Nass auf Nass
Zwei Feuer in einer Feuerstelle

Bob - digitales Gemälde von Tanita Olbrich Foto: © Tanita Olbrich

Stell dir vor: Es sind die 1980er-Jahre und vielleicht lebst du in Kalifornien. Du bist Kindergärtner. Du sitzt zuhause an einem Frühstückstisch, liest eine Zeitung und auf dem Weg zum Sportteil oder zum Kulturteil, wie du willst, liest du einen Artikel über die neue Theorie der Globalen Erwärmung. 

Marius Goldhorn

Was ist das? Ein Horror zieht in dir auf: Globale Erwärmung. Die Meere werden wärmer? Die Meere werden sauer? Was soll das heißen? In fünfzig Jahren? 2030? Der Tod? Autos? Artenvielfalt? Was machst du jetzt? Wo gehst du hin? 

1 – Nass auf Nass

Du schaltest den Fernseher ein. Du suchst den Public Broadcasting Service (PBS) und hoffst, dass genau über dieses Thema eine Dokumentation läuft. Das wäre eine Synchronizität, die du gebrauchen könntest. Du findest PBS, aber da läuft keine Doku über die globale Erwärmung, sondern es ist Bob Ross, der dich anstrahlt, während er mit einem Spachtel in einer Farbe rührt, die er dusty rose nennt. Du könntest in die Bibliothek fahren, denkst du. Bob Ross spricht leise. In die Buchhandlung vielleicht, denkst du. Bob Ross, mit einem fehlenden Fingerglied an seiner Palettenhand, tupft dusty rose auf eine Leinwand. Warum fehlt ihm ein Fingerglied? Bob Ross malt eine unberührte Landschaft: Bäume, Wiesen, keine Tiere. Ein Idealnatur, eine Herbstlandschaft, eine vom Menschen nie berührte Idylle, ein Fluss. Du musst zur Arbeit. Du spielst mit den Kindern. Du erziehst sie nebenbei. Du nimmst Acryl-Farben aus dem Kindergarten mit. Aus deiner Erinnerung heraus malst du das Bild von Bob Ross nach. Aber weil das alles schon vergangen ist und du dich so schlecht wie jeder erinnern kannst, sieht dein Bild ganz anders aus. Aber es gefällt dir. Es beruhigt dich. In den nächsten Tagen malst du sechs neue Bilder und schickst es an die Yale School of Art. Du wirst angenommen. Du bekommst ein Stipendium. Du hast keine Ahnung von Connecticut. Du ziehst nach Connecticut. Du malst. Der internationale Kunstmarkt lobt deinen einzigartigen Einsatz des nass-auf-nass-Verfahrens, das eine vom Menschen hingerichtete Natur zeigt, eine trauernde, ja weinende Landschaft – als richtete sich die Natur an den Menschen, flehend – und betont deine frühe Entdeckung der Klimakatastrophe in der Malerei. In Interviews wirst du zur Globalen Erwärmung befragt. Du fliegst mit dem Flugzeug um die Welt. Jetzt ist es 1995.  Serendipity 1 - Digitales Gemälde von Tanita Olbrich Drops - Digitales Gemälde von Tanita Olbrich | © Tanita Olbrich

2 – Serendipity

Stell dir vor: Es sind die 2020er-Jahre und vielleicht lebst du in Berlin. Aber das ist egal. Wie du willst. Du bist Kindergärtner. Du liegst zuhause und schaust dir YouTube-Videos einer amerikanischen Designstudentin an, die Bob Ross-Bilder nachmalt. Sie sagt: Bob Ross war ein Pionier des ASMR. Du machst Erik Satie an und liest den Wikipedia-Artikel über wet-on-wet-Painting. Über den Link zu Netherlands kommst du nach Brussels, zum Jade Emperor nach China zum Artikel I-Ging, dem Buch der Wandlungen. Du liest: Das Buch stellt eine Abhandlung über ein System von 64 Hexagrammen dar, denen gewisse Eigenschaften zugesprochen werden. Du liest: Ferner gibt es einen später kontinuierlich erweiterten Anhang, in dem diese Eigenschaften interpretiert werden, so dass das Buch als ein zentrales Werk früher chinesischer Weisheit gilt. Du liest: Eine stille, aber dafür tiefgreifende Revolution war der Entwurf, mit dem sich Leibniz 1662 für die Aufnahme in die Royal Society bewarb. Inspiriert durch das zweifache Prinzip von Yin und Yang im I-Ging wählte er als Grundlage seiner Maschine ein binäres Zahlensystem, die Dyadik. Du liest: Im I Ging werden 64 Hexagramme von durchgezogenen und gebrochenen Linien mit einer Bedeutung versehen. Jeder Moment kann in einem einzigartigen Ideogramm symbolisiert werden. Du liest das I-Ging online. Du liest: Die Zeit als Mittel der Verwirklichung des Möglichen. Du beschäftigst dich mit dem Taoismus. In der Leseprobe eines Selbsthilferatgebers liest du: „A huge part of Taoism is serendipity. Take time, relax and just explore and poke around.“ Du sitzt auf einem Stuhl. Du entspannst dich und erkundest dein Zuhause. Du denkst an eine Düne. Aber, was du siehst, ist der Wind. Du spürst den Wind hinter dem Kino. Du denkst: Ich stehe an einem Meer der Informationen, wie ein Kind und ich stecke meinen Zeh hinein. Kann ich darin schwimmen? Wie wäre es, nass davon zu sein? Es sind nur wenige Minuten vergangen. Plötzlich merkst du, dass du noch nie so glücklich gewesen bist.  Serendipity 1 - Digitales Gemälde von Tanita Olbrich (Zuschnitt) Serendipity 1 - Digitales Gemälde von Tanita Olbrich (Zuschnitt) | © Tanita Olbrich
 
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