Decolonise Your Gaze Wie kolonial sind Deine Urlaubsfotos?
Wer chattet?
Hengameh Yaghoobifarah (Journalist*in), Vitjitua Ndjiharine (bildende Künstlerin) und Lucia Halder (Kuratorin) chatten mit Euch darüber, wie der koloniale Blick in unseren Urlaubsfotos fortlebt.Konzept und weitere Autor*innen: Regine Hader, Elisa Jochum
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Hey! Die Kultur des Reisens – insbesondere wenn weiße Europäer/innen als Backpacker/innen oder humanitäre Helfer/innen in den globalen Süden reisen – wird als neokolonial kritisiert. Sowohl in der Geschichte des Orientalismus und Kolonialismus als auch in der zeitgenössischen Reisekultur ist die Dokumentation von Reisen mit Hilfe von Texten und Bildern von zentraler Bedeutung. Klassische Motive sind „weiße/r Retter/innen“ mit dankbaren, armen, schwarzen Kindern. Genauso häufige sind zufällige Schnappschüsse der Locals – ohne deren Zustimmung aufgenommen.
Mit den neuen Technologien verfügen wir über alle nötigen Mittel, um Aufnahmen aus unseren privaten Alben oder Fotoserien im Internet zu verbreiten: Die Schnappschüsse werden in Social-Media-Feeds, Blogs oder Kunstprojekten veröffentlicht (was den Personen auf den Fotos nur selten bewusst ist). Die Gruppenbilder werden in der Regel zu Profilbildern auf Tinder oder Facebook. Das Blogprojekt https://humanitariansoftinder.com/ zeigt, wie verbreitet das Phänomen ist. -
Liebe Hengameh, vielen Dank für deine inspirierenden Worte! Als Erstes würde ich das Phänomen gerne in seiner historischen Dimension betrachten. Mitte des 19. Jahrhunderts haben sich
1. die koloniale Expansion Europas
2. die Erfindung der Fotografie
3. die Entwicklung der Ethnologie fast gleichzeitig entwickelt und waren sehr eng miteinander verknüpft.
In einer Zeit, in der die Welt aus europäischer Sicht immer größer wurde, nahm auch der Hunger des Westens nach Bildern aus diesem „unbekannten Teil“ der Welt zu. Die Fotografie versprach Objektivität und Authentizität. Diese entsprachen dem Zeitgeist, der die Welt und ihre Bewohner/innen erfassen, dokumentieren, klassifizieren und kartieren wollte. Die Muster, in denen „das Andere” heute abgebildet wird, bestehen also schon lange. -
Die meisten europäischen Reisenden versuchen, sich zu rechtfertigen, indem sie die Existenz von Machtstrukturen und kolonialen Kontinuitäten leugnen, wenn man sie mit der Kritik am „weißen Blick“ konfrontiert; damit, wie sie stereotype Bilder reproduzieren, Armut romantisch verklären und die Privatsphäre und Würde der Locals missachten. Sie missbrauchen dabei ihr Recht auf Freizügigkeit als Recht auf Unwissenheit. Selbst ohne diese Ebenen der Rasse und Klasse manifestieren sich Machtstrukturen bereits im Medium der Fotografie: Nach Roland Barthes lässt sich der Akt des Fotografierens mit dem Akt des Schießens gleichsetzen. Wer ein Foto schießt, hat immer Macht über die Motive. Gleichzeitig dokumentieren Menschen gerne ihr Leben und ihre Erinnerungen. Wie sollen wir mit diesem komplexen Phänomen umgehen?
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Stereotype zu hinterfragen bedeutet meiner Meinung nach immer, Ungleichheiten zu hinterfragen. Die ersten ethnologischen Bildarchive ordneten die fotografierten Menschen streng formalisiert in „Typen“ ein – sammelten in einer hochproblematischen, physischen Logik. Dafür wurde eine Person anhand ihrer physischen Merkmale zu einem bestimmten Typ degradiert. Diese Stereotype wirken bis heute.
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Hi! Das ist in vielerlei Hinsicht ein interessantes Thema. Neben den bereits erwähnten historischen Implikationen stecken auch der Einfluss der sozialen Medien und aktuellen Kommunikationstechnologien darin sowie die Frage, wie sie unsere zukünftigen Gespräche prägen können.
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Könnt Ihr Euch alle Barthes‘ Zitat anschließen?
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Ja, ich stimme ihm zu. Zu fotografieren impliziert Macht; die fotografierende Person verfügt über sie!
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Wenn ich ein Selfie schieße, hole ich mir nach Barthes damit auch die Macht des Blickes zurück und breche mit dem Paradigma der Machtverhältnisse in der Fotografie.
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Wie diese Machtstrukturen in der Realität funktionieren ist bei „Humanitarians of Tinder“ offensichtlich.
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Interessanterweise werden Selfies dieser Art fast immer von Menschen aus der westlichen Welt oder Weißen aufgenommen und fast nie von den Locals selbst.
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Das stimmt! Auf „Humanitarians of Tinder“ stecken diese Machtstrukturen in: 1. Europäische Tourist/innen, deren Anwesenheit für wirtschaftliche Aktivität steht 2. den Besitzer/innen oder Benutzer/innen des Fotoapparats 3. denen, die das Fotos behalten/aufbewahren, um es später anzuschauen oder für andere Zwecke zu nutzen.
Im Vergleich wäre es interessant zu sehen, ob es auch Schwarze gibt, die in der westlichen Welt leben oder von dort kommen (z.B. Afro-Europäer/innen oder Afro-Amerikaner/innen) und die solche Fotos aufnehmen. -
Es gibt auch schwarze Menschen aus der westlichen Welt, die humanitäre Arbeit im globalen Süden leisten, allerdings machen weiße Menschen aus dem Westen den größten prozentualen Anteil aus.
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Es geht hier also um die Machtstrukturen, die damit verbunden sind, ein Foto aufzunehmen, zu verbreiten, zu rezipieren. Doch wie sieht es mit den abgebildeten Menschen aus (sofern es sich nicht nur um Selfies handelt)?
Es gibt ein Zitat von Susan Sontag, das an Hengamehs Barthes Zitat erinnert: „Dennoch haftet dem Akt des Fotografierens etwas Räuberisches an. Menschen fotografieren heißt, ihnen Gewalt anzutun, indem man sie so sieht, wie sie sich selbst niemals sehen, indem man etwas von ihnen erfährt, was sie selbst nie erfahren; es verwandelt Menschen in Objekte, die man symbolisch besitzen kann.“ -
Vielen Dank für dieses Zitat, Lucia. Der Aspekt der Objektivierung bringt uns zurück zu den Machtstrukturen und den Dichotomien, die dieser Praxis eingeschrieben sind: weiße Erlöser/innen vs. schwarze Opfer, Reiche vs. Arme, Überlegene vs. Unterlegene usw. Welche Schlüsse sollten wir daraus ziehen?
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Solche Fotos werden also immer dann aufgenommen, wenn sich westliche Tourist/innen in die „nicht westliche Welt“ begeben – völlig unabhängig davon, ob die Fotograf/innen weiß oder schwarz sind.
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Die Bilder des schwarzen Opfers haben sich in den Köpfen vieler westlicher Menschen festgesetzt. Durch derartige Bilder erhalten viele von ihnen auch ein vorgefertigtes Konzept davon, wie die „Entwicklungsländer“ und ihre Bewohner*innen aussehen. Wenn wir uns den Bereich der sozialen Medien näher anschauen, können wir dort auch sehen, wie diese Bilder als normal empfunden und von allen Beteiligten reproduziert werden.
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Es gehört beides dazu: Einserseits ein individuelles Bewusstsein, wie es hier angeregt wird.
https://www.radiaid.com/social-media-guide Auf der anderen Seite ein Bewusstsein auf struktureller Ebene, d.h. in den Institutionen und bei den Medien der kollektiven visuellen Erinnerung.
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Das heißt, wir brauchen Gegenbilder!
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Was würde das für Einrichtungen wie ethnologische Institute an Universitäten oder für Museen und Galerien bedeuten?
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Die Produktion von physischen oder geistigen Bildern ist immer ein aktiver Prozess. Für ein Museum beziehungsweise für das Museum, für das ich arbeite, bedeutet dies: 1. Eine Öffnung der Fotoarchive und ein Umgang mit den historischen Bildern, der sich nicht auf ihre Reproduktion beschränkt. 2. Die aktive Präsentation von Gegenbildern.
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Ich finde ein individuelles Bewusstsein auch sehr wichtig. Neben der nötigen Selbstreflektion auf der individuellen Ebene ist es ausgesprochen wichtig, dass die Museen ihre Archive öffnen und Gegenbilder ausstellen.
Ich stimme zwar zu, dass wir es in diesem Zusammenhang mit einem weißen Retterkomplex zu tun haben, doch ich habe keine Antwort auf die Frage, wie wir mit diesem Komplex umgehen sollten. Da fehlt mir die nötige Erfahrung. Aus meiner Sicht müssen die Weißen an sich selbst arbeiten und sich kritisch hinterfragen. -
Das sehe ich auch so. Möglicherweise ist das der schwierigste Teil. Doch ich glaube an die Kraft der Kunst, hegemoniale Narrative zu dekonstruieren. Ihr auch?
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Ja, auf jeden Fall. Das Problem hat zwei Seiten.
Was @Hengameh geschrieben hat ist genau das, was ich mit „zwei Seiten“ meine. Es ist also wichtig, das Problem aus zwei verschiedenen Richtungen anzugehen. Vielleicht sogar aus mehr als zwei. Wenn wir die alten Darstellungsformen und die in sie eingebetteten Machtstrukturen in Frage stellen, müssen wir auch neue Formen der Repräsentation schaffen, und zwar, indem wir Gegendarstellungen produzieren und unterschiedlichsten Stimmen zuhören! -
Genauso ist es! Das meinte ich mit den „Institutionen und Medien der visuellen Erinnerung“ ... beispielsweise Fotoagenturen.
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Und gleichzeitig müssen wir etwas gegen Probleme wie den weißen Retterkomplex und das (auf Mythen beruhende) weiße Überlegenheitsgefühl unternehmen.
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Es gibt Ansätze zur Multiperspektivität. Hier einige Beispiele:
www.nativeagency.org/
https://www.reclaimphoto.com/
http://femalephotographers.org/
https://www.romarchive.eu/de/
http://www.gesellschaftsbilder.de/ -
Die schaue ich mir schnell mal an.
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Es stellt sich allerdings immer noch die Frage, wie wir unseren touristischen Blick vom kolonialistischen Einfluss befreien können...
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Hier meine Antwort: Mach‘ stattdessen doch einfach ein Foto von dir selbst.
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Hengamehs Gedanken zum Selfie finde ich großartig. Mach‘ doch einfach selbst ein Foto!
Fotografie als visuelles „Empowerment“!
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@Liebe Leser*innen,
Was denkt Ihr? Müssen wir unsere Reisebilder dekolonisieren und wie können wir das tun? Worüber möchtet Ihr in den nächsten Wochen sprechen? Schickt uns eine Nachricht mit Eurem Vorschlag! -
Ich denke da an Nayyirah Waheeds Provokation in ihrem Buch Salt: “would you still want to travel to that country if you could not take a camera with you? – A question of appropriation”
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Dieses Zitat ist sehr interessant…vielleicht über Kameras hinaus auch in Bezug auf das Smartphone? Für mich wäre es schwierig, ohne Smartphone zu reisen, da ich keinen Orientierungssinn habe und meine Karten brauche. Es wäre schade, wenn ich keine Bilder zur Erinnerung machen könnte, aber es hätte keinen Einfluss darauf, ob ich an einen bestimmten Ort reisen würde oder nicht. Allerdings mache ich, wenn ich reise, nie Fotos, die Menschen ohne ihre Zustimmung zeigen.
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Kommentar eines Lesers/einer Leserin
Da ist etwas Wahres dran … Wenn eine bestimmte Person ein Foto macht, zeigt dieses das fotografierte Objekt genau so, wie diese Person es wahrnimmt. Die Medien des Malens und Zeichnens nutzen verschiedene Handtechniken und die chemischen Eigenschaften von Farben aus Erde und Pflanzen, um Bilder zu erzeugen, und zwar auf der Grundlage von Modellen, die den Künstler*innen zur Verfügung stehen. Auch heute noch erfordert die Fotografie, selbst mit der richtigen Ausrüstung, umfangreiche Arbeit, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Aber ein Foto aus dem 19. Jahrhundert würde sich nicht so sehr von einem Foto unterscheiden, das von einem digitalen Gerät aufgenommen wurde, da die Prinzipien dieser Technologie unverändert geblieben sind. Jedes Fotoobjekt ist immer noch von der spezifischen Definition des Fotografen abhängig.
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Kommentar eines Lesers/einer Leserin
Hallo zusammen! Spannender Input ... Ich frage mich gerade, inwieweit Filter und Darstellungspraktiken auf Instagram neokoloniale Muster aufzeigen?! Bspw. über ein „neo“-entdeckerisches Sich-in-Szene-setzen ... durch Filter, die den Hintergrund quasi kuratieren, mittels der Trennung zwischen Subjekt und dem jeweiligen exotischen Urlaubshintergrund als Objekt. (Stimme aus dem „Off“) Ja, ... wobei jedes Selfie das Subjekt in den Vordergrund rückt und alles andere – also auch die „fernen Landschaften“ im Tourismus – zum Hintergrund degradiert. Damit wird also auch eine dichotome Machtbeziehung ausgedrückt.