Landgeschichten 14x4 in Nanyang

Im August 2020 fiel dem Künstler Zhang Xinjun (张新军) im Pekinger Stadtteil Shunyi ein Blauglockenbaum am Straßenrand auf. Er brauchte über einen Monat um aus persönlicher Erinnerung und mit Hilfe seiner Familie die über 400 Namen der Bewohner seines Geburtsorts Zhanglidong, einem der Stadt Houzhai angegliederten Dorf in der Provinz Henan, zusammenzutragen. Schließlich schnitzte er Namen für Namen in die Blätter des Blauglockenbaums. Die Sonne schien durch die geschnitzten Namen auf die Erde und im Herbst ließ der Wind das Laub zusammen mit den Namen zu Boden fallen. Doch im nächsten Jahr wird es neue Blätter geben. Das Dorf Zhanglidong wurde 2015 abgerissen und 2018 innerhalb der südlichen vierten Ringstraße der Stadt Zhengzhou wiederaufgebaut. © Zhang Xinjun

In der chinesischen Kultur ist der Tod ein Tabuthema, das gilt insbesondere auf dem Land. Nichtsdestotrotz muss er, sitzt man gemütlich bei einer Tasse Tee zusammen, häufig als Gesprächsthema herhalten, sei es, um sich der Verstorbenen zu erinnern oder um zu verhindern, dass die noch Lebenden ähnlich fatale Fehler begehen. Die folgenden Geschichten haben sich alle in einer ländlichen Gemeinde im Südwesten der Provinz Henan zugetragen. Einem Ort, aus dem ich vor meinem achtzehnten Lebensjahr nie herausgekommen bin. Auch wenn mir dieses Fleckchen Erde heute fern und abgelegen erscheint, so ist es mir doch unvergesslich und was dort geschieht, beschäftigt mich immer noch.

Oma 

Oma wurde noch zur Zeit der chinesischen Republik geboren, aber das wurde mir erst nach ihrem Tod so richtig bewusst. Am 23. Januar 2020, nach dem chinesischen Mondkalender schrieb man den neunundzwanzigsten Tag des letzten Monats im Jahr, erhielt ich auf der Autobahn von Luoyang nach Nanyang erneut einen Anruf von meinem jüngeren Bruder. Ich könne mir jetzt Zeit lassen, teilte er mir mit, Oma habe ihren letzten Atemzug getan. Nun hatte ich es also doch nicht mehr geschafft, meine Oma ein letztes Mal vor ihrem Ableben zu sehen. Im Herbst war ich zuletzt zuhause gewesen. Beim Abschied hatte ich versprochen zum Frühlingsfest zurückzukommen. Ich weiß nicht, ob wir uns dann noch sehen, hatte Oma gesagt. Im Nachhinein klang ihr Satz wie eine Prophezeiung.
 
Später erzählte mein kleiner Bruder, dass meiner Oma kurz vor ihrem Tod Tränen übers Gesicht gelaufen waren. Weil sie so sehr am Leben hing? Weil sie geliebte Menschen zurücklassen musste? Oder war das einfach auf eine natürliche Reaktion zurückzuführen? Vielleicht lag in diesen Tränen auch ihr ganzes Leben: alles, was seit ihrer Geburt im Jahr 1933 geschehen war. Ihre Kindheit und Jugend während der Republikzeit, nach der Gründung der Volksrepublik China ihr Dasein als Ehefrau und Mutter, der Lebensabschnitt als Witwe in mittleren Jahren bis zu der Zeit, als mit den Enkelkindern wieder Leben ins Haus kam. Ich dachte darüber nach, was Oma alles durchgemacht hatte. Welche Spuren hatten diese ereignisreichen Zeiten in ihrem Leben hinterlassen? Was Oma nicht mehr wissen konnte: Ihr Todestag fiel auf den ersten Tag des Lockdowns in Wuhan. Unser Dorf liegt zwar hunderte Meilen von Wuhan entfernt, aber es ist nur einen Kreis von der Provinz Hubei getrennt. So wurde meine Oma bereits am Tag nach ihrem Tod in aller Stille in unserem Familiengrab beigesetzt. Während alles etwas hektisch ablief, beobachtete ich, wie ein älterer Zeremonienmeister langsam ein weißes Tuch zwischen dem alten und dem neuen Sarg drapierte. Meinen Großvater hatte bereits man auf der einen Seite des Grabes bestattet, damals im Jahr 1981.

Mein Kumpel Qiang 

Es passierte in Shanghai. Eines Nachts im November 2019 prallte ein von Zhengzhou kommender Lastwagen gegen ein Auto und kippte auf die Seite. Die Insassen des PKWs blieben unverletzt, aber der LKW-Fahrer starb. Ich erfuhr erst einige Tage später davon. Der Verunglückte war mein alter Kumpel Qiang, mit dem ich schon im Sandkasten gespielt hatte. In der Nachbarschaft waren alle bestürzt: „Er war so ein guter Junge“. Zuverlässig, eher schweigsam, ein Mensch, der nie Probleme gemacht hatte. Nur war er anders als ich schon nach der Unterstufe von der Schule abgegangen. Doch ganz gleich, ob er als Koch oder Fabrikarbeiter, in Shenzhen oder Hangzhou arbeitete, wir blieben immer in Kontakt. Zwar lebten wir selten in derselben Stadt, aber zu jedem Frühlingsfest und in den Sommerferien, als ich in die obere Mittelschule, zur Universität oder später zur Arbeit ging, egal ob wir noch alleinstehend oder schon verheiratet waren, wir fanden immer Zeit für ein Gespräch, wofür wir uns daheim besuchten oder einen Spaziergang am Dorfrand machten.
 
2017 bekam ich einen Anruf von Qiang. Was ich davon hielte, wenn er den Führerschein machte. Er spielte damals mit dem Gedanken Taxi zu fahren. Ich fand die Idee gut und schon kurze Zeit später hatte er die Fahrerlaubnis in der Tasche. Dann fügte es sich, dass er ein gutes Jahr später ebenfalls nach Peking zog, um bei einem Kurierdienst zu arbeiten. Glücklicherweise waren wir alle im Bezirk Chaoyang und wohnten nur einen Katzensprung voneinander entfernt. Wir machten gemeinsam mit den Kindern Ausflüge ins Eisenbahnmuseum. Wir standen bei einer Zigarette beieinander, und auch wenn ein leichter Wind ging, war es nicht kalt; die Sonne strahlte warm auf uns herab. Wenn wir zuhause gemeinsam bei Tisch saßen, eines der Kinder kleckerte und ich das Malheur mit einer Papierserviette entfernen wollte, sagte Qiang jedesmal, ich sollte doch einen Lappen nehmen. Einige Monate später verließ er Peking, und als ich das nächste Mal von ihm hörte, war das schon die Todesnachricht. Seine Firma zahlte eine Entschädigung. Ich hörte, dass damit eine Wohnung in der Kreisstadt gekauft wurde, damit sein Kind, das noch in der Unterstufe war, eine bessere Mittelschule besuchen konnte. Ich habe mich später oft gefragt, was gewesen wäre, wenn ich ihm damals vom Taxifahren abgeraten hätte. Vielleicht hätte er es sich anders überlegt und nie Autofahren gelernt.

Mein Cousin

Mein Cousin war genauer gesagt der Sohn meines jüngsten Onkels. Er hatte große Augen und darüber dicke Augenbrauen; die Sorte Mensch, bei denen sich Grübchen zeigen, wenn sie lächeln. Mein Onkel wiederum gehört zur Kategorie der etwas sonderbaren Einzelgänger. Er lebte mutterseelenalleine im hinteren Teil des Dorfes, wo er Schafe hielt und Kaninchen züchtete. Er war wirklich die meiste Zeit alleine. Meine Tante lebte fast das ganze Jahr nicht daheim und meine Cousinen verließen ihre Heimat, sobald sie alt genug waren.
 
Als der Unfall passierte, waren sie gerade in Xinjiang. Sie erlitten eine Gasvergiftung. Als man meinen Cousin am Morgen fand, lag noch ein ungebrochenes Lächeln auf seinem Gesicht, während das Fernsehprogramm unbeirrt lief. Mein Cousin hatte zusammen mit meiner Tante und dem südchinesischen Mann meiner Cousine in einer Unterkunft direkt neben dem Bohrloch gewohnt. Nun waren sie wie in einer anderen Sphäre erstarrt. Mein Cousin, der mit Anfang zwanzig schon seit ein paar Jahren nicht mehr zuhause lebte, hatte eigentlich nach einem weiteren Jahr in die Heimat zurückkehren wollen. Am Ende brachten mein Onkel und meine Cousine, die bereits zwei Kinder hatte, die Asche von drei Menschen aus Xinjiang zurück. Ich erinnere mich noch an die Gestalt meiner Cousine. Wie sie sich bei der Beerdigung kerzengerade hielt, während ein ganzer Berg auf ihren Schultern zu lasten schien. Ihre Liebe zu ihrem südchinesischen Mann war zu Anfang nicht gutgeheißen worden und sie hatte erst wieder Kontakt zu ihrer Familie gefunden, nachdem Nachwuchs da war. Das wiederum war ein bisschen so wie bei meinem Onkel und seiner ersten Liebe, deren Eltern gegen die Verbindung waren. Als die Freundin meines Onkels vorschlug gemeinsam Gift zu nehmen, um für ihre große Liebe zu sterben, machte mein Onkel einen Rückzieher. Die Frau schluckte Tabletten, wurde dann aber gerettet. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

Im August 2020 fiel dem Künstler Zhang Xinjun (张新军) im Pekinger Stadtteil Shunyi ein Blauglockenbaum am Straßenrand auf. Er brauchte über einen Monat um aus persönlicher Erinnerung und mit Hilfe seiner Familie die über 400 Namen der Bewohner seines Geburtsorts Zhanglidong, einem der Stadt Houzhai angegliederten Dorf in der Provinz Henan, zusammenzutragen. Schließlich schnitzte er Namen für Namen in die Blätter des Blauglockenbaums. Die Sonne schien durch die geschnitzten Namen auf die Erde und im Herbst ließ der Wind das Laub zusammen mit den Namen zu Boden fallen. Doch im nächsten Jahr wird es neue Blätter geben. Das Dorf Zhanglidong wurde 2015 abgerissen und 2018 innerhalb der südlichen vierten Ringstraße der Stadt Zhengzhou wiederaufgebaut. Im August 2020 fiel dem Künstler Zhang Xinjun (张新军) im Pekinger Stadtteil Shunyi ein Blauglockenbaum am Straßenrand auf. Er brauchte über einen Monat um aus persönlicher Erinnerung und mit Hilfe seiner Familie die über 400 Namen der Bewohner seines Geburtsorts Zhanglidong, einem der Stadt Houzhai angegliederten Dorf in der Provinz Henan, zusammenzutragen. Schließlich schnitzte er Namen für Namen in die Blätter des Blauglockenbaums. Die Sonne schien durch die geschnitzten Namen auf die Erde und im Herbst ließ der Wind das Laub zusammen mit den Namen zu Boden fallen. Doch im nächsten Jahr wird es neue Blätter geben. Das Dorf Zhanglidong wurde 2015 abgerissen und 2018 innerhalb der südlichen vierten Ringstraße der Stadt Zhengzhou wiederaufgebaut. | © Zhang Xinjun Herr Huang 

Als Herr Huang sich in der Abenddämmerung noch aufmachte, seine Baumwollpflanzen mit Pestiziden zu spritzen, hatte sein Nachbar noch gescherzt: „Du tust gerade so, als gäbe es kein Morgen!“ Das Enkelkind, das bei Huang und seiner Frau lebte, machte an diesem Tag, ein tränenreiches Drama, weil es unbedingt bei Oma und Opa bleiben wollte. Aber alles Weinen half nichts, die Frau brachte das Kind zur Familie ihres Sohnes, der in der Nähe wohnte.
 
In dieser Nacht wurden Herr Huang und seine Frau von ihrem Schwiegersohn mit mehreren Messerstichen ermordet, nachdem er sich wütend bei ihnen Einlass verschafft hatte. Wie man sich erzählte, hatte Herr Huang seine Tochter, obwohl sie bereits ein Kind hatte, dazu gedrängt, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Der Schwiegersohn indessen hatte bereits angedroht, seine Schwiegereltern zu töten, sollte ihn seine Frau verlassen. Dabei war es ausgerechnet Herr Huang gewesen, dem der Schwiegersohn erstmals ins Auge gefallen war, als er im Nachbardorf arbeitete.

Der Alte Yang

Der Alte Yang hatte es innerhalb einiger Monate zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Nachdem er in den Spielhöllen des Dorfs und der Gemeinde ein- bis zweihunderttausend Yuan gewonnen hatte, wurde er von den Leuten aus der nächsten Stadt, die ihn schlicht „Boss Yang“ nannten, ins dortige Spielcasino eingeladen. Es vergingen keine drei Monate, da hatte „der Boss“ nicht nur seinen letzten Pfennig verloren, sondern musste auch noch seinen gesamten Hausrat dran geben. Nachdem ihm auch noch die Frau davonlief, saß er schließlich alleine zuhause.
 
Der Alte Yang, der nun nicht mehr „Boss Yang“ genannt wurde, verbrachte nun regelmäßig Zeit bei seinem Nachbarn. Dieser fing an einem Tag im Sommer an sich zu beunruhigen, weil sich der Alte Yang mehrere Tage nicht mehr bei ihm hatte blicken lassen. Da musste doch etwas vorgefallen sein. Außerdem roch es ja auch irgendwie seltsam. Der wird doch nicht tot in seiner Wohnung liegen? Der Nachbar lief hinüber um nachzusehen und fand seine dunkle Vorahnung bestätigt.

Bruder Qing

Bruder Qing war ein Nachbar. Einer, der tatkräftig zupackte, kochen konnte und für sein Leben gerne Musikkassetten hörte. Die Songs des damals populären Taiwan-Pops hatte alle er in unserm Dorf bekannt gemacht: „Nur wenn Liebe kämpft, gewinnt sie“, „Innen Silber, außen Gold", „Die Tränen der Tänzerin", „Meine Liebe ging mit einem anderen". Diese Melodien wurden zum Soundtrack unserer Sommerferien.
 
Inzwischen waren Bruder Qings Kinder bereits verheiratet und die ersten Enkelkinder auch schon da. Bei einem Anruf daheim erfuhr ich die unerwartete Nachricht. Als bei dem Neubau seines Hauses die Betondecke im ersten Stock gegossen wurde, war Bruder Qing vom Dach gestürzt. Damit war es um Bruder Qing geschehen.

Außenaufnahme des Kunstwerks „Blauglockenbaum" von Zhang Xinjun, 2020. Außenaufnahme des Kunstwerks „Blauglockenbaum" von Zhang Xinjun, 2020. | © Zhang Xinjun Die taube Oma, Onkel Guo und der zwölfte Onkel

Meine taube Oma war eigentlich gar nicht taub, aber sie hörte schlecht. Auf der Landstraße wurde sie von einem Quad umgefahren. Anschließend hatte sie lediglich über Schmerzen in der Brust geklagt, was man aber nicht weiter ernst nahm. Erst nach einer Woche stellte man fest, dass eine Rippe ihre Lunge verletzt hatte. Der Arzt konnte da schon nichts mehr für sie tun.
 
Onkel Guo war der älteste Sohn meiner Großeltern. Als Kind hatte er eine Beinverletzung erlitten, die nicht rechtzeitig operiert wurde, so dass er nie richtig laufen lernte. Mit über vierzig Jahren war er noch unverheiratet. Schließlich verlor er so stark an Gewicht, dass er starb. Mein zwölfter Onkel ließ trotz der wiederholten Schicksalsschläge in seiner Familie den Mut nie sinken. Doch dann raffte eine kurze Krankheit sein Leben dahin.

Lao Shi, Lao Ting und Lao Qin

Lao Shi, Lao Ting und Lao Qin waren drei sparsame Junggesellen, die sich für ihre Neffen alles vom Munde absparten. Alle drei bekamen Speiseröhrenkrebs.
 
Die Wasserqualität ist immer schlechter geworden, das Trinkwasser im Dorf muss nun gefiltert werden und die Rate der Krebserkrankungen steigt. Es ist nicht mehr so wie früher, als man, wenn man auf dem Schulweg Durst bekam, sich einfach an einem Haus mit Brunnen etwas Grundwasser zum Trinken pumpte. Gut zwei Jahrzehnte ist das erst her.

Der Alte Hei

Noch ein Junggeselle. In einer Winternacht überkam den alten Hei ein körperliches Unwohlsein. Er stand auf und machte sich auf den Weg zum Gesundheitszentrum im Westen des Dorfes. Als es Zeit für das Frühstück war, wurde er von seiner Familie vermisst. Er wurde am Straßenrand liegend gefunden, sein Kopf mit Frost bedeckt. Er hatte schon aufgehört zu atmen.
 
Im Jahr 2012 oder 2013 dehnte man die „Kampagne der Gräbereinebnung“ von der bezirksfreien Stadt Zhoukou auf die gesamte Provinz Henan aus und erzwang die in der chinesischen Kultur unübliche Einäscherung der Toten. Alle, die zu dieser Zeit starben, mussten nun heimlich beerdigt werden. Glücklicherweise war man bei uns unter sich, und niemand wurde verpfiffen. Andernfalls wäre es unserem Dorf vielleicht so ergangen, wie der Fernsehsender der Kreisstadt berichtete: In anderen Gemeinden grub man die beerdigten Leichen wieder aus, um sie dann doch noch zu verbrennen.
 
  • Schneebedeckter Weg in Nanyang © Zhang Zongxi
    Winter in Nanyang
  • Grabstätte in Nanyang © Zhang Zongxi
    Frühling in Nanyang

Lao He, der Vater meiner Klassenkameradin

Als ich in den 1990er Jahren die Grundschule besuchte, bekam der Vater einer Klassenkameradin nach fünf Töchtern endlich den ersehnten Sohn. Das Büro für Familienplanung drohte ihm diesmal mit Verhaftung. Damals wurde man schon mit einer Geldbuße bestraft, wenn man ein zweites Kind zur Welt gebracht hatte. Bei der Familie aber war nach den vielen Gelstrafen nichts mehr zu holen. Der Mann hielt allerdings dem Druck irgendwann nicht mehr stand und ging immer mehr vor die Hunde. Als seine Familie einmal nicht aufpasste, hat er sich erhängt.
 
Dabei war Lao He ein fähiger Mann gewesen. Er war erst Leiter des Produktionsteams und später Vorsteher der Dorfbautruppe. Und trotzdem beendete er sein Leben auf diese Weise. Der letzte Auslöser war ein Streit mit seiner Schwiegertochter gewesen, seine Wut endete tödlich.

Ertrunkene Kinder

Der erste Enkel des Alten Wang, der mit seiner Familie im Osten des Dorfes wohnte, lief seiner Mutter nach, als die ihre Familie besuchte, und ertrank beim Baden im Fluss. Der Alte Wang verpasste seiner Schwiegertochter voll Zorn eine Ohrfeige und schimpfte sie lauthals, nicht aufgepasst zu haben. Im nächsten Jahr ertrank auch sein zweiter Enkel im Fluss, diesmal unter seiner Aufsicht. Nun schwieg Lao Wang.
 
Außerdem erinnere ich mich noch an einen Klassenkameraden aus der Grundschule, sein Cousin fiel in den familieneigenen Fischteich. Später wurde der Teich zugeschüttet.

Giftopfer

Die dritte Tante eines anderen Klassenkameraden aus meiner Grundschule hatte einen Städter geheiratet und nahm ihre jüngste Schwester als Kindermädchen mit in die Stadt. Später besorgte sich die Jüngere, angestiftet von dem Ehemann ihrer Schwester, ein Tütchen Rattengift und vergiftete die dritte Tante. Die Tat wurde aufgedeckt und die jüngste Tante verurteilt. Sie war allerdings noch ein Teenager.
 
In der unteren Mittelschule gab es zwei Lehrer-Ehepaare, die jeweils ein Kind hatten. Sie wohnten alle zusammen im Wohnheim für Pädagogen. Ein Paar war so eifersüchtig auf das Nachbarpärchen, dass die Lehrerin ihnen Gift ins Essen mischte. Von der dreiköpfigen Familie konnte nur die Frau nicht gerettet werden. Der Geruch des Essens schien noch für lange Zeit in der Luft zu hängen.

Der hungrige Alte

In den 1960er Jahren zur Zeit der großen Hungersnot hatte ein alter Mann das bisschen Essen, was ihm zustand, stets den Kindern überlassen. Irgendwann war er jedoch völlig ausgehungert, fand aber nichts mehr zu beißen. Wie es der Zufall wollte, lief ihm plötzlich ein vom Produktionsteam gehaltener Hahn über den Weg. Der Mann packte das Tier und nagte ihm noch die letzte Haut von den Federn. Kurz darauf fiel er einfach um und starb.

Großvater

Früher hatte es immer geheißen, mein Großvater sei an Tuberkulose gestorben. Erst vor ein paar Jahren erzählte mir mein Vater eine andere Geschichte. Eines Morgens hatte mein Großvater geklagt, er fühle sich nicht wohl. Der Nachbar, ein Barfußarzt, verabreichte ihm erst ein Medikament und kurz darauf noch eine Infusion. Mein Vater fuhr in die Stadt, um einen echten Arzt zu holen, doch als er unverrichteter Dinge nach Hause zurückkam, war es um den Großvater bereits geschehen. Erst als man meinen Großvater beerdigt hatte, sagte der Mediziner aus der Stadt zu meinem Vater, dass man die beiden Medikamente niemals hätte zusammen geben dürfen. Mein Vater hatte uns nie von der Geschichte erzählt. Er hatte Angst, wir wären noch zu jung und würden gleich auf Rache sinnen.
 
Diese Sorge meines Vaters war nicht ganz unbegründet. Als Teenager gerät das Blut tatsächlich leicht in Wallung. Was meine Fantasie später allerdings viel mehr beschäftigte, war die Tatsache, dass mein Großvater während der Kulturrevolution ganze Bücherwände verbrennen musste. Wie bei den meisten jungen Menschen mit literarischen Träumen versuchte mein Vater meine Ambitionen zu zerstreuen: Schau, so-und-so hat einen Abschluss an einer Universität in Peking gemacht und war am Ende ziemlich durch den Wind; dieser und jener arbeitet bei der Provinzzeitung und wird aufgrund seiner ländlichen Herkunft jetzt als „lehmfüßiger“ Bauernautor bezeichnet. Diese Reden haben mich damals tatsächlich etwas abgeschreckt, so dass ich meine Pläne für eine gewisse Zeit begrub. Erst später habe ich verstanden, dass damals die Nachwehen des Idealismus und der Poesie-Begeisterung vom Ende der 1980er Jahre auf dem Land zu spüren waren. Doch mittlerweile, als jemand der im Grunde seinen Lebensunterhalt zu einem Drittel mit dem Schreiben verdient, fühle ich mich in dieser Hinsicht längst befreit.
 
„Mein 20. Jahrhundert besteht aus Stimmen und Gesichtern, die ich kenne oder von denen ich gehört habe. Sie lasten schwer auf meinem Herz, auch wenn sie heute nicht mehr existieren. Noch viel mehr Menschen wurden vergessen. Alles was sie tun können, ist mich zu benutzen, den Puls meines Blutes, die Hand, mit der ich den Stift führe, um unter die Lebenden zurückzukehren und eine Weile zu bleiben.“ Wenn ich hier die Sätze des polnischen Dichters Czesław Miłosz zitiere, fußt das nicht auf einem persönlichen Höhenflug, weil ich mir nun alles von der Seele geschrieben habe. Es ist nur so, dass die Geschichten, die man erlebt oder gehört hat, eben unweigerlich zum eigenen Leben dazugehören.
 
Es ist wie in dem amerikanischen Animationsfilm Coco – Lebendiger als das Leben!, in dem ein Junge Kontakt zur Welt der Toten aufnimmt: Ein Mensch stirbt das erste Mal, wenn er aufhört zu atmen, und das zweite Mal, wenn die letzte Person, die sich noch an ihn erinnert hat, ihn schließlich vergisst; Die Seelen der Verstorbenen brauchen jemanden, der sie im Gedächtnis behält, damit ihre Seelen Ruhe finden. Mögen diese Seelen in Frieden ruhen. Und mögen die Lebenden einen langen Atem haben.
 

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