Land unter

Drei Stroh-Sonnenschirme ragen aus dem Meer © Dennis Frasch

Kerkennah könnte die erste Insel im Mittelmeer sein, die versinkt. Viele Bewohner sehen dem Untergang tatenlos zu. Doch eine Olivenbäuerin beschließt, etwas dagegen zu tun.

Sonia Chelly reckt sich bis zum obersten Ast und klaubt eine Frucht vom Baum. Sie dreht die Frucht zwischen Zeige- und Mittelfinger, als würde sie einen wertvollen Diamanten begutachten. In ihrer Hand hält sie die Lebensgrundlage vieler Inselbewohner von Kerkennah: eine Olive. Sie ist kaum größer als eine Murmel und runzlig wie die Haut eines alten Mannes. Soll die so aussehen? “Wallah”, bei Gott, sagt Sonia, “so soll sie auf keinen Fall aussehen.”

Sie wirft die Olive zu den anderen ins Erntenetz, die Ausbeute ist mager bisher, dieses Jahr wird sie wohl nur den Eigenbedarf decken können. Ein paar wenige Oliven lässt sie am Baum hängen. Die sind für die Vögel, sagt Sonia. Sie nimmt das Netz und schleppt es weiter zum nächsten Olivenbaum, ihre Cousine Najwa nimmt das am Boden schleifende Ende und zieht es hinter Sonia her wie den Schleier eines Hochzeitskleides. 2019 hatte Sonia noch 77 Bäume, jetzt sind es weniger als die Hälfte.

Kerkennah ist ein Archipel vor der Küste Tunesiens. Mit der Fähre erreicht man es in einer Stunde. Es besteht aus zwei Hauptinseln, Gharbi und Chergui, die durch eine Brücke verbunden sind, und 12 unbewohnte Inselchen. 30 Kilometer lang, fünf Kilometer breit, an der höchsten Stelle 13 Meter hoch.

November, 26 Grad, ein Schweißtropfen hängt an Sonias Nase. Sie ist 47 Jahre alt, wie fast immer trägt sie pinke Leggins und ein pinkes Shirt. Seit vier Jahren hat es in Kerkennah nicht mehr richtig geregnet, ihr Olivenhain sieht aus wie ein Sandkasten. Seit vier Jahren muss Sonia Wasser für ihre Bäume kaufen. Aber das Grundwasser ist versalzen: 3,5 Gramm Salz pro Liter, sagt das örtliche Wasserwerk. Damit kann man Nudeln kochen.

Zwei alte Frauen auf einem Eselskarren ziehen am Feld vorbei. Vieles in Kerkennah wirkt, als sei die Zeit stehen geblieben. Nur Sonias Olivenhain weist in die Zukunft. Er ist ein Vorbote für das Ende.

Kerkennah ist flach wie ein Teppich. Der größte Teil liegt weniger als fünf Meter über dem Meeresspiegel. Und bald ganz unter Wasser, wenn die Prognosen stimmen. Kerkennah soll die erste Insel im Mittelmeer sein, die wegen des Klimawandels versinkt.
Eine Karte, die anzeigt, welche Flächen der Insel bis 2050 voraussichtlich unter Wasser stehen

Im Jahr 2050 könnte Kerkennah größtenteils unter Wasser stehen | © Climate Central

Studien der Vereinten Nationen und der tunesischen “Coastline Protection and Restoration Agency” zeigen, dass der Meeresspiegel im Mittelmeer besonders schnell ansteigt. Am stärksten betroffen ist Kerkennah: Schon 2030 könnten große Teile der Insel unter Wasser stehen. Eine Kostprobe gab’s im November 2022: Starke Winde drückten das Meer über die Deiche in Häuser, Felder und Straßen. Nie zuvor hatten die Bewohner von Kerkennah das Wasser so hoch steigen sehen. Seither sind viele Hauswände zweifarbig: bis auf hüfthohe grau, darüber weiß. Eine Art natürliche Pegellatte.

Wie lebt es sich mit den Zeichen des Untergangs?
Luftaufnahme der Küstenregion der Insel Kerkennah

Luftaufnahme der Küstenregion der Insel Kerkennah | © Kraten Association

Eine halbe Stunde dauert die Fahrt vom Hafen in die Hauptstadt Ramla, die etwa in der Mitte des Archipels liegt. Ampeln gibt es keine. Manchmal überholt man ein Taxi, das kein Taxi ist, sondern eher ein als Taxi verkleideter Bus. Es fährt die Insel rauf und runter, sammelt Leute ein und lässt sie nach einem Schulterklopfen und 1,50 Dinar, knapp 50 Cent, wieder aussteigen. Links und rechts der Straße liegen vor allem Steine, Sand und Plastikflaschen. Viele der traditionellen Dattelpalmen sind abgestorben. Zu viel Salz im Boden.

Ramla ist der einzige Ort, an dem so etwas wie Trubel herrscht. Hier gibt es die einzige Tankstelle der Insel, auch wenn sie nicht jeder braucht. Die Männer im Café erzählen, dass viele Autos mit Gas fahren. Das sei zwar illegal, aber billiger, und es sei noch nie eins explodiert, sonst hätten sie das gehört, ganz sicher. Sie sitzen alle in einer Reihe, die Stühle zur Hauptstraße ausgerichtet, der Kaffee besteht zur Hälfte aus Zucker, die Schachtel Zigaretten hält höchstens einen halben Tag. Die meisten Männer sind Fischer. Walid Khlif, 38 Jahre alt, ist einer von ihnen. Gebräunte Haut, Kettenraucher, gelbe Truckermütze, auf der “Chris Brown” steht.

Sein Boot liegt im Hafen von Ataya, im Osten der Insel. Eine alte Nussschale, blau-weiß gestrichen, es heißt Safa, die Fröhliche. Wer nach Europa will, nutzt die Fischerboote Kerkennahs, um nach Lampedusa zu kommen. Sechs bis sieben Boote sollen jede Nacht ablegen, erzählt man sich auf der Insel. Walid nutzt sein Boot, um auf die traditionelle Art zu Fischen. Er fährt damit zu seiner Charfia.

Eine Charfia ist eine Art Labyrinth aus Tausenden von Palmwedeln, die in den Meeresboden gesteckt sind. Man sieht sie überall im Wasser um Kerkennah. Die Palmwedel sind so ausgerichtet, dass die Strömung die Fische in eine Sackgasse treibt, in der sie nur noch eingesammelt werden müssen. Eine Methode, die die natürlichen Laichzeiten der Fische berücksichtigt. Vor drei Jahren wurde sie von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
Eine traditionelle Charfia im Wasser. Viele der rund 15’000 Einwohner von Kerkennah lebt vom traditionellen Fischfang.

Eine traditionelle Charfia im Wasser. Viele der rund 15’000 Einwohner von Kerkennah lebt vom traditionellen Fischfang. | © Dennis Frasch

Walid erzählt von anderen Fischern, die Tintenfische im Sommer fangen, wenn sie Eier tragen. In Tunesien sei das illegal, sagt Walid, aber auf der Insel gebe es niemanden, der das kontrolliert.

Er erzählt von den Trawlern mit ihren Schleppnetzen, die den ganzen Meeresboden kahl fegen, auch die Unterwasserwiesen aus Posidonia-Seegras, die den Fischen einen idealen Lebensraum bieten und Kerkennah vor Erosion schützen. Auch illegal, sagt Walid.

Er erzählt von den blauen Krabben, einer invasiven Art aus Asien, die vor vier Jahren plötzlich auftauchte und sich seitdem explosionsartig vermehrt, weil sich das Mittelmeer noch schneller erwärmt als alle anderen Meere. Sie fressen die kleinen Fische und zerstören die Charfias. In Kerkennah nennen sie die Krabben nur “Daesh”, das ist der arabischen Name der Terrorgruppe IS. Weil sie alles zerstören.
Fischer im Hafen von Ataya. Klimawandel und industrieller Fischfang macht ihre Arbeit immer schwieriger.

Fischer im Hafen von Ataya. Klimawandel und industrieller Fischfang macht ihre Arbeit immer schwieriger. | © Dennis Frasch

Walid steckt sich eine Zigarette an. Die Familien von Kerkennah besitzen Parzellen im Meer, auf denen die Charfia von Generation zu Generation weitergegeben wird. Walid stammt aus einer dieser Familien. Aber seine Generation ist wohl die letzte, die auf diese Weise fischen kann.

Gerade baut er ein großes Boot, mit dem er Touristen um die Insel fahren will. Noch ist es nur ein Holzgerüst, das auf Stelzen im Hafen steht. Es sieht aus wie eine Arche Noah.

Was passiert, wenn die Insel im Meer versinkt?

Walid lacht. “Das ist mein kleinstes Problem”, sagt er. “Das haben sie uns schon als Kinder erzählt. Irgendwann kommt das Meer bestimmt. Aber dann soll es kommen. Ich werde hier sterben. Das ist mir egal.”

Über den Klimawandel nachzudenken, muss man sich leisten können.

Ein Haus an der Küste. Ruhige See, blauer Himmel. © Dennis Frasch

Sonia ist eine Freundin von Walid, manchmal hilft sie ihm auf dem Boot, manchmal hilft er ihr beim Oliven pflücken. Sonia ist immer pink gekleidet, auch ihre Küche ist pink. Sie ist der Typ Mensch, der immer zu lachen scheint. Sie sagt, ihr Leben in Kerkennah sei eigentlich perfekt. Sie hat zwei Töchter, eine studiert Englisch auf dem Festland, die andere ist erst 11 Jahre alt und wohnt noch zu Hause. Ihr Mann ist Klempner und verdient gut. Sonia bewirtschaftet die 10 Hektar Land, das schon ihre Großmutter bestellt hat. Sie verkauft selbstgemachten Dattelsirup und Harissa, eine Würzpaste aus Chili, Knoblauch und Gewürzen. Normalerweise verkauft sie auch Olivenöl.

Sonia und ihr Mann haben sich ein Haus gebaut. Sonia hat dafür ihren alten Mitsubishi 4x4 und ihren ganzen Schmuck verkauft.

Sie liebt Kerkennah, sie will hier nicht weg. Sie ist beliebt: Ihre Freunde bezeichnen sie als die Problemlöserin der Insel. Alle 10 Minuten klingelt ihr Handy. “Oh, ich habe Business zu erledigen”, sagt sie dann. Meistens sind es Freunde, die wissen wollen, wie sie den Streit mit dem Partner beilegen können. Oder ob sie sich das neue Auto leisten können. Einmal ruft ihre Tante an; Sonia rät ihr, wegen der Zahnschmerzen aufs Festland zu fahren.

Ihr Leben wäre perfekt, sagt sie, wäre da nicht das Salz.
Bild von Sonia. Sie ist eine Art Inseltelefon auf Kerkennah. Viele schätzen ihren Rat.

Sonia ist eine Art Inseltelefon auf Kerkennah. Viele schätzen ihren Rat. | © Dennis Frasch

Sonia steht auf einem kleinen Hügel, der eines ihrer Felder begrenzt. 3000 Quadratmeter Sand, wo früher Weizen, Dattelpalmen und Weintrauben wuchsen. Nur eine Palme steht noch, die Blätter gelb, die Rinde brüchig.

Vor zwei Jahren stand sie mit einem Agraringenieur auf derselben Anhöhe. Es dauerte keine zehn Minuten, dann sagte er: Hier gebe es nichts mehr zu holen. Der Boden sei zu salzig geworden, weil es nicht regnet und das Grundwasser an der Oberfläche verdunstet. Sonia bricht ein Stück der vertrockneten Palmenrinde ab. “Jedes Mal, wenn ich das sehe, bricht mir das Herz.” Was will sie dagegen tun? Spontan gibt Sonia ihre erste Antwort: “Es ist Allahs Wille. Was immer er entscheidet, wir werden es akzeptieren”.

Dann zeigt sie ihr früheres Haus. Die Sonne knallt durch die Windschutzscheibe, links glitzert ein Salzsee. Das Auto hält direkt am Meer, es liegt ruhig neben der Straße. Warum glaubt niemand auf dieser Insel, dass sie untergehen wird? Sonia spielt mit der Kette ihres Telefons und schweigt.

Meine Kinder werden nicht auf Kerkennah bleiben können. Es gibt keine Zukunft für sie.

Sonia Chelly

Die Tür ihres alten Hauses ist mit einem Brett verriegelt. “Was für eine Katastrophe”, flüstert Sonia immer wieder. Seit ihrem Umzug vor sieben Jahren war sie nicht mehr hier. Früher, sagt sie, habe sie immer auf dem Dach gesessen und aufs Meer geschaut. Das war etwa 300 Meter vom Garten entfernt. Sie dreht sich um. Bis zum Meer sind es jetzt nur noch 30 Meter.

Auf der Rückfahrt im Auto gibt Sonia ihre zweite Antwort: “Es ist, als würde dein Vater sterben. Du siehst es, du weißt, dass er sterben wird. Aber dein Verstand will es nicht akzeptieren, weil du deinen Vater so sehr liebst.”
Sonias Nachbar beim Oliven pflücken. Viele Junge verlassen die Insel. Es gibt keine Zukunft mehr für sie in Kerkennah.

Sonias Nachbar beim Oliven pflücken. Viele Junge verlassen die Insel. Es gibt keine Zukunft mehr für sie in Kerkennah. | © Dennis Frasch

Zwei Tage später erntet sie wieder ihre runzligen Oliven. Wenn es hier nur einmal regnen würde. Ein paar Tage würden reichen. Die Oliven würden nicht mehr schrumpeln.

Wieder klingelt Sonjas Telefon. Sie lässt sich auf einen großen Stein im Schatten plumpsen, Staub wirbelt auf. “Immer muss sie allen helfen”, murmelt Najwa, Sonias Cousine. Sie greift nach einem Olivenzweig und kämmt ihn mit dem Rechen durch, als wäre er widerspenstiges Haar. Früher habe man sich noch zwei Schafshörner an die Finger gesteckt, erzählt sie, heute nehme man kleine Plastikrechen. Hauptsache, es ist Handarbeit. Darauf sind die Kerkenniahner stolz. Eine Handvoll Oliven fällt auf das Erntenetz. Sonia hat den Sonnenhut tief ins Gesicht gezogen, das Telefon am Ohr, sie ist ungewöhnlich still. Keine lauten Beziehungstipps für Freunde, keine schlüpfrigen Witze. Sonias Mundwinkel verziehen sich. Sie legt auf, kommt wieder zu Najwa gestapft und sieht plötzlich erschöpft aus. “Das war die Ölmühle”, sagt Sonia. “Sie werden den Betrieb einstellen.”

20 Bäume hat Sonia heute geerntet. 100 Kilo Oliven, 20 Liter Olivenöl, das in Zukunft wahrscheinlich auf dem Festland gepresst werden muss. Die größeren Bäume sind in den nächsten Tagen dran. Eine Woche wird sie für die Ernte brauchen. Früher war es ein Monat.

Am nächsten Tag sitzt Sonia in einer der Grundschulen. Sie trägt kein Pink. Neben ihr sitzt Walid. Eine Frau von einer tunesischen NGO erklärt, dass sie Projekte auf Kerkennah finanzieren, um die Landwirtschaft zu unterstützen. “Wir müssen etwas tun”, flüstert Sonia. Gemeinsam mit Walid will sie Geld für eine Entsalzungsanlage beantragen.

Beiträge: El Asfaar