Die Burg – ein Symbol der Macht und Beständigkeit

Das Heim eines Engländers ist seine Burg. Dieses volkstümliche Sprichwort soll zum Ausdruck bringen, dass für den Engländer das Zuhause, wie bescheiden es auch sein mag, ein Zufluchtsort vor der Außenwelt ist. Zugbrücke hoch! Niemandem ist es gestattet, in diese befestigte Privatsphäre einzudringen. Aber wie verhält es sich mit den Deutschen, in deren Land es viel mehr, nämlich geschätzte fünfhundert Burgen gibt?
Für die Deutschen ist die Burg immer noch ein Symbol der Macht und Beständigkeit; sie hat eine nahezu spirituelle Dimension. „Ein feste Burg ist unser Gott“, sagt Martin Luther, und selbst die Angehörigen nicht protestantischer Glaubensrichtungen oder die Atheisten unter den Deutschen verstehen sofort, was er damit meint. Es geht nicht nur um hohe Mauern, hinter denen man sich gut verbergen kann, sondern um eine Lebensform, die Ritterehre und die Bereitschaft, für seinen Glauben zu kämpfen, einschließt.
Der deutsche Burgbegriff
Natürlich dienten die ersten Burgen in Deutschland reinen Verteidigungszwecken – man schützte sich vor Nachbarn (das Land war schließlich in Hunderte Herzogtümer, Fürstentümer und kleine Königreiche zerstückelt) und vor Angriffen der Normannen, Ungarn und Slawen. Da diese Bauwerke aus Holz errichtet wurden, sind nur wenige von ihnen erhalten. Doch ab der Mitte des 12. Jahrhunderts wurden Burgen als Verteidigungsanlagen, Wohnsitze und Machtzentren aus Stein erbaut.
Das darauf folgende Jahrhundert prägte den deutschen Burgbegriff und machte die Burg zu etwas typisch Deutschem. So erblickte ich Mitte der Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal die beeindruckende Wartburg in Eisenach, die für den Landgrafen von Thüringen errichtet wurde. Damals reiste ich im Auftrag der Times nach Erfurt und ein Lehrer vor Ort war mir von der Stasi als Aufpasser zugeteilt worden. An einem Sommertag fuhr er mit mir zur Wartburg, und als wir die Treppen hochstiegen, sah ich Tränen in seinen Augen. „Das ist deutsche Macht!“, sagte er, als wir oben angekommen waren und die umwerfende Aussicht von der Festungsmauer genossen. Später stieß ich auf seinen Bericht. Er war an den polnischen Geheimdienst weitergeleitet worden und kürzlich hatte ich die Gelegenheit, ihn zu studieren. Er kommt zu dem Schluss: „RB scheint ein echtes Interesse an der deutschen Kultur zu hegen.“ Der polnische Sachbearbeiter fand, dies sei eine beängstigende Entwicklung. Doch eigentlich war es mein Stasibegleiter, den das urtümlich Deutsche jenes Augenblicks wohl ergriffen hatte, und diese Begegnung löste Gedanken an den von Ost- und Westdeutschen geteilten Stolz auf ein gemeinsames geschichtliches Erbe aus.
Eine Lebensform
Als daher sowohl das Deutsche Historische Museum in Berlin und das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg der Burg eine große Ausstellung widmeten (die Nürnberger heißt „Mythos Burg“ und läuft bis zum 7. November; die Berliner heißt „Burg und Herrschaft“ und läuft bis zum 24. Oktober – beide sind äußerst sehenswert), merkte ich, dass etwas im Gange war. Die Geschichte der Burg zu erforschen, ist ein Weg, dem deutschen Charakter auf den Grund zu gehen. Nicht nur, weil so viele Burgen gebaut, zerstört und dann wiedererrichtet wurden, oder weil die Burg einen Wandel vollzog von einem kalten, spartanischen Machtzentrum der Kriegerklasse zu einem behaglichen Zufluchtsort, an dem es sich musizieren und dichten ließ. Die Burg hat sich ebenso wie Deutschland über die Jahrhunderte neu erfunden. Doch eine Untersuchung der Burg offenbart auch, welchen Stellenwert der Machtkampf zwischen den einzelnen Regionen Deutschlands hat. Das hat sich bis in die Demokratie fortgesetzt: Die deutschen Landesoberhäupter, die Ministerpräsidenten, werden oft als Landesherren oder -fürsten tituliert, und fast immer wirft man ihnen vor, in einer permanenten Konkurrenz zum Kanzler zu stehen, der die zentrale Staatsgewalt repräsentiert.
Romantische Verklärung
Sowohl bei der Berliner als auch bei der Nürnberger Ausstellung muss man natürlich zwischen den Zeilen lesen, um einen aktuellen Bezug abzuleiten. Größtenteils versuchen die Museen, dem modernen Besucher mit alten Helmen und Siegeln, der Ikonografie vom Heiligen Georg und dem Drachen, den wuchtigen Schwertern der Kreuzritter, Schatzkisten und Dokumenten über Belagerungsstrategien Wissen zu vermitteln.
Doch der wichtigste Beitrag der neuen Arbeiten zur deutschen Burg ist die Unterscheidung zwischen Dichtung und Wahrheit. Im 19. Jahrhundert wurden viele Burgen rekonstruiert und eine romantische Verklärung entstand. Will man die Bedeutung der Burg für das deutsche Selbstempfinden entschlüsseln, muss man sich Klarheit über die Fakten verschaffen. Und hier sind sie:
Verbreiteter Irrtum Nummer eins: Deutsche Ritter wuschen sich nie. „Stimmt nicht!“, sagen die Berliner Kuratoren und legen einen Auszug aus dem Codex Manesse, der Heidelberger Liederhandschrift des 14. Jahrhunderts, vor: Hier sieht man ganz eindeutig einen Ritter in einem Bad, der munter von drei Frauen gewaschen wird.
Verbreiteter Irrtum Nummer zwei: Ritter verhielten sich stets edelmütig. Mitnichten! In der Ausstellung gibt es eine Illustration aus dem Jahr 1520, die Ritter bei der Hinrichtung ihrer Gefangenen zeigt.
Verbreiteter Irrtum Nummer drei: In der Burg war es kalt. Falsch. Das Deutsche Historische Museum hat Verschlusssteine einer Heizung entdeckt.
Das Ansehen der Burg ist wiederhergestellt
Verbreiteter Irrtum Nummer vier: Nur Geistliche konnten lesen und schreiben. Nein – auch Ritter konnten das, wie Schreibgeräte beweisen, die in den Überresten der Königspfalz Tilleda in Sachsen-Anhalt gefunden wurden.
Verbreiteter Irrtum Nummer fünf: Die Burgbewohner aßen mit der Hand. Holzlöffel, Messer und Gabeln bezeugen das Gegenteil.
Verbreiteter Irrtum Nummer sechs: Ehefrauen wurden gezwungen, in der Abwesenheit ihrer Gatten Keuschheitsgürtel aus Metall zu tragen. Die Berliner Museumskuratoren meinen: „Unmöglich.“ Hätte man diese Gürtel länger als ein paar Wochen getragen, hätte das zu ernsthaften Verletzungen und inneren Blutungen geführt. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass man die Gürtel nur in Notfällen anlegte – wenn die Burg belagert wurde und die Frauen Angst vor einer Vergewaltigung hatten.
Verbreiteter Irrtum Nummer sieben: Die komplette Rüstung eines Ritters wog 200 Kilogramm. „Nein“, widersprechen die Burgexperten. Sie präsentieren eine Eisenrüstung aus dem Jahr 1530, die nicht mehr als 28 Kilogramm wiegt. So viel Gewicht müssen die Soldaten auch heutzutage aufs Schlachtfeld tragen.
Anders ausgedrückt ging es in deutschen Burgen sehr viel würdevoller und gar nicht so barbarisch zu, wie man uns weismachen wollte. Und die Bewohner? Keine blutrünstigen Psychopathen, sondern Menschen, mit denen wir uns heute identifizieren können. Die Burg, ein fester Bestandteil der deutschen Kultur, ist rehabilitiert. Nun darf man wieder stolz auf die alten Ritter sein.
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im „Tagesspiegel“. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.
Übersetzung: Christiane Wagler
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2010
Fotos: „Wartburg in Eisenach“ © Werner Neunherz / PIXELIO
„Lutherzimmer auf der Wartburg“ © HAUK MEDIEN ARCHIV / Alexander Hauk / www.bayernnachrichten.de / PIXELIO
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