Panorama

Renaissance der Religion? – Matthias Lutz-Bachmann im Gespräch

Matthias Lutz-Bachmann; © Goethe-Universität Frankfurt am MainMatthias Lutz-Bachmann; © Goethe-Universität Frankfurt am MainGibt es ein Comeback der Religionen? Goethe.de sprach mit dem Religionsphilosophen Matthias Lutz-Bachmann über die Chancen einer postsäkularen Gesellschaft.



Herr Professor Lutz-Bachmann, im Sommersemester 2011 initiierten Sie an der Frankfurter Goethe-Universität eine Vorlesungsreihe, an der unter anderem der deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas und der kanadische Sozialphilosoph Charles Taylor teilnahmen. Titel: „Postsäkularismus: Comeback der Religionen?“ Wie wurde die Frage beantwortet?

Zunächst muss man die Frage der Säkularisierung von westlichen Gesellschaften betrachten. Von Max Weber, dem vielleicht prominentesten Vertreter der modernen Soziologie, stammt ja die Beobachtung, dass in modernen Gesellschaften Religion im öffentlichen Bewusstsein an Bedeutung verliert. In den Sozialwissenschaften war dies für 60, 70 Jahre ein unumstößliches Dogma: Gesellschaften, die sich modernisieren und ausdifferenzieren, werden säkular.

Diese Auffassung vertritt heute fast kein Soziologe mehr. Das heißt nicht, dass Religionen ein „Comeback“ erleben. Aber es reicht ja, dass Religionen sich gar nicht erst verabschieden.

Zahlen sind zu kurz gegriffen

Aber in Deutschland haben die beiden großen christlichen Kirchen seit vielen Jahren rückläufige Zahlen bei den Mitgliedern, den Eheschließungen, den Gottesdienstbesuchen …

Ikone hinter Computertastatur; © colourboxAuch wenn ich kein Soziologe bin, möchte ich darauf antworten: Diese Beobachtung greift aus meiner Sicht zu kurz. Zwischen 1890 und 1925 etwa waren mehr Menschen in den westlichen Gesellschaften in den beiden Religionsgemeinschaften organisiert als jemals zuvor im ganzen Jahrtausend der sogenannten abendländischen Christenheit. Wenn wir die damaligen Zahlen an Gottesdienstbesuchern mit heute vergleichen, sind diese rückläufig. Im Vergleich zu den für die Zeit um 1800 erhobenen Zahlen hingegen sieht das ganz anders aus.

Man muss sich fragen: Was vergleichen wir hier eigentlich? Schließlich lässt sich Webers These der Säkularisierung nicht auf einen Entwicklungsraum von einigen Jahrzehnten beschränken.

Wertvoll auch für Fragen der Politik

Einen viel größeren Zeitraum hat ja auch Jürgen Habermas im Blick. Er hat mit seiner Friedenspreisrede von 2001 den Begriff der „postsäkularen Gesellschaft“ geprägt. Was versteht Habermas darunter?

Kirchliche Hochzeit; © colourboxErstens geht es bei Habermas um die Korrektur seiner eigenen, von Max Weber und Karl Marx her geprägten Auffassung, dass Religion ein abnehmendes Phänomen ist. Zweitens hält er Religion für normativ wertvoll im öffentlichen Diskurs, wenn es um Grundfragen des Lebens und der Politik geht. Religion ist für ihn eine unersetzliche Quelle von ethisch-moralischen Intuitionen und Motivationen.

Deshalb hält Habermas es drittens für einen großen Beitrag der Religionen, dass sie sich zu den ethisch-moralischen Grundkonflikten unserer Gegenwart äußern. Dies alles ist eine normative Aufforderung an sich und seine säkularistischen Zeitgenossen, die Ablehnung von Religion aufzugeben und zu einer postsäkularen Einstellung überzugehen.

Aber er bezieht dies nicht nur auf sich und seinesgleichen, sondern er fordert auch die Religionen auf, sich zu bewegen.

Richtig, er fordert in zwei Richtungen die Gesprächspartner auf, sich zu bewegen. Nach Habermas sollen Religionen ihre Anliegen etwa zu Grundfragen von Ethik und Moral in die Sprache einer allgemein verständlichen öffentlichen Vernunft übersetzen. Wir können demnach nun mit Habermas differenzieren zwischen Religionsgemeinschaften, die in der Lage und bereit sind, sich der öffentlichen Vernunft zu öffnen und anderen, fundamentalistischen Gemeinschaften, die das verweigern. Aber auch die nichtreligiösen Mitglieder der Gesellschaft werden von ihm aufgefordert, sich in eine „positive“, diskursive Gesprächskultur mit der Religion zu begeben.

Religion in Zeiten der Globalisierung

In welche Richtung kann sich die postsäkulare Gesellschaft entwickeln?

Der ehemalige NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers eröffnet die Moschee in Duisburg-Marxloh; © DITIBHier sind drei Punkte zu nennen: Erstens werden wir von einer Vielfalt an Religionen ausgehen müssen. Das hat auch mit Prozessen der Globalisierung zu tun. Zweitens wird sich Religion nur beschreiben lassen aus der Perspektive einer Individualisierung. Wir können Religion nicht festmachen an irgendeiner Form von Mitgliedschaft oder äußerlicher Konformität zu bestimmten Regeln. Aber, und das ist der dritte Punkt: Religion ist bei aller Individualisierung und Pluralisierung immer an Gemeinschaft orientiert, also an gemeinschaftlicher Herkunft, an Ritualisierung und an Gottesdiensten, die geteilt werden.

Mehr Pilger als Burgbewohner

Und die Chance der postsäkularen Gesellschaft besteht dann darin, dass alle aufeinander zugehen, damit ein friedliches Miteinander möglich ist?

Friedlich muss es sein, ganz klar, und diskursiv, vernunft-orientiert: das sind jetzt normative Postulate. Etwas anderes können wir uns nicht erlauben. So sehe ich aber auch die großen religiösen Gemeinschaften motiviert. Natürlich gibt es bei allen Beteiligten – da mache ich keine Ausnahme – ein Potenzial der fundamentalistischen Versuchung, der sie auch hin und wieder erliegen. Das ist aber nicht nur für Religionen typisch, sondern gilt auch im politischen Spektrum.

Unser Tagungsteilnehmer Charles Taylor sagt, die religiösen Menschen werden mehr Pilger sein als Bewohner einer festen Burg, die sich ihrer Sache sicher sind. Diese Suchbewegung macht auch sensibel für das, was an berechtigten und guten Einsichten in den anderen religiösen Traditionen beobachtbar ist. Dies gilt im Übrigen auch im Gespräch zwischen Religiösen und Nichtreligiösen.

Sabine Tenta
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

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September 2011

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