Isolation hören – der „Hörgang Bautzen II“
In der Gedenkstätte Bautzen, einem ehemaligen Stasi-Gefängnis, ist seit Juni 2012 das Klangkunstwerk „Zwei Zellen“ installiert. Es vermittelt den Besuchern akustisch einen Eindruck von Wahrnehmungen und Empfindungen der Gefangenen in Isolation und Haft.
Nach dem Ende der DDR, erzählt Moritz von Rappard, sei die sächsische Stadt Bautzen bemüht gewesen, sich möglichst rasch ein neues Image zu geben und die Erinnerung an das Gefängnis der DDR-Staatssicherheit (Stasi) abzustreifen, mit dem ihr Name eng verbunden war. Der vom Tourismusbüro herausgegebene Stadtplan habe sich auf das mittelalterliche Stadtbild der alten „Hauptstadt der Oberlausitz“ konzentriert. Die beiden nicht in der Altstadt liegenden Gefängnisse, aufgrund derer das Wort „Bautzen“ spätestens seit 1990 in der Öffentlichkeit besonders verrufen war, seien dagegen nicht mehr auf dem Kartenabschnitt zu sehen gewesen. Doch die in der DDR zuletzt mit 2.100 Gefangenen um 40 Prozent überbelegte große Strafvollzuganstalt Bautzen I – das „Gelbe Elend“ – und die kleinere Sonderhaftanstalt Bautzen II – das „Stasi-Gefängnis“ (und heute Gedenkstätte) – sind ein wesentlicher Grund für viele, die Stadt zu besuchen.
Der in Berlin lebende Dramaturg und Kurator von Rappard hat sich ausführlich mit der Historie des 1906 als Gerichtsgefängnis eröffneten Gebäudes Bautzen II beschäftigt, das von 1933 bis 1945 dem nationalsozialistischen Regime und von 1945 bis 1949 der Sowjetunion als Untersuchungsgefängnis diente und schließlich dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR von 1956 bis 1989 Platz für 200 Regimekritiker, Spione oder Gefangene aus Westdeutschland bot. Im Auftrag der Stiftung Sächsische Gedenkstätten hat von Rappard gemeinsam mit dem Religionspädagogen Thomas Ritschel ein neues Konzept für die Bildungs- und Erinnerungsarbeit der Gedenkstätte Bautzen II entwickelt.
Klang und Stille als Folterinstrument
Die Haftanstalt wurde im Bauzustand der Jahre 1989/90 belassen und vermittelt allein dadurch bereits einen authentischen Eindruck der äußeren Bedingungen einer Isolationshaft. Von dieser Atmosphäre inspiriert schufen von Rappard und Ritschel eine ganz und gar auf die Vorstellungskraft der Besucher fokussierte Installation, die über die äußeren Bedingungen auch die Erlebniswelt der Häftlinge greifbar macht: Unter Mitarbeit des Berliner Musikers Frank Bretschneider und in Kooperation mit der Redaktion Hörspiel von Deutschlandradio Kultur, entstand die Arbeit Zwei Zellen. Außer der spärlichen Möblierung ist in den Zellen nur ein auf dem Bett platzierter Kopfhörer zu sehen. Jeweils ein Audioloop – der erste 15 Minuten, der zweite 40 Minuten lang – vermittelt eindrücklich die Seelen- und Geisteszustände, in die die Gefangenen in der Isolationshaft gezielt getrieben wurden. Nach den Vorstellungen der Produzenten ist das nur ein erster Ausstellungsabschnitt des Hörgang Bautzen II, das Projekt könnte durchaus erweitert werden.
Wie das Ministerium für Staatssicherheit in Bautzen II Klang und Stille einsetzte, kann der Besucher mit ein bisschen Vorstellungskraft gleichsam am eigenen Leib erleben. Mal ließen die Wärter die Zellentüren sacht und leise, das andere Mal schallend ins Schloss fallen. Oder sie verschoben den Deckel des Türspions das eine Mal dezent klackend, das andere Mal plötzlich und laut, während sie mit dem Schlüsselbund klirrten. Und natürlich musste der Häftling immer damit rechnen, dass Selbstgespräche in der Zelle ebenso durch eine geschickt versteckte Wanze belauscht werden konnten, wie ganz zweifellos die Gespräche im Besucherzimmer.
Vereinsamung und Delirium
Das Schachspielen, bei dem man sich die Positionswechsel der aus Brotkrumen selbst gefertigten „Spielfiguren“ über die akustisch gut leitenden Toilettenrohre von Zelle zu Zelle mitteilte, bot eine der ganz wenigen Möglichkeiten für die Gefangenen, untereinander überhaupt in Kontakt zu treten. Um solche Details zu erfahren, haben von Rappard und Ritschel zahlreiche Gespräche mit ehemaligen Gefangenen geführt.
Um Isolation und Überwachung künstlerisch zu vermitteln, haben sie für den einen Loop eine Sammlung gedanklicher Monologfetzen produziert. Für den anderen Loop hat der Clicks-&-Cuts-Musiker Bretschneider eine Komposition mit elektronisch erzeugten Sounds entwickelt, die mit Isolation verbundene Effekte wie Wahrnehmungsstörungen oder Tinnitus-Geräusche interpretiert.
Komposition und Monolog überzeugen besonders im Kontext der an visuellen Reizen armen Zellen. Die Monologschleife gibt die inneren Zustände von Vereinsamung wieder: „Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Klo, ein Waschbecken und ein Spiegel“ oder „Gehen! Hassen! Schweigen!“; die Komposition wechselt teils langsam und wie im Delirium, teils abrupt zwischen kaum hörbarem und beinahe unerträglich lautem Pulsieren, Dröhnen, Vibrieren, Rauschen und Pfeifen. Dass der Hörgang Bautzen II für den sensiblen Bereich des Gedenkstättenkonzepts tatsächlich funktioniert, liegt daran, dass er mit Bedacht gleichermaßen interveniert und integriert.
lebt als freier Autor in Berlin und unterrichtet visuelle Kommunikation an der dortigen Universität der Künste.
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August 2012
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