Tierrechte Die Missbrauchsbeziehung zwischen Mensch und Tier durchbrechen

Zwei Reiter jagen eine Kuh und kesseln diese von zwei Seiten ein.
Chilenische Reiter nehmen in einer Arena in Melipilla an einem traditionellen Rodeo-Wettbewerb teil, der im Mittelpunkt der Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag des Landes steht. Aktivist Mauricio Serrano Palma fing im Alter von 15 Jahren aufgrund dieser Rodeos an, für Tierrechte zu demonstrieren. | Foto (Detail): Esteban Felix © picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Freiheit – dieses unantastbare Recht für Menschen – wird immer mehr auch als unabdingbar im Umgang mit Tieren betrachtet. Der chilenische Aktivist Mauricio Serrano Palma kämpft für das Recht auf Freiheit für alle fühlenden Wesen.

Von Andrea Domínguez

Die Anerkennung von nichtmenschlichen Personen in gerichtlichen Urteilen ist mittlerweile weltweit immer weniger eine Ausnahme. Das ist der legale Weg, auf dem Tierschützer*innen die Freiheit von Tieren erkämpft haben, die in Zoos und Zirkussen gehalten wurden: Indem sie den Status einer nichtmenschlichen Rechtsperson erhielten, wurden diese Tiere zu Rechtssubjekten mit eigenen Rechten. Das war etwa der Fall des Orang-Utan-Weibchens Sandra im Zoo von Buenos Aires, des Orang-Utans Tommy in New York oder des Elefanten Kaavan in Pakistan.

Die Freiheit als ein unantastbares, unveräußerliches Menschenrecht wird allmählich auch für die nichtmenschlichen Tiere anerkannt. Diesem Ziel widmet sich der chilenische Aktivist Mauricio Serrano Palma, Gründer der Organisation „Animal libre“ und Chef-Direktor des Veganuary in Lateinamerika, einer gemeinnützigen Organisation, die eine vegane Ernährungsweise fördert.

Für Serrano fing alles im Alter von 15 Jahren an. Er lebte noch in seiner Heimatstadt Rancagua, eine Stunde von Santiago de Chile entfernt, und wusste plötzlich, dass er gegen die Rodeo-Kämpfe protestieren musste, eine Tradition, die tief mit der chilenischen Identität verbunden ist und bei der ein Rind von zwei Reitern gejagt und gepeitscht wird. Serrano begann damals auf Demonstrationen zu gehen und zählt heute zu den bekanntesten Tierschützern in Lateinamerika.

Worüber sprechen wir, wenn wir über Tierrechte reden?

Es gibt etwas, das allen fühlenden Wesen gemeinsam ist: Sie sind Individuen, die positive oder negative Erfahrungen haben und sich ihrer selbst bewusst sind. Das gilt für Menschen und Tiere. Beide, Menschen wie Tiere, haben das Bedürfnis, rücksichtsvoll behandelt zu werden. Wenn wir Menschen einem anderen fühlenden Wesen Schaden zufügen, sollten wir uns bewusst sein, dass dies moralisch schlecht ist. Das geschieht, wenn drei Grundrechte ignoriert oder missachtet werden: das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Und genau diese drei Grundrechte, die für uns Menschentiere zwar gelten und die gesetzlich geschützt sind, werden den nichtmenschlichen Tieren, mit Ausnahme einer kleinen Gruppe von fühlenden Tieren, abgesprochen. Deshalb müssen wir auch über „Speziesismus“ sprechen, das heißt über Diskriminierung je nach Tierart. Denn wir sollten uns nicht nur um die Rechte von bestimmten Tieren sorgen, sondern um die Rechte aller fühlenden Wesen.

Wie wichtig ist eine gesetzliche Grundlage für den Schutz dieser Rechte?

Wir können uns zu Gesetzen hinbewegen, deren Ziel es ist, diese Rechte zu respektieren. Aber es gibt ein grundlegendes Element, das dies erst garantieren würde: Die Menschheit muss anerkennen, dass Tiere fühlende Wesen sind und Grundrechte haben. In Chile haben wir zum Beispiel eine Verfassungsänderung vorangebracht, in der es heißt, dass Tiere das Recht auf ein Leben ohne Missbrauch haben. Aber das ist das Ergebnis von langjähriger Aufklärung und politischem Druck.

Inwiefern hängt die Debatte über Tierrechte mit dem Begriff der Freiheit für Tiere zusammen?

Aus symbolischer Perspektive bedeutet Freiheit für Tiere, den gegenwärtigen Status zu brechen, der sie als bloße Dinge definiert, als „bewegliche Güter“. Diese Rechtslage erlaubt es, dass sie ihr Leben lang zu totaler Ausbeutung, ständiger Nutzung und Missbrauch verdammt sind. Wir sprechen von Freiheit in dem Sinne, das die Missbrauchsbeziehung zwischen menschlichen Tieren und nichtmenschlichen Tieren beendet werden soll. Wenn wir diese Beziehung aufbrechen, können wir uns in den verschiedenen Situationen den praktischen Aspekten der Freiheit widmen. Dann können wir an Tiere denken, die in Zoos und Zirkussen eingesperrt sind oder in der Geflügelhaltung, wie es bei den sogenannten „Legehennen“ der Fall ist. Diesen Tieren wird die Bewegungsfreiheit geraubt, teilweise bis zu dem Extrem, dass sie nicht mal mehr ihre Flügel ausbreiten können, keinen Kontakt zu Artgenossen haben. Freiheit und die Befreiung der Tiere sind also Ziele, die einen Paradigmenwechsel voraussetzen und sich dann in ganz pragmatischen Aspekten umsetzen werden, wenn wir den Tieren die Freiheit gewähren, die sie ihrer Art entsprechend verdienen.

Warum ist es für uns Menschen so selbstverständlich, den Tieren ihre Freiheit zu nehmen, obwohl doch Freiheit als eines der grundlegendsten Rechte der Menschen geschätzt wird?

Es gibt einen Hauptgrund – auch wenn es noch viele andere Gründe geben mag – und das ist die Nützlichkeit der nichtmenschlichen Tiere für uns. Das bedeutet, die Mobilität und die natürliche Entwicklung der Tiere einzuschränken, um von ihnen Produkte zu erhalten, mit denen wir uns ernähren oder kleiden, oder Aktivitäten, die dazu dienen, uns zu unterhalten oder fortzubewegen. Unter diesem Utilitarismus benutzt der Mensch andere Wesen, die er für minderwertig hält, um seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, ohne auf deren Wohlergehen zu achten oder nur minimalste Rücksicht zu nehmen, damit sie ihm weiterhin nützlich sein können. Bricht sich das Tier ein Bein oder sein Fell zeigt nicht die gewünschten Eigenschaften, dann versucht der Mensch nicht, dem Tier zu helfen oder medizinische Versorgung anzubieten, es sei denn, die Kosten, um das Tier wieder „in Ordnung zu bringen“ – als handelte es sich um eine Sache – wären niedriger als der Gewinn, den man aus dem Tier zu ziehen plante.

Was sagt die Art, wie wir mit Tieren umgehen, sie unterwerfen, in Gefangenschaft halten und für unsere Zwecke ausnutzen, über uns als Menschen aus?

Wir befinden uns in einem wichtigen Veränderungsprozess. Ich möchte niemanden verurteilen und auch mich selbst nicht verurteilen, denn ich war auch Teil davon. Oft steht keine böse Absicht dahinter, sondern bestimmte Bräuche werden einfach aus Tradition aufrechterhalten, die wir nicht infrage stellen. Aber ich sehe mit Hoffnung in die Zukunft, deshalb tue ich, was ich tue. Es wird die Zeit kommen, in der wir die Jahrhunderte hinterfragen, in denen wir auf diese Art und Weise mit den anderen Tieren in Beziehung waren. Vielleicht werde ich es nicht mehr erleben und auch nicht meine Kinder, aber vielleicht werden meine Enkel diese Phase erleben, in der man sich an die Benutzung von Tieren als eine weitere Katastrophe, bei der wir Menschen die Hauptrolle gespielt haben, erinnern wird.

In den vergangenen zehn Jahren gab es unzählige Kampagnen zur Freilassung gefangener Tiere: ein Eisbär in einem Einkaufszentrum in China, ein Orca, der fünf Jahrzehnte lang in einem Mini-Aquarium eingesperrt war, oder Gorillas, die in Zoos auf engstem Raum eingepfercht lebten. Was ist passiert, dass die Leute angefangen haben, diese einst so normalisierten Zustände abzulehnen?

Verschiedene gemeinnützige Organisationen haben uns geholfen, bestimmte Aktivitäten mit anderen Augen anzuschauen, weil sie die Frage gestellt haben, ob wir uns in den Aquarien, Zoos und Zirkussen wirklich entspannen können, wenn dort Tiere eingesperrt leben. Wenn wir die brutale Behandlung oder die körperlichen Auswirkungen sehen, die das Eingesperrtsein bei den Tieren hinterlassen, hören wir auf, diese Form des Vergnügens zu normalisieren. Ein Beispiel sind Zootiere, die wiederholende, stereotype Verhaltensweisen zeigen. Wenn die Öffentlichkeit diese Informationen erhält, kann sie bessere Entscheidungen treffen.

Wie stellen Sie sich die Beziehung zu Tieren vor, wenn diese frei sind?

Was die Tiere betrifft, die heute auf Farmen oder in der Nähe des Menschen leben, wäre es eine ähnliche Beziehung, wie wir es aus dem Zusammenleben mit unseren Haustieren kennen, wie etwa Hunde und Katzen. Wir würden je nach ihren Bedürfnissen für ihr Wohlergehen sorgen. Es wäre aber nicht der Fall, wie viele sagen, dass es dann Millionen von Tieren gäbe und dass uns die Kühe oder Hühner verdrängen würden. Im Gegenteil, es würde viel weniger von diesen Tieren geben. Aber sie würden mit den Menschen zusammenleben oder an Orten, die für sie angemessen sind, wie zum Beispiel in Schutzgebieten, wo sie Sicherheit und Pflege genießen.

Dieser Text ist ursprünglich in Humboldt erschienen.