„Flachliegen“ – Eine Jugendbewegung Keine Lust aufs Hamsterrad

Liegender Panda © yì magazìn

Man kommt an dem Begriff tǎngpíng (躺平) – „flach liegen“ – in den chinesischen sozialen Medien kaum vorbei. Seit das Wort online populär und zum Schlagwort des Jahres 2021 gewählt wurde, ist es in China Teil der alltäglichen Internetsprache geworden und taucht in Diskussionen im Netz häufig auf.

Mittlerweile wurde die Bezeichnung von den chinesischen Staatsmedien adaptiert – allerdings um diejenigen zu kritisieren, die den Begriff ursprünglich populär gemacht haben.

Aber was ist „flachliegen“ eigentlich? Wie hat sich die Bedeutung des Wortes verändert, und was hat es mit Covid-19, einer „buddhistischen Denkweise“ und dem Problem der so genannten „Involution“ zu tun?

„Buddhistische Jugend“ und andere Völker

Jedes Jahr wählt das chinesische Sprachmagazin Yǎowénjiáozì (咬文嚼字) die beliebtesten neuen Wörter und Ausdrücke aus, die oft Trends unter jungen Menschen aufzeigen und zudem Aufschluss über die sich rasant wandelnde chinesische Gesellschaft geben.

Eines der wichtigsten chinesischen Modewörter des Jahres 2018 war fóxì (佛系), ein Begriff aus dem Japanischen, den man nun in China zur Beschreibung einer „buddhistischen Denkweise“ verwendet. In Japan kam das Wort 2014 in den Medien auf und definierte einen bestimmten Typus Mann, die „buddhistischen Männer“ (佛系男子), die sich ausschließlich auf ihre eigenen Hobbys, Interessen und Luxus konzentrieren und keine Zeit auf Verabredungen oder die Liebe verschwenden. Die Bezeichnung wurde Ende 2017 auch unter chinesischen Internetnutzer*innen bekannt, nachdem ein viral gehender Essay des WeChat-Accounts Xinshixiang (新世相) damit die Lebens- und Denkweise vieler in den 1990er-Jahren geborener Chines*innen charakterisierte.

Im chinesischen Kontext verweist „buddhistische Jugend“ (佛系青年) hauptsächlich auf Menschen zwischen 20 und 40 Jahren, die in einer schnelllebigen Gesellschaft einen eher beschaulichen Lebensstil pflegen. Obwohl er als „buddhistische Denkweise“ bezeichnet wird, hat der Ausdruck nicht viel mit buddhistischen Traditionen gemein. Stattdessen bezieht er sich auf eine Laissezfaire-Haltung, bei der man keine Verantwortung übernimmt und einfach mit der Masse mitläuft, weil man sich nicht an Belanglosigkeiten aufreiben will.

Laut einer Analyse von Wu Hongjuan und Ying Ren ist die Bezeichnung nicht positiv konnotiert, sondern wird eher mit Angst und Negativität verbunden. Die Anhänger*innen des Tangping, so argumentieren Wu und Ying, frönen bloß ihren eigenen Interessen, weil es ihnen an Motivation und dem Willen fehlt, mit anderen zu interagieren und in einem stark wettbewerbsorientierten Umfeld zu funktionieren. Chinas „buddhistische Jugendliche“ hingegen, behaupten die Autor*innen, suchen nach Wegen, um dem Druck zu entkommen, dem sie in einem Alltag ausgesetzt sind, in dem unglaublich viel von ihnen erwartet wird, während sie dennoch Mühe haben, die Kosten für Wohnung, medizinische Versorgung und Bildung aufzubringen – selbst dann, wenn sie sehr hart arbeiten.

Die buddhistische Jugend hält sich an drei Prinzipien: Alles ist in Ordnung, alles ist OK, es ist egal. Die buddhistische Jugend hält sich an drei Prinzipien: Alles ist in Ordnung, alles ist OK, es ist egal. | Image via QQ.com Anstatt sich dem urbanen Gerangel um das Beste vom Besten anzuschließen (schönere Wohnungen, tollere Jobs, fundiertere Bildung), akzeptieren diese jungen Menschen ihre Realität einfach so, wie sie ist: Es ist egal, ob man gewinnt oder verliert, es spielt keine Rolle, ob man glücklich oder traurig ist. Die Popularität des etwas selbstironischen Begriffs „buddhistische Jugend“ im Jahr 2018 spiegelt ein kollektives Gefühl einer gewissen Hilflosigkeit unter Chinas Millennials wider, die in den Städten leben und versuchen die Kontrolle zurückzugewinnen, indem sie die Dinge laufen lassen.

Das Internetzeitalter hat diese Art von sozialen Stimmungen und Bewegungen sichtbarer gemacht als je zuvor, und einige Trendwörter verbreiten sich so schnell, dass sie sich zuweilen innerhalb weniger Wochen zu Subkulturen entwickeln. Bestimmte Begriffe und Memes finden Anklang bei Millionen Menschen, die sich mit ihnen identifizieren, und sind zugleich eine Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu treten und ein Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen. Dieses Gefühl einer gemeinsamen Identität wird auch dadurch deutlich, dass diese Bewegungen oft als moderne „Völker“ oder „Clans“ (族) bezeichnet werden.

Der sprunghafte Anstieg der Immobilienpreise auf dem chinesischen Wohnungsmarkt vor über einem Jahrzehnt brachte das Wort „Ameisenvolk“ (蚁族) hervor – ein Neologismus zur Beschreibung einer großen Gruppe einkommensschwacher urbaner Hochschulabsolvent*innen, die auf Arbeit und ein geregeltes Leben hoffen, aber schließlich in ärmeren, überlaufenen Vierteln am Rand der Metropolen landen, wo die Mieten günstig sind.

„Kein Geld mehr“ – der „Mondscheinclan“, auf den sich diese jungen Leute bezogen, würde sofort ihren gesamten Lohn ausgeben und sie vor Ende des Monats völlig pleite zurücklassen. „Kein Geld mehr“ – der „Mondscheinclan“, auf den sich diese jungen Leute bezogen, würde sofort ihren gesamten Lohn ausgeben und sie vor Ende des Monats völlig pleite zurücklassen. | Image via Doutu Im gleichen Zeitraum bildete sich auch das „Mondscheinvolk“ (月光族) heraus, jüngere Arbeitnehmer*innen, die ihr gesamtes Monatsgehalt für Materielles ausgeben, sich amüsieren, den Moment genießen und sich keine Sorgen um die Zukunft machen. Sie wurden begleitet vom „Flohvolk“ (跳蚤族) (Jobhopper*innen, die stets auf der Suche nach besseren Arbeitsmöglichkeiten sind) und vielen weiteren Subkulturen und sozialen Trendwörtern.

Eine Vielzahl chinesischer Internetnutzer*innen begann, sich selbst als diǎosī (屌丝) – „Loser“ – zu betiteln. Selbstironie und Satire war für sie eine Art humorvoller Eigentherapie zur Bewältigung der Alltagsbelastungen und der wachsenden sozialen Ungleichheit im heutigen China. Diaosi geriet zu einem der beliebtesten Memes des Jahres 2012 und zeugte von einer zunehmenden Desillusionierung unter einkommensschwachen chinesischen Jugendlichen über ihre sozialen Aufstiegschancen.

Involution und Flachliegen

In den letzten zehn Jahren kursierten im chinesischen Internet immer mehr Memes und Schlagwörter, die sich auf den gnadenlosen Konkurrenzkampf im modernen China beziehen. Zwei der bekanntesten sind „Involution“ und „Flachliegen“, die beide auch auf den Listen der gebräuchlichsten Wörter 2020 und 2021 des Magazins Yǎowénjiáozì aufgeführt sind.

Das Konzept der nèijuǎn (内卷) – Involution – kennzeichnet eine wirtschaftliche Situation, in der das Prokopf-Vermögen mit dem Wachstum der Bevölkerung abnimmt. Der Begriff stammt ursprünglich aus einem Werk des US-amerikanischen Anthropologen Clifford Geertz aus dem Jahr 1963. Darin erörterte er die Dynamik einer schnell wachsenden indonesischen Bevölkerung, die in einem Kreislauf des ausgeprägten, arbeitsintensiven Nassreisanbaus feststeckte, ohne echte wirtschaftliche Fortschritte zu erzielen.

Im chinesischen Kontext charakterisiert das Wort die Wettbewerbsbedingungen in akademischen und beruflichen Umfeldern, in denen die Einzelnen immer mehr leisten müssen, weil ihre scheinbar noch fleißigeren Mitwettbewerber*innen den Standard noch oben treiben. In einer beruflichen und schulischen Umgebung, in der die Menschen immer härter und länger arbeiten, wird eine höhere Leistung zur neuen Normalität, ohne dass sie mehr einbringt.

Eine Szene aus dem beliebten chinesischen Fernsehdrama A Love for Dilemma geriet 2021 in den sozialen Medien in Umlauf, weil sie für viele Internetnutzer*innen das Wesen der Involution einfing. In der Szene diskutieren zwei Väter über das chinesische Bildungssystem und vergleichen es mit einem überfüllten Kino, in dem sich alle einen Film anschauen wollen, bis eine Person aufsteht, um besser sehen zu können, und andere hinter ihr zwingt, sich ebenfalls zu erheben, um einen Blick auf die Leinwand zu erhaschen. Nun stellen sich einige auf ihre Sitze oder organisieren sogar Leitern, um die anderen zu überragen. Infolgedessen versuchen auch die übrigen, einen Podestplatz zu ergattern, aber am Ende hat keiner etwas davon. Das gesamte Publikum ist genervt, und keiner kann dem Film richtig folgen, obwohl alle ihn gemeinsam und in Ruhe hätten ansehen können, wenn sie einfach sitzengeblieben wären.

Die Generation, die am stärksten von dem Gefühl betroffen ist, im Hamsterrad der sozioökonomischen Stagnation gefangen zu sein, sind die Millennials. 2020 nahm eine Rekordzahl von 8,74 Millionen Hochschulabsolvent*innen die Arbeitssuche auf, obwohl in vielen Branchen auf einem bereits vor der Pandemie hart umkämpften Arbeitsmarkt weniger Leute eingestellt wurden als zuvor. Diese jungen Erwachsenen geraten in eine Zwangslage. Sie stehen unter Druck, wenn sie keinen Spitzenjob bekommen, weil sie Angst haben, den Anschluss zu verlieren. Und sie sind auch dann unter Stress, wenn sie einen Spitzenjob haben, weil sie fürchten, das Niveau nicht halten zu können.

In den letzten zehn Jahren kursierten im chinesischen Internet immer mehr Memes und Schlagwörter, die sich auf den gnadenlosen Konkurrenzkampf im modernen China beziehen

Eng verwandt mit dem Konzept der Involution und eine Alternative zur Tretmühle ist der gesellschaftliche Trend des „Flachliegens“ (躺平), auch bekannt als „Die Lehre vom Flachliegen“ (躺平主义, 躺平学) oder einfach „Flachlieger“ (躺平族). Junge Anhänger*innen der Bewegung haben die Nase voll von der Involution, weisen die gesellschaftlichen Erwartungen in Bezug auf Heirat und Kinder zurück und wollen nicht in den Konkurrenzkampf einsteigen, der bereits im Kindergarten einsetzt – alles dreht sich um die bevorstehende Prüfung, das beste Ergebnis, die renommierteste Schule, den vielversprechendsten Job, die längsten Arbeitszeiten, die nächste Beförderung. Tangping ist im Grunde genommen die Weigerung junger Chines*innen aus der Mittel- und Unterschicht, sich ins Zeug zu legen, um die soziale und wirtschaftliche Leiter zu erklimmen. Sie tun nur das Nötigste und halten den sozialen Aufstieg für ein unerreichbares Ziel.

Obwohl „flachliegen“ zu einem gängigen Schlagwort wurde, nachdem sich 2021 ein Artikel mit dem Titel „Flachliegen ist Gerechtigkeit“ wie ein Lauffeuer in Chinas sozialen Medien verbreitete, war das Phänomen unter Internetznutzer*innen schon lange davor bekannt. „Ich habe nach der Arbeit mit meinem Kollegen gechattet“, schrieb ein Weibo-Nutzer im November 2018. „Wir haben darüber gesprochen, wie schade es ist, dass man kein Geld hat, wenn man nicht arbeitet, und auch dann nicht, wenn man arbeitet. Man könnte also ebenso gut aufhören, sich abzurackern, und einfach ‚flachliegen‘. Kein Schmerz, keine Gefühle, keine Involution.“

Obwohl die Bezeichnung „flachliegen“ andeutet, dass diese Bewegung um Passivität und Schwäche kreist, geht es in Wirklichkeit eher um soziale Skepsis und darum, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. In einem WeChat-Beitrag des Bloggers Mao Talk aus dem Jahr 2021 wird Tangping mit den Ansichten des griechischen Philosophen Diogenes verglichen. Er glaubte, die Gesellschaft lege zu viel Wert auf Status, Reichtum und materielle Besitztümer, und war entschlossen, ein einfaches Leben zu führen. Demzufolge arbeitete er nicht und heiratete auch nie.

Der chinesische Urheber des Nichthandelns ist laut Mao Talk der Philosoph Zhuangzi, für den die beste Form des Seins darin bestand, das „Selbst“ aufzugeben („Kein-Selbst“) und „dem zu folgen, was ist“, anstatt sich von sozialer Interaktion und Machtstrukturen leiten zu lassen. In einem Artikel, der 2021 in der Guangming Daily veröffentlicht wurde, beleuchtete die Autorin Sun Xiaoting (孙小婷) Tangping aus einem ähnlichen Blickwinkel:
 
„Heutzutage sind die Menschen tatsächlich in der Lage, die verschiedenen Normen, die von der Gesellschaft und anderen Menschen aufgestellt werden, dialektischer zu betrachten. Sie haben eine mehrdimensionalere, tolerantere Sichtweise und eine weitreichende Definition dessen, was ‚Erfolg‘ und was einen ‚Siegertypen‘ ausmacht. Außerdem sind sie in der Lage, die durch Konsumdenken, Erfolgsphilosophie und inspirierende Zitate vermittelten Werte zu hinterfragen oder gar zu missbilligen, und sie sind mutig genug, sich für den Lebensstil zu entscheiden, den sie für angenehmer halten. Diese jungen Leute, die das ‚Flachliegen‘ praktizieren, haben keine ‚Salzfisch-Mentalität‘ und unterscheiden sich auch vom ‚Faulenzen im Ge-You-Stil‘ und der ‚Beerdigungskultur‘, die vor einigen Jahren im Internet aufkamen [Schlagwörter und Online-Trends, die seit 2016 ein Gefühl der Passivität und Antriebslosigkeit ausdrücken]. Viele von ihnen haben ihre eigene Auffassung über den Sinn des Lebens. Sie wollen schlichtweg nicht in ein soziales System hineingezogen werden, in dem ihr Platz bereits vorgeschrieben ist; sie wollen nicht in diesen schwindelerregenden, beengenden Prozess gepresst werden, mit dem Menschen durch Überstunden und andere Anstrengungen gewöhnlich ihre Ziele von ‚Beförderung und Gehaltserhöhung‘ und ‚Haus- und Autokauf‘ verwirklichen. Sie ziehen sich freiwillig aus dem Streben nach Erfolg und Glück innerhalb dieses gesellschaftlichen Gefüges zurück, und die innere Akzeptanz des eigenen Zustands ist der bevorzugte Standard, an dem sie alles messen. Das erklärt auch, warum einige junge Menschen ihre Positionen in großen Internetfirmen und staatlichen Unternehmen aufgeben und sich dafür entscheiden, in kleinere Städte zurückzukehren, um dort als einfache Bedienstete in einem Café oder als Lieferant*in zu arbeiten, was bedeutet, dass sie die Kontrolle über ihre persönliche Zeit übernehmen und wieder mehr Selbstbestimmung und Einfluss erlangen.“

Obwohl Tangping der „buddhistischen Jugend“ und einigen anderen Subkulturen der letzten zehn Jahre ähnelt, gibt es deutliche Unterschiede. Die Mentalität der „buddhistischen Jugend“ scheint einer eher negativen, von Angst und Frustration geprägten Denkweise zu entspringen. Um ein gewisses Maß an Stabilität zu finden, nehmen diese Jugendlichen eine „alles geht“ Haltung ihrem Leben gegenüber ein, um sich gegen Enttäuschungen und Misserfolge zu wappnen, während sie vielleicht noch immer eine Richtung einschlagen, die ihnen von anderen vorgegeben wird. Die Anhänger*innen des „Flachliegens“ haben dagegen ihre Wünsche und Ziele für die Zukunft neu ausgerichtet und beschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen.

Abkehr vom „chinesischen Traum“

Die offiziellen chinesischen Medien wollten den Diaosi-Trend nach seinem Aufflammen im Keim ersticken und ermunterten Chinas Jugendliche zum positiven Denken. So brachte das staatliche Medienorgan People’s Daily einen Artikel mit dem Titel „Können wir aufhören, uns selbst herabzusetzen?“ heraus. Seit Tangping zu einem Trend in den sozialen Medien geworden ist, wird es von den offiziellen chinesischen Medien verurteilt.

Im Mai 2021 nannte ein von der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichter Kommentar die Flachlieger-Bewegung eine „Schande“. Obgleich der Artikel den Druck anerkannte, unter dem Chinas Jugend heutzutage steht, betonte er die Notwendigkeit, eine zuversichtliche und positive Haltung zu bewahren. 2022 wird Tangping von chinesischen Medien und Politiker*innen noch immer als Irrweg abgetan.

In einem kürzlich auf Weibo beworbenen Interview mit Li Nannan (李楠楠), einem Vertreter des Nationalen Volkskongresses, legte der junge Abgeordnete seine Sicht auf Involution und Tangping dar und rief die chinesische Jugend auf, sich dem Wettbewerb zu stellen und die Involution dem Müßiggang vorzuziehen, da es bei Letzterem anscheinend nur darum gehe, zu resignieren und „eine negative Atmosphäre“ zu erzeugen. Ein weiterer Bericht in den staatlichen Medien konzentrierte sich auf die chinesische Bevölkerung unter 27 Jahren und lobte deren Aufgeschlossenheit gegenüber Karrieremöglichkeiten und ihre Weigerung, dem süßen Nichtstun zu verfallen.

Die Flachlieger-Bewegung wird von den offiziellen Kanälen auch deshalb als ausgesprochen defätistisch eingestuft, weil sie den Idealen des chinesischen Traums zuwiderläuft. Die Idee des „chinesischen Traums“ ist in den offiziellen chinesischen Medien allgegenwärtig, seit Xi Jinping 2013 Präsident wurde. Das Konzept zielt auf eine Form der „nationalen Verjüngung“ und eine Renaissance der chinesischen Nation ab. Auf dem Nationalen Volkskongress im März 2013 erklärte Xi, dass zur Verwirklichung des chinesischen Traums „... wir den chinesischen Geist verbreiten müssen, der den von Patriotismus geprägten Geist der Nation mit einem von Reform und Innovation geprägten Zeitgeist verbindet.“ Zudem betonte er:
 
„Angesichts der gewaltigen Entwicklungen der Zeit und der tief empfundenen Hoffnung der Menschen auf eine Verbesserung ihres Lebens dürfen wir nicht die geringste Selbstzufriedenheit hegen oder in unserer Arbeit nachlassen.“

In Bezug auf Chinas Weg zur Verjüngung werden chinesische Jugendliche und junge Erwachsene als „Erbauer*innen des Sozialismus“ gesehen, die zur Realisierung des chinesischen Traums beitragen sollen, indem sie klare Ziele und starke Ideale haben und hart und aktiv arbeiten, um Unternehmen und Familien zu gründen. Jugendsubkulturen wie Diaosi, die „buddhistische Jugend“ oder „Flachliegen“ gelten als negative Einflüsse der chinesischen Gesellschaft, weil sie augenscheinlich nichts zu dem gemeinsamen chinesischen Ideal des Sozialismus beisteuern und den von der Partei propagierten Lebensstil ablehnen.

“Contemporary youth [should] never choose to “lie flat”” - Online-Plakat der Kommunistischen Jugendliga „Die zeitgenössische Jugend [sollte] niemals wählen, „flach zu liegen““ - Online-Plakat der Kommunistischen Jugendliga | Online-Plakat der Chinesischen Kommunistischen Jugendliga Nach einer Welle lokaler Ausbrüche wurde Tangping in jüngster Zeit auch von den offiziellen Medien in Zusammenhang mit Chinas Strategie gegen Covid-19 verwendet. Während viele Länder weltweit ihre Covid-19-Beschränkungen aufheben, hält China an seiner strikten Null-Covid-Politik fest, so dass Millionen Menschen weitere Lockdowns drohen. Das hat im Internet Diskussionen darüber ausgelöst, ob die aggressiven Maßnahmen Chinas zur Eindämmung des Virus wirklich ein probates Mittel sind. Doch nachdem der renommierte chinesische Arzt Zhang Wenhong erklärte, dass sich China zum jetzigen Zeitpunkt der Covid-19-Pandemie aufgrund drohender Todeszahlen nicht auf die faule Haut legen könne, wurde auf der Social-Media-Plattform Weibo ein entsprechendes Hashtag („Zhang Wenhong hält nichts vom Flachliegen“) zum Trend.

Der Begriff wurde zuvor in ähnlicher Weise vom Kommunistischen Jugendverband gebraucht, der in den sozialen Medien einen Beitrag mit dem Titel „Die Jugend von heute darf nicht bloß flachliegen“ publizierte. In ihrem Post würdigte der Verband den Einsatz junger medizinischer Fachkräfte, Soldat*innen, Wissenschaftler*innen und all jener, die das chinesische Vaterland mit ihrem Leben verteidigten, und schrieb:
 
„Sie haben Vertrauen, sie haben Träume, sie stellen sich dem Kampf, sie sind engagiert – sie würden nie flachliegen!“

Durch die klare Unterscheidung zwischen denjenigen, die sich für die Nation einsetzen, und denjenigen, die einfach nur Däumchen drehen, suggerieren die chinesischen Medien, dass Tangping eine unpatriotische Handlung ist, ein Verhalten, das einen Mangel an Hingabe an das eigene Land zeigt.

Während das Müßiggängertum kritisiert wird, werden nìxíngzhě (逆行者), – Menschen, die gegen den Strom schwimmen – gewürdigt. Das ist ein weiteres Schlagwort von 2020, mit dem die staatlichen Medien häufig Menschen an vorderster Front und andere beschreiben, die sich allen Gefahren zum Trotz Problemen stellen, vor denen andere zurückschrecken.

Die Botschaft der staatlichen Medien, Tangping sei kontraproduktiv, scheint bei vielen Online-Kommentator*innen anzukommen. Obwohl die Bewegung zuvor von der Washington Post und anderen Medien als „Akt des Widerstands“ gepriesen wurde, stößt diese Form der Revolte heute offenbar eher auf Ablehnung.

Nichtsdestotrotz gibt es immer noch eine große Gruppe von Internetnutzer*innen, die die Bewegung aufgrund der von ihr vertretenen Ideen unterstützen. Ein Weibo-Nutzer sagt, Tangping solle als eine „kollektive emotionale Katharsis“ im Internet verstanden werden, die den Menschen bei der Bewältigung ihres Alltags helfe. In einem anderen Beitrag eines beliebten Bloggers, der vor kurzem im Netz Aufsehen erregte, heißt es:
 
„Die Millennials haben die Selbstmordserie bei Foxconn miterlebt, sie sind Zeugen des tragischen Todes des Arbeiters [von ByteDance] geworden, sie haben die Welt gesehen und nun entdeckt, dass es am wichtigsten ist, zu leben ... Die kapitalistische Ausbeutung hat junge Menschen zu einer ‚buddhistischen Denkweise‘ getrieben. Widersetzen sie sich dem Kapital oder sind sie zum Flachliegen verdammt? Das ist der Kern des Problems.“

Eine Reaktion darauf lautete: „Wir leben zwar in einem sozialistischen Land, aber wenn man bedenkt, wie die Arbeiter*innen behandelt werden, könnte es genauso gut eine kapitalistische Gesellschaft sein.“

Ironischerweise wurde nicht allzu lange, nachdem Tangping zum Modewort avancierte, öffentlich, dass der chinesische Tech-Gigant Alibaba den Ausdruck markenrechtlich schützen lassen wollte, um eine E-Commerce-App unter diesem Namen zu entwickeln.

Viele Menschen kritisierten diesen Schritt. Eine Person schrieb: „Ihr kennt keine Scham.“ Eine andere urteilte: „Der Sinn hinter Tangping ist es, weniger zu wollen und das Konsumverhalten einzuschränken, aber ihr Kapitalisten nutzt wirklich jede Gelegenheit, ihr seid sogar bereit, das letzte bisschen an Werten aus den jungen Menschen herauszuquetschen.“

Trotz des Bedeutungswandels und der unterschiedlichen Ansichten über den Flachliegen-Trend in Chinas sozialen Medien machte ein chinesischer Nachrichtenartikel zu diesem Thema kürzlich eine gemeinsame Basis mit den Anhänger*innen der Bewegung aus: „Wir müssen ein Gleichgewicht zwischen Involution und Tangping finden, damit das Leben voller Farben sein kann, aber auch Leerräume lässt, denn man lebt nur dann optimal, wenn man zu einem Gleichgewicht zwischen Spannung und Entspannung gelangt.“
 

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