„Sehnsucht nach Vergangenheit“ – ein Gespräch mit dem Historiker Martin Sabrow über den Boom von „Public History“

So viel Geschichte war nie. Martin Sabrow, Historiker und Direktor am Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung, sieht den Geschichtsboom als Folge fehlender Fortschrittsutopien und im Bedeutungszuwachs der Erinnerungskultur in unserer Gesellschaft begründet. Um der Nachfrage nach Geschichte gerecht werden zu können, bietet die Freie Universität Berlin den Masterstudiengang „Public History“ an. Ein Studiengang für zukünftige historische Eventmanager?
Herr Professor Sabrow, angesichts der unzähligen Geschichts-Events, die 2009 Gedenkdaten wie „60 Jahre Bundesrepublik“ oder „20 Jahre Mauerfall“ begleiten, gewinnt man den Eindruck, dass die Geschichte im Populären angekommen ist. Geschichte ist heute für alle Interessen nutzbar. Wünschen Sie sich als Historiker hier nicht Grenzen?
Der „Eventismus“ stellt aus fachwissenschaftlicher Sicht ein Problem dar, er zerhackt historische Beziehungen und Komplexe zugunsten der Befriedigung eines punktuellen Geschichtsinteresses. Zugleich eröffnet er aber auch die Chance, dass historische Fragen durch Jahresdaten aktualisiert und öffentlich debattiert werden.
Vergangenheitsvergewisserung statt Zukunftsgewissheit
Was immer eindringlicher in Form eines wahren Medienhypes geschieht. Wie erklären Sie sich den Geschichtsboom?
Eine Ursache des Geschichtsbooms ist, dass uns der einstige Fortschrittsoptimismus und unser Zukunftsvertrauen abhanden gekommen sind und durch Gedächtnisorientierung und Vergangenheitsvergewisserung abgelöst wurden. Die aktuelle Debatte etwa über den Wiederaufbau der historischen Altstadt Berlins wäre vor gar nicht langer Zeit ganz undenkbar gewesen. Was uns als Leitbilder berührt und in unserer Gegenwart interessiert, können wir besser in den Raum der Vergangenheit projizieren als in den der Zukunft.
Verdankt sich der Geschichtsboom nicht auch einer Kommerzialisierung? „Hitler sells“, sagte Steven Spielberg einmal. Das gleiche gilt für Filme wie „Wilhelm Gustloff“, „Operation Walküre“ oder selbst „Sonnenallee“.
Sicher könnte man meinen, dass die Kommerzialisierung die Historisierung vorantreibt. Damit erklärt man die Sehnsucht nach Geschichte aber nicht hinreichend. Der Geschichtsboom ist ein Ausdruck dafür, dass sich unsere soziale, politische und kulturelle Identität heute in sehr hohem Maß an einer Verständigung über die Vergangenheit orientiert und daraus ihre emotionale Kraft bezieht. Interessanterweise ist der Blick zurück heute frei vom Vorwurf der Nostalgie oder gar Rückschrittlichkeit. Man kann grün oder rot wählen und doch für den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche oder des Berliner Schlosses sein.
Rudimentäres Wissen über die Zeitgeschichte nicht dramatisieren
Im Kontrast zur Omnipräsenz der Geschichte in den Medien steht das historische Unwissen vieler junger Leute. Schüler und Auszubildende wissen über die NS-Zeit, den Holocaust oder aktuell die DDR-Vergangenheit – fast – nichts. Wie erklären Sie sich dieses Missverhältnis?
Die Studie von Klaus Schroeder, auf die Sie anspielen, stellt deutschen Schülern in Ost und West kein gutes Zeugnis über ihre Kenntnisse der DDR-Geschichte aus. Aber: Seit den 1950er- und 1960er-Jahren gibt es solche Studien mit dem fast immer gleichen Resultat: Schüler besitzen im Durchschnitt von jeher nur ein rudimentäres Wissen über die Zeitgeschichte. Erfreulich ist das nicht, dennoch bin ich der Auffassung, dass uns dies nicht übermäßig besorgen muss. Man muss dagegen mit allen Kräften des Lehrplans und der Geschichtsdidaktik angehen, aber man sollte es nicht dramatisieren.
Lehrer und Bildungspolitiker sehen das genau umgekehrt. Sie sprechen von Bildungslücken, die zu Vorurteilen, Intoleranz und Rechtsradikalismus führen.
Ob Bildung vor Intoleranz schützt, ist eine interessante Frage. Unabhängig davon stellt der Schulunterricht seit längerem nicht mehr den entscheidenden historischen Bildungsfaktor dar. Diese Aufgabe übernehmen in viel stärkerem Maße die Medien. Ohne das Problem der erschreckenden historischen Wissensdefizite unter Jugendlichen verkleinern zu wollen, glaube ich doch, dass die politisch-kulturelle Wertebildung in der Bundesrepublik gefestigt genug ist, um nachwachsende Generationen in den antitotalitären Grundkonsens zu integrieren.
Neue Berufsfelder für Historiker
Die Freie Universität Berlin hat 2008 den zweijährigen Masterstudiengang „Public History“ eingerichtet, der Historiker für die öffentlichkeitsbezogenen Berufsfelder ausbildet. Ist der neue Studiengang auch als eine Reaktion auf den Geschichtsboom zu verstehen?
Die Gründung des Studiengangs verdankt sich verschiedenen Impulsen: So arbeiten in ihm eine universitäre Einrichtung, die FU, mit einer außeruniversitären zeitgeschichtlichen Einrichtung, dem ZZF, zusammen. Dieses Zusammenspiel unterschiedlicher Einrichtungen stärkt die Forschung und hilft ihr, neue Themen zu generieren.
Warum ist dieser neue Zugang zu den Geschichtswissenschaften notwendig geworden?
Hochschulen bilden traditionell Historiker zu Lehrern und Forschern aus. Geschichte aber hat sich unter der rapide gestiegenen gesellschaftlichen Nachfrage immer weiter diversifiziert, und es fehlt an Studiengängen für Historiker in diesen zahlreichen anderen Berufsfeldern und neuen Tätigkeitsbereichen: etwa in Verlagen und Zeitungen, bei den visuellen Medien, in Museen, Gedenkstätten oder selbst in der privaten Wirtschaft. Gerade angesichts des angesprochenen Geschichtsbooms ist es nötig, dass ein Studiengang befähigt, diese Nachfrage praktisch zu bedienen und zugleich theoretisch zu reflektieren.
Der Historiker als Akteur, Beobachter und Rezipient
Dass der „Public Historian“ dann etwa im Auftrag von Unternehmen Public Relations für deren Firmengeschichte macht und nicht Forschung und Quellenstudium betreibt, fürchten Sie nicht?
Wenn wir konstatieren, dass Geschichtswissenschaft zugleich ein Teil und Widerpart der öffentlichen Erinnerungskultur und der Historiker zugleich deren Akteur, Beobachter und Rezipient geworden ist, muss doch die Ausbildung darauf Bezug nehmen. Nur so können wir Fragen kompetent beantworten wie „Wie viel Ideologie steckt im Geschichtsboom?“, „Was ist an den TV-Sendungen Guido Knopps gut und was schlecht?“ oder „Wie geht man mit der Rolle des Zeitzeugen oder einem sich verändernden Geschichtsbild um?“
Sollte diese Fragen nicht jeder Historiker beantworten können? Kritiker des Studiengangs befürchten zudem, dass am Ende nur noch „Powerpoint-Profis mit Kurzzeitgedächtnis“ oder „historische Eventmanager“ die Universität verlassen und im Medienbetrieb aufgehen.
Die Kritik, angepasste und bewusstlose Mitarbeiter des Geschichtsbooms zu produzieren, geht am Ziel des Studiengangs Public History vorbei. Mit ihm verbindet sich die Absicht einer Neujustierung des Studiums und das Ausbildungsziel eines Public Historian, der als Akteur und Beobachter der Erinnerungskultur handelnd und deutend eingreift.
ist Kunsthistoriker, Journalist und Redakteur für Kulturpolitik bei der Tageszeitung taz.
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Mai 2009
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