Drogen & Selbstentwicklung Psychedelika als Therapiebeschleuniger

Psychedelika als Therapiebeschleuniger Foto: Stephen @stephenally via unsplash | CC0 1.0

Immer noch sind sie kaum erforscht, und immer noch auf der schwarzen Liste zusammen mit harten Drogen. Dennoch scheint es eine allmähliche Entkriminalisierung psychedelischer Stoffe zu geben. Sie versprechen nämlich Hoffnung auf Hilfe dort, wo man sie oft vergeblich sucht – bei der Heilung psychischer Erkrankungen.
 

„Bereits heute wird viel in die Erforschung und klinische Bewertung psychedelischer Stoffe investiert“, konstatiert der Psychiater und Neurowissenschaftler Filip Tylš. In Kanada zum Beispiel entstehen Kliniken, wo der Spitzkegelige Kahlkopf gezüchtet wird. Aus diesem Pilz wird der psychoaktive Stoff Psilocybin extrahiert. Die Welt macht also eine kleine Kehrtwende in Richtung der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als Albert Hofmann in der Schweiz die Wirkung von LSD auf die menschliche Psyche entdeckte und erforschte. Darauf folgte aber ein flächendeckendes Verbot, weil sich diese Stoffe unkontrolliert aus den Laboren auf die Straße verteilten und zu „Rekreationszwecken“ verwendet wurden.

Letztes Jahr gründeten Sie mit Kollegen die psychedelische Klinik Psyon. Als erste Klinik Europas bieten Sie eine Ketamin-unterstützte Psychotherapie an. Ketamin ist eines der wenigen Psychedelika, deren Verwendung legal ist. Es ist ein Antidepressivum, auch wenn es ursprünglich als Anästhetikum eingesetzt wurde. Welches sind seine Vorteile im Vergleich zu anderen Antidepressiva?

Bei uns in Tschechien wie auch in der ganzen Welt wird Ketamin deshalb verwendet, weil in etwa die Hälfte der Menschen mit einer schweren Depression innerhalb von ein paar Stunden nach der Gabe von Ketamin beschwerdefrei sind. Man muss dazu sagen, dass die Depression nach zehn Tagen wiederkehrt. Der Effekt ist trotzdem erstaunlich, wenn man bedenkt, dass klassische Antidepressiva in der Regel erst zwei bis vier Wochen nach der Einnahme zu wirken beginnen. Manchmal schlagen sie nicht an und es müssen andere ausprobiert werden. Und dann gibt es Situationen, in denen es einem Menschen so schlecht geht, dass er über Selbstmord nachdenkt. Für diese Fälle ist Ketamin ein tolles Hilfsmittel.

Wie sieht eine Ketamin-unterstützte Therapie in der Praxis aus?

Wenn Sie Ketamin „einfach so“ nehmen, geht es Ihnen ein paar Tage lang besser, und dann kommt die Depression zurück. Wenn Sie „nur“ in Therapie sind, dann erreichen Sie wiederum nicht die Tiefen Ihrer Psyche wie mit Ketamin. In der Psyon-Klinik kombinieren wir deshalb diese beiden Methoden. Mit Hilfe dieses Stoffes stoßen Sie zum Beispiel auf Traumata, die Sie ohne ihn nie entdeckt hätten. Und dann helfen Ihnen geschulte Therapeuten dabei, diese Entdeckung zu Ihrem Vorteil zu verarbeiten. Vereinfacht gesagt haben wir Ketamin und Therapie, die beide für sich genommen nur beschränkte Möglichkeiten bieten, auf eine Art verbunden, die Ihnen langfristig Erleichterung verschafft, denn sie bewirkt eine bleibende Veränderung Ihrer Psyche. Es ist ein Akzelerator oder Beschleuniger der Psychotherapie.

Wo haben Sie das gelernt?

Die Ketamin-unterstützte Psychotherapie haben ich und mein Kollege und Mitbegründer der Klinik Stanislav Milotínský uns vor zwei Jahren in Kalifornien während eines einjährigen Studienaufenthalts abgeschaut. In den USA gibt es schon hunderte Ketamin-Kliniken. Auf Grundlage dieser Erfahrungen haben wir die erste Klinik dieser Art in Tschechien gegründet.
 

Ketamin stimuliert neuroplastische Prozesse. Das machen alle Antidepressiva, aber Ketamin ist dabei viel effektiver.“

Was genau bewirkt Ketamin denn auf so wunderbar schnelle Weise?

Depressiv zu sein bedeutet unter anderem, dass die Gedanken sich ständig im Kreis drehen, das nennt man Rumination – es tauchen immer wieder die gleichen Gedanken auf. Dadurch reduzieren sich die Schaltkreise im Gehirn, manche Synapsen beziehungsweise Verbindungen verkümmern. Ketamin stimuliert neuroplastische Prozesse. Man kann sich das wie das Sprießen von Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn vorstellen. Das machen alle Antidepressiva, aber Ketamin ist dabei viel effektiver.

Und können das auch die anderen Psychedelika?

Ja, aber bis vor kurzem gab es noch keine Studien, die das Ausmaß des neuroplastischen Effekts der verschiedenen Stoffe verglichen hätten. Eine Studie aus dem Jahr 2018 hat aber gezeigt, dass auch serotonerge Psychedelika ähnlich intensiv sein können. Das sind zum Beispiel LSD, Psilocybin (enthalten im Spitzkegeligen Kahlkopf), Dimethyltryptamin (DMT, zum Beispiel enthalten in dem südamerikanischen Pflanzensud Ayahuasca) und einige andere. Diese werden gegenwärtig deshalb intensiv erforscht, aber weil sie in die Kategorie der härtesten Drogen fallen, kann mit ihnen nur im Rahmen einer Forschung arbeiten. Bei den genannten Stoffen zeigt sich außerdem, dass ihre Wirkung auf die Neuroplastizität länger als zehn Tage anhalten könnte. Das macht sie extrem interessant.

Der Spitzkegelige Kahlkopf (Psilocybe semilanceata) ist der verbreitetste und am häufigsten vorkommende psilocybinhaltige Blätterpilz in gemäßigten Zonen der Erde. Der Spitzkegelige Kahlkopf (Psilocybe semilanceata) ist der verbreitetste und am häufigsten vorkommende psilocybinhaltige Blätterpilz in gemäßigten Zonen der Erde. | Foto: blazingstarre, CC BY-NC-ND 2.0

Was geschieht in der Zwischenzeit, wenn die Depression nach der Einnahme von Psychedelika abklingt?

Wir nennen das den „Afterglow“. Das ist ein sogenanntes neuroplastisches Fenster, in dem sich in Ihnen etwas anderes abspielt als zuvor. Sie sind verletzlicher, offener, denken mehr über sich selbst nach, knüpfen leichter an alte Kontakte an, sind besser gelaunt. Man nimmt an, dass dies wegen des erwähnten Sprießens geschieht. Und dank dessen hat man scheinbar auch eine erhöhte Lernfähigkeit. Das gilt auch übrigens auch für Kinder, bei denen die natürliche Neuroplastizität am höchsten ist und die deshalb zum Beispiel leichter Fremdsprachen lernen. In den zehn Tagen nach der Gabe von Ketamin sollte man die Stimulation des Lernprozesses für die Psychotherapie nutzen.

Wofür werden diese neuen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Psychedelika in Zukunft genutzt werden?

Es zeigt sich zum Beispiel, dass wenn man Zellkulturen mit Psychedelika beträufelt, diese Zellen sogar eine Hypoxie, also einen Mangel an Sauerstoff, länger überleben können. Es wird also erwogen, ob Psychedelika zur Behandlung nach Schlaganfällen eingesetzt werden könnten. Eine weitere Möglichkeit wäre ihre Nutzung bei sogenannten Cluster-Kopfschmerzen, die manchmal bis zu eine Woche lang anhalten können. Hier hat sich Psilocybin als wirksam erwiesen. Grundlegend wäre meiner Meinung nach aber ein Paradigmenwechsel in der Psychiatrie.
 

Warum heilen wir entweder mit Medikamenten, oder wir verordnen eine Therapie, aber machen nie beides zusammen?“

Was für ein Paradigmenwechsel?

Schon seit Freud gibt es da zwei Lager. Eines spricht sich mehr für den Einsatz von Medikamenten aus, das andere für die Therapie. Schon während des Studiums habe ich nicht begriffen, warum das so ist. Warum heilen wir entweder mit Medikamenten, oder wir verordnen eine Therapie, aber machen nie beides zusammen? Die Psychedelika-unterstützte Therapie nutzt beide Ansätze, deshalb könnte sie meiner Meinung nach Pharmakottherapie und Psychotherapie einander annähern. Mehr noch könnte man durch die richtige Kombination beider Methoden den Heileffekt vervielfachen statt nur zu addieren. Psychedelika funktionieren nämlich wie „unspezifische Verstärker“. So bezeichnete sie schon der Psychiater Stanislav Grof, ein weltbekannter Pionier, was die Nutzung von psychedelischen Stoffen in der Psychiatrie betrifft. In diesem Fall verstärken sie die Wirksamkeit des psychotherapeutischen Prozesses.

Werden wir es noch erleben, dass psychoaktive Stoffe auch zur Eigentherapie verwendet werden dürfen? Und das nicht nur in schwerwiegenden Fällen wie bei Depressionen oder Zwangsstörungen?

Würde man Psychedelika für Therapien verwenden, könnte das neue Einsichten ermöglichen und die Selbstentwicklung dank der im gleichen Zuge verstärkten Psychotherapie fördern. Das Problem ist, dass es noch keinen legalen Rahmen dafür gibt. Um heute Ketamin zu bekommen braucht man eine Diagnose. Es darf nicht für die Eigentherapie verwendet werden, denn dabei bleibt das Gesundheitssystem außen vor. Also wird es in Therapien nicht eingesetzt, wenn man die Underground-Therapeuten mal weglässt.
 

Manche werden nach Einnahme solcher Stoffe von Eindrücken überflutet, die sie nicht verarbeiten können. Das sind oft persönliche Traumata und ein solch anspruchsvolles Erlebnis kann sogar zu einer Retraumatisierung führen.“

Was kann passieren, wenn ich zum Beispiel auf einer Party etwas nehme?

Diese Stoffe haben die Eigenschaft, Inhalte des Unterbewusstseins hervorzuspülen. Übrigens bezeichnete der Psychiater Milan Hausner, der Experimente mit LSD und Psychotherapie veranstaltet hat, LSD als den Königsweg ins Unterbewusstsein. Das kann förderlich sein. Sie können etwas Neues entdecken, das Ihnen bei der Selbstbetrachtung hilft. Manche werden aber nach Einnahme solcher Stoffe von Eindrücken überflutet, die sie nicht verarbeiten können. Das sind oft persönliche Traumata und ein solch anspruchsvolles Erlebnis kann sogar zu einer Retraumatisierung führen.

Und das bedeutet?

Ich gebe ein Beispiel: Im Rahmen des Projekts PsyCare fahren wir regelmäßig auf Festivals. Wir haben dort ein Zelt und bieten so eine Art psychedelische erste Hilfe an. Und da haben wir zum Beispiel Fälle, wo sich jemand von seinen Freunden entfremdet und keine Nähe mehr zulassen kann. Das kann etwa mit dem Verlust einer geliebten Person in der Kindheit zusammenhängen. Vielleicht war der Vater lange abwesend und daraus wurde für das Kind ein Trauma, das es während der Kindheit nicht verarbeiten konnte. Trotzdem kann dieses Trauma erneut auftauchen, wenn man sich unter Einfluss bestimmter Stoffe auf eine Reise ins Unterbewusstsein begibt. Daraus entsteht dann ein neues Trauma, das eine posttraumatische Störung zur Folge haben kann. Der Konsum psychedelischer Stoffe kann auch eine derartige Belastung sein, dass es zu einer sogenannten zweiten Voraussetzung für die Entwicklung einer ernsten Erkrankung wie Schizophrenie kommen kann.

Die zweite Voraussetzung?

Die erste Voraussetzung ist oft die Genetik, die zweite am häufigsten Stress – typisch etwa bei der Scheidung der Eltern. Der zweithäufigste Grund ist der Konsum von Marihuana. Dieses erhöht die Möglichkeit der Entwicklung einer Schizophrenie um das Dreifache bei Menschen, die dafür eine Veranlagung haben. Bei den Psychedelika kann man das Risiko einer Entwicklung von Schizophrenie nicht mit Zahlen belegen. Unter anderem deswegen, weil fast jeder Heranwachsender, der Psychedelika nimmt, auch gleichzeitig Cannabis konsumiert. Aber aufgrund der Ähnlichkeiten der eigentlichen Intoxikation mit dem psychotischen Erscheinungsbild nehmen wir an, dass auch diese eine Erkrankung verursachen können.

Filip Tylš gründete mit Kollegen die psychedelische Klinik Psyon, die sich auf die therapeutische Nutzung von Psychedelika in der Heilung von psychischen Krankheiten spezialisiert. Filip Tylš gründete mit Kollegen die psychedelische Klinik Psyon, die sich auf die therapeutische Nutzung von Psychedelika in der Heilung von psychischen Krankheiten spezialisiert. | Foto: © privat

Nehmen Sie es als Rückschritt wahr, dass LSD zum verbotenen Stoff wurde, obwohl es ursprünglich als therapeutisches Hilfsmittel verwendet wurde?

LSD ist mit einem größeren Stigma behaftet als die anderen Psychedelika. Lesenswert ist auf jeden Fall das Buch LSD: Mein Sorgenkind des Schweizer Chemikers Alber Hoffmann, dem Entdecker dieses Stoffes. Das ist seine Selbstreflexion, die er durch diese Erfindung auslöste. Er schildert seine ursprüngliche Faszination und auch die Bedenken darüber, was er da auf die Welt losgelassen hatte. Am Ende schreibt er aber, dass er es nicht bereut – er selbst nahm LSD noch bis zu seinem Lebensende. Und er wurde 102 Jahre alt.

Dank der Entdeckung von LSD haben wir in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts das Serotonin im Gehirn und die Serotoninrezeptoren entdeckt [Serotonin spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Stimmungen; Veränderungen im serotonergen System werden mit depressiven Zuständen in Verbindung gebracht, Anm. d. Red.]. Und damit entdeckten wir das neurochemische System des Gehirns, auf dessen Funktionsweise Antidepressiva basieren. Das ist der große Verdienst von LSD.
 
Der Nachteil von LSD in der heutigen Forschung ist, dass seine Wirkung acht bis zwölf Stunden anhält, und das übersteigt die Arbeitszeit. In den 60er Jahren, als LSD untersucht wurde, gab man den Menschen Antipsychotika, damit der Trip früher endete. Und das hält man jetzt eher für einen Fehler, obgleich das manchmal unvermeidbar ist. Das Erlebnis, das psychologisch angemessen verarbeitet werden kann, wird auf diese Art chemisch gestoppt. Meiner Meinung nach sollten die derzeitigen Gesetzesgeber auf jeden Fall die wissenschaftlichen Erkenntnisse reflektieren. Es ist ein Fehler, dass manche Stoffe immer noch genauso streng klassifiziert werden wie Heroin.
 

Grundlegend bei der Einnahme von Psychedelika ist es, einen Fachmann mit dabei zu haben, jemanden, der sich um Sie kümmert, dem Sie vertrauen.“

Im Rahmen der Stiftung PSYRES, die die Erforschung von Psychedelika in Tschechien unterstützt und deren Wissenschaftsrat Sie vorsitzen, haben Sie jetzt die interessante App iTrip entwickelt. Dank ihr werden Sie Daten einer größeren Zahl von Konsumenten von Psychedelika sammeln. Erzählen Sie mehr davon.

Das Ziel der App iTrip ist es, die Konsumenten der unterschiedlichsten Stoffe zu kategorisieren: Was nehmen sie und was erleben sie dabei? Wir wollen herausfinden, welche Stoffe in der Szene umgehen, denn wegen ihrer Illegalität kann es passieren, dass man etwas nimmt, das sich als etwas anderes ausgibt. Wir sind fähig anhand der Wirkung zu erkennen, was der Nutzer wirklich eingenommen hat.
 
Die App ist so etwas wie ein Freund, dem Sie Tagebucheinträge anvertrauen. Sie kann den Charakter des Erlebten in Graphen auswerten und Ihre Erlebnisse in Echtzeit mit denen anderer Nutzer vergleichen, die denselben Stoff genommen haben. Gleichzeitig hat sie einen präventiven Aspekt, denn Sie erfahren etwas über die Stoffe, unter anderem über unerwünschte Nebenwirkungen. Die App versetzt uns auch in der Lage, den Nutzer zu warnen, wenn etwas Gefährliches im Umlauf ist. Wir wollen sie noch im Frühjahr herausbringen und das auch auf Englisch.

Also wollen Sie auch ausländische Nutzer erreichen?

Ja, wir wollen die App weltweit bewerben und mit Forschern aus dem Ausland kooperieren. Kollegen aus Deutschland kamen jetzt zum Beispiel mit einer Skala für das Messen des bereits erwähnten Afterglow-Effekts. Die möchten wir noch einbauen.

Sie verheimlichen nicht, dass Sie eigene Erfahrungen mit Psychedelika gemacht haben. Können Sie davon erzählen?

Ich habe meine Erfahrungen als Jugendlicher und dann als Teilnehmer experimenteller Studien an gesunden Freiwilligen gemacht. Grundlegend bei der Einnahme von Psychedelika ist es, einen Fachmann mit dabei zu haben, jemanden, der sich um Sie kümmert, dem Sie vertrauen.
 
Ich habe am eigenen Leib erfahren, was es für einen Unterschied macht, wenn man alle Ängste loslassen kann, wenn man sich keine Gedanken darüber machen muss, wohin man gehen soll, und wie man auf sich aufpassen muss, wenn man sich im Rahmen eines therapeutischen Prozesses in diesen Zustand begibt.

Was genau haben Sie ausprobiert?

Eines der grundlegendsten Erlebnisse dieser Art hatte ich vor zwei Jahren im November, als ich mein Training der MDMA-Therapie beendete [MDMA ist auch bekannt als Ecstasy, Anm. d. Red.]. Als einer von hunderten Therapeuten auf der Welt habe ich im Rahmen einer Studie in Colorado die direkte Intoxikation mit MDMA absolviert. Interessant war daran unter anderem das Erlebnis mit dem Placebo. Hier war die Wirkung des therapeutischen Prozesses so stark, dass ich nicht erkannt habe, dass ich ein Placebo bekommen hatte und nicht das MDMA wie vermutet. Das hat mir die Sinnhaftigkeit der therapeutischen Arbeit verdeutlicht, die auch ohne die Anwendung eines Stoffes heilen kann, wenn man sie richtig einstellt.
 

Schamanen sind sehr sensibel. Sie arbeiten mit dem Körper, singen heilige Lieder. Sie besprenkeln Sie mit Duftessenzen. Dazu tun sie unerwartete Dinge, zum Beispiel beißen sie einen in den Kopf. In der Komplexität dieses Erlebnisses ist etwas, das für die westliche Medizin unbegreiflich ist.“

Sie haben auch Erfahrung mit schamanischen Ritualen.

Ja, das ist ein vollkommen anderer Diskurs, den ich bei Expeditionen nach Brasilien, Peru und Ecuador ausprobieren durfte. Hier gilt es, den Wissenschaftler in einem zuhause zu lassen, um zu begreifen, was dort geschieht. Schamanen sind dazu fähig, sich mit einem zu verbinden, sie sind sehr sensibel. Sie bitten einen für die Reinigung direkt zu sich und arbeiten mit dem Körper, singen heilige Lieder. Sie besprenkeln Sie mit Duftessenzen. Dazu tun sie unerwartete Dinge, zum Beispiel beißen sie einen in den Kopf. In der Komplexität dieses Erlebnisses ist etwas, das für die westliche Medizin unbegreiflich ist. Das ist nicht auf die westliche Heilpraxis übertragbar, obwohl es dort bestimmte Elemente der Inspiration gibt.

Zum Beispiel?

Etwa die Atemtechnik, die Möglichkeit irgendein anspruchsvolles Erlebnis „auszuatmen“. Haben Sie vor etwas Angst? Dann empfehle ich Ihnen atmen Sie es aus sich heraus. Hier sehe ich eine Parallele zu Paniksituationen, in denen es hilft in den Bauch hinein zu atmen. Da gibt es also bestimmte Dinge, die wir kennen.

Denken Sie manchmal darüber nach, was Psychedelika alles über uns verraten können und ob das nicht vielleicht so etwas wie die Büchse der Pandora ist?

Ich glaube, dass Psychedelika nur Instrumente sind, die uns Zugang zu unserem Inneren verschaffen. Nur wollen oder können wir das manchmal aus den unterschiedlichsten Gründen nicht sehen. Sie können auch eine weitere Methode sein, mehr über unser Gehirn zu erfahren, denn darüber wissen wir immer noch sehr wenig. Ich denke schon, dass das, was ich tue, einen Fortschritt bedeuten kann, aber alles werden wir bestimmt nicht enträtseln. Therapeuten, die mit dem psychedelischen Modell arbeiten, verwenden den Begriff „inner healing intelligence“. Sie meinen damit die innere Intelligenz des Stoffes selbst, was für mich diese Büchse der Pandora, die Black Box ist. Das beinhaltet für mich eine gewisse Demut, dass auch wir nicht alles wissen müssen. Ich glaube, irgendetwas bleibt immer im Verborgenen.
 

Filip Tylš (*1985) ist Psychiater und Neurowissenschaftler. Er absolvierte die 1. Medizinische Fakultät der Karlsuniversität (2012) und schloss ein Doktorstudium der Neurowissenschaften an der 3. Medizinischen Fakultät der Karlsuniversität an (2017), wo er heute lehrt. 2020 Jahr gründete er mit Kollegen die psychedelische Klinik Psyon, die sich auf die therapeutische Nutzung von Psychedelika in der Heilung von psychischen Krankheiten spezialisiert. Als erste Klinik in Europa bietet sie die Ketamin-unterstützte Psychotherapie an.
 
Filip Tylš wirkt außerdem im Nationalen Institut für geistige Gesundheit (Národní ústav duševního zdraví, NÚDZ), wo er sich Patienten mit Störungen aus dem neurotischen und psychotischen Spektrum und der Erforschung von Psychedelika widmet. Am NÚDZ ist er Teil des Teams der Pilotstudien über die Verabreichung von Psilocybin an gesunde Freiwillige. Im Jahr 2015 gründete er zusammen mit Freunden aus Fachkreisen die Psychedelische Gesellschaft Tschechiens (Česká psychedelická společnost, CZEPS). Seit dem Jahr 2017 hilft er Menschen mit seinem PsyCare-Team, schwierige psychedelische Erfahrungen zu verarbeiten.

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