Bad Trip Der Eimer für den totalen Rausch

Bad trip Foto: Ben Koorengevel via unsplash | CC0 1.0

Drogen können nicht nur betörend, sondern auch verbindend sein. Aber was macht das mit unseren Beziehungen? Sehen wir die Menschen unter Drogeneinfluss anders? Und wie ist es, aus dieser Täuschung zu erwachen? Bernardeta Babáková schreibt in ihrer Kurzgeschichte darüber, wie es ist, einen Bad Trip durchzumachen.

Es ist eigentlich noch immer eine ruhige Zeit, sinnlos verstreichende Jahre. Hier und da bildet sich auf meiner Stirn ein roter Fleck, ich bin nicht direkt überarbeitet, habe aber neben der Arbeit auch keine Kraft für irgendwas anderes. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich fünfundzwanzig bin oder vierzig. Ich habe in den letzten Jahren nicht viel gelesen, insgesamt wenig von Kunst und Kultur mitbekommen, im Unterschied zu Petr, der regelmäßig mit einer aus dem Bereich anbandelt, sei es eine Schauspielerin, eine Modedesignerin (das war eine ganz seltsame Bekanntschaft), eine Bildhauerin oder eine Kunsthistorikerin aus irgendeinem Büro. Ich mochte immer am liebsten Filme und Bücher, aber zu denen gibt es halt meistens keine Partys mit Sektempfang, in die man sich reinzecken kann, ohne auf der Gästeliste zu stehen.

Aber heute ist alles anders. Wir gehen zu einer Veranstaltung, auf die Petr von einer Frau eingeladen wurde, „die echt Ahnung hat“. Sie ist mindestens zehn Jahre jünger als wir und „irgendwas“ hat sie.

Mit anderen gehe ich Tennis spielen oder klettern, mit Petr gehe ich zu Vernissagen und Premieren – dann, wenn die Reden schon vorbei sind und die Etikette es erlaubt, die Paprikachipskrümel wegzufuttern. Und an einem bestimmten Punkt im Verlauf solcher Abende beginnen die Leute immer, sich in den Bereich der Garderoben und Toiletten zu schleichen, das beobachte ich schon seit langer Zeit. Ich weiß ganz genau, warum sie verschwinden und dass sie vermutlich nicht in die Tiefen der Abwasserkanäle tauchen, als wären es karibische Wellen (ich liebe diese Szene aus Trainspotting). Auch ist mir klar, dass das nur was für Auserwählte ist, auf Einladung. Ungefähr so wie Clubhouse oder die Freimaurerloge. Petr ist ein etwas abgerissener Typ, ein Dichter eher vom Gestus her, nicht vom künstlerischen Standpunkt, und so war er zwar immer in der Position des Aspiranten, doch er kam und kam nicht weiter.

Die doppelte Ontologie

Wenn sich so eine Gesellschaft definitiv in Grüppchen aufgeteilt hat und wir beide auf uns selbst verwiesen bleiben, ziehen wir uns in der Regel noch einen Dübel rein, über den Petr nie vergisst zu verkünden, dass er „genau die richtige Länge“ hat, saugen die Reste vom Buffet in uns hinein und machen uns zu Fuß auf den Nachhauseweg, mit dem Gefühl einer unerfüllten Erwartung und dem unterdrückten Vorwurf eines vergeudeten Abends.
 
Aber heute ist alles anders. Wir gehen zu einer Veranstaltung, auf die Petr von einer Frau eingeladen wurde, „die echt Ahnung hat“. Sie ist mindestens zehn Jahre jünger als wir und „irgendwas“ hat sie. Ich weiß zwar nicht, ob es der Lippenstift ist, die Augenform, der selbstbewusst getragene hässliche Haarschnitt oder dass sie mal mit einem wichtigen Typen im Bett war. Jedenfalls spüre ich ein Ziehen im Magen, als sie kommt um uns am Eingang der Galerie abzuholen, die einmal Teil einer Maschinenfabrik war und dreißig Jahre nach der Privatisierung zu einem aus Eisenbeton und Glas bestehenden art district geworden ist.

Wir rauchen Zigaretten, dort, wo sich früher Metallarbeiter und Schweißer in die Schlange drängelten um in die Schicht einzustempeln, wir nehmen uns Drinks (es gibt nur noch warm gewordenen süßen Weißwein), wir folgen Petrs Bekanntschaft, die von Gruppe zu Gruppe geht, bis wir stehen bleiben und einem Paar zuhören (sehen beide ziemlich fertig aus), das sich über Kunstprojekte „mit doppelter Ontologie“ unterhält. Sie sind ziemlich ähnlich gekleidet wie ich (schlecht, nachlässig, unschön), was ich erfreulich finde. Ins Gespräch komme ich nicht so richtig rein, also lasse ich Petr reden, nach einer Weile wühlt der „Ontologe“ in seinen Hosentaschen, ballt die Faust neben dem Gurt seines abgetragenen Hip Bags (alle hier tragen Hip Bags auf der Hüfte oder über der Brust) und fragt leise, gehen wir, oder?

Frenetische Debatte über die Faschos

Mein Magen verkrampft sich, als wir langsam im Labyrinth der hinteren Flure verschwinden, die von den Funktionsräumen weiter ins Depot führen, und dieses Gefühl wird mich bis zum Morgen nicht verlassen.

„Weißt du noch, wie wir mal aus alten Plastikwasserflaschen ’ne Bong gebaut haben?“, fragt Petr und gibt mir eine zusammengerollte Straßenbahnfahrkarte. Abgestempelt um 21:15.

Die haben sich das halt in den Kaffee gekippt! Da haben die Hausfrauen Crystal zwischen den Zähnen zerdrückt, gegen Kopfschmerzen, kannst du dir heute vorstellen, das würde deine Nachbarin machen? Oder deine Mutter?“

„Und dann den Kopf in den Eimer von der Hausmeisterin gesteckt haben? Das hier ist viel besser, viel stärker, das hier bringt dich echt mal ganz woanders hin.“ Ob ich da hin will, weiß ich nicht, aber statt Zweifel oder Zögern zu äußern, blöke ich nur: „Der Eimer für den totalen Rausch.“
 
„Ist das dieses Buch? Über Drogen im Dritten Reich“, reagiert die Freundin des Ontologen auf mich, ohne die Augen vom Display des Smartphones abzuwenden, das Petr hält und auf dem noch viel „Material“ auf uns wartet.
 
„Das ist superkrass! Wenn ich ein einziges Mal Sympathie für die Faschos empfunden hab, dann in dem Moment, als ich das mit den Drogenexperimenten gelesen hab!“ Petr und der Ontologe sind schon mitten in einer frenetischen Debatte, in der sie Teile der Forschung zur Geschichte der Drogen in Nazideutschland aus dem Gedächtnis zitieren, „die haben sich das halt in den Kaffee gekippt! Da haben die Hausfrauen Crystal zwischen den Zähnen zerdrückt, gegen Kopfschmerzen, kannst du dir heute vorstellen, das würde deine Nachbarin machen? Oder deine Mutter?“

Einsam wie eine Primzahl

Erhobene Stimmen und neurotische Bewegungen, Spasmus und entgleitende Kiefer. Diese Welle körperlicher Äußerungen ergoss sich auf meine Begleiter, floss von einem auf den anderen über. Vielleicht lag es daran, dass ich mich nicht zu den anderen direkt auf den Boden gesetzt habe, oder daran, dass ich das fünfte Rad am Wagen war neben den Pärchen, einsam wie eine Primzahl. Jedenfalls machte die Welle an Euphorie, die sich der anderen bemächtigte, einen Bogen um mich. Mir war nicht zum Lachen oder Quatschen zumute. Das Material ging noch einmal im Uhrzeigersinn rum, hat aber an meinem Zustand nicht groß was verändert. Ich rieb es mir über Nase und Zahnfleisch, wie ich es beim Ontologen gesehen hatte. Zog mir die Kapuze über den Kopf. Hörte auf, darauf zu achten, worüber sie sprachen, hörte auf, die formulierten Wörter zu verstehen.
 
Ich falle tiefer und tiefer in mich selbst hinein, in den zerlumpten Kapuzenpulli, in den ich mich einkuscheln will, in den Hocker, in den Putz, ins Mauerwerk und noch tiefer, durch die Fluchtwege, die Exponate im Depot, zwischen die einzelnen Leinwände, ihre Fasern, ihre Rahmen, ich durchdringe das finstere Labyrinth der Primfaktoren, aus denen die Welt besteht, das mir immer mehr wie ein kristallener Käfig erscheint, in den ich unausweichlich fallen muss. Und dann ist da nur noch die Dunkelheit, die von der Kristallstruktur durchschnitten wird, mein Magen ist verkrampft, und mir ist abartig schlecht, mein Darm windet sich im Bauch herum wie Leviathan, am Gaumen schmecke ich alle chemischen Formeln, die ich im Chemieunterricht mal gelernt hab, zerlegt in Primfaktoren.

Zu viel vergiftete Dunkelheit geschluckt

Ich spüre, dass meine Zunge von einer grauen, klebrigen Hülle überzogen ist, als hätte sie jemand in Plastik eingewickelt. Die Spucke wird auf meinen Lippen hart, und das dauert genau so lange, wie wenn in Höhlen aus kleinen Tropfen durch langsames Rinnen Stalaktiten entstehen. Das kristallene Licht wird schwächer, und mir wird bewusst, dass ich durch ein Zeitloch gefallen, dass ich ein vereinsamter Cro-Magnon-Mensch bin und mein Zufluchtsort ganz von Staub überdeckt ist. Irgendwo glühen die letzten Kohlen ab, ich kann nur noch planen, was ich mit dem Leben noch mache, bis ich erstickt bin. Am besten wäre wohl, mich zu einem Knäuel zusammenzukringeln, aber ich kann mich nicht bewegen.

Ich spüre meine Beine nicht und kann mich nicht entsinnen, wann ich zum letzten Mal die Oberschenkelmuskulatur anspannen konnte. Ich muss sie verloren haben.

Ich suche meine Hände, vergeblich. Den Kopf ein Stück zu drehen dauert Stunden, außerdem führt es zu unangenehmen Regungen in der Magengegend. Ich spüre meine Beine nicht und kann mich nicht entsinnen, wann ich zum letzten Mal die Oberschenkelmuskulatur anspannen konnte. Ich muss sie verloren haben. Und als nächstes den Rest des Körpers bis zum Hals. Ich versuche zu schlucken, aber meine Kehle ist versteinert. Ich habe zu viel vergiftete Dunkelheit geschluckt.
 
„Wir gehen zu mir“, sagt Petrs Begleiterin und nimmt mich fest an die Hand. Als würde neben meinem Kopf eine Seifenblase zerplatzen, voll dichter Dunkelheit. Ich fühle mich in diese „Darkness“ eingewickelt, als hätte mich jemand mit Frischhaltefolie überzogen, aber ich stehe auf. Die Beine sind da, wo sie hingehören, und ohne dass ich darüber sonderlich nachdenken müsste, gehe ich los. Irgendwo weit weg erblicke ich Petr und den Ontologen mit der anderen Frau, sie ergeben zusammen eine Art Büschel. „Der kommt nach. Wenn er will“, sagt die Begleiterin von Petr in dessen Richtung. Ich nicke. Fest drücke ich ihre feuchte Hand und lasse mich führen. Draußen an der frischen Luft muss ich mich schlagartig übergeben.

Ich brauche es kuschelig!

Wieder dieses Schwanken im Magen. Wir fahren mit dem Aufzug. Ich, sie. Sie zieht mir den Pulli aus – ich brauche es kuschelig! – wir wickeln uns in Decken. Ich nehme wahr, dass ihre Haare nach Rauch riechen. Ich ziehe mir alles aus, ich bleibe in Darkness gehüllt, wie eine Kirsche in Schokolade. Küssen wir uns? Sind wir eingeschlafen? Ich bin auf jeden Fall eingeschlafen. Ich wache auf im Dämmerlicht, allein, und ich höre was. Ich taumle durch die leere Wohnung, bis mich wieder ihre Hand erwischt und mich ins Badezimmer zieht. Hier sind sechs Leute, aber nur wegen der Spiegel, die bis zur Decke reichen. In Schaum und warmem Wasser sehe ich Petr, „dir fehlt ja nur noch Poseidons Dreizack“.
 
Sie steckt mich zu Petr in die Wanne. Ich wehre mich nicht, ich will mir den durchsichtigen Film von der Haut waschen, der mich einhüllt und gefangen hält wie eine Möwe in einem Ölteppich. Ich tauche irgendwohin ganz tief unter, aber ihre Hand zieht mich im richtigen Moment wieder zurück. Berühren wir uns? Verschmelzen wir? Wir lösen uns auf.

Ich schaue auf die Uhr und zwinge mich einen Zahn zuzulegen. In den Ohren nehme ich meinen Herzschlag wahr. Der Magen, der sich den ganzen Tag brav in mein Inneres zurückgezogen hat, meldet sich geräuschvoll.

Ich quäle mich in langsamem Laufschritt bergauf, es sticht mir in den Lungen, an der rechten Schulter drückt der unbequeme Rucksack. Ich spüre, wie ich rot werde. Ich schaue auf die Uhr und zwinge mich einen Zahn zuzulegen. In den Ohren nehme ich meinen Herzschlag wahr. Der Magen, der sich den ganzen Tag brav in mein Inneres zurückgezogen hat, meldet sich geräuschvoll. Mir fällt auf, wie groß mein Hunger schon den ganzen Tag ist. Wenn die Schuhe sich in den nicht befestigten Untergrund graben (ich hab den Weg quer übers Feld genommen, um den Bus im Nachbardorf zu erwischen, bevor es dunkel wird), fährt mir blitzartig durch den Kopf, dass ich vor einer Woche um diese Zeit die letzten Seifenblasen von mir gepustet hab und zwischen Petr und einer Frau zusammengekauert eingeschlafen bin. Wie in einem bekloppten französischen Film.

Irgendwas war verschwunden

Mitten in der Arbeitswoche erwähnte Petr, dass sie wieder „wohin“ gehen. Ich traf sie beide, wir tranken einen Nachmittagskaffee, ich auf dem Nachhauseweg, sie auf dem Weg zur Schicht in der Kneipe, wo Petr einen Nebenjob oder sowas hat. Als ich zur Verabredung ging, fuhr ein Kribbeln durch meinen Körper, voller Erwartung rumorte mein Inneres, aber kaum hatten wir uns zur Begrüßung umarmt, fiel die Anspannung von mir ab. Petr hatte unglaublich dunkle und tiefe Ringe unter den Augen, die Frau war gebeugt und trug einen schlecht sitzenden, unförmigen Kapuzenpulli. Er kam mir vertraut vor, „den hast du letztes Mal bei mir vergessen“, sagte sie. Und zog ihn sich mit einer herausfordernden Geste über den Kopf. Ich reagierte nicht, also kroch sie wieder hinein.
 
Im Nachmittagslicht des gewöhnlichen Arbeitstags war das Irgendwas verschwunden und unwiederbringlich verloren. Wir waren nur noch zwei alternde und müde Jungs in der Gesellschaft einer bedeutend jüngeren und ambitionierteren Frau (was vielleicht aber auch nur an der hochdioptrischen Brille lag, mit der sie zum Treffen gekommen war). Petr machte eine Andeutung über ihre Wochenendpläne und ich bestätigte unverbindlich, ich würde mich melden. Ich hatte mich nie zuvor so lebendig gefühlt und niemals jemanden so stark geliebt wie diese beiden am letzten Wochenende. Desto banaler und schmerzhafter war unser Treffen danach.
 
Ich renne und es sticht mir jetzt schon in beiden Lungen. Mich überkommt eine seltsame Sehnsucht, als mir klar wird, wie reizvoll, spaßig und wunderbar die beiden heute Abend sein könnten. Bin ich ein Schisser, wenn ich den Schmerz und die Abscheulichkeit der Rückkehr nicht ertrage? In der Kurve sehe ich ein Fernlicht, wenn ich jetzt nochmal richtig schnell renne und Petr anrufe, schaffe ich es noch, mitzugehen. Zur zauberhaften Gesellschaft, auf die Reise woandershin, weiter, tiefer ins Innere der mit Staub überzogenen Höhle, und ich bin mir nicht sicher, ob ich dann überhaupt zurückkehren wollen werde.

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