Inspirador Wie Helsinki seine Bürger*innen zur Teilnahme einlädt

Menschen spielen Omastadi
Mit Omastadi können die Bürger von Helsinki durch ein Kartenspiel an den Entscheidungen der Stadt teilhaben. | Foto (Detail): © Kirsi Verkka

​Dass Städte Kanäle einrichten, über die sich Bürger*innen an kommunalen Entscheidungen beteiligen können, ist längst gang und gäbe. Allerdings stellt es stets eine Herausforderung dar, eine große Anzahl von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen einzubinden. Der Vorschlag von Helsinki dazu? Ein Kartenspiel! 

Von Jonaya de Castro und Laura Sobral

Der Inspirador ist ein Projekt, mit dem Ziel, nachhaltige Städte neuzudenken, indem es inspirierende Beispiele aus mehr als 32 Orten auf der ganzen Welt identifizierte und präsentierte. Die Forschung systematisiert die Fälle und Ideen in verschiedene Kategorien, gekennzeichnet durch Hashtags.
 
#raum_demokratisieren
Die Verfügbarkeit von qualitativ hochwertigen öffentlichen Räumen, kombiniert mit bezahlbarem Wohnraum und Zugang zu wesentlichen städtischen Dienstleistungen, ist ein zentraler Aspekt einer guten städtischen Lebensqualität. Öffentliche Räume fördern Klimagerechtigkeit, Umweltbewusstsein und Gesundheit und kurbeln die lokale Wirtschaft an. Städte, die verstanden haben, dass Wohnen ein Grundrecht ist, unternehmen daher Schritte, um den Zugang zu Wohnraum zu demokratisieren und inspirieren damit andere Kommunen auf der ganzen Welt.


Ein Projekt bei der Stadtverwaltung einzureichen verlangt nicht nur, ein ziemlich komplexes System zu durchschauen, sondern auch zu verstehen, was die ganze Stadt braucht. Ein solch komplizierter Prozess entmutigt die Bürger*innen oft, sich zu beteiligen. Menschen, die einen Beitrag zu ihrer Stadt leisten wollen, sind daher eine kraftvolle aber häufig unzureichend genutzte Ressource. 

Bei der Überlegung, wie man den Prozess der Ideenfindung für Bürger*innenprojekte erleichtern kann, hat sich die Stadt Helsinki deshalb überlegt, ein Spiel zu konzipieren. Die Stadt benötigt solide und vielfältige Vorschläge für die Herausforderungen des städtischen Haushalts. Im Rahmen des Beteiligungshaushalts entscheiden die Bürger*innen mittels eines demokratischen Beratungsprozesses, wie ein Teil des kommunalen bzw. öffentlichen Budgets verwendet werden soll. Und daraus ergab sich die Idee für das Spiel mit dem Namen „Omastadi“, gleichnamig wiedie von der Stadt entwickelte Bürgerhaushaltsplattform und -strategie. 

Das Konzept des Beteiligungshaushalts entstand im Jahre 1988 in Porto Alegre, Brasilien, und wurde inzwischen von mehr als 1.500 Städten auf der ganzen Welt übernommen. Das Omastadi-Spiel, eines der ersten seiner Art weltweit, wurde speziell so konzipiert, dass es von Bürger*innen im Rahmen des Beteiligungshaushaltsverfahrens gespielt werden kann.  Die Idee hinter dem Omastadi-Spiel ist es, einerseits den Beteiligungshaushalt für alle verständlich und inklusiv zu machen und andererseits eine größere Anzahl von Bürger*innen zur Teilnahme zu motivieren. ”Das Spiel zielt darauf ab, die Menschen zu befähigen und sie anzuleiten, machbare Projekte zu konzipieren, die auf die Zielsetzungen der Stadt abgestimmt sind”, sagt Kirsi Verkka, Stadtentwicklerin für Helsinki. Es soll Qualitäten wie gleichberechtigte Beteiligung, Kreativität und bürgerschaftliches Lernen fördern und ist als eine Initiative der Stadtverwaltung vollständig von der Kommune finanziert wird. 
 

Alle Karten auf den Tisch! 

Das Omastadi-Spiel führt die Spieler*innen durch eine Reihe von Schritten, die ihnen innerhalb einer Stunde dabei helfen sollen, Ideen für Projekte zu entwickeln. Vor Spielbeginn wählen die Spieler*innen  Spielleiter*innen, Schreiber*innen und Zeitnehmer*innen. 
Im ersten Schritt, der Brainstorming-Phase, wird zunächst die Frage gestellt, wie sich die Spieler*innen das Helsinki von morgen vorstellen. Dieser Schritt basiert auf einem Satz von „Great City“-Karten, die verschiedene Probleme erläutern, auf die die Spieler*innen eingehen können, wie beispielsweise eine lebendige oder eine nachhaltige Stadt. Nachdem sie sich für ein oder zwei Schwerpunktthemen entschieden haben, machen sich die Spieler*innen mithilfe von Stadtteilkarten mit den verschiedenen Bezirken der Stadt vertraut und entscheiden sich für einen Ort, auf den sie sich konzentrieren möchten. 

Im nächsten Schritt legen die einzelnen Spieler*innen ihre Ideen auf den Tisch, damit alle gemeinsam an Lösungen arbeiten können. Dazu bietet das Spiel verschiedene Ideenkarten, die die Spieler*innen zum Beispiel dazu einladen, eine Ideengalerie zu erstellen oder sich die Vorschläge der anderen anzuschauen. Wenn es langweilig wird oder die Spieler*innen nicht weiterkommen, können sie einen Joker ziehen und werden so eingeladen, auf Entdeckungsreise in der Umgebung zu gehen oder Passant*innen zu befragen. Liegen viele Ideen auf dem Tisch, können die Spieler*innen ihre Perspektive mithilfe von Bürger*innen-Karten erweitern, die unterschiedliche Profile enthalten, wie eine alleinerziehende Mutter, ein Schulkind oder ein Firmenchef, und darüber spekulieren, wie sich ihre Idee auf diese Menschen auswirken würde. 

„Spiele sind hilfreich, um komplexe Prozesse und Konzepte zu verstehen. Und sie machen auch viel mehr Spaß.“

Kirsi Verkka

Anschließend besteht die Herausforderung darin, diese Ideen in Vorschläge umzuwandeln und dabei die im Kartensatz dargestellten Rahmenbedingungen des Beteiligungshaushalts zu berücksichtigen. Die Ideen müssen für die Stadtverwaltung machbar sein, den Werten und Prinzipien der Stadt entsprechen, als Einzelprojekte geplant sein und über ein Budget von mindestens 35.000 Euro verfügen. Alle Vorschläge, die diese Kriterien in diesem Stadium nicht erfüllen, werden entweder beiseitegelegt oder angepasst. 

Um zu entscheiden, welche Ideen weiterentwickelt werden sollen, müssen die Spieler*innen wieder die „Great City“-Karten ziehen und ihre Ideen danach bewerten, welche von ihnen am meisten zu einer lebendigen, gleichberechtigten, sicheren und nachhaltigen Stadt beiträgt. Dieser Prozess hilft dabei, sich auf die beste Idee zu einigen, woraufhin diese dann der Stadt Helsinki präsentiert wird. 
Ein Spiel, das die Bedürfnisse der Benutzer*innen erfüllt 

 
  • Eine Auswahl von Omar Stadi Spielkarten Foto: Screenshot
    Im Spiel kann man sich aussuchen, welche Art von Stadt man entwickeln möchte, sich mit den Stadtteilen vertraut machen und dann mit den anderen Spieler*innen Ideen und Lösungen austauschen.
  • Eine Auswahl von Omar Stadi Spielkarten Foto: Screenshot
    Nach den ersten Runden kommen auch ein paar eingrenzende Faktoren hinzu und die Spieler*innen müssen in die Rolle von Bürger*innen schlüpfen. Für einen zusätzlichen Spannungsfaktor sorgen die "Wild Cards", beispielsweise die Expeditions-Karte.
Das Spiel unterstützt die Spieler*innen dabei, Wege zu finden, ihre eigenen lokalen Viertel und Gemeinschaften weiterzuentwickeln. Außerdem erleichtert es den Prozess der Kompromissfindung zwischen verschiedenen Interessen erheblich. 

In seiner Masterarbeit über das Omastadi-Spiel stellte Andreas Wiberg Sode fest, dass es lokale Gemeinschaften stärkt, indem es die Entwicklung neuer Netzwerke unter den Spieler*innen unterstützt. Einer seiner Interviewpartner erklärte, dass das Spiel „Helsinki viel freundlicher gemacht hat. Der Prozess hat mir die Gesichter der Stadt gezeigt.“ Nice Hearts, eine Organisation, die gemeinschaftsorientierte Aktivitäten für Mädchen und Frauen unterschiedlichen Alters und Herkunft organisiert, hat das Spiel schon häufig genutzt, um Vorschläge zu entwickeln. Ihr Feedback zum Spiel unterstrich den Aspekt der gesteigerten Inklusion. Eine Person gab an, dass es ihr „das Gefühl gab, dass [die Stadt] tatsächlich Leute, die wie ich aussehen, wahrnimmt. Ich fühle mich ein bisschen mehr mit den Dingen verbunden, und ich habe das Gefühl, dass sie wissen, dass Menschen wie ich auch in Finnland leben.“ 

Die Entwicklung Des Omastadi Spiels

Laura Lerkkanen ist Senior Service Designer bei Hellon, der Designagentur, die zusammen mit der Stadt Helsinki das Spiel entwickelt hat. Sie erklärt, dass die eine einfache Bereitstellung ein wichtiger Aspekt bei der Gestaltung des Spiels war, um es der Öffentlichkeit leicht zugänglich zu machen. „Wir mussten auch darüber nachdenken, wie viel jedes einzelne Spiel kosten sollte. Welche Materialien sollten zum Einsatz kommen? Können diese wiederverwendet werden? Wie oft?“, sagt Laura. Das Ergebnis ist ein buntes, kompaktes und praktisches Kartenspiel. 

Die Stadt verteilte rund 300 Exemplare an Nichtregierungsorganisationen und verschiedene Behörden der Stadt. Interessierte Bürger*innengruppen können das Spiel bei ihren regionalen Stadtteilbeauftragten bestellen. Das Omastadi-Spiel wird heute von mehreren Bürger*innengruppen und Organisationen in Helsinki genutzt und hat bereits andere Städte inspiriert, eigene Spiele für ähnliche Zwecke zu entwickeln, wie beispielsweise Edinburgh, wohin Kirsi eingeladen wurde, um einen Vortrag über das Spiel zu halten. Aus Lauras Sicht war ein wesentlicher Erfolgsfaktor das Engagement der Stadt, das System tatsächlich zum Laufen zu bringen. Entscheidend ist, dass die Stadt die Initiative umsetzt und sich zu ihrer Strategie und dem ihr übergeordneten Ziel bekennt. 

Das große Ganze im Blick 

Laura ist der Ansicht, dass sich öffentliche Einrichtungen und Behörden in einer Übergangsphase befinden, in der sie neue, geeignetere Werkzeuge und Ansätze implementieren müssen, um das Gefühl von Vertrauen, Zusammengehörigkeit und Transparenz innerhalb der Gesellschaft wiederherzustellen. Zudem leben wir in einer Zeit, in der die Menschen nach neuen Wegen suchen, um sich einzubringen, etwas zu bewirken und ihre Umgebung zu beeinflussen. Laura argumentiert, dass die traditionellen Wege, Probleme zu lösen, nicht mehr funktionieren, und dass deshalb neue, kreativere Ansätze vonnöten sind. 

„Das Spiel macht es wirklich möglich, eine kreative Runde mit Teammitgliedern oder Freund*innen abzuhalten, um dadurch die Stadt zu verbessern.“

Laura Lerkkanen

Das Beste daran ist, dass das Spiel unter einer Creative-Commons-Lizenz vertrieben wird, so dass die Karten nebst Spielregeln (jeweils auf Englisch) für alle Interessent*innen frei zugänglich sind. Worauf wartet ihr noch? Lasst uns spielen! 
 

In dieser Reihe geht es um:

Das Projekt „Inspirador für mögliche Städte“ von Laura Sobral und Jonaya de Castro zielt darauf ab, Erfahrungswerte aus Bürger*inneninitiativen, akademischen Kontexten und politischen Maßnahmen zu identifizieren, die sich an Transformationsprozessen hin zu nachhaltigeren, kooperativeren Städten beteiligen. Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Lebensweise und unsere Konsumgewohnheiten die Auslöser der Klimakrise sind bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Mitverantwortung einzugestehen. Grüne, geplante Städte mit autonomer Nahrungsmittelversorgung und einer Abwasserentsorgung auf Grundlage natürlicher Infrastrukturen können ein Ausgangspunkt für die Entwicklung der neuen Vorstellungswelt sein, die für diesen Wandel notwendig ist. In dem Projekt werden öffentliche Maßnahmen und Gruppeninitiativen aus der ganzen Welt vorgestellt, die auf die Möglichkeit anderer Lebensweisen aufmerksam machen.
 
Das Projekt systematisiert inspirierende Fälle und Ideen in den folgenden Kategorien: 
#entwicklung_neudefinieren, #raum_demokratisieren,
#ressourcen_(re)generieren, #zusammenarbeit_intensivieren, 
#politische_vorstellungskraft