„Die Zeichen sind unschuldig“ – Interview mit Andreas Koop

Der Grafikdesigner Andreas Koop hat das visuelle Erscheinungsbild der Nationalsozialisten analysiert. Herr Koop, Sie sind Grafikdesigner. Was sticht aus Ihrer Perspektive als erstes ins Auge, wenn Sie sich die Zeit der Nationalsozialisten anschauen?
Ganz klar: das Hakenkreuz. Nicht zuletzt wegen der Signalkraft von Rot und der Proportionierung: Rot nimmt am meisten Platz ein, der weiße Kreis akzentuiert das Hakenkreuz zusätzlich. Die Kombination aus Rot, Weiß und dem schwarzen Symbol hatte eine extreme Wirkung in dieser Zeit.
Weshalb?
Das Schwarz-Weiß-Rot ist ein historischer Verweis auf den Deutschen Bund und das Kaiserreich, eine geniale Idee: Denn damit sprach man auch die an, die sich nach der Monarchie zurücksehnten.
Wenn das so „genial“ war, wie Sie sagen: Das klingt fast, als hätte sich das ein Profi ausgedacht.
Das war ja wahrscheinlich Hitler selbst. Der hatte zwar keine Ahnung von Grafikdesign, aber von Wahrnehmung. Er hat einfach auf Wirkung gesetzt. Und das Rot billigend in Kauf genommen – es war schließlich die Farbe der Kommunisten. In „Mein Kampf“ argumentiert er, damit repräsentiere er das Soziale der Bewegung.
„Das will ich auch“
Rot hat auch andere Referenzen, Blut etwa. Und das spielte in der Ideologie der Nazis ja eine entscheidende Rolle.
Das war wohl nicht intendiert, hat aber natürlich wunderbar zu der ganzen Blut-und-Boden-Gesinnung gepasst, von der „Ehre des Blutes“ war oft die Rede. Hitler hat angeblich das Rot auf einer Kundgebung gesehen, war beeindruckt und hat sich dann gesagt: Das will ich auch. Es war Mittel zum Zweck. Genau wie das Hakenkreuz.
Inwiefern?
Das Hakenkreuz war seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein Zeichen fürs Völkische und oft auch Antisemitische. Es ist an sich nicht originär, die grafische Zusammenstellung schon. Hitler schrieb, er brauche ein Symbol für seine Sache.
Das Hakenkreuz wie auch die zackigen SS-Runen wirken sehr aggressiv. War das gewollt?
An sich sind das erst einmal unschuldige Zeichen. Es ist der Kontext, der diese Assoziationen hervorruft. Aber klar, weiche, rundere Formen kamen wohl nicht in Frage. Es gab ja auch runde Varianten des Hakenkreuzes. Die gebrochenen Schriften kann man nicht als zackig bezeichnen, ich würde sagen, sie sind eher verspielt.
Was ist typisch für sie?
Sie wurden im deutschsprachigen Raum über Jahrhunderte in der Regel für alles Nicht-Wissenschaftliche benutzt, sie galten als „die deutsche Schrift“. Sie wurde propagiert, wenn das Nationale betont werden sollte.
Verbotene Typen
Das passt ja eigentlich zur NSDAP. Aber weshalb ließ Hitler dann die gebrochene Schrift sogar verbieten?
Ganz einfach: Weil sie im Osten nicht lesbar war. Und der Expansionsdrang ging ja nach 1940 vor allem Richtung Osten. Der offizielle Grund aber war: Die gebrochene Schrift sei eine „Judenletter“ – natürlich absurd. Hitler selbst benutzte die Antiqua, es war seine Lieblingsschrift. Die Initialen auf den gefälschten Hitlertagebüchern wären für ihn undenkbar gewesen!
Wieso?
Nicht nur, weil da nicht „AH“ steht, sondern „FH“. Wer Hitler und seine Einstellung zur Schrift kennt, hätte gewusst: Niemals würde er eine gebrochene, verschnörkelte Schriftart benutzen.
Das Logo, die Schrift, die Farben: Gab es einen zentral gesteuerten Plan, um das visuelle Erscheinungsbild der Partei zu festigen?
Nicht wirklich. Es gab nur unabhängige Einzelteile wie das Hakenkreuz und wenige definierte Anwendungen wie Fahne und Schilder. Nicht aber für Schrift, Layout und dergleichen, der kohärente Eindruck ist eher oberflächlich. Man darf nicht unterschätzen: Es gab ja auch keinen, der das kommunizierte.
Wäre das nicht der Job von Propagandaminister Joseph Goebbels gewesen?
Sollte man meinen, ja. Der wollte davon aber nichts wissen. Der hat sich vor allem um Film und Radio als Manipulationsmedium gekümmert.
Zu diesem Zufallsprinzip scheint ja auch die Uniform zu gehören. Das schmutzige Braun passte so gar nicht zu dem Schwarz-Rot-Weiß des Rests.
Stimmt, das war aber eher Zufall. Die SA hatte am Anfang kein Geld, deshalb mussten sie irgendeinen Restposten nehmen. Und der war eben braun. Wahnsinn auch, wie schnell man eine Uniform hatte: Eine braune Lederhose und die rote Armbinde reichten. Die Armbinden waren so etwas wie der Minimalextrakt für Uniformen – das war einfach, billig, praktisch.
Über die Wirkung entscheidet der Kontext
Kann man sagen, wann diese „Marke“ visuell etabliert war?
Das war wohl um 1929, spätestens 1930/31, als die Nationalsozialisten erste Erfolge in den Landtagen hatten. Und nach 1933 gab es ja sowieso keine Konkurrenz mehr. Ich spreche auch bewusst von Corporate Identity, nicht nur von Corporate Design. Denn zur Corporate Identity gehört auch das sogenannte Corporate Behavior. Im Falle der NSDAP: die große „Überzeugung“, mit der diese Zeichen getragen und genutzt wurden.
Wie wirken die Farben, die Schrift eigentlich heute?
Nehmen Sie die gebrochene Schrift. Die wirkte natürlich 1933 ganz anders als auf einer Bierdose heute. Schreibt man damit aber ein Wort wie „Ehre“ oder „Stolz, ist es wieder ganz anders. Es kommt auf den Kontext an.
Und wie ist es etwa mit Gruppen wie der „Front Deutscher Äpfel“, die mit Satire auf tumbe Neonazis reagieren, indem sie deren Auftreten persiflieren? Sie skandieren „Heil Boskop“ und tragen eine rot-weiß-schwarze Armbinde, allerdings mit einem Apfel statt einem Hakenkreuz. Sie spielen mit dem hohen Wiedererkennungswert der NSDAP-Optik.
Im Prinzip kann man in dieser bekannten Proportionierung keinen weißen Kreis mehr auf rotem Grund nutzen. Karikierendes Zitieren kann auch sehr gefährlich sein. Wenn man kein eigenes Zeichen hat, eigene Symbole entwickelt, verstärkt man die alten Zeichen nur.
Sie lebt als freie Autorin für Print- und Onlinemedien in Berlin.
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November 2009
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Links zum Thema
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