Songtang-Hospiz in Peking Eine Geschichte vom Leben an seinem Ende

Eingang des Songtang © Tania Becker

Das Songtang Hospiz ist eine Besonderheit in der Hospizlandschaft Chinas: Es ist eine Mischform, die unter einem Dach die Funktion eines Krankenhauses, Altenheims, Pflegeheims, Waisenhauses und Hospizes vereint. Die Interdisziplinarität und die Grenzkompetenzen spiegeln sich in der Vielfältigkeit der Organisationsform wider.

Es ist Sommer 2008, es ist heiß und die feuchte Pekinger Luft hängt schwer über der Stadt. Ich sitze in vollem Bus Richtung Stadtbezirk Chaoyang und denke über die Mitfahrenden nach: Wo gehen sie hin, wo kommen sie her und wieviel von ihrer Lebenszeit verbringen sie in solchen öffentlichen Verkehrsmitteln? Hin und dann wieder zurück. Während ich über diese Mobilität sinniere, steckt der Bus im Stau und kommt nicht voran. Diese Lebenszeit haben diejenigen, die ich gleich besuchen werde, nicht mehr zur Verfügung: Ich bin auf meinem wöchentlichen Hinweg in das älteste, größte und bekannteste Privathospiz Chinas, das Pekinger Songtang-Hospiz ( 北京松堂临终关怀医院 ). Die Feldforschung und die Arbeit an meiner Doktorarbeit über das Hospizwesen in China führen mich dorthin. Ich habe mir drei Monate vor Ort Zeit genommen, um die Herbergen für Sterbende und austherapierte Kranke, ihre letzten Stationen, zu erforschen und zu beobachten: Eine staatliche Palliativstation in Tianjin, eine religiöse buddhistische Einrichtung in Jiujiang und ein privates Hospiz in Peking gehören dazu. Ich habe mich schon im Pekinger Hospiz vorgestellt, habe meine Forschung und mein Vorhaben bekannt gemacht. Jetzt ist es an mir, die Institution besser von innen kennen zu lernen und zu verstehen, wie sie organisiert ist und wie sie arbeitet. Meine Aufgabe ist es auch, die Bewohner in regelmäßigen Abständen aufzusuchen und mir so einen Einblick in die Praxis des Hospizes zu verschaffen. So fahre ich regelmäßig von meinem Pekinger Quartier, das sich im Viertel Fengtai befindet, mit dem Bus quer durch die Stadt zum weit entlegenen Songtang-Hospiz im Nordosten.

Das Songtang-Hospiz ist eine Besonderheit in der Hospizlandschaft Chinas: Es ist eine Mischform, die unter einem Dach die Funktion eines Krankenhauses, Altenheims, Pflegeheims, Waisenhauses und Hospizes vereint. Die Interdisziplinarität und die Grenzkompetenzen spiegeln sich in der Vielfältigkeit der Organisationsform wider. Basierend auf den Prinzipien der internationalen Hospizbewegung entwickelte sich das Songtang im Laufe der Zeit zu einer kombinierten Einrichtung, die praxisorientiert und lebensnah in vielen Bereichen der ganzheitlichen Pflege von unheilbar Kranken wirkt und somit einen einzigartigen Ansatz für die Verbesserung der Lebensqualität am Lebensende abietet.
Bewohnerin des Songtang in ihrem Zimmer Bewohnerin des Songtang in ihrem Zimmer | © Tania Becker Mehr aus Notwendigkeit und intrinsischer Motivation und weniger aufgrund einer wissenschaftlich vorbereiteten Analyse entstand das Pekinger Hospiz hauptsächlich durch das Engagement seines Direktors, Dr. Li Weis ( 李伟 ), der heute eine der herausragenden Persönlichkeiten im Hospizwesen Chinas ist und dessen Wirkung mit der von Cicely Saunders vergleichbar ist. Er leitet das Hospiz schon seit fast 35 Jahren.

Geschichte

Um Li Weis Werdegang und auch den Werdegang des Hauses besser erklären zu können, muss man sich in die Zeit der Kulturrevolution zurückversetzen. Der heute 70-jährige war im Jahr 1968 als Barfußarzt aus Peking in die Innere Mongolei geschickt worden. Einer seiner ersten Patienten, der Lehrer Zhang, litt an Magenkrebs im Endstadium und somit an starken Schmerzen. Dr. Li kümmerte sich um den Patienten, unterstützte und begleitete ihn in seinen letzten Stunden. Es wurde ihm bewusst, welche wichtige Rolle die Erfüllung des letzten Wunsches eines Sterbenden und die Erledigung von letzten Dingen am Ende des Lebens haben, um ein befreites, unbelastetes und leichtes Loslassen überhaupt zu ermöglichen.

Nach dem Ende der Kulturrevolution kehrte Li Wei zurück nach Peking, studierte Medizin und gründete Ende der 80er Jahre mit Finanzmitteln aus seinem Familienerbe und dem Verkauf seiner Briefmarkensammlung sowie anderer persönlicher Wertsachen das erste selbständige stationäre Hospiz Chinas. Die Geschichte des Songtang-Hospizes verlief nicht ohne Turbulenzen: Anfänglich als Abteilung in ein Krankenhaus integriert, musste das Hospiz lange gegen die Widerstände, Ablehnungen und das mangelnde Verständnis sowohl von Medizinerkollegen als auch der Öffentlichkeit kämpfen. Hohe Mieten, eine unzureichende Anzahl von Betten und verschiedene Intrigen innerhalb der Klinikleitung führten zu zahlreichen, teilweise chaotischen Umzügen mit allen vorstellbaren körperlichen und psychischen Belastungen und Unsicherheiten für die Betreuungsfälle. Insgesamt ein Dutzend Mal musste die Hospizabteilung ihren Standort innerhalb Pekings ändern, wobei unter anderem Proteste der Anwohner gegen die Anwesenheit von Sterbenden in der Nähe ihrer Wohnungen für die erzwungenen Umzüge ursächlich waren.

Es wurde ihm bewusst, welche wichtige Rolle die Erfüllung des letzten Wunsches eines Sterbenden und die Erledigung von letzten Dingen am Ende des Lebens haben, um ein befreites, unbelastetes und leichtes Loslassen überhaupt zu ermöglichen.

Heute residiert das Hospiz in seinem aus eigenen Mitteln erworbenen Gebäudekomplex und hat sich zu einer offiziell und gesellschaftlich anerkannten Institution entwickelt. Auch die internationale Reputation des hier praktizierten Konzepts trägt zur positiven Außenwirkung bei.

Organisation

Das Hospiz wird nicht staatlich, sondern ausschließlich privat geführt. Die Bewohner, ihre Familien, private und öffentliche Geldgeber versorgen das Hospiz mit den nötigen finanziellen Mitteln.

Da es noch immer in China keine Pflegeversicherung gibt, bezahlen die Gäste ihren Aufenthalt aus eigener Tasche. Viele kommen erst dann, wenn sie das Geld für den Aufenthalt im Hospiz bereitgestellt haben. Wenn der ein oder andere Bewohner nicht imstande ist, die anfallenden Gebühren zu zahlen, übernimmt das Hospiz seine Kosten. Die hohe Auslastung der Betten (es wird immer für den vollen Monat gezahlt), die rationalisierte medizinische Betreuung und ein erfolgreiches Fundraising tragen zur Rentabilität und finanziellen Unabhängigkeit der Einrichtung bei. Auch hat sich die Wahrnehmung des Songtang-Hospizes in der Öffentlichkeit durch eine geschickte mediale Präsenz in den letzten Jahrzehnten positiv entwickelt.
Bewohner des Songtang an der frischen Luft Bewohner des Songtang an der frischen Luft | © Tania Becker Die Hospizgäste erhalten ärztliche und auf Wunsch auch spirituelle Begleitung durch buddhistische Mönche, Nonnen oder Priester. Das Songtang-Pflegepersonal und der Gründer Dr. Li haben in den vergangenen fast 35 Jahren des Bestehens über 40.000 Sterbende begleitet.

Ärzte, Pflegekräfte und Freiwillige

In der Songtang-Einrichtung arbeiten geriatrisch, palliativ und onkologisch ausgebildete Ärzte und Psychologen. In den westlichen Hospizeinrichtungen wird grundsätzlich anders verfahren: Da Hospizgäste nicht mehr behandelt und nur noch palliativ versorgt werden müssen, erübrigt sich eine ständige ärztliche Betreuung. Ärzte kommen ins Hospiz nur nach Bedarf, in Ausnahmesituationen oder zur Verabreichung eines schmerzlindernden Medikamentes (Einstellung der Dosis) und zur Symptomkontrolle.

Das Songtang-Pflegepersonal und der Gründer Dr. Li haben in den vergangenen fast 35 Jahren des Bestehens über 40.000 Sterbende begleitet.

Im Songtang sind auch Pfleger und Pflegerinnen beschäftigt, die im Schichtdienst arbeiten. Als Unterstützung stehen ihnen ca. 100 Hilfspfleger oder Betreuter (huliyuan 护理员 oder hugong 护工) zur Verfügung. Sie wohnen in der Einrichtung, haben aber keinen eigenen Wohnbereich, sondern teilen ihn mit den Patienten.

Die Hilfspfleger schlafen, essen und wohnen zusammen mit den Bedürftigen in gemeinsamen Zimmern und stehen ihnen 24 Stunden pro Tag zur Verfügung. Ausgebildet alle nichtmedizinischen Dienste auszuführen, entlasten sie so die professionellen Pfleger erheblich. Die Betreuer stehen jeden Morgen gegen 5:00 oder 6:00 Uhr auf und helfen dann den Kranken beim Waschen, Essen und Trinken. Danach werden diejenigen Patienten, die sich noch in vergleichsweise gutem gesundheitlichen Zustand befinden, in den Hof oder den Gemeinschaftsraum begleitet und dort von freiwilligen Helfern umsorgt. Die bettlägerigen Patienten werden stündlich umgelagert und massiert. Ihre Hygiene und die Sauberkeit des Zimmers und der Wäsche werden ebenfalls von den Hilfspflegern gewährleistet. Da die Arbeit physisch äußerst anstrengend und psychisch sehr belastend ist, findet sich unter den Hilfspflegern kaum einer, der aus großstädtischen Verhältnissen stammt. Sie rekrutieren sich in den meisten Fällen aus Arbeitsmigrierenden vom Land, die so eine Chance sehen, in der Stadt Fuß zu fassen. Obwohl sie hart arbeiten, immer im Dienst sind und wenig verdienen, sind diese Tätigkeiten und die entsprechende Vergütung oft immer noch aussichtsreicher als die Anstrengungen und Strapazen eines Lebens auf dem Land.

Bisher haben viele Hochschulen und soziale Organisationen langfristige Kontakte mit dem Songtang-Hospiz geknüpft und einige Hunderte Freiwillige zur Verfügung gestellt, die ehrenamtlich im Hospiz mitwirken. Mitglieder dieser Schulen, Hochschulen und Organisationen kommen in ihrer Freizeit, um sich mit den Kranken zu unterhalten, mit ihnen zu spielen und sich ganz allgemein um sie zu kümmern. So tragen sie erheblich zu einer stabilisierenden psychischen Verfassung der Hospizgäste bei. Maßgeblich für diesen Zuspruch ist ein gerade in der gut ausgebildeten Jugend anzutreffender Wunsch nach ehrenamtlicher Tätigkeit, der nicht allein auf das Helfen zielt, sondern auf gesellschaftliche Beteiligung und Mitgestaltung.

Bei meinen Besuchen im Songtang wurde mir rasch klar, dass wir alle uns ähnliche Fragen stellen, jenseits von Kultur und Herkunft.

Während meiner Forschung vor Ort habe ich viele nette und dem Leben zugewandte Menschen unter den Pflegekräften und unter den Hospizbewohnern kennen gelernt. Meine ständige Begleiterin war Frau Qu, eine gläubige Buddhistin, die täglich ins Hospiz kam, um die Sterbenden zu besuchen. Sie brachte ihnen Obst, hörte ihren Geschichten oder Klagen zu, las Sutren oder hielt einfach ihre Hand. Sie schaute immer besonders nach zwei Bewohnern: Frau Bing, einer positiv eingestellten alten Dame, die sich selbst für das Leben im Hospiz entschieden hatte, und Xiao Bao, einem vierjährigen Jungen mit Down-Syndrom. Frau Qus Leben war mit dem Leben im Hospiz unzertrennlich verflochten, sie opferte ihre ganze Freizeit dem Freiwilligendienst und ging darin völlig auf.

In diesem heißen, feuchten Pekinger Sommer habe ich im Songtang-Hospiz viel gesehen und gelernt. Ich habe gesehen, wie das Tabu des Todes und das gesellschaftliche Vorurteil gegen Sterbende durch Großzügigkeit und Warmherzigkeit gebrochen wurde. Aufopferung, Freude und Zuversicht nahmen der Unvermeidlichkeit des Endes viel von seiner Verzweiflung und seinem Schrecken. Aufgehoben in einer Gemeinschaft können die Bewohner ein Leben in Würde bis zum Schluss führen und sich auf das Loslassen vorbereiten. Bei meinen Besuchen im Songtang wurde mir rasch klar, dass wir alle uns ähnliche Fragen stellen, jenseits von Kultur und Herkunft: Wie werde ich sterben? In welchem Umfeld und unter welchen Bedingungen? Wen oder was werde ich zuletzt sehen? Was werde ich fühlen? Wer werde ich danach sein?

Das Songtang-Hospiz steht bis heute mit all seinen Versuchen und Bestrebungen als ein kleines aber auch äußerst bemerkenswertes Beispiel für die Wohlfahrt und Fürsorge am Lebensende in China. Solche und ähnliche Bemühungen aus den Reihen der chinesischen Hospize und hospizähnlichen Einrichtungen könnten in der dortigen stark alternden Gesellschaft mit ihren sich rasant verändernden demographischen Strukturen eine wichtige Rolle spielen und daher ein unverzichtbarer Teil für die zukünftige Sozialordnung und die Wohlfahrtspflege des Landes werden.
 

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