Communities zu verschiedenen unangenehmen Zuständen und Erfahrungen mit diesen, Selbstdiagnosen vor einem beliebigen Publikum von New-TV-TikTok oder eine ganze zweifelhafte Spirale von Schlüsselwort-Dopamin-Inhalten über die „richtige Dosierung“.

Der digitale Fußabdruck unseres Elends

Offenbar sind selbst die Mainstream-Plattformen vom Schreckgespenst des unsichtbaren Leidens besessen, und dieses Gespenst tritt immer deutlicher in Erscheinung. Themen der psychischen Gesundheit finden ihren Weg zu uns, selbst wenn wir nicht besonders interessiert oder betroffen sind. Unser digitales Leben auf Metaplattformen hat einen unbestreitbaren Einfluss auf unseren psychischen Zustand – se-i es durch die Inhalte im Allgemeinen oder den Diskurs. Letzterer ist widersprüchlich, deklarativ heilend (#selfcare), zugleich befreiend und bindend, er lädt dazu ein den Grad einer Depression zu berechnen und zu vergleichen.

Apps, die Therapien simulieren, sind nur ein kleiner Bestandteil dieser Maschine für jede Art von Gefühl – die, die wir in Therapiepraxen hinterlassen, und solche, die wir in den digitalen Services preisgeben. Unsere Unsicherheiten und Leiden hinterlassen plötzlich einen digitalen Fußabdruck und sind jederzeit abrufbar. Für mich zumindest ist aber der klar definierte Raum gerade ein wertvolles Merkmal der Therapie. Diesen kann ich für eine Weile nach Belieben mit meinen Problemen füllen, auch dank einer allmählich aufgebauten Beziehung.
 

Illustration Vos 4 Illustration: © Ondřej Trhoň für revue Prostor

Dabei könnte man meinen, dass virtuelle Praxen einen ähnlichen Ablageort bieten, wobei man sie angesichts ihrer Form eher als psychologische Hubs bezeichnen sollte. Denn ihre offensichtliche mediale Natur ruft ein Gefühl von zumindest teilweiser Anonymität hervor. Wie auch bei Online-Diskussionen wird niemand dein Gesicht sehen, egal von wie vielen erschütternden Gemütszuständen du der App erzählst. Die vollständige Sicherheit ist jedoch schwer zu überprüfen, da in der heutigen digitalen Wirtschaft nur wenige Dienste darauf verzichten, Daten zu sammeln - und sei es nur, um ihre eigenen Funktionen zu verbessern.

Ein derartig eng abgegrenzter Raum mag sicher erscheinen, und bis zu einem gewissen Grad ist er das wahrscheinlich auch: Die Informationen, auf die die Nutzer zugreifen, sind vermutlich verschlüsselt und nur für sie selbst und möglicherweise ihre Unterstützer bei ihrer Suche nach einer glücklicheren Version ihrer selbst bestimmt. Aber gleichzeitig scheinen sie den Eindruck zu säen, zu kultivieren und zu bewässern, dass unsere geistige Gesundheit unsere eigene Angelegenheit ist, und dass wir unser Profil nach unserem eigenen Bild optimieren können, wenn wir es nur genug pflegen. Dies entspricht der Logik anderer Internetdienste, die in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren aus dem Boden geschossen sind. Wenn du deine digitalisierte Identität mit genügend Input fütterst, wartet (hoffentlich) eine Belohnung auf dich – und vielleicht das Gefühl, „etwas für dein Wohlbefinden“ getan zu haben. So wie du auf Instagram eine attraktive und nahbare Identität für ein flüchtiges Online-Publikum aufbauen kannst, werden die richtigen Praktiken dich zu einem besseren Menschen machen. Personalisierte Pflege für die mediatisierte Persona. Wir finden alles selbst heraus, als Individuen, ganz bequem, nur mit unserem smarten Gerät...

Nachfrage und Angebot schaffen

Das allgegenwärtige Miasma des Individualismus hat schon viele Bereiche infiziert. Viel zu lange haben wir uns mit dem Schluss abgefunden, dass wir selbst an unserem Elend schuld sind. Vielleicht sind wir das. Aber in der relativ kurzen Zeit, in der ich mich in Therapie befinde und versuche, auch nur einen Augenblick Linderung zu finden, erscheint mir die Psyche als ein verworrenes Netz von Einflüssen, Variablen, Unsicherheiten, Widersprüchen und Gegensätzen, Ambivalenzen, Erinnerungen, überwundenen und vertriebenen Sorgen, Ängsten, persönlichen Geschichten und am Ende auch Meinungen. Affirmationen sind dazu da, unser Selbstwertgefühl zu stärken und uns davon zu überzeugen, dass Probleme irgendwie gelöst werden können. Sie sind also immer noch kleine, aber wichtige Pfeiler, die das Ethos der Eigenverantwortung stützen. Sie suggerieren die Möglichkeit, aus den ererbten Klassenverhältnissen im „bestmöglichen System“ auszubrechen und durch eigene Anstrengung die harten Stunden, Tage, Monate, Jahre (?) der psychischen Beschwerden zu überwinden.

Aber es sind nie nur wir allein. Wie wir uns fühlen, ist das Ergebnis sozialer Vektoren, die mit unserem inneren Gemütszustand verwoben sind. Über unsere Bildschirme, die eine beruhigende Atmosphäre ausstrahlen, erfahren wir vielleicht, wie es uns heute geht. Vielleicht werden wir auch gefragt, warum. Und vielleicht ergeben sich daraus ziemlich lebhafte Gespräche. Aber ist es nicht auch wichtig, vor wem wir weinen und wem wir uns ausliefern? Apps erfordern im Allgemeinen Interaktionen; wir agieren in ihnen, indem wir standardisierte Gesten verwenden, um unsere Absicht in Übereinstimmung mit ihrer Funktionalität auszudrücken. Und mich hält dabei oft nur der Gedanke über Wasser, dass ich niemanden enttäuschen will.

Sollte man sich in einer Zeit, in der Apps wie Vos immer beliebter werden, nicht endlich eingestehen, dass ihre Popularität kein großer Erfolg ist, sondern ein Symptom für ein lange vernachlässigtes Problem der Welt, in der wir leben, das auch eine Affirmation pro Tag nicht lösen kann? Und sollte man nicht deshalb den Entschluss fassen, die technologisierte Logik zumindest in einigen Bereichen unseres Lebens nicht zuzulassen – weil wir die psychische Gesundheit vielleicht nicht als einen weiteren ungenutzten Bereich betrachten müssen, in den die Investitionen munter hineinfließen können.

Das Kapital schafft durch seinen Druck in Sachen Leistung, Eigenverantwortung und „harter Arbeit“ weitere Ressourcen für sein eigenes Wachstum. Meine Depression – vertieft durch Visionen von sozialen und klimatischen Umbrüchen – wird dann den nächsten Investoren ihre Wohnungen sichern. Und ich befürchte, dass Vos und deren Mitbewerber mir dann auch nicht helfen werden.

Perspectives_Logo Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Revue Prostor, einer unserer Medienpartner für PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

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