Graffiti-Entfernung
Unbewusste Kunst

In grün Tönen übermalte Graffiti vor einem rostbraunen Lattenzaun © Lord Jim

Die Entfernung von Graffiti hat die üblichen, die Kreativität hemmenden, Hindernisse überwunden und ist zu einer der spannendsten und wichtigsten Bewegungen unserer Zeit geworden. Die Graffiti-Entfernung entsteht aus der menschlichen Psyche heraus und zeigt Charakteristiken von abstraktem Expressionismus, Minimalismus und russischem Konstruktivismus. So hat sie ihren Platz in der Geschichte der modernen Kunst verdient, obwohl sie von Menschen gemacht wurde, die ihre Kunstwerke unbewusst entstehen ließen.
(aus dem Pressetext zu The Subconscious Art Of Graffiti Removal /„Die unbewusste Art der Graffiti-Entfernung“, Film von Matt McCormick, 2001)

Avalon Kalin

Buff/Graffiti-Entfernung: Beseitigung unerwünschter Graffiti durch Übermalung oder sonstige Unkenntlichmachung. 
Unbewusste Kunst: Kunstwerk, das ohne bewusste Intention seitens des Schöpfers entsteht.

 
Unsere modernen Zeiten haben eine neue Kunstbewegung entstehen lassen, die fast in jeder Stadt auf der ganzen Welt zu finden ist. Die Entfernung von Graffiti, umgangssprachlich auch Buffing (engl. to buff „ablaugen“) genannt, hinterlässt auf ansonsten leeren Wänden große oder kleine minimalistische Gemälde, die durch ihren vielschichtigen und oft strukturartigen Stil auffallen. In der Vergangenheit wurde diese Kunst oft wenig wahrgenommen, doch inzwischen genießt sie zunehmend Aufmerksamkeit.

Dank Social Media können sich Fans dieser Bewegung zusammentun und Fotos aus aller Welt austauschen, und immer mehr Dokumentationen widmen sich dieser neuen Kunstform. In diesen wird gern dargestellt, welche eindrucksvoll einzigartige Abwechslung diese Werke im städtischen Umfeld bieten. Die eigentliche Faszination dieser neuen Bewegung, die zufällige Betrachtende und Großstadtabenteurer*innen gleichermaßen in ihren Bann zieht, ist ihre ungeklärte Herkunft, die bald wohl auch viele Expert*innen auf dem Gebiet der Kunstgeschichte auf den Plan rufen wird, um der Entstehung auf den Grund zu gehen.

Unsere am weitesten fortgeschrittene, sinnlichste und subtilste visuelle Kultur muss unbewusst, ja heimlich mit sich selbst kommunizieren, so dass man sich an ihr als eine Art „öffentliches Geheimnis“ erfreuen kann.

Avalon Kalin, im Interview mit Stephan Burke und Fiachra Corcoran für BUFF, 2018



Die Graffiti-Entfernung ist oftmals eine Gemeinschaftsproduktion von einzelnen Graffiti-Künstler*innen und denen, die sie beseitigen, bei der über Wochen und Monate ein einziges riesiges Wandgemälde entsteht. Sie ist also eine auf Zusammenarbeit basierende Kunstform, die sowohl Berührungspunkte mit sozial ausgerichteten als auch zeitlich abgegrenzten Genres aufweist.

Insgesamt ist Buffing eine sehr markante Stilrichtung, die deutliche elementare Verbindungen zum Minimalismus und abstraktem Expressionismus und damit Parallelen zu Mark Rothko, Jackson Pollock und Ellsworth Kelly aufweist. Auch Ähnlichkeiten zu frühen Experimenten der Moderne, die sich im Bauhaus und der Anti-Kunst des Dadaismus manifestierten, liegen auf der Hand.
 
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Ein konservativer Buff mit nicht übereinstimmenden Farben erzeugt ein neues Bild. © Lord Jim
    Ein konservativer Buff mit nicht übereinstimmenden Farben erzeugt ein neues Bild.
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Ein konservativer Buff mit nicht übereinstimmenden Farben lässt unvorsätzlich ein minimalistischers Gemälde entstehen. © Lord Jim
    Ein konservativer Buff mit nicht übereinstimmenden Farben lässt unvorsätzlich ein minimalistisches Gemälde entstehen.
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Eilige Kritzeleien um einen Tag zu überdecken: ein Beispiel für eine redigierte Graffiti-Entfernung. © Avalon Kalin
    Eilige Kritzeleien um einen Tag zu überdecken: ein Beispiel für eine redigierte Graffiti-Entfernung.
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Schichten schablonierter Buffs - das moderne Palimpsest der Stadt. © Avalon Kalin
    Schichten schablonierter Buffs – das moderne Palimpsest der Stadt.
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: kein Buff, sondern ein Detail eines Gemäldes ohne Titel, 1953, von Mark Rothko. Originale Rothko-Gemälde kann man nicht in den Straßen finden. Foto © G. Starke / Künstler: Mark Rothko
    Kein Buff, sondern ein Detail eines Gemäldes ohne Titel, 1953, von Mark Rothko. Originale Rothko-Gemälde kann man nicht in den Straßen finden.
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Kein Rothko-Gemälde, sondern ein einfacher Buff – kann man nicht in Museen oder Privatsammlungen finden. © Lord Jim
    Kein Rothko-Gemälde, sondern ein einfacher Buff – kann man nicht in Museen oder Privatsammlungen finden.
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Ein konservativer Buff mit nicht übereinstimmenden Farben lässt unvorsätzlich ein minimalistisches Gemälde entstehen. © Avalon Kalin
    Ein konservativer Buff mit nicht übereinstimmenden Farben lässt unvorsätzlich ein minimalistisches Gemälde entstehen.
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Mehrere konservative Buffs mit nicht übereinstimmenden Farben erzeugen ein neues minimalistisches Bild. © Lord Jim
    Mehrere konservative Buffs mit nicht übereinstimmenden Farben erzeugen ein neues minimalistisches Bild.
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: „Lyre Bird“, ein abstraktes Gemälde von Franz Kline aus dem Jahr 1957 weist Ähnlichkeiten mit einem Buff auf, der auf den Straßen zu finden ist. Foto ©rocor via Flickr / Künstler: Franz Kline
    „Lyre Bird“, ein abstraktes Gemälde von Franz Kline aus dem Jahr 1957 weist Ähnlichkeiten mit einem Buff auf, der auf den Straßen zu finden ist.
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: „Lyre Bird“, ein abstraktes Gemälde von Franz Kline aus dem Jahr 1957 weist Ähnlichkeiten mit einem Buff auf, der auf den Straßen zu finden ist. © Lord Jim
    Angestellte der Stadt beim Überstreichen von Graffiti, ohne jedes Bewusstsein für ihre Rolle als Künstler und ihren Beitrag zum Diskurs über öffentliche und private Instrumentalisierung und Ästhetik.
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Buff-Spott: eine sarkastische und zugleich lustige Wand von AO (Nischni Nowgorod, Russland) Foto ©Flickr User: vr_ Künstler: AO
    Buff-Spott: eine sarkastische und zugleich lustige Wand von AO (Nischni Nowgorod, Russland)
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Eine Reihe konservativer Buffs mit nicht übereinstimmenden Farben führt unweigerlich zu einer neuen Anomalie im Stadtbild © Avalon Kalin
    Eine Reihe konservativer Buffs mit nicht übereinstimmenden Farben führt unweigerlich zu einer neuen Anomalie im Stadtbild
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Ein schabloniert übermalter „ghosted“-Tag (Tag = grafisch gestaltete Graffiti-Signatur). © Avalon Kalin
    Ein schabloniert übermalter „ghosted“-Tag (Tag = grafisch gestaltete Graffiti-Signatur).
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Weder Graffiti noch ein Buff, sondern das Gemälde „Mahoning“ von Franz Kline aus dem Jahr 1956. Gemälde von Kline sind nur in Museen oder Privatsammlungen zu finden, nicht in den Straßen. Foto ©G. Starke via Flickr / Artist: Franz Kline
    Weder Graffiti noch ein Buff, sondern das Gemälde „Mahoning“ von Franz Kline aus dem Jahr 1956. Gemälde von Kline sind nur in Museen oder Privatsammlungen zu finden, nicht in den Straßen.
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Eine radikal schablonierte Übermalung eines Tags. © Lord Jim
    Eine radikal schablonierte Übermalung eines Tags.
  • Street-Art-Kommentar „Man kann Armut nicht übermalen“ von Murmure, Paris 2017 Foto: © Ferdinand Feys via Flickr, Künstler: Murmure
    Street-Art-Kommentar „Man kann Armut nicht übermalen“ von Murmure, Paris 2017
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Ein konservativer Buff, der an ein abstraktes expressionistisches Gemälde erinnert. © Lord Jim
    Ein konservativer Buff, der an ein abstraktes expressionistisches Gemälde erinnert.
  • Die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung: Street-Art „Art Buff“ von Banksy in Folkestone, Kent, 2014. Der Titel des Werks „ART BUFF“ ist ein spöttisches Wortspiel: „Art Buff“ ist der Kunstliebhaber und „Buff“ ist ein Slang für das Übermalen von Graffiti. © Helmut Zozmann via Flickr
    Street-Art „Art Buff“ von Banksy in Folkestone, Kent, 2014. Der Titel des Werks „ART BUFF“ ist ein spöttisches Wortspiel: „Art Buff“ ist der Kunstliebhaber und „Buff“ ist ein Slang für das Übermalen von Graffiti.

Die Graffiti-Entfernung lässt sich in drei Hauptkategorien aufteilen: Konservativ, schabloniert und radikal

 
Konservativ
Hierbei handelt es sich um die Standardform der Graffiti-Veränderung, wie wir sie normalerweise vorfinden. Sie entsteht beim Versuch, Graffiti unleserlich zu machen, ohne einen neuen Schandfleck entstehen zu lassen. Typisch für diese Kategorie sind neutrale Farben wie Dunkelgrau und mehr oder weniger rechteckige Formate.
 
Schabloniert
Diese Art der Graffiti-Entfernung wird offenbar in großer Eile oder mit sehr wenigen Hilfsmitteln ausgeführt. Der Tag, also die Signatur der Graffiti-Künstler*innen, wird hier von den Buffing-Künstler*innen nachgeahmt. Dies hat oftmals zur Folge, dass das Originalbild noch in Form oder Umriss zu sehen ist und kann sehr wilde Bildkompositionen ergeben. Diese Art der Graffiti-Entfernung legt also im Vergleich mit den anderen Beseitigungsformen den größten Wert auf eine Zusammenarbeit mit den Künstler*innen.

Radikal
Hier wird meist das gesamte Graffiti unkenntlich gemacht, allerdings auf radikale Art und Weise. Diese Kategorie zeichnet sich vorrangig dadurch aus, dass die Buffing-Künstler*innen neue Formen, meist Silhouetten, zeichnen, die als Objekte zu erkennen sind. Das kann ein Lkw mit Rädern sein oder auch ein Wal mit Blasloch und Schwanzflosse. Der Entfernungsprozess wird also radikal umfunktioniert, denn hier eröffnet sich die Chance, der Öffentlichkeit primitive Symbole oder Bilder zugänglich zu machen. Werke dieser Kategorie findet man eher selten, aber wenn, sind diese immer ein Grund zum Schmunzeln.
 
Zu den spezifischen neuen Kategorien, auf die sich Dokumentierende und Sammler*innen beziehen, gehören die Begriffe „redigierend“ (vorgeschlagen von McCormick), „nicht-entfernend“ und „rückschrittlich“ (Kalin) sowie die Bezeichnungen „malträtierend“ und „ausradierend“ (Burke und Corcoran).
 
„Redigierte“ Graffitis setzen auf starke Schraffierungen, Striche oder „X“, um sie unlesbar zu machen, aber zumindest in Teilen noch sichtbar zu lassen. „Nicht-entfernend“ sind Formen unbewusster Kunst, die durch Prozesse am Bau entstehen, etwa Spaltauffüllungen in Betonwänden oder Musterfarbauftragungen auf Wänden oder Gebäuden. „Redigierendes“ Buffing wird anscheinend von Graffiti-Künstler*innen gemacht, die das Feld des Graffiti-Entfernens durch Fake-Entfernungen noch erweitern wollen. 
„Malträtierte“ Graffiti-Entfernung erscheint als eine Art verzweifelte Pinselführung beziehungsweise eilig ausgeführte „Auskritzelei“ mit irgendwelchen gerade zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln. „Ausradierte“ Graffiti-Entfernung konzentriert sich vor allem auf die Texturen, die durch den Einsatz von Sandstrahlern oder Wasserdruck entstehen und die dort, wo die Entfernung stattfindet, die Oberfläche verändern. So entstehen langlebige Gemäldekompositionen.
16mm/Digital video – 16 Minuten – 2002 Erzählerin: Miranda July Regie, Buch, Kamera, Schnitt, Ton: Matt McCormick Nach einer Idee von Avalon Kalin more info at rodeofilmco.com
In einer Zeit, in der das Konsumdenken dominiert und unsere Arbeitsumgebungen uns immer mehr von uns selbst entfremden, wird unser natürlicher Trieb, selbst etwas zu erschaffen, unterdrückt. So suchen wir unbewusst nach neuen Wegen, unsere innersten Wünsche auszudrücken und die Ergebnisse mit anderen zu teilen. Jede Tüftelei oder auch die Nachahmung dessen, was uns umgibt, produziert auf irgendeine Weise einen Gegenstand, der diesen geheimen Wunsch reflektiert, nämlich genau diese unterbewusste beziehungsweise unbewusste Kunstform. Obwohl es bei dieser unbewussten Kunst ähnlich wie bei der minimalistischen Kunst der 1970er-Jahre genau so viel um deren Umgebung geht wie um ihren Inhalt, müssen auch diejenigen Künstler*innen, die die Graffiti-Entfernung geschaffen haben, dafür gewürdigt werden.
 
Der künstlerische Wert von Graffiti-Entfernung und die Frage nach einer beabsichtigten künstlerischen Leistung mögen zwar strittig sein, das rege Interesse an der Graffiti-Beseitigung und deren künstlerische Aspekte sind jedoch nicht von der Hand zu weisen. So werden diese Arbeiten derzeit ganz offensichtlich in Kategorien eingeteilt, die Bewegung als solche wird zunehmend registriert. Expert*innen im Bereich der Kunstgeschichte, führende Kulturschaffende und Streetfotograf*innen huldigen dieser einzigartigen Kunstform immer häufiger anhand von Videos, Fotos und Büchern. Die provokante These, dass alles Kunst ist und unbewusst erschaffen wird, hat ihren ganz eigenen Charme, und die unbewusste Kunst der Graffiti-Entfernung lässt die Grenze zwischen Kunst und Leben auf eine neue und bedeutsame Art und Weise immer mehr verschwimmen.
 

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