Staat und Politik in Deutschland

„Das ist frivol“ – Robert Spaemann über die „Hybris im atomaren Zeitalter“

Coverauschnitt des Buches „Nach uns die Kernschmelze“; © Klett-CottaCover des Buches „Nach uns die Kernschmelze“; © Klett-CottaDer Philosoph Robert Spaemann gehört seit Jahrzehnten zu den prononciertesten Kritikern der Kernenergie. Mit den zum Teil bereits dreißig Jahre alten Texten und Interviews, die in dem kleinen Band „Nach uns die Kernschmelze“ versammelt sind, hält er unserer systematischen Verantwortungslosigkeit im Umgang mit technologischen Risiken einen Spiegel vor. Was wir darin zu sehen bekommen, sollte uns beschämen!

Über „Technische Eingriffe in die Natur als Problem der politischen Ethik“ hat Robert Spaemann 1979 einen Aufsatz vorgelegt, der bis heute an Aktualität nichts verloren hat. In dem seinerzeit in der Vierteljahresschrift Scheidewege erschienenen Text wird die „Zumutbarkeit von Nebenwirkungen“ technologiepolitischer Entscheidungen untersucht, insbesondere im Hinblick auf die Nutzung der Technik der Atomspaltung zur Energiegewinnung.

(Un-)Zumutbarkeit von Nebenwirkungen

Robert Spaemann; © Malcom Maitland, D-08137 FahrenzhausenNebenwirkungen sind Folgen unseres zweckgerichteten Handelns, die so nicht gewollt und herbeigeführt, die aber als möglicher Nebeneffekt „in Kauf genommen“ werden. „Dass der Handelnde in der Wahl der Mittel nicht frei ist, dass also nicht ‚der Zweck jedes Mittel heiligt‘“, ist für Spaemann evident: Die Mittel des einen können für den anderen die Vereitelung seines Zwecks bedeuten. „Das Recht eines jeden, jeden anderen in seiner Zweckverfolgung nach Maßgabe der eigenen Zwecke beliebig zu behindern, würde den Begriff des Rechts selbst unmittelbar aufheben. Eine solche Befugnis wäre gleichbedeutend mit dem Ende der Rechtsordnung überhaupt.“

Umso wichtiger ist die Frage, welche Nebenwirkungen, die die Verfolgung der eigenen Zwecke für andere, auch Nachgeborene, möglicherweise nach sich zieht, moralisch überhaupt vertretbar sind, und wer im Zweifelsfall nach welchen Maßgaben darüber entscheidet, welche Risiken zumutbar sind. Ebenso wie vor Gericht spielt bei politischen Entscheidungen dabei – so Spaemann in dem titelgebenden, fünfseitigen Aufsatz Nach uns die Kernschmelze aus dem Jahr 2006 – „die Verteilung der Begründungspflichten eine entscheidende Rolle. Diese Pflichten sind nicht symmetrisch verteilt. Wer einen bestehenden Zustand zu ändern wünscht, trägt die Begründungspflicht.“ In dem damals schwelenden Streit um den beschlossenen Atomausstieg waren die Begründungspflichten nach seiner Ansicht deshalb klar verteilt: Sie hätten demnach bei jenen gelegen, die den Ausstieg rückgängig machen wollten. Für Spaemann freilich stand zu keinem Zeitpunkt in Frage, dass es ein Ja zur Atomkraft niemals hätte geben dürfen. Selbst wenn der Betrieb der Kraftwerke wirklich sicher gewesen wäre, hätte er sich wegen der ungeklärten Frage der Endlagerung abgebrannter Brennstäbe moralisch immer verboten.

Risikoabwälzung als Prinzip

Was will uns dieses Zeichen sagen? © Colourbox.comZu den „Hintergrundüberzeugungen“, die bei der ethischen Bewertung der Atomtechnik auf den Prüfstand gehören, zählt Spaemann zuallererst „die Vorstellung eines garantierten zivilisatorischen, technisch-wissenschaftlichen Fortschritts oder wenigstens der Erhaltung des heutigen zivilisatorischen Niveaus für die Dauer der Strahlung des Atommülls, also für die nächsten 10.000 Jahre“. Denn dies müsse man voraussetzen, wenn man „No-go-Areas“ für die Lagerung des Atommülls schaffen wolle, die auch noch Jahrtausende später von den dann lebenden Menschen respektiert würden, ja überhaupt respektiert werden könnten. Denn dazu müssten sie um die in den Endlagern drohenden Gefahren überhaupt wissen. Wenigstens müssten sie unsere Warnschilder noch verstehen – wenn diese denn noch existierten. „Nichts“, so Spaemann, „berechtigt zu dieser Erwartung.“ Ebensowenig wie zu der Hoffnung, dass es uns gelingt, Endlager für Jahrtausende gegen alle möglichen natürlichen Einwirkungen zu sichern.

„Unsere wissenschaftlich-technische Zivilisation ist eine labile und gefährdete Ausnahmeerscheinung auf diesem Planeten. Es ist frivol, in sie für unsere Nachkommen Gefahrenquellen einzubauen, die über die ohnehin vorhandenen natürlichen hinausgehen und die von unseren Nachfahren möglicherweise nicht beherrschbar sein werden – es sei denn, es gelänge, diese Zonen für zehn Jahrtausende garantiert unzugänglich zu machen.“ Im Hinblick auf die Lösung der Endlagerfrage leben wir immer noch vom Prinzip Hoffnung, so der Autor, ohne freilich das sogenannte „Restrisiko“ wirklich selbst zu tragen. Dabei wälzten wir nicht nur die ungelösten Atommüllrisiken auf unsere ohnmächtigen Nachfahren ab – die Verschiebung von Risiken in die Zukunft sei geradezu ein „Kennzeichen unserer gegenwärtigen Zivilisation“.

Eine Lektüre, die den unvoreingenommenen Leser trotz oder gerade wegen der schlagenden Einfachheit der vorgetragenen Argumente überzeugt – und ernüchtert – zurück lässt. Ernüchtert darüber, dass diese Argumente sich trotz Harrisburg und Tschernobyl über Jahrzehnte im gesellschaftlichen und politischen Diskurs nicht haben durchsetzen können und auch nach Fukushima von vielen immer noch nicht gehört werden wollen.

Robert Spaemann: Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter. Klett-Cotta 2011. ISBN978-3-608-94754-0.

Andreas Vierecke
ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke und Chefredakteur der Zeitschrift für Politik.

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August 2011

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