„Die Zeit ist reif für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ – Interview mit dem Unternehmer Götz W. Werner

Schon seit Jahrhunderten geistert das Grundeinkommen in zahllosen Varianten und Namen durch die politische und ökonomische Ideengeschichte. Ob Thomas Morus oder Thomas Paine, Milton Friedman oder Dieter Althaus – sie alle betrachten einen gesicherten Lebensunterhalt als Gebot der Menschenwürde. Eine Petition an den Bundestag zu seiner Verwirklichung verzeichnete jüngst Rekordbeteiligung. Ein Gespräch mit dem erfolgreichen Unternehmer und Anthroposophen Götz W. Werner, der zu den prominentesten Verfechtern des Grundeinkommens in Deutschland zählt.
Herr Professor Werner, das Grundeinkommen wird als Ideallösung für die arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Probleme gesättigter Volkswirtschaften propagiert. Können Sie erläutern, was man darunter versteht, wie es wirkt, und wer in seinen Genuss kommen sollte?
Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Betrag, der vom Staat an jeden Bürger unseres Landes ausbezahlt wird, ohne von ihm eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Es ist eine Grundsicherung, die jedem einen Freiraum öffnet, aus dem heraus jeder eigeninitiativ für andere tätig werden kann.
Die spontanen Gegenargumente lauten zumeist, ein bedingungsloses Grundeinkommen würde zur Faulheit verleiten, bestenfalls die Schwarzarbeit fördern, sich demotivierend auf Kinder und Jugendliche auswirken. Was halten Sie dem entgegen?
Bei dem Argument der Faulheit stelle ich die Gegenfrage: „Würden Sie denn selbst mit dem Arbeiten aufhören?“ Die Antwort ist immer die gleiche: „Ich natürlich nicht, aber die anderen!“ Das zeigt, welch unterschiedliche Menschenbilder die Menschen von sich selbst und anderen haben. Der Psychoanalytiker Erich Fromm hat betont, dass Menschen arbeiten wollen. Arbeit ist mehr als nur Broterwerb. Wenn Menschen und gerade Jugendliche die Möglichkeit haben, das zu tun, worin sie einen Sinn sehen, wollen sie sich auch einbringen und engagieren. Das Grundeinkommen versetzt jeden in die Lage zu arbeiten, weil er will, nicht weil er muss. Wir hätten ein völlig anderes soziales Klima.
Das Grundeinkommen öffnet Freiräume
Während manche Befürworter den Bezug von Grundeinkommen zumindest von der Verrichtung gemeinwohlfördernder Tätigkeiten abhängig machen wollen, erwarten sich andere davon automatisch einen allgemeinen gesellschaftlichen Wohlfahrtsgewinn in diesem Sinne. Wie sehen Sie das?
Das bedingungslose Grundeinkommen öffnet jedem einen Freiraum und setzt so kreative Kräfte frei. Viele werden in die Lage versetzt, Aufgaben zu übernehmen, die sie für wichtig und richtig halten. Wir würden durch diese Initiativen reicher werden. Denn je mehr Menschen in einer Gemeinschaft Initiativen entfalten und für andere tätig werden, desto höher ist der Wohlstand der Gemeinschaft.
Ein gewichtiger Einwand gegen das Grundeinkommen gilt seiner Finanzierbarkeit. Können Sie in einfachen Worten erläutern, welche fiskalische Umstrukturierungen notwendig wären, damit sich die Sache rechnet?
Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass erstens das Grundeinkommen keine Extrazahlung ist, sondern einen Teil des Einkommens ersetzt, und dass zweitens heute schon alle Menschen über ein Einkommen verfügen. Die erforderlichen Geldströme fließen bereits. Der zusätzliche Finanzierungsaufwand beschränkt sich auf die Menschen, die heute weniger als das Grundeinkommen haben. Diese Differenz ist ein überschaubarer Betrag von circa 60 bis 70 Milliarden Euro. Mit der Einführung des Grundeinkommens müsste eine Umstellung des Steuersystems von der Einkommens- und Ertragsbesteuerung hin zur Konsumbesteuerung einhergehen, um die Leistungserbringung und die menschliche Arbeit nicht länger zu belasten.
Ein neues Arbeitsverständnis
Der Sozialphilosoph Oskar Negt sieht das Grundeinkommen an unüberwindlichen Denkblockaden einer Gesellschaft scheitern, die geistig im protestantischen Leistungsethos verhaftet ist. Welche Chancen geben Sie dem Projekt?
Ich denke, die Zeit ist reif für ein bedingungslosen Grundeinkommen. Sicher muss dafür zuerst ein Paradigmenwechsel stattfinden. Der heute vorherrschende Arbeitsbegriff ist auf Erwerbsarbeit verengt. Mein Arbeitsbegriff ist: Wer für andere leistet, arbeitet. Das heißt auch Eltern, die ihre Kinder erziehen, oder Erwerbslose, die in einem Verein Jugendliche trainieren, arbeiten. Die Arbeit am und für den Menschen ist die wertvollste. Oder können Sie verstehen, warum ein Vermögensverwalter heute das Vielfache eines Pädagogen verdient? Diese Fehlentwicklung müssen wir korrigieren. Die Menschen lernen durch Einsicht oder durch Katastrophen.
Wäre das Grundeinkommen eigentlich auch ein Modell für die Dritte Welt, oder kann es nur unter den Bedingungen einer entwickelten Industriegesellschaft funktionieren?
In Volkswirtschaften mit geringer Produktivität bekämpfen Mikrokredite am wirksamsten die Armut. In hochproduktiven Gesellschaften, in denen Maschinen und Methoden die Menschen immer mehr von der Arbeit befreien, ermöglicht das Grundeinkommen für alle Bürger am besten die Teilhabe am Wohlstand des Landes und die Teilnahme am sozialen Leben.
stellte die Fragen. Er arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.
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März 2009
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