Grüne Träume in der Wüste

Vogelperspektive von Dubai © Jonas Mayer

Dubai ist der Teenager unter den Weltstädten. Und bald die nachhaltigste und glücklichste Stadt von allen. Wie das?

Auf 456 Metern über dem Meeresspiegel sind die Grenzen der Stadt nicht mehr zu sehen. Die Autobahnen, die Baukräne, die Hochhaussiedlungen aus Glas und Stahlbeton verlieren sich im Dunst der Wüste, der über der Stadt liegt. Willkommen in Dubai, auf Etage 125 des Burj Khalifa, dem höchsten Bauwerk der Welt.

Dubai ist eine der Städte mit dem größten ökologischen Fußabdruck überhaupt. Sie liegt in der Wüste, im Sommer zeigt das Thermometer 49 Grad Celsius. Die Klimaanlagen laufen permanent. Und Dubai wächst extrem – allein 2023 sind über 100.000 Menschen zugezogen. Da muss nonstop gebaut werden und Bauen ist der Klimakiller schlechthin. Das ist in Dubai nicht anders als irgendwo sonst in der Welt.

Ein großes Versprechen 

Was in Dubai anders ist, ist ein großes Versprechen. In 26 Jahren soll Dubai die grünste und glücklichste Stadt der Welt sein. Die mit dem kleinsten ökologischen Fußabdruck und der höchsten Lebensqualität. So plant es das Emirat, eines von sieben der Vereinigten Arabischen Emirate.

Wie will es das Emirat erfüllen?

Ein Teil der Antwort ist vom Burj Khalifa aus gut zu sehen. Fast nebenan steht der Wasl Tower. 302 Meter hoch, 64 Stockwerke, die obersten sind noch Rohbau. Drei Baukräne drehen sich über dem Dach.

Es ist Mitte November, in drei Wochen trägt Dubai die Klimakonferenz COP28 aus. Im Radio läuft ein Werbespot, wie wichtig nachhaltiges Bauen sei. Eine Zeitung schreibt: “Wasl Tower: ein Leuchtfeuer der Nachhaltigkeit in Dubai”.
Ein Hochhaus im Aufbau

In Deutschland wäre der Wasl Tower das höchste Gebäude, in Dubai reicht es für Platz 32.  | © Jonas Mayer

Zu wenig Sonne in Etage 15 

Im 15. Stock des so gepriesenen Turms gibt es derweil ein Problem. »Ich will einen Bericht dazu, wie das passiert ist und wie wir das besser hinbekommen«, fordert Nick Marks von den beiden Installateuren. Entlang der Fenster nach Süden haben sie Solarpanels für Warmwasserbereitung angebracht. Aber sie sind so hoch montiert, dass sie maximal zwei Stunden Sonnenlicht am Tag abbekommen. Marks ist der leitende Architekt  auf der Baustelle. Seit neun Jahren arbeitet der Niederländer vom niederländischen Büro UNStudio am Wasl Tower, zusammen mit den Ingenieuren des Stuttgarter Architekten Werner Sobek.
Der Architekt Nick Marks

Seit neun Jahren arbeitet Nick Marks am Wasl Tower. Es sollten sechs sein.  | © Jonas Mayer

Im 15. Stock läuft die Technik für den Betrieb des Gebäudes zusammen. Am liebsten hätte Marks hier einige Fenster komplett mit Solarpanels ersetzt. Aber dann hätte man diagonale Paneele ordern müssen, das wäre teuer geworden. Der Wolkenkratzer kostet ohnehin schon etwa 411 Millionen Euro. Im Herbst 2024 soll er eröffnet werden.

Passive Fassade

Ein Schatten fällt auf das Fenster. Er stammt von einer der tausenden Lamellen aus Keramik, die neben den meisten Fenstern aus der Fassade ragen. Sie reflektieren und zerstreuen gerade so viel Sonnenlicht, dass sowohl an der Klimaanlage, als auch am künstlichen Licht gespart werden kann. “Passives Design” heißt das. So bauen, dass passiv gekühlt wird, ganz ohne weitere Technologie.
Oder: So bauen, wie vor 200 Jahren entlang des Khor Dubai. Am Meeresarm des Persischen Golfs ließen sich damals Händler nieder und gründeten, was heute Dubai ist. Und sie bauten Häuser, die heute als Vorbilder für Architektur in der Wüste taugen.

Korallen und Windtürme

Die Viertel Al Fahidi und Al Shindagha sind restauriert worden. Touristen flanieren durch die schmalen Gassen und kaufen Tücher, Gewürze oder arabische Kalligraphie, zwei Männer steuern auf die Moschee zu.

Trotz der Mittagssonne liegen viele Gassen im Schatten der Häuser. Die sind zwei Stockwerke hoch mit Innenhöfen, über die zur Mittagszeit Sonnensegel gespannt sind. Die Wände sind gebaut aus Lehm und Korallengestein. Das fühlt sich rau und warm an. In den winzigen Öffnungen der Steine wird die Wärme des Tages für die Nacht gespeichert.
Ein Korallenstein

Die alten Bauherren Dubais haben den Korallenstein aus dem Wasser des Golfs gezogen.  | © Jonas Mayer

Fenster nach außen gibt es nur wenige und kleine. Fast jedes Haus hat dafür einen Windturm, oder auch Windfänger, mit Öffnungen in alle Himmelsrichtungen. Die Türme ragen einige Meter über die Häuser empor. So kann kühle Luft nach unten in die Wohnräume fließen, warme Luft entweicht durch die anderen Öffnungen der Türme.

So sahen Dubai und die sechs anderen Emirate bis in die 1950er Jahre aus, angepasst an das Leben mit der Hitze.

Ein neuer American Dream 

Doch dann kam das Erdöl. Mit dem Öl kam der Reichtum und mit dem Reichtum die Einwanderer und der Bedarf und das Geld, Großstädte aus dem Boden zu stampfen.

1960 hatte Dubai 33.000 Einwohner, heute sind es 3,6 Millionen, von denen 3,3 Millionen Einwanderer aus aller Welt sind. Und Millionen werden wohl noch kommen. Sie folgen dem neuen American Dream, der hier passiert.

Mehr noch: Dubai will all die Millionen Menschen. “A Land for Talent” und “We are a Business Capital” sind zwei der acht Prinzipien, die Scheich Mohammed Bin Rashid Al Maktoum für das Emirat formuliert hat. Dubai soll die Innovationsmaschine der Welt sein, ein globales Drehkreuz, krisenfest und unabhängig von nur einer Industrie wie früher der Ölindustrie.
Das Hochhaus: Burj Khalifa

Der Burj Khalifa ist das Symbol des Aufstiegs Dubais.  | © Jonas Mayer

Dubai ist ein Städtemix 

Im Radio läuft eine Meldung. Dubai sei nun die weltweit beliebteste Stadt für Zuwanderer. “Genießt die freien Straßen, solange sie noch frei sind”, sagt der Moderator.

Die Highways der Stadt haben viele Spuren und führen entlang und über Viertel, die auf verschiedenen Kontinenten stehen könnten. Da ist die Downtown, die auch Manhattan sein könnte. Da gibt es Straßenzüge wie aus Mumbai und schmale bunte Bauten, die an die Kanalhäuser Amsterdams erinnern. Ein bisschen Beverly Hills gehört dazu, ein bisschen Singapur, ein bisschen London, viele Golfanlagen.

Ganz wenig davon sieht aus wie die bald nachhaltigste Stadt der Welt.

“Das Land neben Saudi Arabien” 

Huda Shaka ist in Dubai aufgewachsen. 1999 zog sie zum Studium in den Libanon und nach Kalifornien. »In Dubai sah ich wenig Aussicht auf Karriere«, erinnert sie sich. Doch Shaka kam zurück und wurde Planerin für nachhaltigen Städtebau. Erst beim Berliner Unternehmen Arup und seit diesem Jahr bei der US-Firma Gehl. Sie hat Masterpläne für die Zukunft von Dubai, Abu Dhabi und anderen Emiraten mitentworfen. Auf Konferenzen spricht sie häufig über nachhaltige Stadtentwicklung in der Golfregion, auch bei der COP28.
Profil: Huda Shaka

Huda Shaka ist in Dubai auch als “The Green Urbanista” bekannt.   | © Jonas Mayer

Schock im Oktober 2006 

“Das Interesse für Nachhaltigkeit kommt in Dubai in Schüben”, sagt sie, “und der erste Schub entstand aus einem Schock heraus.” In seinem Living Planet Report vom Oktober 2006 listete der World Wildlife Fund WWF die Vereinigten Arabischen Emirate als das Land mit dem größten ökologischen Fußabdruck pro Einwohner, gerade auch wegen der Bauindustrie.   

Zu der Zeit baute Dubai schon am Burj Khalifa als höchstem Turm der Welt sowie an der Dubai Mall als größtem Einkaufszentrum. Die ersten der tausenden Villen auf der aufgeschütteten Palm Jumeirah waren gerade an ihre reichen Käufer übergeben worden, noch sehr viel größere künstliche Inseln waren in Planung. “Dubai stand gegenüber der Weltöffentlichkeit als ökologischer Sünder da”, sagt Huda Shaka.

Grün bauen nach Vorschrift

2008 kündigte das Emirat deshalb verpflichtende Standards für ökologisches Bauen an. Sie waren angelehnt an den international beliebten LEED Standard, aber angepasst an das Klima in Dubai.

»In Dubai liegt der Fokus auf Energieeffizienz beim Kühlen – so wie in Deutschland beim Heizen«, sagt Thomas Kraubitz. Er ist Architekt, Stadtplaner und Mitgründer der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), deren Zertifizierungssystem er mitentworfen hat. Weltweit hat er schon mit rund 20 verschiedenen Zertifizierungswerken für nachhaltige Gebäude und Städte gearbeitet, auch in Dubai. »Label oder Zertifikate machen noch keine nachhaltigen Gebäude und Stadtviertel«, gibt Kraubitz zu bedenken. »Sie stellen aber eine belastbare Qualität sicher – und natürlich helfen sie auch beim Marketing.«

Die Bauvorschriften Al Sa’fat schreiben heute vor, dass ein besonders nachhaltiges Gebäude etwa ein Gründach und Solarpanels für Warmwasser besitzen oder mit CO2-armen Beton gebaut werden soll.

Der Nachbar Dubais sorgte um 2010 für den zweiten großen Schub, sagt Huda Shaka. Das Emirat Abu Dhabi baute Masdar City. Es sollte die erste CO2-neutrale Stadt der Welt werden, ohne Autos, mit verschatteten Fassaden und viel Solar. “Masdar City hat so viel Wissen und Aufmerksamkeit erzeugt, dass auch Dubai sich für nachhaltige Stadtteile statt nur einzelne Gebäude interessiert hat”, sagt sie.

Dubais Öko-Viertel

Am Rande Dubais liegt The Sustainable City. Der Name erklärt schon das Konzept: ein Wohngebiet für 3700 Menschen, mit Radwegen und Gewächshäusern, mit Esel, Enten und den Riesenschildkröten Sonny und Shelly. Auf dem zentralen Platz döst eine Frau auf einer Bank unter einem Windturm. Solarpanels auf Hausdächern und Carports produzieren allen Strom, den das Viertel braucht. Westliche Kommentatoren haben The Sustainable City teils als grüne gated community kritisiert. Huda Shaka und andere Stadtplaner und Architekten vor Ort in Dubai finden, dass sie ein Zwischenschritt zu Größerem ist. „Sie ist das bisher beste Beispiel dafür, wie ein nachhaltiges Viertel in Dubai aussehen kann“, sagt sie.  The Sustainable City ist ein rein kommerzielles Projekt. Hört man sich in der Szene der Architekten und Planer um, ist das aber nicht verpönt, sondern gut so. So laufe das in Dubai: Was Investitionen anzieht, wird gemacht.

Traditionell und modern

Ahmed Bukhash kommt eine Dreiviertelstunde zu spät ins Büro. In der Nacht hat es gewittert, Straßen und Parkplätze stehen unter Wasser. Zwei, drei Mal im Jahr passiere das, sagt er. Bukhash zeigt aus dem Fenster. “Sehen Sie, wie klar die Skyline heute ist.”

Die Konturen des Burj Khalifa zeichnen sich scharf vor dem strahlend blauen Himmel ab. Davor, dahinter, daneben Dutzende andere Wolkenkratzer, auch der Wasl Tower mit den drei Baukränen über dem Dach.
Profil: Ahmed Bukhash

Ahmed Bukhash baut und plant am Dubai der Zukunft mit.   | © Jonas Mayer

Ahmed Bukhash trägt Kandura und Ghutra, das traditionelle weiße Gewand und ein weißes Tuch auf seinem Kopf. Er ist einer von wenigen bekannten Architekten, die aus den Emiraten stammen. 2009 hat er sein Büro Archidentity gegründet, um traditionelle und nachhaltige mit moderner Architektur zu verbinden.

Wie das aussieht, zeigen zwei Pappmodelle auf seinem Tisch: Zwei weiß-graue Wohnhäuser mit klaren Linien, wenigen, großen Fenstern und schmalen, hohen Innenhöfen.

Seine Kunden fragten ihn mittlerweile oft nach traditionellen Designs, sagt er. “Aber sie wissen oft nicht, dass Windtürme nicht nur gut aussehen sollen, sondern auch das Haus kühlen.”

Ein Plan für 2040

»Die Lockdowns während der Covid-Pandemie haben uns neu über das Leben in Dubai nachdenken lassen, über den vielen Platz für Autoverkehr”, sagt Bukhash. “Jetzt wollen wir mehr für Fußgänger, Radfahrer und öffentliche Plätze tun.«

Neben seinem Beruf als Architekt ist er auch Direktor für Stadtplanung bei der Dubai Development Authority. Er hat den Masterplan für Dubai im Jahr 2040 mitentworfen. Darin steht etwa, dass die Grünflächen verdoppelt werden und alle Einwohner Dubais maximal 800 Meter von einer Metro-Station entfernt wohnen sollen. Alles, damit Dubai bald “The best city for living in the world” ist. So lautet der Slogan. Ahmed Bukhash behauptet: “Wir sind zu hundert Prozent auf dem richtigen Weg.”
Eine Autobahn

Das Dubai der Gegenwart ist für das Auto gebaut.   | © Jonas Mayer

Die geliebte Metapher 

2050 will Dubai 75 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen. “Unser Ziel ist es, in 2050 die Stadt mit dem kleinsten ökologischen Fußabdruck weltweit zu sein”, verkündete der Scheich Dubais vor acht Jahren.

Huda Shaka sagt: “Dubai und die Vereinigten Arabischen Emirate lernen und investieren mittlerweile so schnell in Klimalösungen, dass viele heiße Regionen der Welt davon profitieren – und das werden ja immer mehr.”
 
Auf die Frage, was nach der Euphorie rund um die COP28 passieren müsse, fordert sie “mehr Zuckerbrot und Peitsche”. Es gebe die Pläne für 2040 und 2050. Es gebe die Bauvorschrift Al Sa’fat. Was fehle seien konkrete Zwischenziele für die nächsten Jahre und eine Instanz, die den Fortschritt Dubais im nachhaltigen Bauen kontrolliert.

Die Architekten in Dubai lieben eine Metapher: Paris, New York, Berlin sind alte Omas, Dubai ist ein Teenager, rotzfrech und mutig, fehlerhaft und lernbegierig.

Beiträge: El Asfaar