In diesem Jahr wurde in Charkiw die zehnte unterirdische Schule eröffnet. Die Kinder gehen durch die Flure, setzen sich an ihre Schulbänke und bereiten sich auf den Unterricht vor. Nur wenige Meter über ihren Köpfen liegt die Stadt, die täglich Ziel russischer Raketen- und Drohnenangriffe ist. Hier unten, unter der Erde, lernen sie Mathematik, Ukrainisch und Geschichte, diskutieren mit ihren Mitschüler*innn und heben die Hand, wenn sie die Antwort wissen. Danach verlassen sie das Schulgebäude und kehren zum Fernunterricht zurück, so wie einst während der Covid-19-Pandemie.
Die Erfahrung der Pandemie unter Kriegsbedingungen
Charkiw ist eine der frontnahen Städte der Ukraine, in der Schülerinnen und Schüler bereits seit mehr als sechs Jahren online oder im Hybridunterricht lernen. Zunächst ab dem Jahr 2020 wegen der Pandemie, dann wegen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Die Stadt liegt nur etwa 25 Kilometer von der Frontlinie entfernt, und diese Nähe ist rund um die Uhr spürbar.Die Kinder, die im hybriden Format unterrichtet werden, kommen zweimal pro Woche in die unterirdische Schule, an den übrigen Tagen nehmen sie online am Unterricht teil, sagt Julia Haplevska, Leiterin des Lyzeums Nr. 152 in Charkiw. Die Räumlichkeiten dieser unterirdischen Schule werden außerdem noch von sieben weiteren Bildungseinrichtungen genutzt. An Wochentagen findet hier Unterricht für die älteren Schülerinnen und Schüler statt, und am Wochenende werden die Räumlichkeiten für Aktivitäten mit Vorschulkindern genutzt.
Die Lehrerinnen des Lyzeums Nr. 152 in Charkiw, Anzhelika Nikishyna und Viktoria Kryvsha, sowie die Schulleiterin Julia Haplevska (von links nach rechts) | Foto: © Julia Haplevska
„Wir waren verzweifelt, weil wir nicht wussten, was wir tun und wie wir den Unterricht organisieren sollten. Zunächst nutzten wir Messenger-Dienste wie Telegram oder Viber“, erinnert sich Anzhelikas Kollegin Viktoria Kryvsha, stellvertretende Leiterin für pädagogische Arbeit am Lyzeum Nr. 87 in Charkiw. „Dann begannen wir, Fortbildungskurse zu besuchen, machten uns mit Zoom und Google Meet vertraut und richteten Google Classroom ein.“
Als die Pandemie nachließ, kehrten die Kinder in ihre Klassen zurück. Allerdings nicht für lange. Nach dem Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine geriet Charkiw erneut in eine Situation, in der Präsenzunterricht unmöglich wurde. Ein Teil der Schüler*innen und Lehrer*innen verließ nicht nur die Stadt, sondern auch das Land. Andere blieben zwar, doch in einer Stadt, die ständig unter russischem Beschuss stand, war eine Rückkehr zum normalen Schulalltag unrealistisch.
Laut Julia Bilyk, Leiterin der Programme zum Wiederaufbau des Bildungswesens bei der gemeinnützigen Organisation Lehre für die Ukraine (Навчай для України), haben die Erfahrungen aus der Pandemie den ukrainischen Schulen zu Beginn des umfassenden Krieges erheblich geholfen: „Dadurch konnte ein vollständiger Zusammenbruch des Bildungsprozesses vermieden und der Unterricht relativ schnell wieder aufgenommen werden. Eine besondere Herausforderung stellte die psychische und emotionale Unterstützung der Kinder dar. Die Pandemie und der Krieg haben die Rolle der Lehrkräfte verändert – sie müssen nun nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch eine Quelle psychologischer Unterstützung sein.“
Lehrkräfte, die bereits Erfahrung mit Fernunterricht hatten, führten ihren Unterricht aus verschiedenen sichereren Städten in der Ukraine und aus dem Ausland durch. Wenn Zoom nicht funktionierte, wechselten sie zu Google Meet. Wenn die Internetverbindung ausfiel, erhielten die Schülerinnen und Schüler über elektronische Klassenbücher, Videokurse und die Allukrainische Online-Schule (Всеукраїнська школа онлайн) Zugang zu den Unterrichtsmaterialien, berichtet die Chemie- und Biologielehrerin Anzhelika Nikishyna.
„Darf ich ein Lied singen?“
Laut der Leiterin des Lyzeums Nr. 152 in Charkiw, Julia Haplevska, leben derzeit etwa 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Einrichtung im Ausland, lernen aber weiterhin im ukrainischen Bildungssystem und nehmen am Online-Unterricht teil. „Sie bleiben unsere Schülerinnen und Schüler, und wir freuen uns, dass unsere Kinder im Ausland weiterhin eine ukrainische Schulausbildung erhalten möchten und sich per Fernunterricht zuschalten. Außerdem gibt es Kinder, die sich zwar in der Ukraine, aber nicht in Charkiw befinden und ihre Heimatschulen nicht verlassen möchten. Deshalb setzen sie ihre Ausbildung bei uns fort und nehmen ebenfalls online am Unterricht teil.“Einer dieser Schüler lebt derzeit in Bulgarien. Die Lehrerin Anzhelika Nikishyna erzählt, dass sein Vater im Krieg kämpft und der Junge selbst zusammen mit seiner Mutter und seiner Großmutter ins Ausland gegangen ist. Die Familie hätte ihn in eine örtliche Schule einschulen lassen können, entschied sich jedoch dafür, ihn im ukrainischen Bildungssystem zu belassen, damit er seine Schulausbildung gemeinsam mit seiner Klasse fortsetzen kann.
„Er ist ein sehr guter Schüler, sehr fleißig“, erzählt Nikishyna. „Er ist so zufrieden, dass er sogar an den außerschulischen Aktivitäten teilnimmt. Wir stellen eine Internetverbindung her, und die Kinder, die im Ausland sind, spielen und arbeiten gemeinsam mit denen in der Ukraine in Gruppen. Einmal stand er auf und sagte: ‚Darf ich ein Lied singen?‘ Der Junge ist sich bewusst, wie wichtig diese Gruppe, diese Identität für ihn ist. Psychisch und emotional bleibt er weiterhin Teil seiner Gemeinschaft.“
„NASA-Mini-Station“
Das bewährte Online-Format ermöglichte es nicht nur den Schüler*innen, die ins Ausland gegangen waren, sondern auch den Lehrkräften selbst, den Unterricht fortzusetzen. „Wenn eine Lehrerin nicht zur Arbeit kommen kann, weil in der Nähe Explosionen stattfinden, sie zu ihrer Familie gefahren ist oder sich für eine gewisse Zeit im Ausland aufhält – kann sie trotzdem Unterricht halten. Wir haben Lehrerinnen, deren Ehemänner beim Militär dienen, und die zu ihnen fahren. Aber auch dann können sie arbeiten. Mobiler zu sein bedeutet, dass man sich einloggen und eine Unterrichtsstunde oder zum Beispiel eine Klassenarbeit sogar aus dem Zug heraus durchführen kann“, sagt Nikishyna.„Wir haben ein System aus synchronen und asynchronen Unterrichtsstunden. Bei einer asynchronen Unterrichtsstunde muss der Lehrer, wenn es sich um einen praktischen Teil handelt, nicht ständig anwesend sein, da die Kinder die Aufgaben selbstständig bearbeiten und zur Korrektur einreichen“, erklärt sie.
Fernunterricht erfordert vor allem entsprechende technische Ausstattung. „Ganz am Anfang war es sehr schwierig, da die meisten nur Handys hatten – angefangen bei den Lehrkräften selbst. Aber gerade an unserer Schule erhielten wir während der Corona-Pandemie technische Ausstattung, sodass die Lehrkräfte mit den Laptops der Schule arbeiten konnten“, erzählt Anzhelika Nikishyna.
Später gelang es der Schule, auch den Bedarf der Schülerinnen und Schüler an Technik teilweise zu decken. Während des Krieges hat die Schule zusätzliche Laptops angeschafft und stellt diese nun Kindern aus einkommensschwachen und kinderreichen Familien, Binnenvertriebenen sowie Kindern aus Familien, die nicht die Möglichkeit haben, die notwendige Technik selbst anzuschaffen, vorübergehend zur Verfügung.
Zudem muss man sich nicht nur an Beschüsse, sondern auch an Stromausfälle anpassen. Wenn zu Hause kein Strom vorhanden war oder keine sicheren Arbeitsbedingungen herrschten, kamen die Lehrkräfte manchmal in die Schule und arbeiteten aus einem Schutzraum heraus. Während der Stromausfälle nutzten sie gleich mehrere Geräte gleichzeitig und behielten deren Akkustand ständig im Auge.
„Ich arbeite wie eine Mini-Station der NASA“, scherzt die Chemielehrerin Anzhelika Nikishyna. „Hier habe ich mein Tablet, hier meinen Laptop und hier mein Handy.“ Die Lehrer haben sich verschiedene Ladegeräte zugelegt. Wenn ein Gerät leer ist und ich noch sieben Unterrichtsstunden vor mir habe, wechsle ich einfach zum nächsten. Und die Kinder wissen, welche Aufgaben sie erledigen müssen, denn hier ist bereits alles geplant und im elektronischen Klassenbuch gespeichert.“
Wenn die Verbindung zum Unterricht nicht zustande kommt, können die Schüler*innen den Stoff selbstständig im elektronischen Schulheft bearbeiten. Die Lehrenden hinterlegen dort im Voraus Aufgaben und zusätzliche Materialien, insbesondere Erklärvideos.
Für solche Situationen nutzen die Lehrkräfte außerdem Materialien der Allukrainischen Online-Schule. Die Schüler*innen können sich die Erklärungen ansehen, sobald sie wieder Zugang zu Strom und Internet haben, und ihren Lehrer*innen ihre Fragen später stellen. Diesen Ansatz bezeichnet die Lehrerin als „umgekehrten Unterricht“: Zunächst erarbeitet sich das Kind den Stoff selbstständig und bespricht erst danach mit dem Lehrer, was noch unklar geblieben ist.
Kinder in der unterirdischen Schule während des Unterrichts. | Foto: © Julia Haplevska
Erschöpfung durch den „Online-Unterricht“
Obwohl die Schulen während der Pandemie und des Krieges gelernt haben, auch unter Bedingungen wie Beschuss, Stromausfällen und der erzwungenen Migration von Schüler*innen und Lehrer*innen zu arbeiten, ist der Fernunterricht kein vollwertiger Ersatz für den Unterricht im Klassenzimmer geworden. Lehrende räumen ein: Digitale Werkzeuge haben zwar die Kontinuität des Unterrichts gewährleistet, können jedoch die persönliche Interaktion zwischen Lehrkraft und Kind nicht vollständig ersetzen.Die Leiterin des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie an der Vasyl-Stefanyk-Karpaten-Universität, Dr. phil. Natalia Saveliuk, betont, dass Fernunterricht für Kinder nicht nur eine andere Unterrichtsform darstellt, sondern auch eine zusätzliche psychische Belastung ist: „Zuerst Covid, dann der Krieg – wir hatten praktisch keine Pause. Es herrscht weiterhin ein allgemeines Klima erhöhter Gefahr. Folglich hält der chronische oder sogar traumatische Stress an. Und das kann bei einem Kind erhöhte Ängstlichkeit hervorrufen. Fernunterricht kann sich je nach den individuellen Eigenschaften des Kindes unterschiedlich auf dessen Psyche auswirken. Es gibt jedoch einen allgemeinen Trend: Kurzfristiger Stress kann mobilisieren, während anhaltende Anspannung hingegen erschöpft und die Konzentrations- sowie Lernfähigkeit beeinträchtigt. Wenn dies über Jahre hinweg andauert, sind die Kinder erschöpft, und die Qualität des Lernens sinkt.“
Das Online-Format hat den Lernprozess selbst verändert. Natalia Saveliuk erklärt, dass es für die Lehrkraft im Klassenzimmer leichter ist, einem Kind Rückmeldung zu geben und seine Arbeit zu kontrollieren, was wiederum zur Selbstkontrolle führt. Online ist dies schwieriger: „Zu Hause liegt ein Teil der Verantwortung beim Schüler selbst – er muss seine Zeit selbst einteilen, dem Lehrer zuhören, Aufgaben erledigen und seine eigene Arbeit kontrollieren. Andererseits ist es vielleicht gerade das, was echte Selbstkontrolle ausmacht, wenn das Kind zu Hause ist und sich selbst organisieren muss.“
Neben den psychologischen Herausforderungen sah sich das Bildungssystem auch mit einem weiteren Problem konfrontiert – den Bildungsverlusten. Laut der ehemaligen Bildungsministerin (2019–2020) und heutigen Mitbegründerin der internationalen Wohltätigkeitsstiftung savED, Hanna Novosad, sind sie zu einer der Hauptfolgen geworden: „Wenn ein Kind über mehrere Jahre hinweg nur bruchstückhaft lernt, den Unterricht aufgrund von Ängsten, Umzügen oder Stromausfällen versäumt, sammeln sich nach und nach Wissenslücken an. Und diese betreffen nicht mehr nur ein einzelnes Thema in Mathematik oder Ukrainisch. Ab einem bestimmten Punkt fällt es dem Kind schwerer, den nächsten Stoff zu verstehen, da die Grundlagen nicht gefestigt sind. Ein weiteres Problem, das oft unterschätzt wird, ist die Erschöpfung. Kinder, Lehrkräfte und Eltern sind vom Fernunterricht erschöpft. Seit Beginn der Pandemie vor sechs Jahren gab es im ukrainischen Bildungswesen praktisch keine längere Phase mit stabilem, regulärem Unterricht. Deshalb ist es für uns jetzt wichtig, den Kindern nicht nur den Zugang zum Unterricht zu gewährleisten, sondern ihnen überall, wo es möglich ist, wieder ein vollwertiges Bildungsumfeld zu bieten.“
Lyzeum Nr. 152 in Charkiw | Foto: © Julia Haplevska
Auch der Bau unterirdischer Schulen ist teurer geworden. Während die erste etwa 77 Millionen Hrywen (damals etwa 1,83 Millionen Euro) kostete, belaufen sich die Kosten für eine solche Schule heute auf 130 bis 150 Millionen (etwa 2,5 bis 2,9 Millionen Euro). Laut Terekhov hängt dies mit den gestiegenen Kosten für Baumaterialien und den komplexen technischen Anforderungen zusammen. Gleichzeitig wurden in Charkiw aber bereits zwei weitere Projekte für unterirdische Schulen vorbereitet – nun warten sie auf die Finanzierung.
Covid-19 hat den ukrainischen Schulen gezeigt, dass sie den Unterricht auch dann fortführen müssen, wenn die Klassenzimmer leer stehen. Während des Krieges wurde diese Fähigkeit zu einem Mittel, um den Unterricht aufrechtzuerhalten. Doch nun steht die Schule vor der Aufgabe den Kindern das zurückzugeben, was kein Bildschirm bieten kann: den lebendigen Unterricht, die Gemeinschaft und das Gefühl, dass Schule mehr ist als nur Online-Unterricht.
Oktober 2026